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„Hitler soll Wagner nicht behalten dürfen“


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 13.01.2021

In seinem ersten Buch – „The Rest is Noise: Das 20. Jahrhundert hören“ – gelang es Alex Ross, die verschiedenen Richtungen der Musikgeschichte des letzten Jahrhunderts auf spannendste Weise darzustellen. In seiner aktuellen Publikation – „Die Welt nach Wagner“ – hat er sich ein ebenso umfangreiches Pensum vorgenommen, denn der Einfluss Richard Wagners auf unsere Kultur- und Geistesgeschichte kann kaum überschätzt werden.


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Richard Wagner zählt zu den einflussreichsten und umstrittensten Komponisten der Musikgeschichte.


Foto: Archiv

Herr Ross, es ist fast ein Klischee anzumerken, dass Richard Wagner zu ...

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... den zwei oder drei Menschen gehört, über die am meisten geschrieben worden ist. Allein die Bibliografie auf Ihrer Homepage umfasst 71 dicht bedruckte Seiten! Was war Ihr Ansporn, dieser Liste eine weitere Publikation hinzuzufügen?

In der Tat sind schon einige Millionen Wörter geschrieben worden über jeden Aspekt von Wagners Leben und Werk sowie über den Einfluss, den er auf die folgenden Generationen von Komponisten übte. Ich habe aber kein Buch gefunden, das sich mit dem internationalen Phänomen beschäftigt, das als „Wagnerismus“ bezeichnet wird. Zwar gibt es wunderbare Studien über einzelne Aspekte daraus, aber keinen Überblick. Das ist allerdings ein derart weites Feld, dass es sich schwer in einem Band behandeln lässt. Ich musste viel weglassen: die Erstfassung war um gut die Hälfte länger, ich musste an die 100.000 Wörter kürzen!

Warum ist Wagner knapp 140 Jahre nach seinem Tod immer noch so präsent im heutigen Diskurs?

Er ist kein Museumsstück aus der Vergangenheit, sondern ist und bleibt kontrovers wegen der besonderen Eigenschaften seiner Werke, wegen der Wirkung, die diese bei ihrer Aufführung entfalten, allerdings auch wegen der Resonanz seiner Schriften auf den deutschen Nationalismus und wegen seiner antisemitischen Ideologie. Wir werden mit ihm halt nicht fertig!

Wagner hat einige Probleme unserer Zeit vorausgesagt, etwa die Zerstörung der Natur durch rücksichtslose Industrialisierung. Einige Inszenierungen seines „Ring des Nibelungen“ – etwa von Patrice Chéreau oder Francesca Zambello – haben dies sehr deutlich gezeigt.

Das war eine große Sorge von Wagner, wie übrigens auch von der romantischen Generation insgesamt, und er hat ihr im „Ring“ sehr eindringlich Ausdruck verliehen. Jetzt, wo wir die Natur vielleicht schon unwiederbringlich geschädigt haben, hält er uns das vor Augen. Das erste Vergehen gegen die Natur, das wir im „Ring“ sehen, ist der Raub des Rheingoldes durch Alberich, aber in der „Götterdämmerung“ erfahren wir, dass es ein noch viel älteres gegeben hatte, als Wotan einen Ast von der Welt-Esche abbrach, um daraus seinen Speer zu schnitzen, worauf die Esche verwelkte und starb.

Der ursprüngliche Auslöser der Katastrophe ist also Wotan selbst, der in seinem Streben nach Macht alles verlieren wird, was er liebt: die Zuneigung seiner Frau, seinen Sohn Siegmund, seine Tochter Brünnhilde – er wird auch noch von seinem Enkel Siegfried besiegt, der ihn nicht einmal erkennt, und bleibt immerfort alleine. Andererseits hat der vermeintliche Bösewicht des Stückes, Alberich, durchaus sympathische Züge: Erst wenn sein Verlangen nach Liebe frustriert und verspottet wird, interessiert er sich für das Gold, das er gewissermaßen doch nach den Spielregeln erwirbt, indem er der Liebe entsagt. Wenn Wotan ihm den Ring wegnimmt, entsagt er der Liebe nicht, sondern begeht schlicht und einfach Raub. Wegen seiner Machtbesessenheit geht die ganze Welt zugrunde.

Sein Buch „The Rest Is Noise“ machte Alex Ross international bekannt. Er ist Musikkritiker des Magazins The New Yorker.


Foto: David Michalek

Diese Geschichte ist seitdem mehrere Male neu erzählt worden, bis hin zu Hollywood-Epen wie „Herr der Ringe“ oder „Krieg der Sterne“, deren Handlungen auffällig viele Elemente enthalten, die sich direkt auf Wagners „Ring“ zu beziehen scheinen.

Schon George Bernard Shaw erkannte um die Wende zum 20. Jahrhundert die antikapitalistische Allegorie im „Ring des Nibelungen“ und beschrieb sie in seinem „Wagner-Brevier“. Während der beiden Weltkriege gewann der Aspekt des Strebens nach Macht an Signifikanz. Was die Nacherzählungen der Geschichte – oder eher von Teilaspekten davon – in der Popkultur übersehen, ist ihre Komplexität und Mehrdeutigkeit. Wagners „Ring“ stellt keinen Kampf von den Guten gegen die Bösen dar, denn keine der Personen ist durch und durch böse; sogar Hagen handelt im Sinne seines Vaters Alberich und dessen – wie Wagner selbst sagte – „gerechter Klage“ gegen die Götter. In „Herr der Ringe“ und „Krieg der Sterne“ gibt es einige dämonisch-böse Figuren, nach deren Niederlage die Weltordnung wiederhergestellt wird. Wagner war nicht an einer solchen moralisierenden Geschichte interessiert, sondern an der psychologischen Entwicklung dieser Person, die alles für die Macht hergibt und durch die Aufopferung seiner Tochter erlöst werden muss.

Warum muss sich bei Wagner immer eine Frau opfern, um die Geschichte zu einem guten Ende zu bringen?

Die selbstaufopfernde, edle Frau ist ein Topos der romantischen Literatur. Sie ist eine Seite der Dualität gute/keusche versus schlechte/sündige Frau, die am deutlichsten in „Tannhäuser“ zu sehen ist. Aber wie so oft geht Wagner über diesen Mechanismus hinaus: Brünnhilde opfert sich nicht um eines Mannes willen, sondern für die ganze Welt, sodass ihre Tat eine politisch-revolutionäre wird. Sie ist – zusammen mit Kundry und Isolde – in einer anderen Kategorie als Senta, Elisabeth oder Elsa. Die Feministinnen um die Jahrhundertwende bewunderten Persönlichkeiten wie Brünnhilde und Isolde; sie sahen in ihrer Stärke und Unabhängigkeit eine Bestätigung ihrer eigenen Ziele. Ob Wagner das so intendiert hatte, ist zweitrangig – wichtiger ist, wie die Werke rezipiert wurden, und das ist die ganze Geschichte des Wagnerismus: Wagners Werk wurde in immer neuen Kontexten interpretiert, manipuliert, für irgendwelche Zwecke ge- oder missbraucht. Dass das Werk überhaupt so viele unterschiedliche Inanspruchnahmen hergab, ist es, was Wagner zu einem derart faszinierenden Phänomen macht.

Schon seit Wagners Zeit streiten sich die Geister darüber, ob bestimmte Personen aus seinen Musikdramen jüdische Stereotypen karikierend bedienen. Cosima Wagner berichtet etwa in ihrem Tagebuch, dass Beckmessers Serenade von der Wiener jüdischen Gemeinde als Verspottung synagogaler Gesänge verstanden wurde.

Ja, allerdings ist dieser Vorfall sonst nirgends belegt; Cosima und Richard scheinen selbst davon überrascht gewesen zu sein! Der Historiker David Dennis hat deutsche antisemitische Schrift en aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert – sogar den „Völkischen Beobachter“! – genau untersucht und keinerlei Beweise dafür gefunden, dass Beckmesser jemals als Karikatur eines Juden verstanden worden sei. Diese Lesart entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Bisher konnte nicht nachgewiesen werden, dass Wagner antisemitische Karikaturen in seinen Opern intendiert habe, was natürlich nicht zwangsläufig bedeutet, dass er das nicht tat. Allerdings hat er, der sonst bekanntlich sehr mitteilungsfreudig war, sich nie dazu geäußert. Für mich ist dies eine unbeantwortete Frage; ich suche weiter nach dem richtigen Ansatz, um sie zu beantworten.

Was andererseits hinreichend belegt ist, ist die Tatsache, dass Wagner ein glühender Antisemit war. War das aus Eifersucht auf erfolgreichere Komponistenkollegen wie Giacomo Meyerbeer und Felix Mendelssohn, oder gab es tiefergehende Gründe?

Wagner sah überall Juden, die sich in welchem Zusammenhang auch immer gegen ihn verschworen: Als Meyerbeer tot war, wetterte er gegen Eduard Hanslick und andere Vertreter der Presse. Sein berüchtigtes Pamphlet „Das Judentum in der Musik“ enthält zudem Behauptungen, die bedenklich nah am pseudo-wissenschaftlich begründeten Antisemitismus liegen, der später propagiert wurde, nicht zuletzt von Bayreuth aus. Vor allem die zweite Auflage von 1869, die weit und breit rezipiert wurde, macht Wagner zu einer höchst problematischen Figur in der Entwicklung der rassistischen Ideologien in Deutschland.

Kann sich Wagner von seiner Inanspruchnahme durch die Nationalsozialisten jemals erholen?

Dass Wagner und Hitler in einer unheilvollen Beziehung zueinander stehen, war kein Zufall, und das hat auch Wagner zu verantworten. Wie Thomas Mann, der weiseste aller Wagnerianer, es unvergleichlich formulierte, liefert Wagners Werk selbst „die Handhabung zu seinem eigenen Missbrauch“! Die meisten Inszenierungen seit dem Zweiten Weltkrieg haben versucht, Wagner dadurch zu „retten“, dass sie neue Interpretationsansätze ausarbeiteten, der Nazi-Bezug nicht ausgeschlossen. Die Bayreuther Inszenierungen der „Meistersinger“ durch Katharina Wagner und Barrie Kosky etwa behandelten die Antisemitismus-Vorwürfe explizit. Aber wir müssen eine Balance finden: Wagner auf einen Vorläufer Nazi-Deutschlands zu reduzieren, hieße die mannigfaltigen, mehrdeutigen Aspekte seines Werkes außer Acht zu lassen und liefe gleichsam auf einen posthumen Triumph Hitlers hinaus. Er soll Wagner nicht für sich behalten dürfen!

In Ihrem Buch werden leidenschaftliche Wagnerianer jüdischen Glaubens vorgestellt, etwa Theodor Herzl, der jeden Abend in die Oper ging, um seine Musik zu hören, nachdem er tagsüber an seinem Hauptwerk „Der Judenstaat“ geschrieben hatte.

Es gehört zu den widersprüchlichen Reaktionen, die Wagner hervorruft, dass er von vielen Juden bedingungslos bewundert wurde, die ihr Bestes taten, seine rassistischen Äußerungen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen versuchen, dieses Phänomen mit den Augen der damaligen Zeit zu sehen, was nach dem Holocaust natürlich problematisch ist. Merkwürdigerweise scheint sich Wagners Rassismus nicht gegen Schwarze gerichtet zu haben; er nannte zum Beispiel den Amerikanischen Bürgerkrieg, der zur Abschaffung der Sklaverei führte, den „einzigen Krieg … zu einem humanen Zweck“. Er bewunderte den schwarzen Shakespeare-Schauspieler Ira Aldridge, den er in England erlebte. Übrigens wurde dessen Tochter Luranah Aldridge 1896 von Cosima nach Bayreuth eingeladen und sollte eine der Walküren übernehmen, was von einer Erkrankung verhindert wurde.


„Wagners Rassismus scheint sich nicht gegen Schwarze gerichtet zu haben“


Um die Jahrhundertwende, bevor sie politisch vereinnahmt wurde, war Wagners Musik aus anderen Gründen suspekt, denn sie stand für eine fragwürdige, gefährliche Sexualität.

Es herrschte zu der Zeit ein allgemeiner Eindruck, dass Wagners Musik gefährlich und ungeeignet für beeinflussbare junge Leute sei. In der Literatur des Fin de Siècle gibt es zahlreiche Beispiele von Personen, die beim Hören oder Spielen seiner Musik entweder erregt und zu unsagbaren Handlungen – meist erotischer Natur – verleitet werden, oder aber dahinsiechen und sterben: siehe etwa Thomas Manns „Wälsungenblut“ und „Tristan“. Bayreuth wurde zu einem Treffpunkt für Leute, deren Sexualität sich außerhalb der Konventionen abspielte, sei es als freie Liebe, nichteheliche oder gleichgeschlechtliche Beziehungen, vielleicht auch Formen von Travestie oder Androgynie.

Wagner selbst stand diesen Neigungen tolerant gegenüber. In seinem Essay „Das Kunstwerk der Zukunft“ preiste er die griechische „Männerliebe“, womit er zwar nicht die körperliche Liebe meinte, jedoch damals so verstanden wurde. Wenn sich Siegfried der schlafenden Brünnhilde nähert, denkt er zunächst, dass es sich um einen Krieger handelt und trotzdem bewundert er „seine“ Schönheit. Genau das meint Wagner mit „Männerliebe“: dass ein Mann „Freude an der Schönheit des geliebten Mannes“ empfindet. Das ist ein interessantes Konzept, denn man denkt zuerst, dass es daran nichts Physisches gibt, aber auf den zweiten Blick vielleicht doch? Eine Ambiguität, die für den ganzen Richard Wagner typisch ist.

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