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Historie: Ostdeutsche Blütenträume


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 156/2019 vom 01.10.2019

Der scheiternde Versuch einer anderen DDR


Die DDR hatte lange Zeit einen unpassenden Namen, genauer: Er war ein Versprechen, das in der Politik der führenden Partei, der SED, nicht eingelöst wurde. Als dann der Versuch unternommen wurde, das zu ändern, waren die inneren Kräfte schwach und die internationale Situation dafür nicht gegeben. Im Herbst 1989 blühten in der DDR lange gehegte Hoffnungen. Sie waren von verschiedenen Generationen Ostdeutscher gepflegt worden. Schon die Kinderhymne Brechts aus dem Jahr 1950 gibt ein Beispiel dafür:

„[…] Daß ein gutes Deutschland blühe Wie ein anderes gutes Land. Daß ...

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Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 156/2019

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... die Völker nicht erbleichenWie vor einer Räuberin […]Und nicht über und nicht unterAnderen Völkern wolln wir sein […]“

Reformdruck von der Straße: Demonstration am 4. November 1989 in Ost-Berlin


Die Lebensvorstellungen von West- und Ostdeutschen hatten sich in dieser Zeit auseinanderentwickelt. Die von der SED behauptete Existenz zweier deutscher Nationen war mehr als nur hohles Gerede. Die Herausbildung einer spezifischen österreichischen Nation nach 1945 weist auf deren Realität. Es gab Ansätze einer ostdeutschen Nation, die eine Basis für die größere Selbständigkeit der DDR hätte darstellen können. Was fehlte, war eine Koalition von starken politischen Kräften, die eine alternative Entwicklung hätten vorantreiben können. Dafür tragen die Kräfte in der SED-Mitgliedschaft die größte Verantwortung.4 Sie haben sich vor dem Herbst nicht mutig genug gegen die verfehlte Politik der SED-Führung in Stellung gebracht. Erst als sich in der Führung der SED Anfang Oktober deutliche Risse zeigten, wurden ihre Stimmen lauter. Aufseiten der neuen Gruppen existierte demzufolge gegenüber den Reformversuchen im SED-Lager ein tiefes Misstrauen. Noch in den Interpretationen der Geschichte der späten DDR wird das sichtbar.5 So wird dort der Mythos einer vom DDR-Sicherheitsapparat gesteuerten Wende gepflegt. Auch die Gruppe, in der ich gewirkt habe, das „Sozialismusprojekt an der Humboldt-Universität“ ist in dieser Weise missdeutet worden. So trat in den entscheidenden Wochen an die Stelle einer Koalition der Kräfte, die die DDR gründlicher hätten reformieren können, die Hegemonie der westdeutschen politischen Klasse.

Eine ausgeschlagene Alternative

Die Alternative eines dauerhaft stabilisierten, demokratischen ostdeutschen Staates wäre sicher nicht allein auf deutschem Boden realisierbar gewesen. Wahrscheinlich war aber eine längere Übergangszeit hin zu einem gewandelten Gesamtdeutschland. Dieser Weg wäre für die DDRBevölkerung kurzfristig mit mehr sozialen Belastungen verbunden gewesen, aber für ihr stärkeres Selbstbewusstsein und für die Nachhaltigkeit einer demokratischen Ordnung in Deutschland insgesamt hätte ein längeres „41. Jahr“ der DDR jedenfalls eine Schneise geschlagen. Die nichtgenutzten Alternativen zeigen sich auch in der bisher kaum untersuchten Geschichte der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière. Die Konflikte, die es in dieser Regierung gab und die zwischen ihr und politischen Akteuren der Bundesrepublik Deutschland auftraten, sind bisher wenig bekannt. Sie lassen sich in dem Interviewbuch von Olaf Jacobs mit Mitgliedern dieser Regierung allerdings erahnen.6

Es existieren immer alternative Möglichkeiten der geschichtlichen Entwicklung. So war es auch im letzten, dem 41. Jahr der DDR. Nur wenn wir uns dieser Alternativen bewusst werden, können wir daraus für die Zukunft lernen.

1 Heym, Stefan: Rede auf der Kundgebung am 4. November 1989. In: DHM, 2019; https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/4november1989/heym.html. 2 Vgl. Grabner, Wolf-Jürgen (Hrsg.) (1994): Leipzig im Oktober. Kirchen und alternative Gruppen im Umbruch der DDR, 2. Aufl. Wichern, Berlin; Beier, Achim / Schwabe, Uwe (Hrsg.) (2016): „Wir haben nur die Straße“. Die Reden auf den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 / 90 – eine Dokumentation. Mitteldeutscher Verlag, Halle. 3 Vgl. Plato, Alexander von (2002): Die Vereinigung Deutschlands – ein weltpolitisches Machtspiel. Bush, Kohl, Gorbatschow und die geheimen Moskauer Protokolle. Ch. Links, Berlin.4 Ich habe mich dazu mehrfach geäußert, u.a. 41. Jahr. Eine andere Geschichte der DDR (Wien 2008) und kürzlich in Transformation und politische Linke – eine ostdeutsche Perspektive (Hamburg 2019, Kap. 2.4.).5 Vgl. Neubert, Erhard (2008): Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989 / 90. Piper, München / Zürich, S. 195 ff.; Kowalczuk, Sascha-Ilko (2009): Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. Bpb, Bonn, S. 311 ff., 357, 365. Besonders Kowalczuk bezweifelt eine aufrichtige Absicht der SED-Reformer (bei ihm immer in Anführungsstrichen als „Reformer“).6 Vgl. Jacobs, Olaf (Hrsg.) (2018): Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte. Die letzte DDR-Regierung im Gespräch. Mitteldeutscher Verlag, Halle. Vgl. v.a. die Berichte über häufig vergebliche Bemühungen der DDR-Minister, sinnvolle Regelungen aus der DDR zu erhalten, etwa in den Interviews mit den Ministern Schirmer (Kultur), Schmidt (Frauen), Pollack (Landwirtschaft) und Meyer (Bildung), S. 203, 232, 237, 258, 360. Vgl. auch den Bericht von Misselwitz über die gescheiterten Versuche einer anderen Außenpolitik: Misselwitz, Hans (2017): Das Jahr 1991 – das Jahr Eins nach der deutschen Einheit und erste Risse in Europa. In: Olteanu, Tina et al. (Hrsg.): Osteuropa transformiert. Sozialismus, Demokratie und Utopie. Springer, Wiesbaden, S. 113–124.

Prof. Dr. Dieter Segert geb. 1952, Politikwissenschaftler und Osteuropaspezialist. Pensionierter Professor der Universität Wien
dieter.segert@univie.ac.at


Bundesarchiv: Zimmermann, Peter (CC BY 2.0)