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HOCH SITZEN, TIEF FLIEGEN


Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 35/2021 vom 02.09.2021

Artikelbild für den Artikel "HOCH SITZEN, TIEF FLIEGEN" aus der Ausgabe 35/2021 von Auto Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

VW Tiguan R 320 PS ab 59 335 Euro

ES GIBT TYPEN, die lassen sich nicht gern die Butter vom Brot nehmen. Die arbeiten jahrelang stoisch und zielorientiert – und haben damit Erfolg. Der VW Tiguan ist so einer. Obwohl auch die zweite Generation schon fünf Jahre zu haben ist, liegt er bei den Zulassungen in seiner Klasse immer klar vorn, gewinnt Vergleiche in aller Regel souverän. Ein ruhiger Siegertyp eben. Doch es gibt auch talentierte Konkurrenten wie den Mercedes GLA, die mit aller Kraft dagegenhalten. 306 PS sind es, um genau zu sein, im AMG GLA 35 4Matic, mit dem die Stuttgarter seit Juni 2020 auf den Markt drängen. Eine Kampfansage nach Wolfsburg, die nicht lange unbeantwortet bleibt. Nur ein paar Monate später, im November, erscheint der Tiguan R mit 320 PS. Höchste Zeit also für ein Gipfeltreffen.

Äußerlich könnten die Unterschiede größer kaum sein. Hoch , kantig und aufrecht der VW, ...

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... geduckt, rund und dynamisch der Mercedes, der bei der direkten Gegenüberstellung überraschend kompakt wirkt. Kompakter, als es die nur neun Zentimeter Länge, die ihm zum Tiguan fehlen, vermuten lassen. Wer jetzt den größeren GLB erwartet hätte: Der ist zwölf Zentimeter länger als der Tiguan und zudem deutlich teurer.

„Bei Abmessungen und Preis liegt der Tiguan dichter am GLA als am GLB.“

Malte Büttner, Redakteur

Auffällig bei beiden ist, dass sie nicht auffällig sind. Weder Tiguan noch GLA brauchen die große Show. Ein paar Schürzen, eine zweiflutige Auspuffanlage. Okay, beide stehen auf aufpreispflichtigen 21-Zöllern mit satten 255er­ Schlappen. Aber darüber wundert sich heute genau genommen auch niemand mehr. Wer sich also den Modellschriftzug verkneift, ist mit diesen kompakten SUV geradezu inkognito unterwegs. Das Bild setzt sich in den Innenräumen fort. Sportsitze mit integrierten Kopfstützen und ein bisschen Chichi, das war es auch schon. Gerade der Tiguan ist kaum von einem braven TDI zu unterscheiden.

Mercedes-AMG GLA 35 306 PS ab 55 442 Euro

Das liegt aber auch daran, dass er sich mit dem Diesel seine praktischen Talente teilt. Egal wo wir das Maßband ansetzen, er ist fast immer eine halbe Klasse größer als der GLA. Vorn mag die Gedrungenheit des Benz noch Sportlichkeit vermitteln, in Fond und Kofferraum werden die fehlenden Zentimeter spätestens bei der Urlaubsfahrt zum Problem. Während das kastige VW-Hinterteil überlegene 520 bis 1655 Liter schluckt, sind es beim AMG gerade 435 bis 1430 Liter. Dass die Ladekante des Benz fünf Zentimeter niedriger ausfällt, ist nur ein schwacher

Trost, schließlich gilt das für den gesamten Aufbau. Der Tiguan- Pilot sitzt immer eine Etage höher. Aus Sicht der meisten SUV-Käufer eher Vor- als Nachteil.

Nichts vormachen lässt sich der GLA dagegen bei Qualität und Bedienung. Die verwendeten Materialien mögen nichts mehr mit einer 140er-S-Klasse aus den 1990er-Jahren gemein haben. Den gerade unterhalb der Gürtellinie eher simplen VW-Zutaten sind sie allemal überlegen. Das MBUX-Bediensystem ist mit seiner klugen Menüführung und der aufmerksamen Spracherkennung ohnehin die Messlatte in dieser Klasse. Gerade im Cockpit sind dem VW seine Jahresringe dagegen anzusehen. Alles tadellos zu bedienen und gut gemacht, aber eben auch schon etwas altbacken.

MERCEDES-AMG GLA 35

(1) Beleuchtete Lüftungsrosetten, riesiger Bildschirm und Wählhebel am Lenkrad im GLA. (2) Bequeme Sportsitze mit elektrischer Verstellung und variabler Schenkelauflage. (3) Über das MBUX-Bediensystem lassen sich Gasannahme, Fahrwerk, Lenkung und mehr auf den individuellen Geschmack abstimmen. (4) Optik und Sound des serienmäßigen Klappenauspuffs fallen gegenüber der Show im Tiguan dezenter aus.

VW TIGUAN R

(1) Der altbackene Wählhebel verrät das wahre Alter des Tiguan. Qualität und Bedienung stimmen aber. (2) Das Seriengestühl ist bequem, geizt aber mit Seitenhalt und Verstellmöglichkeiten. (3) Viel Leistungsspielereien gibt es nicht, die Zusatzanzeigen müssen Hobby- Rennfahrern genügen. (4) Mehr Klang verspricht die R-Performance-Abgasanlage. Erst mal klingelt aber der Aufpreis von 3975 Euro in den Ohren.

Frisch und aufgeweckt geht dafür sein 320 PS starker Zwei - liter-Vierzylinder zur Sache. 4,9 Sekunden verspricht VW für den Spurt auf 100 km/h, in der Realität ging es sogar noch eine Zehntel schneller. Brutal schnell für einen kompakten SUV.

Dem GLA machen 14 PS weniger zu schaffen. Trotz aufgeweckterem Doppelkuppler hechelt er immer etwas hinterher. Auch weil er trotz kompakterer Abmessungen nur sieben Kilogramm weniger wiegt. Zudem verbraucht er trotz besserer Aerodynamik 0,4 Liter mehr. Für ihn spricht der subjektive Fahreindruck, wo er immer etwas präziser und verbindlicher auftritt als der eher synthetische VW. Seine Lenkung reagiert präziser, die Sitze halten besser fest, er klingt im Innern gieriger und vermittelt mehr Sportsgeist. Absolut überzeugen können auch das serienmäßige Verstellfahrwerk und die bissigen, fadingfreien Bremsen.

Die besseren Bremswerte erreicht dennoch der Wolfsburger, der auch beim weit gespreizten Fahrwerk nichts anbrennen lässt. Die höhere Kfz-Steuer kontert er mit niedrigeren Versicherungsklassen und längeren Wartungsintervallen. Zudem schwächelt der GLA ausgerechnet beim Wiederverkauf. Und der Tiguan zeigt mal wieder, dass hinter der braven Fassade ein echter Kämpfer steckt.

PLATZIERUNG

Punkte maximal 800

1.

VW Tiguan R 2.0 TSI 4Motion Viel Platz, überlegene Fahrleistungen, hoher Komfort, faire Kosten. Anmutung etwas altbacken.

2.

Mercedes-AMG GLA 35 4Matic Gieriger Motor, tolle Sitze, besser bei Anmutung und Bedienung. In Summe aber klar Zweiter.

FAZIT

MALTE BÜTTNER, MIRKO MENKE

Ein Altmeister wie der Tiguan lässt sich nicht so einfach in die Parade fahren. Er leistet sich keine Schwächen, gewinnt fast alle Kapitel. Der kernige GLA bietet dank aufmerksamerem Getriebe und besserer Lenkung mehr Fahrspaß. Das mag als Kaufgrund reichen, nicht aber zum Gewinnen.