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Höhen und Tiefen


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 08.03.2019

In Berlin kommen Dokumente Ludwig van Beethovens zur Auktion


Die Welt ist ein König u.sie will geschmeichelt sein, soll sie sich günstig zeigen – doch wahre Kunst ist eigensinnig, läßt sich nicht in schmeichelnde Formen zwängen“, notierte Ludwig van Beethoven einmal. So kennt man – und so schätzt man ihn. Denn diesem Credo verdankt sich ein musikalisches Universum mit unverwechselbaren Charakteren. Da gibt es beispielsweise die „Kreutzersonate“ in A-Dur Opus 47, ein Funken sprühendes Rendezvous zwischen Klavier und Violine, das in Lew Tolstois gleichnamiger Novelle tödliche Eifersucht provoziert. Dann die diabolische „Appassionata“ in f-moll Opus 57, unter deren „destruktiver“ Wucht einst sogar Arthur Rubinsteins Klavierhocker zusammenkrachte. Und, und, und, und, und – hochprofilierte Werke, die das Gros der Zeitgenossen mit Worten wie „Aber lieber Beethoven, was haben Sie denn da wieder gemacht?“ quittierte.

Doch es gab nicht nur den numinosen Beethoven, der souverän in seiner Sphäre wirkte. Es gab auch den menschlichen, um nicht zu sagen: allzu menschlichen. Und der wollte nicht nur von den Connaisseurs der Szene – der wollte von der breiten Masse angebetet werden.

Nach 1810 bediente Beethoven ein paar Jahre lang den Unterhaltungsmarkt. Verlockt durch lukrative Angebote, Verstrickt in eine unglückliche Affäre, mitgerissen schließlich vom allgemeinen Jubel über Napoleons fortschreitende Machterosion in Europa, begab sich der Komponist, „dem die Vorsehung im Tonreiche vielleicht den höchsten Thron zugewiesen, unter die gröbsten Materialisten“ – wie Wenzel Tomaschek enttäuscht bemerkte. Konkret bezog sich der Kollege auf eine Akademie vom 2. Januar 1814 im Wiener Redoutensaal, in der Musik aus Beethovens jüngster Schaffensperiode für geradezu orgiastischen Beifall gesorgt hatte – insbesondere die opulent instrumentalisierte Battaglia „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“ Opus 91, die den unlängst in Nordspanien erkämpften Triumph der Alliierten über Joseph Bonaparte mit bombastischer Rhetorik verherrlichte.


Ein paar Jahre lang bediente der Komponist den Unterhaltungsmarkt


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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 4/2019

TAXE 2000 € Ludwig van Beethoven (1770 – 1827), Erstausgabe des Streichquartetts Es-Dur op. 127, Mainz, B. Schott’s Söhne, 1826


Zur Aufführung kamen damals auch drei zugkräftige Nummern aus dem 1811 entstandenen Festspiel „Die Ruinen von Athen“ Opus 113, mit dem Anfang 1812 das kaiserliche Theater in (Buda-)Pest eingeweiht worden war. Stargardt offeriert bei 80 000 Euro ein doppelseitig beschriebenes Skizzenblatt zu diesem zügig hingeworfenen (und gut bezahlten) Gelegenheitswerk – darauf unter anderem der melodische Verlauf der überaus populären „Marcia alla turca“ (Abb.rechts oben).

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TAXE 80 000 € Ludwig van Beethoven (1770 – 1827), doppelseitig beschriebenes Skizzenblatt mit Entwürfen zu „Die Ruinen von Athen“ op. 113, Teplitz, 1811


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TAXE 20 000 € Ludwig van Beethoven (1770 – 1827), eigenhändige Quittung mit Unterschrift über die Bezahlung des Streichquartetts Es-Dur op. 127, Wien, 15. April 1825


Der „Wiener Kongress“ von 1814 / 15, auf dem die Siegermächte nach Napoleons „Waterloo“ Europa neu zu ordnen gedachten, machte die k.-k.-Musikmetropole vorübergehend zu Europas Hauptstadt. Beethovens Karriere als Trivialkomponist erreichte ihren Höhepunkt – und neigte sich dann auch schnell dem Ende zu. Verdankt hatte sie sich dem Credo dieser Jahre – nämlich: „dass man gewiß schöner schreibt, sobald man für das Publikum schreibt, ebenso wenn man schnell schreibt.“ Hoppla!? Ja: echter Beethoven. Aber wer weiß? Vielleicht hat die stürmische Zeit in Glanz und Gloria ja die Wolken um den musikalischen Olymp vertrieben – und die Sicht auf den „höchsten Thron“ freigegeben, den er dann schließlich doch noch besteigen sollte. Jedenfalls scheint der ganze Spaß Kraft für hochkonzentrierte Arbeit gespendet zu haben.

Stargardt versteigert auch Dokumente, die mit dem späten Beethoven – „Le Dieu“, wie Franz Liszt ihn nannte – in Verbindung stehen. Etwa eine gestochene Visitenkarte (Taxe 4000 Euro), die der Musiker 1820 in einem Brief an den Gesellschafter seines Verlegers Artaria erwähnte („Wegen meiner Besuchskarte erinnere ich Sie ebenfalls – ganz Einfach nemlich: Ludwig van Beethoven“).

Als wichtigstes Los aus dieser Zeit aber kommt eine auf den 15. April 1825 datierte Quittung Beethovens über den Erhalt „von 50 Ducaten in Gold gegen Ablieferung eines für die Herrn B. Schott Söhne in Mainz verfaßten Quartetts“ zum Aufruf (Abb.rechts unten; Taxe 20 000 Euro) – gefolgt von der im Juni 1826 als Opus 127 erschienenen Erstausgabe der Partitur (Abb.links; Taxe 2000 Euro). Das Werk in Es-Dur ist Teil einer Streichquartett-Pentade, die den Komponisten bis kurz vor seinem Tod beschäftigte („Einladung zum Leichenbegängniss“, Wien, 29. III. 1827; Taxe 2500 Euro).

Nach der Uraufführung im März 1825 „verließ das mit hoher Spannung gekommene Auditorium ziemlich verduzt den Saal“, berichtet Beethovens Adlatus Anton Schindler. „Man frug sich gegenseitig, was man denn eigentlich gehört habe.“ Das Publikum war mit einem wahrlich verstörenden Kosmos aus „eigensinnigen“, antithetisch kombinierten musikalischen Charakteren konfrontiert worden, die jegliche Form zu sprengen schienen. Denn der „Herrgott“ Beethoven hat seinen großen Tiergarten am Ende noch im Rahmen „toleranter“ Riesenwerke geeint. Deshalb schwärmte Theodor W. Adorno: „Man kann nicht mehr wie Beethoven komponieren, aber man muss so denken, wie er komponierte.“

STARGARDT Berlin

Auktion 12. / 13. März, Hotel Bristol, Kurfürstendamm 27 Besichtigung 11. März


Abb.: Stargardt, Berlin

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