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Hoch und herzlich


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Bike Bild - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 27.08.2021

Südtirol

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Respektierte Koexistenz: Auf diesem Hochplateau geht die Kuh unbeeindruckt von uns Radlern ihrem Tagewerk nach

Wie ein gut gehütetes Geheimnis liegt die Geschichte von Altgraun im Wasser des Reschensees verborgen. Das kleine Dorf im Vinschgau ereilte im Jahr 1950 ein tragisches Schicksal, als es gesprengt und geflutet wurde und damit gänzlich von der Landkarte verschwand. Wirtschaftliche Interessen waren taktgebend: Im Jahr 1939 reichte der Konzern Montecatini mit Unterstützung des italienischen Staates ein Projekt zur Stromgewinnung ein, nach dem der Reschen- und der benachbarte Graunersee um 22 Meter gestaut werden sollten. Allen Widerständen der Menschen vor Ort zum Trotz: Elf Jahre später wurde das Projekt realisiert. Das Ende von Altgraun sowie einem Großteil von Altreschen läuteten die Kirchenglocken der Pfarrkirche St. Katharina ein, die am 16. Juli um 20 Uhr ein letztes Mal ertönten.

Diese Episode des Vinschgaus hätte man vielleicht längst vergessen, wenn nicht die unter Denkmahlschutz ...

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... stehende Spitze des Kirchturms das ganze Jahr über wie ein erhobener Zeigefinger aus dem Reschensee ragen würde. Das imposante Wahrzeichen der Region, das Jahr für Jahr Tausende Touristen anlockt, verkörpert auch ein Mahnmal für den schrecklichen Heimatverlust der Altgrauner. 163 Wohnhäuser und landwirtschaftliche Gebäude wurden zerstört, dabei 670 Hektar Kulturboden geflutet. 150 Familien verloren ihre Existenzgrundlage, die Hälfte wanderte aus, viele alte Menschen konnten den Verlust ihrer Heimat nie überwinden.

Auch Familie Theiner, die eine Unterkunft in der Nähe des Kirchturms betrieb, war von der See-Stauung betroffen. Gemälde im Flur des in fünfter Generation geführten Familienhotels Traube Post erinnern noch heute an die schrecklichen damaligen Ereignisse und die Umsiedlung in höhere Lagen.

Sonnental im Herzen der Alpen

Im krassen Kontrast zu diesem dunklen Teil der Vinschgauer Geschichte steht die idyllische Kulisse der Region. Die Landschaftsarchitekten der Schöpfung müssen ein Herz für Radfahrer gehabt haben. Umgeben von den Gebirgsketten der Sesvennagruppe sowie der Ötztaler und Ortler Alpen, lassen sich auf unterschiedlichen Höhenlagen auf verkehrsarmen Routen die mächtigen Berge bewundern. Doch auch für jene, die nicht so hoch hinaus mögen, bietet das Radwegenetz den Radlern eine Goldgrube für Gravel-, Trekking- oder E-Bike-Touren. Zum Beispiel auf dem historischen Talradweg Via Claudia Augusta entlang der Etsch oder auf dem märchenhaften Pfad rund um den Reschensee.

Uns locken erst einmal die Berge. So führt die erste Erkundungstour von Mals aus in den Obervinschgau auf den Sonnenberg. Der Sonnenberg, muss man dazu wissen, ist kein Berg im klassischen Sinne, er steht für die gesamten südlichen Ausläufer der Ötztaler Alpen. Kein anderer Fleck wird mehr von der an über 300 Tagen im Jahr scheinenden Sonne verwöhnt. Das hat Folgen: Die karge und unwirtschaftliche Vegetation behindert die flächendeckende Besiedelung. Ortschaften gibt es dort kaum, nur einige Streusiedlungen und Einzelhöfe.

Die Südtiroler trennen zwischen dem Vinschger Oberland mit besagtem Sonnenberg, dem höchstgelegenen Abschnitt des Etschtals unterhalb vom Reschenpass, und dem mediterranen Untervinschgau, der liebevoll auch als Apfelgarten Südtirols betitelt wird, weil dort auf über 18 000 Hektar beliebte Sorten wie Pink Lady gedeihen. Jeder zehnte Apfel in Europa stammt von hier.

Ab Schluderns geht es schnurstracks knackige 500 Meter bergan auf 1500 Meter Höhe. Auf dem Weg nach oben kann man ganz bei sich sein, hören, dass man mal nichts hört. Radler profitieren von der dünnen Besiedelung, kriegen auf diesem Abschnitt Ruhe in Reinform geboten. Danach folgt im Wechselspiel von Berg und Tal eine Abfahrt mit dem Prädikat „Für Rennradfahrer zu empfehlen!“ zu einem Dorf von Weltrang. Am Fuße des Ortlermassivs angekommen, begutachten wir in der Marmorstadt Laas das weiße Gold der Region. Es gilt als das reinste Europas, hart und widerstandsfähig. Hinter einem Zaun gesichert, stapeln sich Tonnen dieses kostbaren Guts, darauf wartend, in die Welt verschifft zu werden, bis nach New York, wo zwischen 2012 und 2016 insgesamt 3000 Tonnen des Laaser Marmors zur Bebauung des neuen U-Bahnhofs am Ground Zero benötigt wurden.

Schlemmen in Tschengls

Radfahren in Südtirol ist etwas für Leib und Seele. Wer Kalorien verbrennt, muss diese wieder zuführen, das ist das Schöne am Radfahren! Im Vinschgau findet man viele traditionelle Restaurants. Den ersten kulinarischen Check machen wir im Kulturgasthaus Tschenglsburg. Den Besuch muss man sich verdienen: Einlass erhält nur, wer vorher eine hochprozentige Rampe auf den Tschenglsberg bewältigt. Versprochen, die Mühe lohnt sich. Inmitten alter Steingemäuer wird allerlei Regionales serviert: Bozener Sauce, Spargel, Schinken, Palabirne, Früchtebrot aus regionalem Korn. Der Vinschgau darf als die Feinkostabteilung Südtirols durchgehen.

Zum Dessert – Kaiserschmarrn mit Eis – kommt der Wirt der Tschenglsburg, Karl Perfler, gern an den Tisch. Wenn etwas aus dem Vinschgau hängen bleibt, sind es Begegnungen mit Menschen wie ihm. In diesem Teil Südtirols spricht man Deutsch und ist per du, und Karls Worte haben Kraft und Reife. Er, der in seinem Kulturgasthaus schon Politikgrößen wie Angela Merkel bewirtet hat, nimmt sich Zeit und dazu einen großen Krug seines Kellerbiers, um uns etwas über die Identität der Südtiroler zu erzählen.

Karl setzt früh an: Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Südtirol noch zu Tirol, bevor die Region 1919 Italien zugesprochen wurde. Danach blieb Südtirol Spielball der großen Mächte: 1939 schlossen Hitler und Mussolini ein Abkommen, das den Südtirolern die Umsiedlung ins Deutsche Reich anbot. Die Entscheidung sollte die Gesellschaft in den Folgejahren spalten.

Die Wende trat erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein, als sich Südtirol ein Autonomiestatut erkämpfte. Vielen Deutschen und Ladinern war das indes nicht genug, weil wichtige Rechte verwehrt blieben. Der anti-italienische Widerstand in Südtirol wuchs erneut, parallel dazu verübten Gegner dieses Abkommens Mitte der 1950er-Jahre teils blutige Anschläge.

Waren das Terroristen oder Kämpfer für die Freiheit? Über die Bewertung dieser Frage werde im Vinschgau heute noch gestritten, erzählt Karl Perfler. Erst das zweite, 1972 ratifizierte Autonomiestatut garantierte Südtirol tatsächliche politische, rechtliche und finanzielle Unabhängigkeit.

Das bringt Karl zum zweiten Krug und einem Konflikt unserer Zeit. Man sei sich im Vinschgau uneinig, wie viel und welche Art von Tourismus die Region schultern könne und solle. Bettenburgen wie andernorts lehnt er kategorisch ab und betont das Regionale und Nachhaltige. Trotzdem müsse die Region touristisch attraktiv bleiben. Das Rezept hierfür: Wachstum mit Augenmaß.

Beim dritten Krug winken wir ab, es wird Zeit für den Heimweg. Karl streckt uns seine kräftige Hand und einen selbstgeschriebenen Brief entgegen als Zeichen seiner Gastfreundschaft.

Schnaufen und schaukeln

Nicht minder kletterfreudig und politisch beginnt der zweite Tag. Wir starten wegen der guten Ausgangslage abermals in Mals. Die Gemeinde ist interessant, da sich auch hier die Vinschgauer Lust an der Kontroverse zeigt: Viehlandwirtschaft und Biobauern treffen dort auf intensiven Obstund Gemüseanbau der Agrarindustrie. Probleme bereiten die Spritzmittelabdrift und diesbezüglich unterschiedlichen Vorstellungen der Menschen. In einem Referendum beschloss die Gemeinde vor mehr als fünf Jahren, den Einsatz von Pestiziden zu untersagen, was europaweit bekannt wurde unter dem „Malser Weg“. Doch fünf Jahre nach dem Referendum kassierte das Verwaltungsgericht Bozen das Verbot. Von der bindenden Entscheidung nicht entmutigt, kämpfen die Malser unermüdlich weiter für eine nachhaltige Landwirtschaft.

Die sportliche Strecke von Mals nach Matsch erfordert gute Kondition. Wir hören, eingekesselt von einer mächtigen Baumkulisse, unser intensives Geschnaufe auf dieser 1a-Waldautobahn, die sich auf bis zu 1800 Meter Höhe schlängelt. Geistige Erholung kann so schön anstrengend sein!

Auf der Aussichtsplattform Malettes ernten wir die Früchte dieser Kletterpartie. Während der Verschnaufpause füllen wir die Radflaschen mit Wasser aus einem Bergbrunnen auf, bevor uns eine Riesenschaukel wieder zu Kindern werden lässt: Mit kräftigem Schwung zielen wir auf die Berge am Horizont, die mit ihren Puderzuckerspitzen ein hehres Ziel abgeben. Für einen winzigen Moment scheinen wir in unserer Schwerelosigkeit die 3000er überragen zu können, bevor uns die Erdanziehungskraft wieder Richtung Boden zurückholt.

Der restliche Weg ins Matscher Tal – parallel zu so genannten Waalwegen, das sind künstlich angelegte Bewässerungskanäle – ist huckelig, gut befahrbar und weiter verkehrsarm. Weit ist es nicht mehr bis zum Almhotel Glieshof, wo wir uns mit Zander und Röstbraten stärken, bevor wir den Rückweg antreten. Denn ab hier würde es nur noch in Wandermontur weitergehen.

Hüttenromantik in der Höhe

Wie sehr die Natur- mit der Kulturlandschaft im Vinschgau verzahnt ist, erfahren wir noch mal am dritten Tag, als wir über die mächtige Staumauer des Reschensees pedalieren. Die 22 Meter hohe Betonmauer, die das Leben Hunderter Menschen verändert hat, ist an dieser Stelle befahrbar. Wie die beiden letzten Tage beginnt auch dieser mit einer

DIE REGION

Der Vinschgau (italienisch: Val Venosta) liegt in Norditalien im westlichen Teil Südtirols. Die Region erstreckt sich vom Reschenpass an der österreichischen Grenze bis ins Meraner Land. Den östlichen Endpunkt markiert die Talschwelle der Töll, 70 Autokilometer vom Reschenpass entfernt. Der Vinschgau wird gewöhnlich in Ober- und Untervinschgau unterteilt, dabei verortet man den Obervinschgau von Reschen bis Laas und den Untervinschgau zwischen Schlanders und Staben. Mit einer Höhe von 3905 Metern überragt der südlich gelegene Ortler als höchster Berg Südtirols die Gipfel im Vinschgau. herrlichen Kletterpartie im Wald. Vorbei am Stillebach im Skigebiet Nauders, der über Inn und Donau bis ins Schwarze Meer fließt, ist das Ziel dieser Tagesetappe die Hüttenidylle der Rescher Alm. Alles ist arrangiert: Im Hintergrund grasen Kühe seelenruhig, auf den rustikalen Holztischen dampfen heißer Speck und Käseknödel. An diesem schönen Plätzchen möchte man bleiben, der meditativen Ruhe den gesamten Nachmittag einräumen und einfach stundenlang über den Reschensee hinausschauen.

Dieses Plätzchen auf 2000 Meter Höhe hat etwas Erdendes. Oder um es mit den Worten von Elin Ladurner, der Almchefin, zu sagen: Auf der Alm sind alle gleich, es gibt kein reich oder arm. Die Hütte hat die erst 23-Jährige im Dezember 2020 übernommen und dafür ihr Maschinenbaustudium aufgegeben. Höhe statt Hörsaal, Knödel statt Karriere: Die begeisterte Mountainbikerin hat auf der Rescher Alm ihre persönliche Erfüllung gefunden.

Es folgt eine rüttelnde Abfahrt, auf der uns Mountainbiker entgegenkommen. Auf Seehöhe genießen wir ein letztes Mal den historischen Blick auf den Kirchturm im Reschensee. Die Geschichte von Altgraun lässt uns indes nicht mehr los. Während die Sonne blenderisch an der Wasseroberfläche blinzelt und am Horizont Kitesurfer mit dem strammen Nordostwind gemeinsame Sache machen, mag man meinen: Wer der privilegierten Freiheit fröhnt, im Vinschgau eine der schönsten Regionen der Alpen unter die Räder zu nehmen, sollte nicht vergessen, auch deren Geschichte zu erkunden.

Zurück am Hotel Traube Post ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Mit mütterlichem Interesse fragt uns Frau Theiner, ob es uns „bei ihr“ gefallen habe. Und wie! Der familiäre Vinschgau mit seinen warmherzigen Menschen, das fühlt sich fast an wie zu Hause – nur landschaftlich schöner.

Daniel Eilers