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Hoch oben, doch nicht abgehoben


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 08.11.2022
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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 12/2022

Christopher Nkunku, wie er wirklich ist: schussgewaltig, aber ausbalanciert

„Egal wie lange es Nacht ist, irgendwann scheint die Sonne“, sagte Nkunkus Vater. Nun ist es richtig hell.

EEs läuft die 76. Minute, als Konrad Laimer den Ball in den Strafraum des SC Freiburg chippt. Und ihn Willi Orbán mit dem Kopf zum langen Pfosten verlängert. Es läuft die 76. Minute – es läuft Christopher Nkunku! Und der Freiburger Torwart Mark Flekken wünscht, Nkunku hätte nie diesen Schritt gewagt. Den großen nach Deutschland – jenen, der seine Karriere entscheidend pushte. Und den kleinen, jetzt und hier im Strafraum, als er den Ball halb fallend, halb rutschend ins Tor schiebt. Und es Mark Flekken taumelnd um den Pfosten wickelt.

21. Mai 2022, Berlin, Olympiastadion. Nkunku hat im Pokalfinale soeben den Ausgleich für RB Leipzig erzielt, danach im Elferschießen den ersten Penalty trocken verwandelt. Leipzig gewinnt den Pott und Pokalheld Christopher Nkunku die Herzen.

Vier Monate später ...

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... treffen wir ihn in einer Lounge, oben im fünften Stock der Red Bull Arena. Es ist 11.30 Uhr, kurz bevor die Mannschaft mit dem Training beginnt. Christopher kommt ans Set, begrüßt die Mitarbeiter freundlich und jongliert ein bisschen mit dem Ball, den wir mitgebracht haben. Der 24-jährige Franzose scheint sich wohlzufühlen. Die Red Bull Arena ist sein neues Zuhause geworden. 930 Kilometer entfernt vom alten.

Ein Knirps unter Stars

Christopher Nkunku ist aufgewachsen in Lagny-sur-Marne, einem kleinen Städtchen mit 21.000 Einwohnern östlich von Paris. Der Vater stammt aus dem Kongo, die Mutter aus Guadeloupe. Als Kind leidet er unter einem Wachstumsdefizit, er ist auch heute mit 1,75 Metern kein Hüne. Mit 15 Jahren wechselt er in das Ausbildungszentrum des französischen Spitzenvereins Paris Saint-Germain und steigt 2015, im Alter von 18 Jahren, in die Profimannschaft auf. Doch der Junge mit der fragilen Physis hat Mühe, sich in dem Star-Ensemble mit Zlatan Ibrahimović, Edinson Cavani und Ángel Di María durchzusetzen. In vier Jahren bringt er es auf 55 Liga-Spiele, oft kommt er nur von der Bank. Im Juli 2019 wechselt Christopher deshalb zu RB Leipzig. Dort kommt er am ersten Spieltag gegen Union Berlin zu seinem ersten Einsatz. In der 65. Minute wird er für Timo Werner eingewechselt und erzielt vier Minuten später sein erstes Tor. Am Ende gewinnt RB Leipzig 4:0. Oh, là, là, was für ein Einstand!

Akzeptanz statt Ausreden

Aber trotz dieser positiven Premiere tut Christopher sich zu Beginn schwer, der Kulturschock für einen jungen Spieler, der erstmals seine Heimat verlässt, ist groß. Neue Menschen, neue Sprache, neuer Fußball. Der Franzose wird konfrontiert mit der Intensität der Bundesliga, der Effizienz, dem schnellen Zug zum Tor, das kannte er so nicht. Er war das taktische Spiel aus der Ligue 1 gewohnt; das mit dem Kopf, nicht mit den Beinen, das, wo sich die Spieler auf dem Feld in Blöcken verschieben, statt zu sprinten. Nur neunmal spielt er in seiner ersten Saison die vollen 90 Minuten, weil die Kraft nicht reicht. Doch er bleibt am Ball und arbeitet mit einem Trainer an seinen Defiziten. Und ganz alleine an seiner inneren Einstellung.

Nicht die anderen sind verantwortlich, wenn es nicht rund läuft. Denn dieser Christopher Nkunku, und das macht ihn wohl so besonders, sucht bei Fehlern nirgendwo nach der Schuld – sondern nur nach der Ursache.

„Man muss die Momente akzeptieren, in denen man Schwierigkeiten hat“, sagt er. „Manchmal sucht man nach Ausreden und schiebt es auf andere. Aber so kann man sich nicht verbessern. Ich habe akzeptiert, dass ich ein Spiel nicht zu Ende spielen konnte, und ich habe daran gearbeitet.“

Im zweiten Jahr sind es schon zwölf Einsätze über die volle Distanz. Und es wären womöglich noch mehr gewesen, wenn ihn nicht eine Verletzung gebremst hätte. Der Teammanager von RB Leipzig, Babacar N’Diaye, erzählt uns, dass Christopher fast immer der Erste beim Training ist und als Letzter geht. „Einmal hatten wir ein Champions-League-Spiel verloren, am nächsten Tag war ein Ruhetag angesetzt. Christopher kam trotzdem zum Training. Alles, was er in diesem Jahr erreicht hat, ist auf seine Arbeit zurückzuführen.“

Arbeit, Konsequenz – aber niemals Verbissenheit. Nkunku will richtig gut sein, ja, aber sich zum selbsternannten Fußballgott, zum selbstverliebten Ballkünstler hochdribbeln, das liegt ihm fern. „Mich auf etwas zu konzentrieren, wozu ich nicht in der Lage bin, ist nicht sinnvoll. Ich versuche vielmehr, mein Potenzial bei etwas zu entwickeln, das ich beherrsche, damit ich das Bestmögliche hervorbringen kann.“

In der abgelaufenen Saison, seinem dritten Leipzig-Jahr, steht er 31 Mal in der Startelf, spielt 18 Mal durch und erzielt 20 Tore, dazu gibt er 16 Vorlagen. Noch nie in der Geschichte der Bundesliga hat ein Spieler, der 20 Tore erzielte, so viele Vorlagen gegeben. Wettbewerbsübergreifend kommt er sogar auf 55 Scorer-Punkte – Vereinsrekord! Die Sportpresse ernennt ihn dafür zum „Fußballer des Jahres“. Er hat seinen Marktwerkt laut „Transfermarkt“ in drei Jahren von 12 Millionen auf 80 Millionen Euro erhöht. Damit ist er hinter Jude Bellingham (90 Millionen) der wertvollste Spieler der Bundesliga.

Der Marsch an die Sonne

Ist er von diesem rapiden Aufstieg überrascht? „Ganz und gar nicht“, sagt Christopher, ohne dabei arrogant zu klingen. „Ich wusste, was ich auf dem Fußballplatz zu zeigen imstande bin. Ich sagte mir: ‚Du hast dich nicht verirrt, der Weg ist vorgezeichnet, aber man darf nicht von diesem Weg abkommen.‘“ Und: „Egal wie lange die Nacht dauert, danach wird die Sonne scheinen.“ – Dieses Mantra hat ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben. „Aber man darf nicht nur warten, man muss dafür etwas leisten.“ Und Christopher die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt, deswegen ist der Himmel nun wolkenlos. 2022 ist das erfolgreichste Jahr seiner Karriere. Aber darauf ausruhen will er sich nicht.

„Sicherlich kann man sich nach so einem Jahr sagen, dass man einen gewissen Status erreicht hat. Aber wenn man so denkt, lässt man unbewusst nach. Das Ziel ist es, auf diesem Niveau zu bleiben“, sagt Christopher. „Deshalb bleibe ich fokussiert. Das ist noch nicht das Ende.“ Mit dieser Einstellung passt er in das Team von RB Leipzig. Angeber haben hier keinen Platz. Man will hier Leistung sehen statt Bling-Bling.

„Diese Team-Mentalität passt gut zu meinem Naturell“, sagt Christopher. Bling-Bling ist nicht sein Ding. „Das kommt von der Art und Weise, wie ich erzogen wurde. Mir gefällt es nicht zu prahlen, auch wenn ich schicke Kleidung mag“, sagt er und lächelt. Viel wichtiger als Äußerlichkeiten seien ihm die inneren Werte, etwa die Familie.

Nkunku ist keiner dieser selbsternannten Fußballgötter – aber dennoch unbeirrbar selbstbewusst.

Im August bekam Christopher von der „Sport Bild“ den Award „Aufsteiger des Jahres“ verliehen. Als er die Einladung zur Preisverleihung bekam, habe er sich sofort erkundigt, ob er seine Eltern, seine Schwester und seinen Bruder mitbringen könne. Einige im Verein waren darüber erstaunt, weil es „bloß“ eine Zeremonie war. Aber für Christopher sei es eine Gelegenheit gewesen, die Trophäe und das, was sie symbolisiert, mit seiner Familie zu teilen.

Das Foto mit der Auszeichnung versah Nkunku dann auf Instagram mit „#CnkSpirit“. Der Hashtag ist eine Abkürzung für „Christopher Nkunku Spirit“ und findet sich unter jedem seiner Bilder. „Dieser Hashtag steht für meine Denkweise. Für das, was mich im Alltag leitet. Er repräsentiert meine Prinzipien.“ Die da wären? „Arbeit, Bescheidenheit, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber – und meinen Körper zu respektieren, um Leistung erbringen zu können.“

Die blaue Laufmaschine

Am liebsten würde Christopher am 18. Dezember noch ein Foto mit einer Trophäe posten: dem WM-Pokal. Den ersten kleinen Schritt dahin hat er schon geschafft. Am 25. März gab er im Velodrom von Marseille im ersten Länderspiel des Jahres gegen die Elfenbeinküste sein Debüt in der französischen Nationalmannschaft – und kam seitdem in jedem Länderspiel zum Einsatz, hat sich festgespielt in einer Mannschaft, der es mit Stars wie Karim Benzema, Kylian Mbappé, Antoine Griezmann, Ousmane Dembélé und Paul Pogba nicht an talentierten Spielern fehlt.

Und was ist das Besondere, was er in das Kollektiv von „Les Bleus“ einbringt? „Intensität, Lauf bereitschaft“, analysiert Christopher. „Ich meine, dass das, was ich in Leipzig zeige, mir ermöglicht hat, in der französischen Nationalmannschaft zu sein, also versuche ich, mein Spiel zu bewahren.“ Er ergänzt: „Das Wichtigste bei der Nationalmannschaft ist, sehr schnell Automatismen zu finden, denn man hat nicht viel Zeit, um sich einzuspielen.“

Dabei ist Christopher Nkunku ein echter Experte für Automatismen geworden. Die Fans und er etwa, das ist so was wie ein emotionaler Automatismus. Unser Fotograf schlägt vor, runter zum Spielfeld zu gehen für ein paar letzte Aufnahmen. Vor den tausenden roten Sitzen, die sich da vor uns ausbreiten, spricht Christopher über das Leipziger Publikum: „Hier sind die Fans so wohlwollend, es herrscht ein familiäres Verhältnis. Als wir in der Champions League eine 1:4-Niederlage gegen Schachtar Donezk kassierten, haben uns die Fans trotzdem applaudiert. Ich habe das als Motivation für die Zukunft verstanden.“

Wie lange sie ihm noch applaudieren werden, ist ungewiss. So ziemlich jeder europäische Topverein hat ihn auf dem Wunschzettel. „Es wird schwierig, aber wir hoffen, dass er noch viele Jahre hier bleibt“, sagt Teammanager N’Ddiaye. „Er hat noch nicht genug, er ist hungrig, will sich immer weiterentwickeln.“

Der Christo-Style

Die wohl größte individuelle Auszeichnung, die einem Fußballer zuteilwerden kann, ist der Ballon d’Or, der Preis für den besten Fußballer der Welt. Auf der Shortlist mit 30 nominierten Kickern stand dieses Jahr auch Christopher Nkunku. „Ich bin sehr stolz auf diese Nominierung, bleibe aber bescheiden, weil diese Trophäe nicht das eigentliche Ziel ist. Man muss weitermachen. Das ist meine demütige und gleichzeitig ehrgeizige Seite, ich denke immer voraus.“ Legenden wie Messi, Ronaldo, Ronaldinho und sein Landsmann Zinédine Zidane nahmen diesen Preis in der Vergangenheit entgegen. Sind sie Vorbilder, denen er nacheifert?

„Wir sind alle Beobachter, aber ich finde nicht, dass man andere nachahmen muss. Jeder hat unterschiedliche Qualitäten“, sagt Christopher. Und Babacar N’Diaye, der Teammanager, bestätigt: „Viele Spieler schauen nach links, nach rechts. Christopher schaut nach vorne, das ist der Christo-Style.“

Ein Schritt nach vorne. Nicht immer groß, aber meist entscheidend. Nur ein Schritt. Freiburg-Goalie Mark Flekken wird ihn so schnell nicht vergessen.

Das Prinzip Christopher: Er geht auch jeden kleinen Schritt, als wäre es ein großer.

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