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Hochkonjunktur für Rechthaber


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 9/2018 vom 03.08.2018

DEBATTENKULTUR Politische Diskussionen werden oft hitzig und kompromisslos geführt. Das hat Folgen. Denn die Art, wie wir miteinander streiten, prägt auch unser Verständnis davon, was wahr ist.


Auseinandersetzungen wie die rechts wiedergegebene zwischen Donald Trump und Hillary Clinton sind im politischen Klima der USA längst die Regel und greifen auch in Europa zunehmend um sich. Wir haben beinahe schon vergessen, wie sehr sich das von den Diskussionen unterscheidet, die wir im Alltag zumeist führen. Stellen wir uns zwei Freunde vor, die besprechen, wo sie zu Abend essen sollen. Einer schlägt vor: ...

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 9/2018

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... »Lass uns das neue indische Restaurant ausprobieren. Ich war schon Monate nicht mehr indisch essen.« Der andere entgegnet: »Der Inder hat aber schlechte Kritiken bekommen. Wollen wir lieber Pizza essen gehen?« »Das wusste ich noch gar nicht. Okay, dann Pizza«, willigt der erste ein. Beide beginnen die Diskussion mit einer eigenen Meinung. Dann hören sie sich die Argumente des anderen an und einigen sich schließlich. Solche Unterhaltungen führen wir andauernd. Die ihnen zu Grunde liegende Haltung könnte man »argumentieren, um zu verstehen« nennen.

UNSERE EXPERTEN

Matthew Fisher ist Psychologe und forscht an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh (USA).Frank C. Keil lehrt als Professor für Psychologie und Linguistik an der Yale University, wo auchJoshua Knobe als Professor für Philosophie und Kognitionswissenschaften tätig ist.Brent Strickland ist Kognitionsforscher am Institut Jean Nicod in Paris (von links nach rechts).

Bei dem letzten Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump vor der US-Präsidentenwahl 2016 kam auch das Verhältnis zu Russland zur Sprache. Auf Clinton zeigend, sagte Trump:

PICTURE ALLIANCE / UPI PHOTO VIA NEWSCOM / KEVIN DIETSCH

Auf einen Blick: Auf den Stil kommt es an!

1 Ob es auf moralischem Gebiet objektiv richtige, unbestreitbare Wahrheiten gibt, ist bis heute eine umstrittene philosophische Frage.

2 Ein aufs Rechthaben gerichteter Diskussionsstil lässt uns die geäußerten Ansichten eher als »wahr« oder »falsch«, weniger als Ansichtssache betrachten.

3 Wenn solche Argumentationsformen in sozialen Medien um sich greifen, kann dies die Annahme, es gebe objektiv richtige Antworten, verstärken.

Die wachsende ideologische Spaltung unserer Gesellschaft fördert regelrecht die Feindseligkeit gegenüber denjenigen, die eine andere Meinung vertreten. Jüngste Umfragen zeigen, dass liberal und konservativ gesinnte Bürger wenig Umgang miteinander pflegen, häufig negative Ansichten über die gegnerische Seite haben und sogar unglücklich wären, wenn ein Familienmitglied jemanden aus dem »anderen Lager« heiraten würde.

Gleichzeitig haben soziale Medien in den letzten Jahren die Art und Weise, wie wir unsere Nachrichten und andere Informationen aufnehmen, stark verändert. Sie filtern häufig gemäß unseren politischen Präferenzen und verbannen andere Sichtweisen weitgehend aus der eigenen »Filterblase«. Hinzu kommt, dass sich im Internet Inhalte, die für besondere Aufregung sorgen, meist viel schneller verbreiten als andere – ein idealer Nährboden für Fake News. Unter solchen Bedingungen dürfte unsere Gesellschaft auch künftig weiter auseinanderdriften und immer weniger konsensfähig werden.

Angesichts dieser Tendenzen stellten wir uns die Frage, wie sich das »Argumentieren, um zu gewinnen« psychologisch auswirkt. Was geschieht in den Köpfen von Menschen, wenn sie sich nur mit dem Ziel austauschen, den anderen zu dominieren – und wie verändert das womöglich ihre eigene Denkhaltung? Statt nur philosophische Betrachtungen anzustellen, entwarfen wir ein Laborexperiment. Laut unserer Hypothese ist die Argumentationsform mitentscheidend dafür, wie Menschen das zur Debatte stehende Thema selbst verstehen.

Seit Jahrhunderten streiten Philosophen darüber, ob es auf dem Gebiet der Moral so etwas wie objektive Wahrheiten gibt. Der Kern des Problems lässt sich gut an einem Gedankenexperiment aufzeigen: Stellen wir uns zunächst eine Diskussion über eine Frage aus den Naturwissenschaften oder der Mathematik vor. Person A behauptet: »Die dritte Wurzel aus 2197 ist 13.« B dagegen meint: »Nein, die dritte Wurzel aus 2197 ist 14.« Vermutlich wissen auch Sie nicht sofort die richtige Antwort. Trotzdem dürften Sie sich sicher sein, dass es nur ein einziges richtiges Ergebnis gibt (13). Das ist keine Ansichtssache, sondern eine nicht weiter verhandelbare Tatsache.

Betrachten wir nun folgendes Szenario: Zwei Freundinnen gehen mittagessen und können sich nicht einigen, womit sie ihren Bagel belegen sollen. Mary sagt: »Der Frischkäse ist total lecker.« »Quatsch«, erwidert Susan, »der schmeckt scheußlich.« Hier sind wir geneigt, jeder der beiden ihre eigene Sichtweise zuzugestehen. Selbst wenn zwei Menschen gegensätzliche Meinungen vertreten, kann es sein, dass keiner von beiden »Recht hat«. In diesem Fall gibt es keine objektive Wahrheit.

Wie verhält es sich damit nun bei moralischen Fragen? Nehmen wir an, die beiden Freundinnen diskutieren beim Mittagessen über Abtreibung: »Das ist moralisch verwerflich und sollte verboten sein«, meint Mary. Darauf sagt Susan: »Ach was, es gibt nichts gegen eine Abtreibung einzuwenden, sie sollte vollkommen legal sein.« Wie ist jene Art der Auseinandersetzung zu beurteilen? Gibt es hier wie bei der Matheaufgabe eine richtige Antwort, oder handelt es sich um eine Ansichtssache, bei der man gegensätzlicher Meinung sein kann, ohne dass einer falschliegt?

»Objektivisten« sind verschlossener

In den letzten Jahren gingen nicht nur Philosophen, sondern auch Psychologen und Kognitionsforscher dem Problem auf den Grund. Wir untersuchten empirisch, wie Menschen über solche Themen tatsächlich denken: Sind sie der Überzeugung, dass es auf moralische Fragen eine objektiv richtige Antwort gibt, oder vertreten sie vielmehr eine relativistische Sicht?

Die Forschung hat gezeigt, dass beide Varianten zu finden sind. Während manche Menschen eher objektivistisch denken, sind andere als Relativisten einzuordnen. Fragt man Versuchsteilnehmer beispielsweise, ob sie bereit wären, ihre Wohnung mit jemandem zu teilen, der andere moralische oder politische Überzeugungen hat als sie selbst, so lehnen Objektivisten das häufiger ab. Sie setzen sich auch weiter weg, wenn man sie bittet, neben einer Person Platz zu nehmen, die eine andere politische Ansicht vertritt. Kurz: Objektivisten sind oft verschlossener gegenüber »Abweichlern« als Relativisten.

Wie kommt das? Nun, wenn jemand nur eine Antwort als korrekt betrachtet, schlussfolgert er vermutlich, dass jede anders lautende Ansicht falsch und damit vernachlässigbar ist. Die eigene Auffassung über objektive moralische Wahrheiten prägt also, wie man an die Aus einandersetzung mit anderen herangeht. Wir konzentrierten uns in unserer eigenen Studie jedoch auf die entgegengesetzte Wirkrichtung: Beeinflusst vielleicht auch die Art, wie wir miteinander streiten, ob wir zu objektivistischen oder relativistischen Ansichten neigen?

Hierfür ließen wir erwachsene Probanden online eine politische Diskussion führen. Jeder Teilnehmer äußerte zunächst seine persönliche Meinung zu verschiedenen umstrittenen Themen, wie beispielsweise zum Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder auf Waffenbesitz. Dann ordneten wir jeweils zwei Personen mit gegensätzlichen Standpunkten einander zu und baten sie, über das Thema weiterzudiskutieren. Die Hälfte der Personen ermutigten wir dabei, zu »argumentieren, um zu gewinnen«. Die Instruktion lautete hier, die Debatte solle »hart geführt« werden mit dem Ziel, den anderen zu übertreffen. Was genau die Art von Kommunikation fördert, die man jeden Tag in den sozialen Medien erleben kann. Ein beispielhafter Dialog verlief so:

A: »Ich finde 100-prozentig, dass eine Frau die Wahl haben sollte.«
B: »Abtreibung sollte verboten werden, weil sie ein ungeborenes Leben tötet.«
A: »Das Gesetz unseres Landes erlaubt Abtreibung, das Land, in dem du lebst!«
B: »Mit 21 Tagen beginnt das Herz zu schlagen. Das ist Mord!«

Die übrigen Teilnehmer sollten hingegen »argumentieren, um zu verstehen«. Ihre Aufgabe war es, sich um einen kooperativen Austausch zu bemühen, mit der Absicht, so viel wie möglich vom jeweiligen Gesprächspartner zu lernen. Diese Dialoge unterschieden sich im Ton deutlich von den anderen:

A: »Ich finde, alle Frauen haben ein Recht auf Abtreibung. Ich verstehe, dass man bestimmte Regeln für das Wann und Warum braucht. Aber ich denke, ganz gleich aus welchem Grund, sollte bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Abtreibung möglich sein.«
B: »Ich glaube, Leben beginnt mit dem Zeitpunkt der Befruchtung. Deshalb ist eine Abtreibung für mich mit Mord gleichzusetzen.«
A: »Ich kann deine Haltung verstehen. Für mich als Biologe ist klar, dass Leben ab der ersten Zellteilung beginnt. Trotzdem denke ich nicht, dass das ein Verbot der Abtreibung rechtfertigt.«

Natürlich überrascht es kaum, dass verschiedene Instruktionen zu unterschiedlichen Gesprächsstilen führen. Doch gibt es auch den umgekehrten Effekt? Kann der Ton einer Auseinandersetzung beeinflussen, wie die Personen das behandelte Thema im Nachhinein beurteilen? Nach den Gesprächen wollten wir von den Teilnehmern wissen, ob sie glaubten, dass es auf die jeweiligen Fragen eine objektiv richtige Antwort gibt. Erstaunlicherweise hatte der 15-minütige Wortwechsel tatsächlich die Meinungen beeinflusst: Nachdem die Probanden argumentiert hatten, um zu gewinnen, waren sie deutlich objektivistischer eingestellt, als wenn sie diskutierten, um zu verstehen. Zu welchem Zweck das Gespräch geführt wurde, veränderte also die Ansicht darüber, ob es eine einzige Wahrheit gibt oder nicht.

Kein offenes Ohr für Klimaskeptiker?

Das führt uns zu einer spannenden Frage: Welche Argumentationsform eignet sich besser, um kontroverse politische Themen zu behandeln? Sicherlich würde kaum jemand bestreiten, dass ein kooperativer Dialog wichtig ist und ein bloßer Konkurrenzkampf eher kontraproduktiv. Dennoch gibt es Fälle, in denen die Sache nicht so eindeutig ist. Angenommen, Sie führen eine Debatte mit Klimaskeptikern. Sie könnten versuchen, sich mit den Zweiflern zusammenzusetzen, ihre Argumente ernst zu nehmen und sich zu bemühen, daraus etwas zu lernen. Allerdings kann man dies auch als einen ganz falschen Ansatz betrachten. Warum sollte man sich für Ideen öffnen, die dem wissenschaftlichen Konsens widersprechen? Legitimiert man damit nicht bloß eine extreme Position, die einfach nicht als gleichwertig zu betrachten ist? Vielleicht ist es in manchen Situationen doch besser zu argumentieren, um zu gewinnen – nur in welchen?

Die Frage, welche Argumentationsform letztlich die beste ist, lässt sich empirisch kaum beantworten. Doch unsere Ergebnisse zeigen, dass die Art der Debattenführung unser Verständnis davon verändern kann, was als objektiv richtig zu gelten hat und worüber man geteilter Meinung sein kann. Je mehr wir argumentieren, um Recht zu haben, desto eher bekommen wir das Gefühl, es gebe nur eine einzige korrekte Antwort. Umgekehrt gilt: Je mehr wir argumentieren, um zu verstehen, desto mehr werden wir meinen, es existiere keine alleinige Wahrheit und andere Ansichten seien ebenso gerechtfertigt. Denken Sie also bei der nächsten Diskussion auf Facebook oder Twitter daran, dass es nicht nur darum geht, was Sie diskutieren – sondern auch wie.

QUELLEN

Fisher, M. et al.: The Influence of Social Interaction on Intuitions of Objectivity and Subjectivity.In: Cognitive Science 41, S. 1119–1134, 2017

Goodwin, G. P., Darley, J. M.: Why Are Some Moral Beliefs Perceived to Be more Objective than Others?In: Journal of Experimental Social Psychology 48, S. 250–256, 2012

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1576118