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HOCHHAUS IN FLAMMEN


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 26.11.2018

Der verheerende Brand des Londoner Grenfell Tower forderte viele Todesopfer und erschütterte eine ganze Nation


Artikelbild für den Artikel "HOCHHAUS IN FLAMMEN" aus der Ausgabe 12/2018 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 12/2018

Brennende Platten der Fassadenverkleidung lösen sich, stürzen herab und gefährden Menschen


DER ERSTE NOTRUF aus dem Grenfell Tower ging am 14. Juni 2017 um 0.54 Uhr ein. Im vierten Stock hatte ein defekter Kühlschrank die Küche eines Mieters in Brand gesetzt. Um 0.56 Uhr waren zwei Einsatzfahrzeuge der Feuerwache North Kensington auf dem Weg.

Bis zum Grenfell-Turm sind es etwa eineinhalb Kilometer. Als die Feuerwehr eintraf, war von einem Brand im Gebäudeinneren noch nichts zu sehen. Die Männer ...

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... luden aufgerollte Schläuche ab und schlossen sie zur Wasserversorgung an Hydranten an.

Brände in Betonhochhäusern kommen immer wieder vor. Wurde beim Bau und bei der Instandhaltung der Gebäude auf Brandschutz und Feuergefahr geachtet, sind solche Brände leicht zu kontrollieren. Die Feuerwehr ist rasch vor Ort, isoliert das Feuer auf der Etage und löscht es.

Die Feuerwehrleute betraten den Grenfell Tower, stiegen in den vierten Stock und kamen im Treppenhaus an Bewohnern vorbei, die vom Lärm aus dem Schlaf gerissen worden waren. Zwei mit Atemschutzgeräten ausgerüstete Einsatzkräfte brachen die Tür zu der Wohnung auf, in der sich der Brandherd befand, und richteten den Wasserstrahl auf die Flammen. Sie löschten alles, was brannte.

Unten brachte der altgediente Feuer wehrmann David Badillo weiteres Gerät aus den Fahrzeugen in die Eingangshalle. Der 44-jährige Marathonläufer arbeitete seit 17 Jahren in diesem Bezirk. Vor seiner Zeit bei der Feuerwehr hatte er in einem nahe gelegenen Schwimmbad als Bademeister gearbeitet. Daher kannte er mehrere der Hausbewohner. In der Sprache der Feuerwehrleute war Badillo „geschäftig“. Das bedeutete, er war ein Draufgänger und vorn dabei, wenn es gefährlich wurde. Ein Macher, ein Helfer – mit vollem Einsatz.

Badillo kam gerade durch die Eingangshalle, um mehr Ausrüstung aus den Fahrzeugen zu holen, als er an der Tür von einer jungen Frau angesprochen wurde. Sie wohne in dem Haus, erklärte sie, und ihre zwölfjährige Schwester sei noch oben im 20. Stock. Sie machte sich sichtlich Sorgen, weil ihre Schwester allein da oben war. Ihre Mutter hatte Nachtschicht. Ihr Vater war nicht zu Hause, er besuchte einen Freund. Die junge Frau fragte, ob Badillo schnell mit ihr nach oben gehen und ihre Schwester holen würde.

Badillo überlegte kurz. „Nein, Sie bleiben besser hier“, wies er sie an. „Ich gehe und hole Ihre Schwester.“ Er ließ sich den Namen des Mädchens geben – Jessica – und den Wohnungsschlüssel. Obwohl er kein Atemschutzgerät dabei hatte, betrat Badillo den Aufzug und drückte auf den Knopf für den 20. Stock.

AUS:GQ (DEZEMBER 2017); © 2017, CONDÉ NAST, CONDENAST.COM

Das Feuer greift rasch um sich und schließt Menschen in ihren Wohnungen ein


Während er hochfuhr, berichteten Bewohner, die das Gebäude verließen, sie hätten im fünften und auch im sechsten Stock Feuer gesehen. Das konnte sich kein erfahrener Londoner Feuerwehrmann erklären. Die Betonwände einer Hochhauswohnung müssten ein Feuer begrenzen können. Ein Brand im vierten Stock sollte sich daher auf diese Etage beschränken.

Badillos Aufzug fuhr bis in den 14. oder 15. Stock. Dort hielt er, und die Türen öffneten sich ruckelnd. Sofort drang schwarzer, undurchdringlicher Rauch ein.

Die Flammen aus dem vierten Stock hatten sich nach außen durchgefressen. Das Unvorstellbare war passiert: Die Außenwand des Gebäudes hatte Feuer gefangen. Auf der Nordostseite des Grenfell Tower schlugen bernsteinfarbene Flammen am Gebäude hoch. Was im Haus wie ein kontrollierbarer Gerätebrand ausgesehen hatte, entwickelte sich draußen zur tödlichen Gefahr für die Bewohner.

Das Hochhaus war aus Beton. Beton brennt nicht. Deshalb berichteten die Ersthelfer auch von einem Gefühl der Verwirrung – „wie im Traum“ –, als sie die Flammen an dem Turm hochschlagen sahen, bis sie ihn ganz und gar umhüllten. Einer der ersten Polizisten, die am Einsatzort eintrafen, sollte später sagen, „das Gebäude ist förmlich geschmolzen“.

Das Hochhaus war erst kurz zuvor renoviert worden. Die Satellitenschüs- seln an den Außenwänden waren quadratischenen Isolierplatten gewichen. Der Betonkern des Gebäudes aus den 1970er-Jahren – der 50 Jahre lang roh und bräunlich sichtbar gewesen war – verschwand hinter einer neuen bläulich-silbrigen Fassade. Und diese Verkleidung stand jetzt in Flammen.

Hausbewohner, teils aus dem Schlaf gerissen, warten bei den Einsatzfahrzeugen


In den über 24 Stockwerke verteilten Zwei- und Dreizimmerwohnungen lebten rund 350 Menschen. Mindestens 320 befanden sich im Haus.

EINE RAUCHWAND

Die meisten Bewohner schliefen – auch Oluwaseun Talabi. Der muskulöse 30-Jährige arbeitete auf dem Bau und bewohnte mit seiner Lebensgefährtin Rosemary und ihrer vierjährigen Tochter eine Dreizimmerwohnung im 14. Stock.

Talabi wurde um 1.30 Uhr durch lautes Rufen von unten geweckt. Er dachte zunächst, eine Party sei im Gange. Erst am Abend zuvor war er wach geworden, weil eine Etage tiefer gefeiert wurde. Es war Sommer, und Partygäste blieben oft lange. Talabi schaute aus dem Schlafzimmerfenster, konnte aber nichts sehen. Er legte sich wieder hin und versuchte weiterzuschlafen.

Einen allgemeinen Feueralarm hörte man im Grenfell Tower nicht. Es gab auch keine Sprinkleranlage. Das britische Gesetz, das für Gebäude von mehr als 30 Metern Höhe Sprinkleranlagen vorschreibt, gilt nur für Neubauten. Im Gebäude war einmal ein Infobrief mit Anweisungen zum Verhalten im Brandfall verteilt worden. Darin stand: „Unsere bewährte Devise ‚Bleiben Sie, wo Sie sind‘ gilt nach wie vor. Sie beruht darauf, dass der Grenfell Tower nach strengen Sicherheitsstandards geplant wurde.“

Im Grunde ist „bleiben, wo man ist“ kein schlechter Rat – zumindest in einem Betonhochhaus. Dahinter steht der – von der Feuerwehr abgesegnete – Gedanke, dass Hausbewohner, die sich daran halten, nicht aus einem relativ sicheren in einen gefährlichen Bereich flüchten. Das ist natürlich sinnlos, wenn sich das Feuer über die Seitenwand außerhalb des Betonkerns ausbreiten kann.

Talabi schreckte ein zweites Mal hoch. Diesmal konnte er hören, was von unten gerufen wurde: „Feuer, Feuer!“

Er rüttelte Rosemary wach und schlüpfte schnell in seine Sachen, während sie sich einen Bademantel überwarf. Talabi wollte nicht bleiben, wo er war. Er nahm seine Tochter auf den Arm, griff nach Rosemarys Hand und lief zur Tür. Als sie sie öffneten, standen sie vor einer Wand aus dichtem, beißendem Rauch. Er roch nach Chemie, und Talabi war sicher: Mehr als ein paar Atemzüge würden sie dort nicht überstehen. Also schob er seine Familie in die Wohnung zurück.

Sie dichteten die Eingangstür mit nassen Handtüchern ab. Dann trug Talabi alle Bettlaken zusammen, die er auftreiben konnte. Er schaute aus seinem Schlafzimmerfenster. Die Wohnung befand sich im 14. Stock. Er hatte 14 Laken gefunden.

Talabi rannte in die Küche, um sich einen Eindruck von dem Feuer zu verschaffen. Um den Grenfell Tower wanden sich züngelnde Flammen. Was er sah, war gleichermaßen unerklärlich und widersprüchlich. Von unten kam Rauch. Von oben kam Feuer. Es fiel förmlich von oben herab. Mit einem schmatzenden Geräusch platzten große glühende Fassadenteile von den brennenden oberen Etagen ab und stürzten an seinem Küchenfenster vorbei in die Tiefe.

Talabi und seine Freundin zogen sich ins Schlafzimmer zurück. Dort wählten sie den Notruf und versuchten, einen klaren Gedanken zu fassen. Nachbarn kamen zu ihnen, die der Rauch aus ihren Wohnungen vertrieben hatte. Darunter waren zwei Brüder aus Syrien, beide Mitte 20. Einer bemerkte, dass Talabi Bettlaken zusammengeknotet hatte, und wollte wissen, warum. Doch für Erklärungen blieb keine Zeit – schon griff das Feuer auf ihre Ecke des Gebäudes über.

Talabi befestigte das eine Ende des Lakenstrangs im Schlafzimmer, ließ das andere aus dem offenen Fenster fallen und stieg hinaus. Er krallte sich mit den Fingern an den Rahmen seines Schlafzimmerfensters. Rosemary sollte ihm ihre Tochter hinausreichen. Aber das kleine Mädchen weinte, zappelte und wehrte sich. Talabi begriff, dass sein Plan, mit dem Bettlaken in der einen und seiner Tochter in der anderen Hand hinunterzuklettern, nicht funktionierte.

Am Tag nach dem Brand steigt noch Rauch aus dem 24-stöckigen Gebäude auf


Mit seiner Hoffnung schwand auch die Kraft. Er spürte, dass er sich nicht wieder hochziehen konnte, suchte mit den Füßen Halt, doch die Fassadenverkleidung war zu glatt. Er rutschte immer wieder ab. Verzweifelt klammerte er sich an den Fensterrahmen.

SCHLIMME ENTSCHEIDUNGEN

Im 22. Stock betete eine Mutter von drei Kindern. Im 17. las eine Familie Bittgebete aus dem Koran. Im Grenfell Tower lebten Menschen aller Religionen, die allen möglichen Arbeiten nachgingen, viele Kinder, ältere Leute. Es waren Lehrer dabei und Schüler, die am nächsten Morgen in einer Schule gleich nördlich des Hochhauses erwartet wurden.

Ein frischgebackener Architekt hatte sich ganz oben eingemietet, ein junger Kriminologiedozent wohnte zur Untermiete bei seiner Tante. Das Brüderpaar aus Talabis Etage war erst vor Kurzem vor dem Krieg aus Syrien geflüchtet. Ein Mann aus dem 23. Stock war schon vor Jahrzehnten vor den Konflikten in Afghanistan nach London geflohen. Ein Sudanese war in jener Nacht zu Besuch bei seiner Mutter. Seine Leiche wurde später am Boden in der Nähe des Gebäudes gefunden. Er war gesprungen. Auch der Afghane sprang aus dem Fenster und wurde am Boden tot aufgefunden.

Menschen starben – in den Treppenhäusern, vor den Aufzügen, in ihren Wohnungen. Sie standen über Handy in vielen Sprachen mit Notdiensten, Angehörigen oder Freunden in Verbindung – bis die Leitung tot war oder bis sie verstummten. Verwandte der dreifachen Mutter aus dem 22. Stock berichteten später, in ihren letzten Worten sei es um Vergebung gegangen. „Sie schien zu ahnen, dass der Himmel auf sie wartete.“

Die Feuerwehrleute führten, trugen und schleppten Hausbewohner vom Feuer weg. Alle konnten sie nicht retten. Hundertfach mussten sie sich zwischen zwei Übeln entscheiden.

David Badillo konnte das Mädchen aus dem 20. Stock – die zwölfjährige Schwester der besorgten jungen Frau aus der Eingangshalle – nicht finden. Als der Aufzug, mit dem er nach oben unterwegs war, auf halber Strecke stecken blieb, musste er sich blind zur Fluchttreppe vortasten. Badillo rannte die Treppe hinunter bis ins Erdgeschoss, holte sich ein Atemgerät und fand einen Kollegen, der bereit war, ihn zurück ins Haus zu begleiten – nach oben. Sie stiegen die 20 Treppenläufe bis zur Wohnung des Mädchens hinauf.

In den oberen Stockwerken war der Rauch inzwischen so dick, dass die Helfer ihre Masken nah an die Türen drücken mussten, um die Nummern der Wohnungen zu erkennen. Als Badillo und sein Partner die richtige Tür gefunden hatten, stand sie offen, als sei die kleine Jessica bereits geflohen.

Trotzdem suchten die beiden Feuerwehrleute die Wohnung ab, tasteten sich an den Wänden entlang und riefen immer wieder, bis sie sicher waren, dass sich dort niemand mehr aufhielt – so lange, bis der Luftbehälter auf dem Rücken von Badillos Partner laut piepste als Warnung, dass die Luft knapp wurde. Sie mussten die Suche nach der Zwölfjährigen aufgeben, sonst würden sie sterben.


„ MENSCHEN STERBEN – IN DEN TREPPENHÄUSERN, VOR DEN AUFZÜGEN, IN IHREN WOHNUNGEN


Badillo und sein Partner verließen die Wohnung im 20. Stock und fanden ins Treppenhaus zurück. Als sie unten ankamen, waren sie so lang der Hitze ausgesetzt gewesen, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch standen.

Die Feuerwehrleute mussten in jener Nacht hunderte Male entscheiden, ob sie den Menschen helfen sollten, die sich im Treppenhaus in der Gefahrenzone befanden, oder ob sie versuchen sollten, zu denjenigen durchzukommen, die sich noch weiter oben aufhielten. Zivilisten Atemgeräte der Feuerwehr auszuhändigen (stets eine gefährliche Versuchung), verbietet die Londoner Feuerwehr. Manche Feuerwehrleute taten es trotzdem – ungestraft, weil Verstöße gegen übliche Verfahren bei dieser hektischen, eigentlich unmöglichen Evakuierung grundsätzlich nicht geahndet wurden.

Draußen mussten Feuerwehrleute Wasserschläuche auf eines ihrer Einsatzfahrzeuge richten, das von herabfallenden Verkleidungsteilen in Brand gesetzt worden war. Für viele der evakuierten Hausbewohner wurde es am gefährlichsten, als sie bereits draußen waren und sich vor dem Gebäude wiederfanden, wo ringsum Metallteile herabstürzten. Die Feuerwehrleute richteten daher eine Art Transportservice für die Evakuierten ein, die sie unter Schutzschilden in Sicherheit brachten.

Um zwei Uhr, drei Uhr und vier Uhr – Stunden, nachdem die ersten Feuerwehrleute eingetroffen waren –, waren immer noch Menschen im Gebäude eingeschlossen. Noch winkten sie und riefen um Hilfe. Um fünf Uhr sah man kaum noch Menschen an den Fenstern des Grenfell Towers. Unten rangen die Feuerwehrleute um Atem und mussten sich eingestehen: „Wir können nicht alle herausholen.“ Schon zuvor hatten sie einen Mann bemerkt, der im 14. Stock am Fensterbrett hing, unter sich zusammengeknotete Bettlaken. Doch sie konnten ihm nur zurufen, wieder hineinzuklettern.

FÜR MANCHE GAB ES KEIN ENTKOMMEN

Ein Student aus dem achten Stock konnte sich retten, auch seine Tante, bei der er wohnte, und alle Nachbarn auf der Etage. Er war noch wach gewesen und hatte alle wecken können, als das Feuer ausbrach.

Aus dem Grenfell Tower gingen am 14. Juni mehr als 600 Notrufe ein. Bewohnern, die vor 2.47 Uhr anriefen, wurde geraten, in ihren Wohnungen zu bleiben – wie es die Brandschutzvorschriften vorsahen. Erst danach wurde den Menschen geraten, zu fliehen – egal wie.

Ein Mieter aus dem 15. Stock, der seine Frau und seine Tochter in Sicherheit gebracht hatte, wurde das Gefühl nicht los, er habe etwas Wichtiges zurückgelassen. „Meine Seele ist noch im Haus“, erzählte er anderen später. „Ich glaube, sie ist nicht hier bei mir – sie ist noch da drin.“

Um sieben Uhr schrieb David Badillos Schwester ihrem Bruder eine Textnachricht: „Geht es dir gut?“

Sie hatte erst kurz zuvor aus den Nachrichten von dem Feuer erfahren. David Badillo war noch am brennenden Grenfell Tower. Um sieben Uhr waren die Ersthelfer der Feuerwehr schon seit sechs Stunden im Einsatz. Sie sollten gerade nach Hause geschickt werden.

Badillo antwortete seiner Schwester: „Bin ein bisschen benommen.“

„Ich hab dich lieb“, schrieb ihm seine Schwester.

Ein paar Minuten später meldete sich Badillo noch einmal bei ihr und wollte wissen, was in den Nachrichten berichtet wurde. Wie viele Tote? Bisher gesichert fünf, schrieb Jane. Darauf Badillo: „Es sind viel mehr.“

Einfachen Ersthelfern war es nicht gestattet, vor Abschluss der Ermittlungen mit den Medien zu sprechen. Jane berichtete, als Badillo und seine Kollegen abgelöst wurden, bekamen sie eine Tasse Tee, es fand eine Nachbesprechung statt. Dann durften sie gehen. Badillo war mit dem Fahrrad zur Schicht gefahren und fuhr nach Hause, den rauchenden Turm hinter sich.


„ DIE FEUERWEHRLEUTE DÜRFEN ZIVILISTEN KEINE ATEMSCHUTZGERÄTE GEBEN. MANCHE TUN ES TROTZDEM


Zu Hause bei seiner Frau und seiner kleinen Tochter versuchte Badillo vergeblich zu schlafen. Am Handy verfolgte er die Nachrichten über Grenfell. Auf Facebook stieß er auf Nachrichten von den Brüdern Carlos und Manfred Ruiz – alten Freunden, mit denen er im Schwimmbad am Grenfell Tower als Bademeister zusammengearbeitet hatte.

Die Ruiz-Brüder suchten ihre zwölfjährige Nichte, die seit Ausbruch des Feuers nicht mehr gesehen worden war. Badillo rief sie an. Das Mädchen habe im 20. Stock gewohnt, erzählten sie ihm. Ihr Name sei Jessica.

Bis dahin hatte er vage Schuldgefühle gehabt, weil er das Versprechen nicht gehalten hatte, das er der Frau in der Eingangshalle gegeben hatte – Schuldgefühle, weil er Fremde im Stich gelassen hatte. Jetzt fühlte er sich schuldig, weil es Menschen waren, die er zum Teil kannte.

Als Badillo seiner Schwester davon erzählte, „war er total aufgelöst“, erinnert sich Jane. „Er kam einfach nicht darüber hinweg.“ Sie sagte: „Du hättest nicht mehr tun können.“ Die sterblichen Überreste des Mädchens wurden später im 23. Stock identifiziert.

Viele Opfer des Feuers, vor allem in den oberen Etagen, hatten versucht, nach oben zu entkommen. Jane erinnerte sich, dass Badillo die Entscheidungen, die er in dem Hochhaus getroffen hatte, immer wieder durchkaute. Hätte er bei der ersten Fahrt mit dem Aufzug nach oben gehen sollen, nachdem er stecken geblieben war, statt nach unten? Vielleicht war Jessica nur ein oder zwei Stockwerke über ihm im Treppenhaus gewesen, und er hätte zu ihr gelangen können.

MAHNWACHE DER HINTERBLIEBENEN

So nah, wie es die polizeiliche Absperrung zuließ, sammelten sich rund um das Hochhaus die Beileidsbekundungen. Fotos und Mitteilungen wurden an Gartenzäune gepinnt, an Kirchenwände gelehnt und an Stahlbarrieren geheftet. Das Mädchen aus dem 20. Stock, das mit vollem Namen Jessica Urbano Ramirez hieß, gehörte zu den Opfern, die erst nach vielen Wochen identifiziert werden konnten. Schon kurz nach dem Brand, als man noch nicht sicher sein konnte, wurden Plakate mit ihrem Bild in der Gegend verteilt, und Jessicas Gesicht wurde zum ergreifenden Symbol der Katastrophe.

Erst im November konnten die Ermittler genauere Opferzahlen bekannt geben: 71 Menschen (später auf 72 korrigiert). Vielleicht auch mehr.

Die letzten sichtbaren menschlichen Überreste waren Anfang Juli 2017 aus dem Haus abtransportiert worden. Danach wurde mit bloßen Händen, mit Sieben und mithilfe von Archäologen weitergesucht. Das Grenfell-Feuer war bis zu 980 Grad heiß gewesen. Den Bergungskräften blieb tonnenweise Asche.

Möglicherweise waren nicht alle, die am 14. Juni in dem Hochhaus lebten, dokumentierte Mieter. Nicht registrierte Personen, vor allem in den oberen Etagen, könnten dort gestorben sein, ohne dass jemand etwas über sie weiß.

Ein Bergungsarbeiter erzählte, die Wohnungen hätten nach dem Brand „keine Eingangstüren und Fenster mehr gehabt, der ganze Putz ist abgefallen und auch die Innenwände sind verschwunden. Wenn da einmal eine Matratze gewesen war, konnte man das nur noch an den Metallfedern erkennen. Auch Keramikteile wie Toilettenschüsseln waren übrig. Sonst nur die Betonwände. Dass manche der Toten noch in der Wohnung gewesen waren, war nur an Wölbungen unter dem Schutt zu erkennen. Alles flach, und plötzlich …“ Er beschrieb mit der Hand eine Welle. „Wie eine leichte Erhebung. Unter dem Staub.“

Am Abend des 16. Juni, also zwei Tage nach dem Brand, fand an dem Hochhaus eine Mahnwache statt. Die Menschen standen im Kreis um die Hinterbliebenen, mit Kerzen in der Hand. David Badillo kam auch. Seine Freunde, die Ruiz-Brüder, hatten ihn dazugebeten. Er sollte Jessicas Familie kennenlernen.

Badillo hatte keine Ahnung, wie die Angehörigen des Mädchens auf ihn reagieren würden. Er wusste, er hatte alles getan, um sie zu retten. Doch, wie ein anderer Feuerwehrmann gesagt hatte: „Natürlich haben die Feuer wehrleute getan, was sie konnten. Trotzdem mussten sie Menschen im Gebäude zurücklassen. Man ist der Feuerwehrmann, der gegangen ist. Man hat überlebt.“

Bei der Mahnwache umarmten Jessicas Angehörige Badillo und wollten ihn gar nicht mehr loslassen. Er weinte und sagte ihnen, wie leid es ihm tat.

Nach Tagen und Wochen wurden die Überlebenden aus dem Krankenhaus entlassen und zogen in Hotels. Mietern von Sozialwohnungen waren vom Stadtrat von Kensington und Chelsea neue Wohnungen versprochen worden, doch die bange Frage war, welche, und wo. Die Überlebenden hatten Schock, Trauer und Wut durchlebt. Nun waren diese Menschen einfach erschöpft.

Oluwaseun Talabi entkam den Flammen mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter.


Jessica Urbano Ramirez gehörte zu den 72 Opfern der Feuerkatastrophe


Am 19. Juli nahmen Überlebende des Grenfell-Feuers an einer öffentlichen Sitzung des Stadtrats von Kensington und Chelsea teil. Manche wurden in den Rathaussaal gebeten, um sich zu äußern, die meisten sollten aber oben auf der Galerie Platz nehmen. Ein paar empörte Überlebende versuchten lautstark, sich Zutritt zum Saal zu verschaffen. Schließlich wurde auch ihnen gestattet, von ihren Erlebnissen zu berichten.

David Badillo nahm auf der öffentlichen Galerie an der Sitzung teil – als Gast von Jessicas Familie. Später ging Badillo vor dem Saal umher und sprach mit Überlebenden. Da erkannte er ein Gesicht wieder – des Mannes, dessen unglaubliches Entkommen aus dem Turm bei den Feuerwehrleuten in aller Munde gewesen war. Badillo stellte sich Oluwaseun Talabi vor. Er schüttelte ihm kräftig die Hand.

Talabi hatte mit seiner Familie im Hotel gewohnt, nachdem sie im Krankenhaus wegen Rauchvergiftung behandelt worden waren. Die Feuerwehrleute hatten Talabi zuletzt kraftlos an seinem Schlafzimmerfenster hängen und mit den Füßen Halt suchen sehen. Danach, berichtete Talabi, hätten ihn die beiden syrischen Brüder durch das Fenster in die Wohnung zurückgezogen. Einer der Brüder war später umgekommen. Er hatte es nicht nach draußen geschafft. In der Wohnung hatten in jener Nacht noch drei weitere Nachbarn Zuflucht gesucht. Auch sie waren tot.

Wieder in der Wohnung, ließ sich Talabi seine Tochter von Rosemary auf den Rücken binden. Sein Plan war, wieder hinauszuklettern – diesmal mit dem Mädchen. „Wir wollten gerade aus dem Fenster steigen, da ging die Tür auf und die Feuerwehrleute sagten …“ – Talabi hielt inne – „… etwas wie ‚lauft‘ oder ‚rennt‘. Sie klangen sehr nachdrücklich.“

David Badillo (rechts) mit Hinterbliebenen zwei Tage nach dem Brand bei der Mahnwache am Gebäude, darunter Ramiro Urbano, Vater der 12-jährigen Jessica


Da nahm er Rosemary fest bei der Hand, und mit dem Kind auf Talabis Rücken verließen die beiden die Wohnung. Der Rauch schien zweibis dreimal so dick wie zuvor. Sie verfehlten die Tür zum Treppenhaus und mussten zurückgehen. Blind ertasteten sie den Weg. Auf der Treppe hielten sie sich am Geländer fest.

„Wir sind gelaufen, sind müde geworden, haben mit jedem Atemzug giftige Dämpfe eingeatmet. Und auf meinem Rücken war mein Kind.“ Das war für Talabi das Schlimmste: Die Geräusche, die das Mädchen von sich gab, als es um Atem rang.

Sie stolperten hinunter. Über Leichen, wie ihm später klar wurde. „Ich dachte, ich werde meine Familie nicht aufgeben, für nichts und niemanden. Vom fünften Stock aus konnte ich unten einen schwachen Lichtschein erkennen. Das gab mir Kraft.“

An die letzten Sekunden kann sich Talabi kaum erinnern. Die Feuerwehrleute brachten ihn und seine Familie unter Schutzschilden aus dem Haus. Dann saßen sie unter einem Baum und starrten auf die Katastrophe, der sie entronnen waren. Talabi dachte da schon über die Nachbarn nach, die er zuletzt in seiner Wohnung gesehen hatte, und überlegte ständig, was er hätte tun sollen – die Selbstvorwürfe, mit der sich so viele plagten, die den Grenfell-Brand überlebt hatten.

Talabi erinnerte sich an einen älteren Nachbarn, der ihnen Wasser unter ihren Baum brachte und zu ihm sagte: „Sie haben Glück gehabt. Sie sollten Ihrem Gott danken.“

Da heulte ganz in der Nähe jemand außer sich vor Trauer auf. Für eine andere Familie, erfuhr Talabi später, hatte sich gerade das Schlimmste bestätigt. „Da sagt der Mann zu mir: ‚Das meinte ich – Sie haben Glück gehabt.‘“

STILLES GEDENKEN

Zwei Monate nach dem Brand versammelten sich rund 100 Menschen aus der Gemeinde, um der Toten zu gedenken und einen kleinen, aber doch wesentlichen Meilenstein auf dem Weg der Verarbeitung der schrecklichen Ereignisse zu würdigen: Sie hatten zwei Monate überstanden.

Unter den Trauernden war auch David Badillo mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm. Er traf seinen Freund Carlos Ruiz – Jessicas Onkel –, und die beiden Männer umarmten sich. Um 19 Uhr machte sich die Gruppe zu einem geplanten Marsch auf.

Stumm schritten sie durch einen sonst lauten und verkehrsreichen Stadtteil Londons. Die ganze Stadt schien zu verstummen. Gespräche versiegten, Menschen blieben stehen, Linienbusse hielten mitten auf der Straße an.

Im ganzen Land ließen Gemeinderäte und Vermieter Brandschutzmaßnahmen in ihren Gebäuden überprüfen. Ganze Quadratkilometer Fassadenverkleidung wurde von anderen Hochhäusern abgerissen. In North Kensington hatte man vor, die Ruinen des Grenfell Tower mit einer Plane abzudecken, bis die Ruine ganz abgerissen werden könnte.

Als die Gruppe wieder am Grenfell Tower ankam, blieb der Feuerwehrmann stehen und ließ die Trauernden vorbeiziehen, als wisse er nicht, ob er dazugehöre. Irgendwann ging er weiter, am Turm vorbei und zu seiner Feuerwache. Die ganze Zeit über hielt er seine Tochter fest im Arm.

Die Untersuchungen zu der Katastrophe sind noch im Gange, ein abschließender Bericht steht aus. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Verkleidung der Fassade bei der Renovierung in den Jahren 2014 bis 2016. In Großbritannien sind rund 304 Gebäude über 18 Meter Höhe mit ähnlichem Material verkleidet, wie es beim Grenfell Tower verbaut wurde.

DEFINITION

Das, was wir ein schlechtes Gewissen nennen, ist immer ein gutes Gewissen. Es ist das Gute, was sich in uns erhebt und uns bei uns selbst verklagt.
THEODOR FONTANE,dt. Schriftsteller (1819-1898)


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