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Hochgefühl


Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 13.08.2021

3000er-Paradiese

Artikelbild für den Artikel "Hochgefühl" aus der Ausgabe 9/2021 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Früh aufstehen lohnt sich: die Villgrater Berge im Morgenlicht

»DER NATIONALPARK IST MEIN ARBEITSPLATZ, DEN WOLLTE ICH WIRKLICH KENNENLERNEN.« ALSO BESTIEG ER IN FÜNF JAHREN 266 3000ER.

Andreas Rofner, Nationalpark-Ranger:

Markant spitz und dunkel erhebt sich der Großglockner über den ihn umgebenden Gletscher. In seiner Bergkette ist er eindeutig der Blickfang, nicht nur wegen seiner in Österreich unübertroffenen Höhe von 3798 Metern. Seine scharfen Grate und die steil abfallende Westwand über dem Teischnitzkees sind unverkennbar – trotz ordentlich Saharastaub in der Luft. »Dort am Ködnitzkees war ich das erste Mal auf über 3000 Metern«, sagt Christian Riepler und zeigt zum Südwestgrat des Glockner, bekannter als Stüdlgrat, hinter dem das Ködnitzkees liegt. Heute sind dem Bergführer aus Kals am Großglockner solche Zahlen nicht mehr so wichtig, aber »damals war das wirklich etwas Besonderes.« Dreitausend Meter, die magische Marke – nicht nur für ...

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... die Flachlandtiroler aus dem Nachbarland, sondern auch für viele Einheimische in Osttirol, die umgeben von Dreitausendern aufwachsen. 241 Gipfel mit der begehrten Drei am Anfang gibt es hier – je nach Zählweise auch etwas mehr. Unumstritten aber ist: Osttirol oder besser gesagt der Nationalpark Hohe Tauern, der sich über Tirol, Salzburg und Kärnten erstreckt, ist ein ideales Gebiet für Dreitausendersammler. Die meisten der Osttiroler Dreitausender liegen im Nationalpark. Etwa die Hälfte der Gipfel hat Christian Riepler bereits bestiegen. Die Tour zum Ködnitzkees als Vierzehnjähriger brachte ihn auf den Geschmack, ab da unternahm er immer öfter Bergund Skitouren mit seinem Cousin Toni, heute Wirt der Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruh am Großglockner. »Ein paar Jahre lang habe ich wirklich ehrgeizig Dreitausender gesammelt«, erzählt Christian, während wir auf dem Rauhkopf sitzen und zum zwei Täler weiter östlich gelegenen Großglockner hinüberschauen. Der 3070 Meter hohe Rauhkopf ist ein idealer Aussichtsberg. Rechts des Großglockner blicken wir zu den (Lienzer) Dolomiten, zur wilden Schoberund zur einsamen Lasörlinggruppe; di Schneepyramide des Großvenediger haben wir im Rücken.

Die Berge als Arbeitsplatz

Etliche der Dreitausender im Nationalpark Hohe Tauern sind schwer zugänglich, tief drin in abgelegenen Tälern, sodass schon die Anreise zur Expedition wird, oder sehr brüchig und gefährlich. Irgendwann gab Christian die ambitionierte Gipfelsammelei deshalb auf. Nicht so Andreas Rofner. Der Nationalpark-Ranger hat alle – er zählt 266 – Dreitausender in Osttirol bestiegen, einige davon gemeinsam mit Christian Riepler. Fünf Jahre brauchte er dafür. Seine Motivation: Gebietskenntnis. »Das ist mein Arbeitsplatz, den wollte ich wirklich kennenlernen.« So drang Andreas Rofner selbst für einen Nationalpark-Ranger, zu deren Aufgaben neben Monitoringprojekten viel Bildungsarbeit und Führungen mit Gästen gehören, ungewöhnlich tief in die Kernzone des Nationalparks ein. Wobei der Nationalpark kein komplett zusammenhängendes Gebiet ist, er beschränkt sich auf die Berge, die Tallagen mit den Ortschaften sind ausgegliedert. Die streng geschützte Kernzone, die etwa drei Viertel des Nationalparks ausmacht, ist streckenweise umgeben von der Außenzone, in der beispielsweise Almwirtschaft erlaubt ist, um das typische Landschaftsbild zu erhalten.

Der Rauhkopf, der ganz am Rand der Kernzone hoch über dem Virgental liegt, dürfte schon für so manchen Bergwanderer der erste Dreitausender gewesen sein. Er ist einer der beiden einfachen Hausgipfel der Bonn-Matreier-Hütte. Das war nicht immer so. »Oft sind Gäste betrübt zurückgekommen, die nicht auf dem Gipfel waren, weil sie sich nicht über die Kraxelstufe getraut haben«, erzählt Nora Rosche, Wirtin der Bonn-Matreier-Hütte. »Ich bin deshalb an die DAV-Sektion herangetreten und habe gefragt, ob sie nicht Versicherungen anbringen können. Das haben die Wegebetreuer dann auch gemacht.« Allerdings reichte das Seil nicht und so blieben die letzten Meter mit einer kurzen, ausgesetzten Querung zum Gipfelkreuz zunächst unversichert. »Das war für einige schon bitter, so kurz vor dem Ziel umdrehen zu müssen! Immerhin war mit dem Aussichtspunkt Glocknerblick die Dreitausendermarke ausgewiesen. Aber ein Gipfel ist halt doch was anderes.« 2020 stellten die Wegebauer die Versicherung fertig. Seitdem kommen deutlich mehr Menschen mit glücklichen Gesichtern zurück zu Nora.

1 Abwechslungsreich: Wandern mit Blick auf Almen, Täler ...

2 ... und Gletscher im Nationalpark

3 Wolliges in der Venedigergruppe: ein Schaf vor dem Schlatenkees

4 Könige der Alpen: Steinböcke

Die eine oder keine

Zur Bonn-Matreier-Hütte führen verschiedene Wege, kurz ist keiner davon, denn das Schutzhaus liegt auf 2750 Metern. Der längste und zugleich schönste Weg hat einst auch Nora hierhergebracht: der Venediger Höhenweg, der in sechs Etappen von Hinterbichl im Virgental bis zum Matreier Tauernhaus immer südlich des Großvenediger verläuft. Seit zwanzig Jahren arbeitet Nora als Wanderführerin und führte immer wieder Gruppen auf dem Venediger Höhenweg. »Schon damals hab‘ ich mir gesagt, wenn ich mal eine Hütte pachte, dann diese, die ist einfach perfekt, allein die Lage!« 2018 war es dann so weit. Sie und ihr Partner Flori Kirchberger übernahmen die Hütte.

Die Hütte ist ein idealer Ausgangspunkt für Dreitausender-Aspiranten. Wer dort schläft, hat es am Gipfeltag nicht mehr allzu weit. Neben den einfacheren Wanderbergen Rauhkopf und Säulkopf gibt es auch anspruchsvollere Ziele wie den Hohen Eichham (3371 m), mit kurzer Gletscherquerung und Gratkletterei schon eine richtige Hochtour. »Von der Schwierigkeit ist er durchaus mit dem Großglockner-Normalweg zu die Tour (im letzten Moment) allein nicht zutraut, kann auf der Hütte Flori Wagner als Unterstützung buchen. Mehrmals pro Saison führt der Wirt, der Berg- und Skiführer ist, Gäste auf den Hohen Eichham.

Wir sind inzwischen wieder unten vom Rauhkopf und sitzen auf der Terrasse der Bonn-Matreier-Hütte. Die Sonne scheint angenehm warm, der Wind bläst frisch, und Blumentöpfe und Speisekarten von den Tischen. Gerade erzählt Christian von zwei Kollegen, die im Winter die zackige Nordkette der Venedigergruppe überschritten haben, die wir von der Terrasse aus im Blick haben, als Alois Mariacher zu uns stößt. Der Bergführer aus Virgen hat heute frei und eine Tour auf die schwierige Mittereggspitze in eben dieser Nordkette gemacht. Nora serviert Linsendal und setzt sich auf einen Plausch dazu.

Irgendwie kennt hier jeder jeden. Und obwohl der Nationalpark Hohe Tauern mit 1856 Quadratkilometern zu den größten Nationalparks des Alpenraums zählt, scheinen sich die Wege hier öfter als anderswo zu kreuzen. Denn mit Alois saß ich auch letztes Jahr schon mal bei einem Bier auf einer Hüttenterrasse. Auf der Clarahütte im etwas weiter westlich gelegenen Umbaltal.

Ein Zuhause für alle

Die Clarahütte ist eine der ältesten Hütten Osttirols und ein wirkliches Kleinod. Flach geduckt liegt sie im Hang und wurde dennoch wiederholt von Lawinen zerstört. Mit den neuen Pächtern Juraj Malek und Karin Mikušová aus der Slowakei zogen 2020 Herzlichkeit und Liebe zum Detail in die Hütte ein. »Die Hütte soll ein Zuhause sein, nicht nur für uns, sondern auch für die Gäste«, sagt Karin, die in Innsbruck Dolmetschen für Englisch, Deutsch, Russisch und Französisch studiert und so unglaublich perfekt wie schnell Deutsch spricht. Als zu Beginn ihrer ersten Saison noch wenig los war, hatte sie Zeit, sich um die Deko der Hütte zu kümmern, bastelte kleine Filz-und Holzarbeiten. Wenn abends alle Gäste mit Essen und Getränken versorgt sind, setzt sie sich mit ihrer Gitarre in den Gastraum und singt bekannte Rock-und Pop-Klassiker. Doch der Hüttenbetrieb ist nicht nur Spiel und Spaß, sondern auch harte Arbeit. Die Clarahütte hat keine Seilbahn. Um nicht ständig den Helikopter kommen zu lassen, tragen Juraj und Karin mehrmals pro Woche frische Lebensmittel mit Hilfe von unbequem anmutenden Holzkraxen zur Hütte. Er 65 Kilo, sie fast 30. »In der Hohen Tatra ist es normal, Hütten zu Fuß zu beliefern«, sagt Juraj. Er hat dort als Student in den Semesterferien als Träger gearbeitet, bevor er vor acht Jahren nach Tirol kam, um als Skilehrer und auf Hütten zu arbeiten.

1 Eisig: Unterwegs am Gletscherlehrweg Innergschlöss

2 Leuchtet: Glockner im letzten Licht

3 Windig: am Gipfel des Rauhkopf

Juraj und Karin nehmen mit ihren schweren Kraxen den normalen Zustieg zur Hütte. In etwa zweieinhalb Stunden führt er ab Ströden das Umbaltal hinauf, zunächst immer entlang der imposanten gleichnamigen Wasserfälle. Eine andere spannende Route führt von der Essener- Rostocker- zur Clarahütte: der Alpenkönig. Über den Venediger Höhenweg und den Alpenkönig gibt es somit eine wunderschöne Verbindung zwischen Bonn- Matreier- und Clarahütte. Weg wäre hier allerdings zu viel gesagt, die Route des Alpenkönigs ist nicht markiert und schwer wieder Gäste über den Alpenkönig, auch an jenem Septembertag, an dem wir uns auf der Clarahütte treffen. Genauso sein Kollege Sigi Hatzer, mit dem ich auf der Clarahütte für eine Hochtour verabredet bin. Die beiden Bergführer sind sich einig, dass der Alpenkönig durch eine der schönsten Gegenden der Hohen Tauern malerischen Bergseen, durch unberührte Natur. Wandernde treffen hier vor allem Steinböcke, Gämsen und Steinadler.

»in den hohen tauern konzentrieren sich die bergbesteigenden auf populäre gipfel wie großvenediger und großglockner .«

Sigi Hatzer, Bergführer:

Mit Sigi steige ich auf dem Weg zur Dreiherrenspitze von der Clarahütte das Umbaltal weiter hinauf, eine alte Schmugglerroute zwischen Italien und Österreich. Unterwegs erzählt er, wie sein Vater nach dem Zweiten Weltkrieg nachts Leder, Tabak, Schnaps, Salz und verschiedene Produkte aus eigener Herstellung über die Berge und am Wachposten vorbeischleppte. Im oberen Teil ist das Umbaltal ein breites Trogtal, ganz anders als im engen und steilen unteren Teil. Noch bevor sich die Sonne über die umliegenden Berge erhebt, kommen wir zum Ursprung der Isel am Umbalkees.

Die Isel mit ihren tosenden Wasser- lichem Engagement. »Die Umbalfälle wären trocken gefallen, wenn die Energiewirtschaft ihre Interessen durchgesetzt hätte«, wird mir Nationalpark-Ranger Andreas Rofner anderntags bei einer Wanderung im idyllischen Dorfertal erzählen. Anfang der 1970er-Jahre sollte das Dorfertal am Großglockner zu einem gewaltigen Speichersee werden. Der Plan: Das Wasser von fast allen Gletscherbächen in den umliegenden Tälern, unter anderem von der Isel, auffangen und durch unterirdische Stollen in den Stausee leiten. Die Dimension: gigantisch. Hinter einer 220 Meter hohen Mauer sollten 235 Millionen Kubikmeter Wasser gesammelt wer- Dorfertal wären dann nur mehr schwer erreichbar und ein ganzer Landstrich unwiederbringlich verloren gewesen«, sagt

Andreas. Besonders dem Engagement der Kalser Frauen ist es zu verdanken, dass die Pläne eingestellt wurden (siehe Infokasten S. 31). Auch der Wasserschaupfad entlang der Umbalfälle stammt aus der Zeit des Widerstands gegen die Kraftwerkspläne. Er ist bis heute einer der touristischen Höhepunkte des Virgentals.

Einsam schmilzt das Umbalkees

Was sich hingegen nicht auf halten lässt, ist die Gletscherschmelze. »Weit über einen halben Kilometer hat sich die Gletscherzunge in den letzten 30 Jahren zurückgezogen«, sagt Sigi Hatzer mit Blick auf das Umbalkees. Es ist der größte der insgesamt zwölf Gletscher oberhalb der Clarahütte. Zurück bleiben Geröll und Gletscherschliff, vom Eis glatt polierte Felsplatten. Auf einer Platte ist der Gletscherstand von 2009 mit roter Farbe festgehalten. Die Gletscherzunge? In weiter Nelkenwurz und verschiedene Polster-erobern. Ein paar Schafe weiden weiter

Von den Schafen abgesehen treffen wir während des gesamten langen Aufstiegs niemanden. Die Dreiherren-spitze ist wenig begangen. »Der Weg ist weit, und der Berg nicht so bekannt«, meint Sigi. In den Hohen Tauern konzentrieren sich die Bergebesteigenden auf einige populäre Gipfel, allen voran Großglockner und Großvenediger. Auf Letzterem war Sigi schon rund 1000 Mal. Als echter »Venediger-Bergführer« hat er statt gewöhnlichen Trekkingstöcken einen drei Meter langen Holzstab, die Alpenstange, dabei. Wäre das Umbalkees schneebedeckt, könnte Sigi damit gut Gletscherspalten erspüren. Doch Mitte September ist der Gletscher im unteren Teil komplett aper. Wir gehen nur kurz übers Eis und steigen dann über Geröll, Blockgelände und Platten die Flanke hinauf. Am Gipfel treffen wir zwei Italiener, die von der Südtiroler Seite heraufgekommen sind. Die Dreiherrenspitze liegt auf der Grenze von drei (Bundes-)Ländern: Italien, Tirol und Salzburg. Und ist eine dreifache Wasserscheide, das Wasser systeme: nach Norden zum Inn, nach Westen zur Etsch und nach Südosten über die Isel zur Drau.

1 Gerettetes Idyll: Der Dorfersee im Dorfertal sollte aufgestaut werden.

2 Beliebter Stützpunkt: das Kalser Tauernhaus im Dorfertal

Mit ihren 3499 Metern ist die Dreiherrenspitze der höchste Berg in der Umgebung, entsprechend grandios ist die Aussicht. Etwa auf den Großvenediger, der nächsthöhere Gipfel in neun Kilometer Entfernung. Dominanz ist der Fachbegriff für die Distanz, Gipfelglück das Gefühl dazu. Wahrscheinlich ist der extrem dominante Großglockner (175 Kilometer zur Königsspitze) auch deshalb so beliebt.

Hinzu kommt: je dünner die Luft, umso größer der Stolz, es nach oben geschafft zu haben. Nur verständlich also die Sehnsucht, einmal – oder immer öfter – die 3000er-Marke zu knacken.

Am Stüdlgrat im Neuschnee versunken, von drohendem Starkregen aus dem Dorfertal getrieben. Franziska Haack hatte in den Hohen Tauern schon des Öfteren Pech mit dem Wetter – und so immer einen Grund, wiederzukommen .

DIE HOHEN TAUERN

Es müssen nicht immer Glockner und Venediger sein. Im Nationalpark Hohe Tauern warten viele lohnende Dreitausender.

1 | Dreiherrenspitze (3499 m)

mittel

6 Std. 1600 Hm 10 km

Charakter: Eine eher wenig begangene, aber durchaus lohnende Hochtour. Wegen der Länge der Tour empfehlen sich zwei Übernachtungen auf der Clarahütte.

Komplette Gletscherausrüstung nötig. Die Schwierigkeit variiert je nach Jahreszeit. Bei eisigen Verhältnissen im oberen Bereich eine sehr anspruchsvolle Hochtour.

Auch die Routenfindung von der Gletscherzunge bis zur Flanke der Althausschneid ist nicht zu unterschätzen. Im Frühsommer ist am schneebedeckten Gletscher die Spaltengefahr recht groß.

Start/Ende: Clarahütte (2038 m) Route: Clarahütte – Umbalkees – auf 2700 Metern in Flanke unter Hohem Rosshuf und Dreiherrenspitze – über Geröll und Rampen steil zum oberen Teil des Umbalkees (Stellen I) – recht steil zum Gipfelgrat – Schneefeld – Gipfel – Abstiegsvariante Umbaltörl Einkehr/Stützpunkt: Clarahütte (2038 m), DAV, Zustieg ab Ströden, 700 Hm, 2 ½ Std.

2 | Lasörling (3098 m)

mittel

2 ½ Std. 750 Hm 4 km

Charakter: Eine unschwierige Tour mit wunderbarem Blick auf die Venedigergruppe.

Mit Übernachtung auf der Lasörlinghütte auch konditionell nicht fordernd Start/Ende: Lasörlinghütte (2350 m)

Route: Lasörlinghütte – ins Hochtal Glaurit – Lasörling-Südflanke – Einsattelung zwischen Süd-und Hauptgipfel – über Blöcke zum Gipfel – Abstieg wie Aufstieg oder über Lasnitztal und Bergeralm Einkehr/Stützpunkt: Lasörlinghütte (2350 m), privat, ab Welzelach 1220 Hm, 3 ½ Std.

Tourenkarte Heftmitte: 1

3 | Rauhkopf (3070 m)

schwierig

1 Std. 400 Hm 1,5 km

Charakter: Ein einfach zu erreichender Dreitausender. Als Tagestour aus dem Tal wäre allerdings sehr gute Kondition nötig. Der Gipfelaufbau ist seilversichert.

Start/Ende: Bonn-Matreier-

Hütte (2750 m)

Route: Bonn-Matreier-Hütte – markierter Steig nach Norden, dann Richtung Galtenscharte – bis kurz vor Kälberscharte – Südgrat – Glocknerblick – das letzte Stück zum Gipfel seilversichert – retour Einkehr/Stützpunkt: Bonn-

Matreier-Hütte (2750 m), DAV/ ÖAV, Zustieg von Obermauern/

Budam oder Bodenalm jeweils um die 1300 Hm, 3–4 Std.

Tourenkarte Heftmitte: 2

4 | Säulkopf (3209 m) und Hoher Eichham (3371 m)

mittel (II+/III-)

3 Std. 770 Hm 3,5 km

Charakter: Kurzweilige Hochtour mit wenig Gletscherkontakt und tollem Grat (bis III-, Bohrhaken)

Start/Ende: Bonn-Matreier-

Hütte (2750 m)

Route: Bonn-Matreier-Hütte – nach Norden – Weg Nr. 930 – seilversichert zum Säulkopf – Nordwestgrat hinab zur Säulscharte – weiter hinab bis auf 3055 m – Nilkees – Eichhamscharte –

Südgrat – Gipfel – retour Einkehr/Stützpunkt: Siehe Tour 3

5 | Wildenkogel (3021 m)

schwierig

10 Std.

1750 Hm auf 1500 Hm ab 19 km

Charakter: Wirklich lange, aber sehr abwechslungsreiche Tour, mit schönen Wasserfällen, Bergsee und oben einem tollem Blick auf die Venedigergruppe Start: Matreier Tauernhaus (1510 m)

Ende: Innergschlöss (1689 m)

Route: Matreier Tauernhaus –Wildenkogelweg – Lackenboden – Löbbensee – Wildenkogelscharte – markierte Steigspuren über Südgrat (brüchiges Blockwerk, teils II, sonst I) –Gipfel – zurück entweder entlang der Aufstiegsroute oder nach 200 Meter am Südgrat in Westflanke – über Schutt und Blockgelände, teils versichert bis Wildenkogelweg – Löbbentörl – Venediger Höhenweg – Salzboden – Innergschlöss/Venedigerhaus – per Taxi zurück zum Tauernhaus Einkehr: Gasthaus Venedigerhaus am Ende der Tour (1689 m)

6 | Großer Muntanitz (3232 m)

schwierig

4 ½ Std. 780 Hm 7 km

Charakter: Der Große Muntanitz ist der richtige Berg für Gipfelsammler, denn unterwegs nimmt man mit den drei Wellachköpfen (3037 m, 3110 m, 3117 m) und dem Kleinen Muntanitz (3192 m), noch vier weitere Dreitausender mit.

Gletscher- und Kletterausrüstung sind nicht nötig.

Start/Ende: Sudetendeutsche Hütte (2650 m)

Route: Sudetendeutsche Hütte – Karl-Schöttner-Weg – Kamm der Wellachköpfe –Hauptgipfel – weiter auf Karl-Schöttner-Weg – Kleiner Muntanitz – links vom Gipfel über steilen Kamin zum Kampl abklettern (I+, mit Stahlseil versichert) – Großer Muntanitz – retour Einkehr/Stützpunkt: Sudetendeutsche Hütte (2650 m), ab Parkplatz Glanz 1180 Hm, 4 Std. Tourenkarte Heftmitte: 3

7 | Tschadinhorn (3017 m)

mittel

8 ½ Std. 1620 Hm 15 km

Charakter: Eine unschwierige, aber konditionell fordernde Tour auf einen eher einsamen Dreitausender. Schöner Blick auf den Großglockner Start/Ende: Oberlesach (1420 m) Route: Oberlesach – das Lesachtal hinauf – Lesachalm – auf Steig durch Wald und über Almflächen – das letzte Stück zum Gipfel felsig – retour

8 | Glödis (3206 m)

einfach

8 Std. 1530 Hm 15 km

Charakter: Eine lange Tour, bei der der einfache Klettersteig entlang des Südostgrats nur einen kleinen Teil ausmacht. Die C-Stelle ist nur eine Variante, die umgangen werden kann. Der Klettersteig ist der Normalweg auf den Glödis, das heißt, es wird wieder über ihn abgestiegen. Achtung auf Gegenverkehr!

Start/Ende: Parkplatz Seichenbrunn im Debanttal (1680 m)

Route: Seichenbrunn – Lienzer H. – Weg Nr. 941 – auf 2170 m rechts Richtung Schobertörl – auf 2500 m wieder rechts – absteigen zum Beginn des Südostgrats – Klettersteig – Gipfel – retour Einkehr/Stützpunkt: Lienzer Hütte (1977 m), ÖAV Tourenkarte Heftmitte: 4

▶ WILLKOMMEN IN EINER BESONDEREN BERGWELT

WOHIN?

Mit dem Zug nach Kitzbühel oder Lienz und weiter mit Bus 950X bzw. 951 nach Matrei in Osttirol. Die einzelnen Orte im Nationalpark sind gut mit Bussen erreichbar, mit der Gästekarte sogar kostenlos.

WO ANKLOPFEN?

Nationalpark Hohe Tauern Tirol, Nationalparkhaus Matrei, www.hohetauern.at, nationalparkservice.tirol@ hohetauern.at Tourismusverband Osttirol: www.nationalpark.osttirol.com Venediger Bergführer: www.venediger-bergfuehrer.at Bergführer VIRGENALPIN/Mariacher Alois: www.virgenalpin.at Kalser Bergführer: www.bergfuehrer-kals.at

WO SCHLAFEN?

Unterkünfte im Tal: Unter den Partnerbetrieben des Nationalparks finden sich Unterkünfte aller Art, vom Bauernhof bis zum Vier-Sterne-Hotel, www. nationalpark-partnerbetriebe.at

SICH ORIENTIEREN

Alpenvereinskarte 1:25 000, Blätter 36 »Venedigergruppe«, 39 »Granatspitzgruppe«, 40 »Glocknergruppe«, 41 »Schobergruppe«

MEHR ERFAHREN

Das Buch »Nationalpark Hohe Tauern« von Susanne Schaber und Herbert Raffalt (Fotos) beleuchtet Aspekte von Geologie über Geschichte bis zu Natur und Menschen im Nationalpark. 171 Abb., 187 S., Tyrolia, 2021, 34,95 Euro

DER GRÖSSTE NATIONAL- PARK DER OSTALPEN

Der Nationalpark Hohe Tauern ist mit 1856 Quadratkilometern Fläche (1213 km² Kernzone) der größte Nationalpark der Ostalpen und ein Bundesländer-übergreifendes Projekt. Der Grundstein für die Zusammenarbeit war 1971 die Heiligenbluter Vereinbarung, in der Politiker aus Tirol, Kärnten und Salzburg ihren Willen bekundeten, einen gemeinsamen Nationalpark zu gründen. Die tatsächliche Ausrufung des Nationalparks erfolgte in Kärnten erst 1981, in Salzburg 1984. In Tirol war der Weg besonders mühsam. Denn die Energiewirtschaft wollte das Kalser Dorfertal zu einem riesigen Speichersee machen und das Wasser fast aller umliegender Gletscherflüsse dorthin leiten. Nicht nur das für Tourismus und Landwirtschaft wichtige Almtal mit dem malerischen Dorfersee wäre verloren gewesen, das Projekt hätte mit dem Trockenfallen verschiedener Gletscherflüsse die ganze Gegend verändert. Dagegen bildeten sich Widerstandsgruppen, u. a. die Kalser Frauen um die Bäuerin Marianne Gratz und ihre Nichte Theresia Hartig. Nach harten Verhandlungen zwischen Politik und Energiewirtschaft bekam das Dorfertal 1992 als Teil des nun auch in Tirol etablierten Nationalparks Schutzstatus.

Im Nationalpark leben 10 000 Tierarten, darunter der wiederangesiedelte Bartgeier, sowie 1500 teils seltene Pflanzenarten. Der Nationalpark bietet geführte Touren an, z. B. Naturbeobachtungstouren wie Wildtiersafaris, Kräuterwanderungen und Gletschertouren. Die Ranger begleiten Gäste auf Anfrage auch bei individuellen (Mehr-)Tagestouren. www.hohetauern.at