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Historische Rübenernte: Zeitreise ins „Rübenwunder“


Traktor Classic - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 05.03.2020

GUTER GRUND Auf dem fruchtbaren Boden der Hildesheimer Börde gedeiht die Rübe prächtig. Hier fährt man sogar noch mit dem Schlepper zur Zuckerfabrik. Wie der kostbare Energielieferant im Wirtschaftswunder geerntet wurde, zeigte zu Beginn der vergangenen Saison die Familie Aselmeier am Rand der Ortschaft Dinklar. Als wären sie direkt den 1950er- und 1960er-Jahren entsprungen, drehten die Gespanne aus der Sammlung von Hans-Heinrich Lehnhoff ihre Runden auf dem Acker


RÜBEN ERNTE WIE VOR 60 JAHRE N

Artikelbild für den Artikel "Historische Rübenernte: Zeitreise ins „Rübenwunder“" aus der Ausgabe 3/2020 von Traktor Classic. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Fotos: Klaus Tietgens

GUT GEHAMSTERT

Unabhängig von der bekannteren Maschinenfabrik Gebr. Hagedorn im ...

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... westfälischen Warendorf baute Wilhelm Hagedorn in Wennigsen zu Beginn der 1950er-Jahre die Bunkerköpfroder Rüben hamster 1 für Pferdezug und Rübenhamster 2 für Schlepperzug.
Die Ablage von Rüben und Blättern erfolgt mittels eines vom Mitfahrer betätigten Seilzuges auf Querschwaden, die später mit Forke und Frontlader aufgesammelt werden. Nur wenige Schlepper überlebten den Zweiten Weltkrieg. Hier ist es ein Normag NG 10 von1941, der zu Beginn der 1960er- Jahre vom defekten ZF- auf ein Prometheus- Getriebe umgerüstet wurde.

Am Samstag vermasselte mir ein platter Reifen die Anreise, am Sonntag warf vormittäglicher Dauerregen Fragen auf, ob sich der Weg in die Hildesheimer Börde lohnen würde. Keine Frage: Er lohnte sich nicht nur, weil der Himmel schließlich etwas aufklarte.

Fruchtbarer Boden

In der Ortschaft Dinklar veranstaltete die Familie Aselmeier Ende September des vergangenen Jahres mit Unterstützung des örtlichen Heimatvereins ein Wochenende rund um die Rübe.

Welcher Ort könnte dafür passender sein? Das Gebiet der Hildesheimer Börde wird fast geschlossen von einem Schleier aus eiszeitlichem Löss in einer Stärke von bis zu zwei Metern bedeckt. Der Boden gehört zu den fruchtbarsten in Deutschland.

Seine dunkle Farbe erhöht die Temperatur.

Das verlängert den Zeitraum des jährlichen Pflanzenwachstums. Seit mehr als 4.000 Jahren wird hier Ackerbau betrieben.

Um kein wertvolles Land zu vergeuden, wurden die Siedlungen als kompakte Haufendörfer gebaut.

Anspruchsvolle Kulturen genießen den Vorzug, darunter bis heute die Zuckerrübe, von der durchschnittlich mehr als 60 Tonnen pro Hektar geerntet werden. Dank zweier Zuckerfabriken in Nordstemmen und Clauen sind die Transportwege kurz und werden von Dinklar aus noch per Schlepper bewältigt.

AUF DER KIPPE

Auf 6.183 Neuzulassungen brachte es der Deutz D 40 L hierzulande 1964 und es ist unwahrscheinlich, dass dieser Rekord jemals gebrochen wird. Mit 35 PS, unabhängiger Zapfwelle und nur rund anderthalb Tonnen Eigengewicht passte der von 1962 bis 1965 gebaute Schlepper gut in die Rationalisierungspläne vieler Betriebe. Hier treibt er einen Bunkerköpfroder der Firma Kleine aus Salzkotten an. Zum Überladen wird der mit bis zu 15 Zentnern Rüben beladene Bunker per Seilzug gekippt. Das alte Gestänge braucht etwas Nachdruck, bis es in oberer Position arretiert.

UNABHÄNGIGKEITSERKLÄRUNG

„Live Power Take Off“ – „unabhängige Zapfwelle“ – erklärt die dreieckige Plakette seitlich am Kraftstofftank des Fordson Dexta. Mit dieser Sonderausstattung macht sich der 31 PS starke Bestseller aus England in der Erntesaison zum unentbehrlichen Helfer. Hier zieht er einen Bunkerköpfroder der Firma Stoll mit sechs Zentnern Fassungsvermögen. Für die exakte Spurhaltung, das Ablegen des Rübenblattes und das Überladen ist eine zweite Bedienperson verantwortlich, die auf dem angehängten Arbeitsgerät mitfährt.

Spezialisten für die Rübenernte

Für die Ernte sind heutzutage fast ausschließlich überbetrieblich eingesetzte Selbstfahrer zuständig. Von der Frühzeit der Motorisierung bis in die 1980er-Jahre hinein waren hingegen gezogene Roder die Regel. Erste Modelle wurden 1934 von Krupp und einige Jahre später von Lanz gebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Entwicklung vor allem in den Hochburgen des Rübenanbaues Fahrt auf.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Hildesheimer Börde machte die Firma Stoll in Lengede-Broistedt mit Rübenerntetechnik jahrzehntelang gute Geschäfte.

Auch kleinere Unternehmen aus der Region präsentierten interessante Lösungen.

Zu einem wichtigen Mitspieler wuchs die Firma Franz Kleine aus Salzkotten in der Westfälischen Bucht heran, einem weiteren bedeutenden Anbaugebiet.

Spannende Konstruktionen

Ziel der Aselmeiers war es, möglichst viele Geräte aus der Zeit des ersten „Rübenwunders“ im Einsatz zu präsentieren. Dabei half Hans-Heinrich Lehnhoff aus dem benachbarten Hildesheim gerne mit seinem Fuhrpark aus. Was in Dinklar aufgefahren wurde und tatsächlich arbeiten durfte, grenzt an ein Kompendium der regional im ersten „Rüben-Boom“ eingesetzten Maschinen.

Das war die Zeit vor ungefähr 60 Jahren, als die noch junge EWG eine effizientere Landwirtschaft forderte und neue Methoden zur Rationalisierung ausgelotet wurden. Spannende Konstruktionen in großer Vielfalt waren die Folge. Das Schöne an den Erntegespannen in Dinklar: Sie waren allesamt so realistisch, als wären sie direkt vergangenen Jahrzehnten entsprungen.

ÜBERBLEIBSEL

Solche Gespanne waren in den 1960 er- Jahre nüber alla ufdem Land unter- wegs. Der alte, kleine Schlepper des Hofes machte sich mit Einachsanhänger im Kurzstreckentransport nützlich. Zugfahrzeug ist hier ein Farmall DLD-2 mit 14 PS, 1953 bis 1956 das Einstiegsmodell des Neusser IHCWerkes und in dieser Zeit 5.480 Mal gebaut.

Vom Rübenhamster zum V202

Ein Hagedorn Rübenhamster 2 der frühen 1950er-Jahre hing an einem Normag NG 10 von 1941. So geschah es auf dem Hof der Aselmeiers schon vor fast 60 Jahren. Neue Schlepper und Roder waren zu dieser Zeit schon etwas ausgefeilter. Unabhängige Zapfwellen erleichterten den Antrieb schwerer Gerätschaften, technische Kniffe halfen bei der Verladung. Die Idee der Firma August Klenke, die Rüben über dem Fahrerstand des Schleppers zu bunkern, zeugt davon, dass Motorleistung und Zugkraft vor über 60 Jahren noch knapp waren. Das änderte sich erst in den 1980er-Jahren auf breiter Front. Mit dem zweireihigen V202 lancierte Stoll ein Erfolgsmodell, das die Mechanisierung der Rübenernte auf vielen Höfen beflügelte, bevor überbetrieblich arbeitende Selbstfahrer die Überhand gewannen. Ein in Dinklar eingesetzter V202 wies als jüngster Roder auf dem Feld den Weg in die Neuzeit, gezogen von einem IHC 1046.

ÜBERGANGSMODE

Von September 1961 bis Oktober 1963 baute Schlüter den S 50, ab Juni 1962 trug er dieses Gesicht. Sein Leichtschalt-Gruppengetriebe – das A-216 von ZF – war damals hochmodern, sein Motor entspringt noch der alten Langhub-Baureihe, arbeitet aber ganz zeitgemäß mit Direkteinspritzung. Er wiegt allein rund 700 Kilogramm und schöpft 50 PS aus 4,8 Litern Hubraum. Mit Baas-Frontlader der Größe 2 und Stoll- Rübenschaufel wird der S 50 zu einem leistungsfä - higen Umschlagwerkzeug, dem eine hydraulische Lenkhilfe allerdings gut zu Gesicht stehen würde.

HOCHSTAPLER

Dieser Hanomag R 435/45 A wurde 1958 mit einem Überkopfladebunker der Firma August Klenke aus Schnedinghausen bei Nordstemmen versehen. Der angehängte Roder mit Rübenblatthäcksler stammt von Stoll. Ein Vorteil dieses Verfahrens ist, dass das Erntegut nicht die Anhängelast, sondern das Gewicht des Schleppers steigert und die Traktion dadurch verbessert. Außerdem wird eine optimale Überladehöhe erzeugt. Zum Abladen kippt der Bunker hydraulisch zur Seite. Der hohe Schwerpunkt mit voller Beladung kann am Vorgewende auch im Flachland nachteilig sein.

Kleine helfen mit

Sehenswert war auch das Rahmenprogramm.

Während der Rübenroder einst meistens vom großen Schlepper des Hofes gezogen wurde, machte sich der kleine Schlepper bei weniger anspruchsvollen, aber keineswegs weniger wichtigen Tätigkeiten nützlich. In Dinklar war ein Deutz F1L 514/2N mit Atlas-Lader und Rübengreifer für die Verladung des in einer Miete abgelegten Erntegutes zuständig.

Für den Abstransport standen grundverschiedene, wiederum komplett stilechte Gespanne bereit. Die untere Grenze markierte ein Farmall DLD-2 mit 14 PS und Einachsanhänger, das andere Ende der Skala ein Hanomag R 460, der kraft seiner 60 PS aus 5,7 Litern Hubraum souverän zwei Achttonner über den aufgeweichten Boden zog.

Gerade ihre Authentizität machte die Feldtage in der Hildesheimer Börde so reizvoll. Selbst vorbeifahrende „Zaungäste“ berichteten später begeistert vom Geschehen, beispielsweise vom Anroden im Vorfeld. Hier wurde zweifellos die Königsklasse geboten.