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HÖRTEST 2022


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LP Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 08.07.2022

Szene & Events

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NORDDEUTSCHE HIFI-TAGE

Es wird allerhöchste Zeit! Nach dem pandemiebedingten Ausfall im letzten Jahr und Anfang diesen Jahres starten die Norddeutschen HiFi-Tage HÖRTEST 2022 mit sommerlichem Elan im August durch. Ein doppeltes Novum: Nicht nur findet die beliebte HiFi-Messe zum ersten Mal im Privathotel Lindtner, sondern auch im Spätsommer statt im Winter. Für HiFi-Fans aus allen Himmelsrichtungen dürfte der Ausflug eine willkommene und lang vermisste Abwechslung sein, denn es wird viel Neues für Musik- und Technikbegeisterte zu entdecken geben. Endlich wieder gemeinsam und von Mensch zu Mensch fachsimpeln und Spitzentechnik live erleben. Vor dem Eingang, in der Lobby, den Konferenzsälen, Fluren und in zahlreichen individuell für Hörtests präparierten Hotelzimmern entdecken und erleben Sie die besten und angesagtesten Produkte. Von Kopfhörern über smarte Radios und mobile Speaker, ...

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... Streaming-Lösungen, Lautsprecher aller Art bis hin zu feinster Analogtechnik ist alles dabei. Das Angebot ist äußerst vielfältig und breit gefächert. Experten der Hersteller und Vertriebe stehen Ihnen persönlich Rede und Antwort. Die Liste der teilnehmenden Aussteller, sowie Hinweise zu Workshops finden Sie auf der Webseite hifitage.de. Der Eintritt ist frei!

Workshop-Reihe Keine Norddeutschen HiFi-Tage ohne die angesagte Workshop-Reihe: Die Sessions finden in unterschiedlichen Räumen und mit wechselnden Vorführgeräten statt. Die Workshop-Themen und -Termine werden spätestens vor Ort bekannt gegeben. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall, denn selbst erleben ist besser als Hörensagen.

Wann: 20. – 21. August 2022, 10.00 – 18.00 Uhr; Sonntag: 10.00 – 16.00 Uhr Wo: Privathotel Lindtner, Heimfelder Str. 123, 21075 Hamburg Internet: hifitage.de

Wann: Sa, 03.09.2022 von 10-18 Uhr, So, 04.09.2022 von 10-16 Uhr Wo: Holiday Inn Stuttgart, Mittlerer Pfad 25-27, 70499 Stuttgart Internet: süddeutsche-hifitage.de

SÜDDEUTSCHE HIFI-TAGE

Nur 14 Tage nach Hamburg kommt der Süden der Republik in den Genuss einer eigenen HiFi-Show: Die Süddeutschen HiFi-Tage öffnen ihre Tore. Der Austragungsort ist das bewährte Hotel Holiday Inn. Die Webseite des Veranstalters listet schon jetzt 50 Aussteller, so dass sich eine Ausflug an besagtem Wochenende unbedingt lohnen dürfte.

Gelungener Auftakt für den Relaunch regionaler HiFi-Messen

Mit einer positiven Bilanz der ersten FINEST AUDIO SHOW Neuss setzt die HIGH END SOCIETY Service GmbH den Erfolg der HIGH END 2022 fort. Die regionale HiFi-Messe verzeichnete am vergangenen Wochenende im Dorint Kongresshotel Düsseldorf/Neuss mit rund 1.500 Gästen ein hohes Besucheraufkommen, über das sich sowohl Aussteller als auch Veranstalter sehr zufrieden zeigen. 23 Firmen waren mit 57 namhaften Marken vertreten und präsentierten ihre Messeneuheiten in den Konferenzräumen des Hotels. Sie alle verzeichneten insbesondere am Samstag durchgehend gefüllte Vorführungen. Auch am Sonntag lockte die Publikumsmesse bei sommerlichen Temperaturen zahlreiche Interessierte aus der Umgebung an.

Die FINEST AUDIO SHOW wird 2022 zwei weitere Male aufgelegt. In Dortmund findet sie am 5. und 6. November im TOP Tagungszentrum statt und kurz darauf in Hannover am 26. und 27. November im HCC. Die regionalen Messen ergänzen sinnvoll die weltweit führende Audio-Messe HIGH END, die der Veranstalter seit vielen Jahren in München ausrichtet. Insbesondere Endverbraucher, die nicht nach Bayern reisen können, werden mit den kleineren lokalen Ausstellungen angesprochen.

Kontakt: High End Society, Wuppertal Telefon: 0202 702022

Internet: highendsociety.de

FRICKELFEST 2022

Wen es nach HiFi der etwas anderen Art gelüstet, der kann bestimmt mit dem Treiben auf dem „Frickelfest“ etwas anfangen. Das ist eine jährlich ausgetragene geschlossene Veranstaltung von Leuten, die dem Thema Musikwiedergabe abseits kommerzieller Ambitionen frönen. Deshalb gibt’s auf dem Frickelfest auch keine Produkte zu sehen und zu hören, sondern in den allermeisten Fällen Momentaufnahmen vom Stand zahlreicher Projekte. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt, der Vielfalt an Formen und (Klang-)farben auch nicht. Und in Anbetracht der mittlerweile im Teilnehmerfeld vertretenen Branchenprofis gelangt die eine oder andere in diesem Umfeld geborene Idee vielleicht dann doch mal ans Licht einer breiteren Öffentlichkeit.

Wer mal einen Blick darauf werfen will, was dort nach zweijähriger Pause diesmal Töne produzieren durfte, dem sei ein Blick auf die Seite frickelfest.com/?page_id=116 ans Herz gelegt.

Calexico – El Mirador

■ Label: City Slang

■ Bestellnummer/Katalognummer: Slang50410LP

Genre: Americana/Latin Indie-Rock

Calexico war eine der ersten Bands, von denen ich mir zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Vinyl-Scheibe gegönnt habe. „Hot Rail“ hieß sie und trug dazu bei, meinen musikalischen Horizont deutlich zu erweitern. Weniger Metal, mehr Cucaracha, sozusagen. Zwischenzeitlich bin ich die Karriere der Jungs aus Tucson, Arizona, nicht mehr ganz so intensiv verfolgt, auch wenn mir das ein oder andere starke Album in Erinnerung blieb. Die letzten Veröffentlichungen empfand ich dann zwar als ganz nett (oder kurios), doch meine subjektive Aufmerksamkeit konnten sie nicht mehr so sehr erregen. Das ändert sich mit „El Mirador“, dem zehnten regulären Album von Calexico, auf dem die Band einerseits zu alten Stärken wie im stimmungsvollen, ruhigen, von fluffiger Percussion und melancholischer Trompete getragenen „Turquoise“ zurückfinden, andererseits aber richtig schmissige Melodien mit Tiefe und Wiedererkennungswert („Constellation“, mein Favorit) draufhaben. Beides hatte ich zuletzt doch etwas vermisst. Dabei bleiben sich Calexico treu und schrauben den Latin-Anteil der meisten Songs nochmals eine Umdrehung rauf. Die Grundstimmung des Albums ist optimistisch, teilweise sogar fröhlich („Rancho Azul“). Das ist auch nicht selbstverständlich, in der Zeit dem bösen C-Wort und dem Rückfall in dunkelste Geschichte. Calexico scheren sich nicht drum und liefern musikalischen Sonnenschein der ersten Qualitätsgüte ab – auch wenn sie uns mit „Caldera“ eine Spur nachdenklicher und dafür umso nachhaltiger aus dem Album entlassen. Ach ja, und es klingt auch richtig gut: Offen, dynamisch, transparent, druckvoll, sauber. Ein Muss für Fans und ein guter zeitgenössischer Einstieg für Neulinge in Calexico.

(mb)

Fazit: Unerwartet fröhliches und melodisch einprägsames Album. Gefällt.

Envy of None – Envy of None

■ Label: Kscope

■ Bestellnummer/Katalognummer: KSCOPE582

Genre: Synth Prog-Art Rock

Envy of None ist meines Erachtens kein Projekt des Rush-Gitarristen Alex Lifeson (mit bürgerlichem Namen Aleksandar Živojinović). Die Band bewegt sich trotz gelegentlicher Ausflüge in Rush-artige Gefilde insgesamt zu weit weg vom Stadion-Prog-Rock der Kanadier. Stattdessen nimmt Lifeson hier eher die Rolle eines Mentors und Publicity-Zugpferds ein., Und das ist auch gut so, denn wer weiß, ob Envy of None eine größere Aufmerksamkeit erfahren würden, wäre da nicht der berühmte Name. Und das wäre schade, denn der stark elektronisch geprägte Post-Pop-Rock-Alternative der Band hat Potenzial, auch wenn er leider nicht wirklich taufrisch klingt. Gehört hat man das alles irgendwie irgendwann irgendwo schon mal. Jedoch verstehen es die drei gestandenen Recken (neben Alex Lifeson spielen Coney-Hatch-Basser Andy Curran und Gitarrist/Keyboarder Alfio Annibalini mit) sowie die junge Sängerin Maiah Wynne meisterhaft, das Material spannend und interessant zu interpretieren. Gerade Maiah Wynne prägt das Album mit ihrem ätherischen, glockenklaren Gesang, der Envy of None ein Stück weit von ähnlich gelagerten Acts abhebt und den Songs eine gewisse Intimität verleiht. Andererseits könnte man anführen, dass es ihr ein wenig an Dynamik im Ausdruck mangelt. Relativ harte Tracks wie „Dog’s Life“ rütteln aber genug auf, um das Album zu einem kurzweiligen Vergnügen zu machen. So ist das Debüt von Envy of None nicht der Überhammer geworden, den sich manche (Rush-Fans) vielleicht erhofft haben, doch gut bis sehr gut ist es allemal. Differenzierter, etwas überkomprimierter Sound

(mb)

Fazit: Solider und kurzweiliger Experimental-Alternative.

Erebe – Aeon

■ Label: Silent Future Recordings

■ Bestellnummer/Katalognummer: SFR003

Genre: Post Metal

Es kommen ja immer noch Überraschungen, die einen sofort zum Plattenladen pilgern lassen. Dieses Mal kommt die Überraschung aus dem Westen Frankreichs und hört auf den Namen Erebe. Die Einflüsse auf dem Debüt—Album „Aeon“ reichen in einem weiten Bogen von zeitgenössischer Musik, Ambient-Elektronik und Shoegaze bis hin zu extremem Metal in verschiedensten Variationen. „Aeon“ ist ein eher „dunkles“ Album geworden und wirkt nach mehrmaligem Hören wie in Monolith aus Obsidian, schwarz schillernd, glatt und doch hart und mit scharfen Kanten.

Stilistisch pendeln Erebe irgendwo zwischen Progressive Rock und Post-Metal. Geneigte Fans dieser Genres werden wohl Anklänge von Größen wie Opeth, The Ocean, Karnivool, Katatonia und The Contortionist heraushören – ohne dass man als Kopie irgendeiner dieser Bands durchginge. Sehr interessant: Erebe setzen drei verschiedene Sänger (von clean über kreisch bis growl) ein, um der Dramaturgie ihrer intensiven Texte gerecht zu werden. In der Tat sind es gerade diese vielen komplexen Melodie- und Harmonieschichten, die die eindrücklichsten Merkmale vieler Aspekte dieses Albums. Startet „Aeon“ noch mit recht konventionellen Post-Metal-Tracks, zeigen die Franzosen gegen Ende erst so richtig, was sie in Sachen Komposition draufhaben. Erebe verweben die Songstrukturen geradezu meisterlich miteinander, zumal die technische Ausführung auf allerhöchstem Niveau stattfindet. Kein Wunder, denn der Hauptkomponist und Rhythmusgitarrist der Band, Augustin Braud, ist „nebenbei“ ein preisgekrönter Komponist zeitgenössischer klassischer Musik. Die Pressung geht voll in Ordnung, die Produktion ist für ein solches Nischenprodukt gar nicht so schlecht: druckvoll und hinreichend transparent. Überhammer: das abschließende „The Collector“.

(mb)

Fazit: Hervorragendes, leidenschaftliches Album mit Abwechslung. Diese Jungs wissen, was sie wollen!

Flo – Brave Ragazze

Genre: Italienischer Folk

■ Label: Soundfly

■ Bestellnummer/Katalognummer: SFLP 004

Wer die Künstlerin FLO auf Discogs sucht, muss Glück haben, sie zu finden. Denn ihr eigentlicher Name ist Floriana Cangiano. Die ebenso attraktive wie begabte neapolitanische Singer-Songwriterin reflektiert auf ihrem Album mit dem bezeichnenden Namen „Brave Ragazze“ (Mutige Frauen) über die verschiedenen Rollen der Frau als Mutter, verliebter Mensch, Künstlerin und – auch wenn so mancher es nicht mehr hören oder lesen kann – Frauen, die im Körper eines Mannes geboren wurden. Wer jetzt die Augen verdreht, sollte sich „Brave Ragazze“ erst einmal unvoreingenommen anhören und sich der Leidenschaft und Inbrunst von Floriana Cangiano hingeben. Man muss die Texte gar nicht verstehen um den Schmerz, die Lebensfreude und die Schönheit hinter den Melodien und Gedanken zu erkennen. Flo singt und spielt eigene Lieder, aber auch Songs aus den Federn bekannter Sängerinnen aus Italien und Südamerika, wie zum Beispiel Gabrielle Ferri, La Lupe, Violeta Parra und anderen. Immer sind die Protagonistinnen Frauen – mit Erfolg oder in Einsamkeit lebend, das ist egal. Als Gäste auf der Platte hören wir den Avantgarde-Musiker Paolo Angeli, der im Track „Maddalena“ mitwirkt und dem Track eine weitere, nochmals tiefere Dimension verleiht. Großartige Musik, großartige Musiker und viel Spaß kommen auf dieser Platte zusammen! Ebenso lebensfroh und farbig wie die Musik ist das gut gepresste gelbe Vinyl der Schallplattenausgabe, die sich auch klanglich nicht verstecken muss.

(mb)

Fazit: Schwungvoll, lebensfroh – mal dramatisch, immer mitreißend. Toll!

Ou – One

■ Label: Inside Out Music

Genre: Avantgarde Metal

Ja was ist das denn bitteschön? Bahnt sich hier vielleicht so was wie ein neuer Stil – ein neues Sub-Genre gar – im Metal an? K-Metal vielleicht? Nee, technisch gesehen – wenn schon, denn schon – ist das hier C-Metal. Denn trotz gewisser melodischer Parallelen zum süßlichen Korea-Pop stammen die Mitglieder von Ou bis auf den amerikanischen Drummer and Songwriter Anthony Vanacore aus Peking. Und mit „one“ liefert die Band einen Export aus dem fernen Osten, der sich gewaschen hat. Überwältigend, herausfordernd, einschmeichelnd, vertrackt, eingängig, chaotisch und bestens geordnet zugleich. Man kann es sich vielleicht so vorstellen, dass Steve Vai, The Gathering, Devin Townsend und eine leidenschaftliche Liebesnacht mit Meshuggah verbracht haben und daraus ein wunderschöner Bastard erwachsen ist, der von Fever Ray und Royksopp großgezogen wird – vielleicht zu einem Heiland für die kreativ dahinsiechende, sich in großen Teilen schon lange dem schnöden Kommerz hingebende Metal-Szene? So weit will ich nicht gehen, das wäre vermessen. Doch wenn man diesem Projekt Zeit und kreative Freiheit gibt, kann daraus etwas ganz Großes entstehen. Schon die ersten drei Songs „Travel“, „Farewell“ und „Mountain“ alleine sind die Highlights des Albums. Jeder für sich ein Mikrokosmos aus Ideen, aus denen Andere ganze Alben machen würden. In sich geschlossen und logisch, ohne Füllmaterial. Danach geht es mit „Ghost“ und „Euphoria“ eher ambiantig und ruhig, aber kaum weniger spannend weiter. „Dark“ fordert den Hörer auf andere Weise heraus, wirkt mit seinem durchgehenden Tigran-Hamasyanschen Stakkato-Piano dräuender. „Light“ verleitet dann zum leichten Schweben und Träumen. Grandios!

(mb)

Fazit: Grandioser Avantgarde-Metal aus China. Kracher!

Pattern-Seeking Animals – Only Passing Through

■ Label: Inside Out Music

■ Bestellnummer/Katalognummer: IOMLP 622

Genre: Progressive Rock

Man kann ja gar nicht genug philosophische Hintergründe in den Bandnamen und den Albumtitel hineininterpretieren – ob’s nun tatsächlich die Intention der Band war oder nicht. Was sind wir anderes als Tiere, die Muster – Bedeutungen – im Leben suchen und dabei doch nur auf der Durchreise sind. Wobei ich letzteres ja nicht religiös im Sinne eines Nachlebens sehe, sondern eher: Wir fangen auf zu existieren und dann hören wir irgendwann wieder damit auf. Aber egal, was interessiert Sie meine Meinung dazu. Jedenfalls liefern die Amerikaner auf ihrem dritten Werk Progressive Rock vom Feinsten ab, der Fans des Genres in Ekstase versetzen dürfte. Fans von Spock‘s Beard sowieso, sind doch die Musiker hinter PSA niemand anderes als Ted Leonard, Dave Meros, John Boegehold und Jimmy Keegan, die alle aktuelle oder ehemalige Mitglieder oder Gastmusiker der Progressive-Rocker sind. Warum also diese „Zweitband“ der aktiven Spock’s Beardler? Nun ja, so richtig klar wird das auch auf „Only Passing Through“ nicht. Der Geist von Spock wandert hier allenthalben durch die Rillen, so wirklich viele Unterschiede finden sich nicht. Ist PSA etwas „poppiger“ und doch gleichzeitig etwas experimenteller? Mag sein. Jedenfalls ist das, was die vier Jungs hier abliefern, grandios gut. Null Langeweile, hervorragende Melodien und gewiefte Kompositionen und Arrangements dürften jedem, der einen Tropfen Crimson im königlichen Blut hat und sanfte Giganten mag, die pinken Tränen in die Augen treiben. Alleine die ersten vier Stücke sind das Album doppelt wert, der Rest hält das überdurchschnittliche Niveau fast.

(mb)

Fazit: Geniales Prog-Rock-Werk.

Port Almond – Little Ships

■ Label: LowSwing Records

■ Bestellnummer/Katalognummer: LOSW 008

Genre: Alternative Singer/Songwriter

Auch wenn der introartige Opener „Piers“ dem geneigten Hörer vielleicht noch mit chilligen Soundscapes weißmachen will, dass es sich hier um eine Jazz-Platte handelt, so klärt schon das folgende „Go Ride Waves“ dieses Missverständnis – trotz jazziger Trompete – schnell auf. Nein, Port Almond zelebrieren auf ihrem zweiten Album auf LowSwing Records namens „Little Ships“ lupenreinen alternativen Singer-Songwriter-Pop mit Jazzgewürzen. Das hört sich ein wenig so an, als ob sich mitten in der Nacht, irgendwo an einer einsamen Kreuzung im amerikanischen Südwesten Yo La Tengo, ein milder Nick Cave und die neuzeitlichen The Gathering treffen und mit veränderlichen Gewichtsanteilen eine betont relaxte Session spielen. In „3:45“ schaut auch mal Chris Isaak kurz vorbei, und für „Ivy Machina“ würden sich Morphine nicht schämen. Abgesehen von diesen (oft ja nur subjektiven) Reminiszenzen: Das Album überzeugt ganz unabhängig vom stilistischen Wandel der Band um den Komponisten und Sänger/Gitarristen Rune Simonsen. Erstaunlich gefällig und immer songdienlich schweben die Vibraphon-Klänge, Klarinetten und Flöten, Wurlitzer, Rhodes, Synthies und Zither durch einen weiten Klangkosmos, den ein füllig produziertes Schlagwerk-Bass-Duo mit weichen, warmen Flauscheteppichen auslegt. Atmosphäre pur! Für die Produktion der sauber und detailreich klingenden Scheibe zeichnet wieder Label-Chef Guy Sternberg verantwortlich, und ihm ist hier ein weiteres – wie immer auf der warm-druckvollen Seite angesiedeltes – Bravourstück gelungen, wie immer rein analog und computerfrei produziert. Der limitierten 140-Gramm-Pressung liegt in der Serie ein spezielles Artwork bei, das dem Rezensionsexemplar leider fehlt – doch auch ohne dieses ist die Platte eine Zierde für jedes Schallplattenregal und eine Freude für die Ohren.

(mb)

Fazit: Stilistisch im Wandel, qualitativ auf der Höhe. Mein neuer LowSwing. Favorit.

Pure Reason Revolution – Above Cirrus

■ Label: Inside Out Music

Genre: Alternative Prog

Eine der am sträflichsten unterbewerteten Bands unserer Zeit ist Pure Reason Revolution. Da, ich hab’s gesagt. Und ich steh dazu. Wer progressiven, elektrolastigen Alternative mit zeitweiligem Metal-Einschlag mag – oder sich das vorstellen könnte, zu mögen – der wird die Band aus London mit einiger Sicherheit lieben. Die mittlerweile nur noch zwei Jungs (Sängerin und Bassistin Chloe Alper hat die Band kurz vor der gerade beendeten Tour mit den Proggern von Gazpacho im Regen stehen lassen und auch Drummer Paul Glover scheint nicht mehr dabei zu sein) ziehen ihr Ding auf sehr sicheren und unverwechselbaren stilistischen Pfaden durch, ohne jemals langweilig zu werden. Ich kenne keine andere Band, die so klingt wie PRR, und das ist heutzutage schon ein riesiges Kompliment. Natürlich zitieren PRR auf ihrem zweiten Longplayer nach ihrer zehnjährigen Schaffenspause ab und an mal bekannte Kollegen – glaube ich. Aber sie tun das so subtil, dass man nie wirklich draufkommt, wen denn nun eigentlich, oder überhaupt? Egal. Ihr eigenes Ding ist sowieso viel wertvoller. Der Mix aus elektronischen Spielereien, Verfremdungen und Beats mit poppigen Alternative-Melodien, hymnischen Chorälen und treibenden Metal-Gitarren ist ziemlich einzigartig, abwechslungsreich, überraschend, vor allem aber immer qualitativ extrem hochwertig, kurzweilig und mitreißend. Man kann Jamie Willcox (Gitarre) und Jon Courtney (Gesang und diverse Instrumente) nur wünschen, dass sie schnell einen adäquaten Ersatz am bass und an den Drums finden – es wäre jammerschade, wenn diese Band uns nicht noch mit weiteren Alben beglücken würde!

(mb)

Fazit: Ich liebe diese Band. „Above Cirrus“ ändert daran nichts.

Bruit – The Machine Is Burning And Now Everyone Knows It Could Happen Again

■ Pelagic Records PEL-206V

Genre: Postrock

Puh. Das ist keine ganz einfache Kost, den die vier Franzosen von Bruit da auf ihrem ersten richtigen Album vorlegen. Und doch die logische Fortsetzung der EP „Monolith“, mit der sich die Band erstmals zu Wort meldete. Bruit fassen den Begriff Postrock zweifellos weit, was schon daran liegt, dass Cello und Violine hier eine unüberhörbare Rolle spielen. Songstrukturen sind kaum zu erkennen, das Geschehen ähnelt mehr einer Reise durch wechselnde Landschaften. Der Opener „Industry“ ist ein überaus mächtiges, meistens düsteres Epos, das nur kurz von kargen Gesangseinlagen unterbrochen wird. Den Übergang zu „Renaissance“ bemerkt man kaum, wenn sich das Treiben hier letztlich auch in eine etwas freundlichere, aber mindestens ebenso gewaltige Klanglandschaft entwickelt. Diese Titelmonster brauchen Platz, mit Längen zwischen achteinhalb und gut zwölf Minuten haben sie den auch. Gleiches gilt auch für die beiden Kolosse auf der zweiten Seite. Auch wenn man wegen des minimalen Gesangsanteils kaum von „Text“ sprechen kann, will die Band mit de Album eine Botschaft vermitteln: Es ist eine traurige, die die unvermeidlichen letztlich destruktiven Zyklen beschreibt, in denen sich die menschliche Zivilisation immer wieder befindet. Auf eine Anlage, die Größe wirklich darstellen kann, ist das Album ein echtes Erlebnis, das man nur von vorne bis hinten hören kann. Der Sound des Ganzen geriet entsprechend: Es tönt transparent und dynamisch, lässt aber keinerlei Wärme vermissen. Erfreulich ist der geringe Störgeräuschpegel in den leisen Passagen. Die klassisch schwarze Platte ist gut gefertigt, im Gatefold stecken ein schönes Booklet und ein Poster, einen Download-Gutschein konnte ich nicht entdecken.

(hb)

Fazit: Gesellschaftskritik in fast wortlosem, düsteren und wunderschönen Postrock-Gewand

Electric Moon – The Doomsday Machine

■ Worst Bassist Records WBRLP11

Genre: Space Rock

Die ersten Töne gehören Lulu: Als Bassistin ist sie Mitglied der ersten Stunde beim deutschen Spacerock-Flaggschiff Electric Moon, als Labelchefin betreibt Lulu Neudeck das kleine, aber feine Speziallabel „Worst Bassist Records“ – den Namen gilt es mit einer Portion Selbstironie zu verstehen. Auch Lulu hat es, wie viel Kreative aus der Musikbranche in den letzten zwei Jahren, arg gebeutelt und eines der wenigen Dinge, mit denen sich noch ein bisschen Einkommen generieren lässt, ist die Vermarktung des eigenen Back-Kataloges. Und so ist „The Doomsday Machine“ denn auch kein neues Elaborat der Band, sondern eine Sonderausgabe zum elfjährigen Jubiläum des dritten Studioalbums.

Garniert mit vier „trippigen“ Kohlezeichnungen von Lulus Vater Ulrich Mahn aus den Siebzigern und Achtzigern, empfiehlt sich dieses Reissue auch unter gestalterischen Aspekten. So richtige „Studioalben“ gibt‘s und gab‘s bei Electric Moon eigentlich nie. Alle Veröffentlichungen sind mehr oder weniger spontan entstandene Improvisationen und unterscheiden sich kaum von den legendären Live-Auftritten der Band. Die fast ausschließlich instrumentalen.

Alle Titelentwickeln sich aus einer ruhigen Melodie- oder Rhythmuslinie heraus in zunehmend energischere Richtungen, immer auf der Suche nach einem noch treibenderen Ausdruck. Auf „The Doomsday Machine“ hat das hervorragend geklappt. Dabei fällt besonders der mit Abstand kürzeste Titel „Kleiner Knaller“ auf, der besonders schnell und eindringlich zu sich selbst findet. Eine schon fast unheimliche Zugkraft entwickeln jedoch alle fünf auf den vier Seiten der Doppel-LP untergebrachten Trips. Klanglich erfreut die Neuauflage mit Druck und Durchsicht und darf in Sachen Sound als sehr gelungen gelten. Die beiden Platten sind ohne Fehl und Tadel, wir freuen uns über gefütterte Innenhüllen.

(hb)

Fazit: Zweifellos eine Sternstunde in der langen Karriere der deutschen Vorzeige-Space-Rocker

Husten – Aus allen Nähten

■ Kapitän Platte – Kutter 062

Genre: Indierock

Deutschsprachiges gibt‘s an dieser Stelle ja eher selten, aber das hier, das ist etwas Besonderes. Die Band mit dem ungewöhnlichen Namen bringt nämlich drei Größen der aktuellen deutschen Musikszene zusammen, nämlich Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und „Den dünnen Mann“. Tobias Friedrich. Nach ein paar EP-Gehversuchen ist das hier das erste Full-Size-Abum des Projektes, und das sitzt. Mit erfreulich intelligenten Texten ergießt sich der stimmlich gut aufgelegte Gisbert über Befindlichkeiten und Weltschmerz aller Art. Musikalisch stehr ihm manchmal eine krachige Indiegitarre zur Seite, was erstaunlich gut funktioniert. Beim ruhigen Titelstück darf‘s auch ein gefühlvolles Marimbafon sein, der sonore Bass steht dem Track zudem gut zu Gesicht. Das ist alles ein bisschen schräg, aber wirklich Phantasievoll gemacht, schon die Titelnamen sind klasse: „Ja im Snne von nein“ oder „Der hier wird weh tun“. Gar nicht weh tut das Gastspiel von Sophie Hunger, die aus „Dasein“ mit zu Knyphausen ein sehr schönes Duett macht.

Das hat alles diese typische Berliner Lebendigkeit und sprüht vor Lust und Kreativität, bei den zehn erfreulich unterschiedlichen Songs gibt‘s keinen echten Durchhänger. Der Sound des Albus ist okay, ein bisschen mehr Transparenz bei der Stimme hätte nicht geschadet. Das vielfältige Instrumentarium ist gut sortiert, es tönt alles in allem schön fluffig. An der Platte gibt‘s nichts zu meckern, ein bisschen Ausstattung gibt‘s auch in Gestalt von ein paar großformatigen Fotos der Bandmitgliedern, Downlaod-Code und ein paar Kuchenrezepten – hier grüßt das sehr sympathische Label Kapitän Platte, die legen sowas gerne mal.

(hb)

Fazit: Deutschsprachige Popmusik der unterhaltsamen und hochklassigen Art

Playgrounded – The Death Of Death

■ Pelagic Records PEL-191V

Genre: Alternative Metal

Die fünf Mitglieder von Playgrounded stammen aus den Niederlanden und aus Griechenland, das aktuelle Album ist die dritte Veröffentlichung der Truppe. Musikalischgibt‘s einen interessanten Mix aus Post Metal und Alternative Rock, garniert mit einer Menge Elektronik. Auch wenn das Ganze meistens der schwergewichtigeren Ecke zuzuordnen ist, muss man sich als „normaler“ Rockfan keine Sorgen über die Verdaulichkeit der sechs Titel machen: Zum Teil gibt‘s hier nämlich einen sehr gelungene Gesangspart. Dafür zeichnet Stavros Markonis verantwortlich, und das ist kein Shouter und hat mit Growls schon mal gar nichts am Hut, der Mann kann wirklich singen. Bei der Strukturierung der Titel hat man manchmal etwas Mühe zu folgen, so recht kann sich die Band nicht entscheiden, ob sie „richtige“ Songs im Nu-Metal-Gewand spielen will oder sich im großen Ozean der Rockmusik treiben lassen will. Zu den starken Momenten des Albums gehört der ziemlich melodische Opener „The Swan“. Kann sich noch einer an die finnische Band „Him“ erinnern? In die Richtung geht‘s mitunter ein wenig, nur nicht ganz so seicht. Ebenfalls in sehr gut konsumierbaren Gefilden beheimatet: „Tomorrow‘s Rainbow“ zu Beginn der zweiten Seite. Nach dem etwas unentschlossenen „A Road Out Of the Flood“ gibt‘s mit „Our Fire“ einen schweren, aber schön langsamen Ausstieg. Klanglich geht die Scheibe in Ordnung. Sie setzt keine Maßstäbe in Sachen Dynamik und Transparenz, leigt insgesamt aber über dem diesbezüglichen Rockmusik-Durchschnitt. Das Rezensionsexemplar war nicht ganz gerade, wies sonst aber keine Probleme auf. Im Gatefold steckt ein hübsches Booklet mit Texten, kein Download-Code, ungefütterte Innenhülle.

(hb)

Fazit: Solide Performance im Grenzbereich zwischen Metal und Alternative Rock

Astor Piazzolla – The American Clavé Recordings

■ Label: Nonesuch / Warner

Genre: Nuevo Tango

Astor Piazzolla musste Argentinien verlassen, weil er um sein Leben fürchtete. Warum? Nun, sein Tango war so anders, so neu, dass er immer wieder auf Kontroversen und Anfeindungen hervorrief – so die Legende. Man kann es glauben, denn vom traditionellen „Bordell-Tango“ der argentinischen Hauptstadt ist auf keinem der drei remasterten Alben aus der American Clavé-Phase des Künstlers, die dieses schön gemachte Box-Set zusammenfasst, wirklich viel übriggeblieben. Aus dem Jazz entlehnte Strukturen durchbrechen immer wieder den süffig-schwofigen Tango-Charakter, fordern zur aktiven Beteiligung auch des Kopfes und nicht nur der Körperregionen unterhalb dessen heraus. Oft scheinen die Kompositionen Geschichten zu erzählen, Bilder entstehen vor dem inneren Auge des Zuhörers, das Herz schlägt schneller, wenn die wilde Jagd aus Bandoneon, Piano, Gitarre und Bass sich überschlagend voran galoppert. Große Klasse! Ach so ja, die Alben! „Tango: Zero Hour“ von 1986, „La Camorra“ von 1988 und „The Rough Dancer and the Cyclical Night (Tango Apasionado)” von 1989 finden sich auf sauber gepresstem 180-Gramm-Vinyl. Das Remaster klingt vorzüglich luftig und sauber, mit sehr guter Differenzierung. Warum aber ein solches unverzichtbares Kompendium der Frühwerke Piazzollas auf Vinyl so unverschämt teuer sein muss, werden wohl nur die Gierspacken von Tool (die ich musikalisch verehre, aber deren Geschäftspraktiken (Vinylversion von „Fear Inoculum“) ich boykottiere) verstehen. Hochglanz-Schuber und 180-Gramm hin, hübsche Aufmachung und Remaster her. In etwa das Zweieinhalbfache der CD-Version? Heftig – und wie bei Tool kaum mehr argumentierbar.

Wenn das mal gutgeht mit dem Luxusgut Vinyl

(mb)

Fazit: Unverzichtbar für Fans und alle, die es sich leisten wollen.

Mary Halverson – Amaryllis / Belladonna

■ Label: Nonesuch Records

■ Bestellnummer/Katalognummer: 075597912708

Genre: Improv Jazz / New Jazz

Es kommt nicht oft vor, dass Jazz, und noch dazu so „freier“ Jazz, mein Interesse weckt. Doch schon die ersten Takte von „Night Shift“, des Openers der „Amaryllis“-Hälfte dieses Quasi-Doppelalbums, nehmen mich mit einem unwiderstehlich vertrackten Rhythmus in Beschlag. Doppelalbum? Ja, denn die Gliederung des schön gemachten Gatefold-Albums in die beiden Suites „Amaryllis“ und „Belladonna“ hat gute Gründe. Während die „Amaryllis“-Suite sechs Stücke eines Improv-Sextetts um Gitarristin Mary Halverson (und bei dreien den zusätzlichen Einsatz des Mivos Quartet) beinhaltet, befinden sich in der „Belladonna“-Suite fünf durchkomponierte Stücke. Mir persönlich gefällt der „Amaryllis“-Part etwas besser, denn nicht ganz überraschend klingt’s hier spontaner, freier, lebhafter und spannender. Das hat Jam- und Bandcharakter. Auf „Belladonna“ dominiert das Mivos Streichquartett – was nicht bedeutet, dass die komponierten Stücke weniger herausfordernd wären. Denn die Kompositionen schrammen, wenn schon nicht atonal, so doch oft hart an der vom „durchschnittlichen Hörer“ so wahrgenommenen Schmerzgrenze. In einigen Stücken schimmern Einflüsse von Arvo Pärt durch: Hypnotisch sich wiederholende Grundthemen, über denen schillernde, mäandernde Strukturen von Mary Halversons Gitarrenimprovisationen mal dräuend, mal schräg, mal harmonisch wandern. Das verlangt ob der künstlerischen Ausdrucks und der puren technischen Leistung aller beteiligten viel Bewunderung ab, doch so gegen Ende der D-Seite dürfte nicht ganz so argen Fans freier Jazz-Formen unter Umständen verfrüht der Griff zum Tonarmlift unterlaufen. Sei’s auch nur, um wieder „Amaryllis“ aufzulegen. Ach ja: Beide Scheiben klingen toll!

(mb)

Fazit: Spannend, herausfordernd, belohnend. Nichts für nebenbei.

Alphonse Mouzon – By All Means

■ Label: MPS

■ Bestellnummer: 0215722MSW

Genre: Jazz-Funk

Das 1981 für das MPS-Label eingespielte Album polarisiert mit seiner Musik und wird bei vielen Fusion-Fans, die Alphonse Mouzon für seine Bedeutung bewundern, die er für den Jazz im Allgemeinen und für Gruppen wie Weather Report oder The Eleventh House im Besonderen hat, aufgrund der sehr discolastigen Ausrichtung strikt abgelehnt.

Dies sehen Funk- und Soul-Fans naturgemäß genau anders herum, nicht zuletzt aufgrund des Openers „Do I Have To“ und vor allem wegen des über 13 Minuten langen Titelstücks, mit dem das Album endet. Hier sind alle Zutaten vereint, um auch heute noch die Tanzfläche zu füllen, wobei man zugeben muss, dass die Zielgruppe in einem Alter ist, in der manche bereits mit ihrem ersten künstlichen Hüftgelenk ausgestattet sind. Besonders erwähnenswert sind aber nicht nur die Kompositionen, die allesamt vom Schlagzeuger Alphonse Mouzon stammen, sondern auch seine hochkarätigen Mitspieler. An den Tasten zeigt Herbie Hancock sein Können und seine Liebe zum Funk, kurz bevor er in dieser Sparte seinen eigenen Mega-Hit „Rockit“ landen konnte. Als Gitarristen hatte er mit Paul Jackson Jr. und Lee Ritenour gleich zwei Hochkaräter am Start, bei den Bläsern griff er auf die bewährten Seawind Horns und Freddie Hubbard zurück. Mit diesen und weiteren Helfern erschuf er ein Werk, das auch heute noch in seinen Bann schlägt, insbesondere wenn es nach fast 40 Jahren in Form einer richtig gut klingenden LP daherkommt. Alphonse Mouzon, der das Album auch produziert und arrangiert hat, bedient zusätzlich noch diverse Synthesizer. Mit diesen unterlegt er auf dem nur durch ihn gestalteten „Space Invaders“ sein wildes Schlagzeugspiel mit spacigen Sounds.

Für Jazz-Puristen ist „By All Means“ also überhaupt nicht geeignet, dafür für alle, die sich gerne zu heißen Grooves bewegen.

(rh)

Fazit: Von Kritikern verschmäht, von den Fans geliebt.

Genre: Jazz

Rainer Haarmann – Frühe Coverart des Jazz – From Shellac to Vinyl

Wenn man für etwas eine tiefe Leidenschaft pflegt, dann möchte man sie von möglichst vielen Seiten beleuchten. Rainer Haarmann hat in der Vergangenheit durch seine LP-Veröffentlichungen, mit denen er Jazz und Kunst miteinander vermählt, und auch durch seine Bücher „Longplay -Die Geschichte der Schallplatte und des modernen Jazz“, „Für Augen & Ohren -Schallplatte und Kunst“ sowie „Vom Klang der Bilder -Leben mit Jazz und Kunst“ tiefe Einblicke in dieses Thema gewährt. Nun lässt der Gründer und ehemalige künstlerische Leiter des JazzBaltica-Festivals die Leser einen Blick in seine persönliche LP-Sammlung werfen und betrachtet frühe 10“-Jazz-Aufnahmen, die in der Übergangszeit von Shellac auf Vinyl entstanden sind, unter künstlerischen Aspekten und taucht dabei stellenweise auch in die Entstehungsgeschichte der Alben ein. Das in drei Bände gegliederte Werk ist zweisprachig (deutsch und englisch) ausgeführt, umfangreich bebildert und enthält in jedem Band Fachbeiträge von Gast-Autoren.

Im ersten Teil geht es um die besondere Covergestaltung des Künstlers David Stone Martin, der den „Jazz at the Philharmonic“-Alben von Norman Granz auf Mercury Records ein unverwechselbares Gesicht gegeben hat. Auch auf anderen Labeln des großen Jazz-Impresarios hinterließ David Stone Martin seine Spuren, wie auf Clef und Norgran Records. Ergänzt und vertieft wird diese Abhandlung durch einen Beitrag der Schriftstellerin Margot Farrington, der Schwiegertochter David Stone Martins. Manche Künstler wagten damals schon den Schritt zur Gründung eines eigenen Plattenlabels. Exemplarisch wirft Rainer Haarmann einen Blick auf die frühen Veröffentlichungen von Dee Gee, das von Dizzy Gillespie gegründet wurde, sowie auf Debut Records von Charles Mingus und Max Roach. Hochinteressant sind auch die Abhandlungen über DIAL Records und das deutsche Label mod Records.

Der zweite Teil beschäftigt sich ausschließlich mit den frühen Aufnahmen von Blue Note und Prestige Records und geht vertieft auf deren Covergestaltung ein. Hier kann der Down Beat-Autor, Musiker, Produzent und Label-Gründer Michael Cuscuna einen wertvollen Beitrag leisten. Blue Note ist aufgrund seiner historischen Bedeutung schon vielfach einer solchen Betrachtung unterzogen worden, Rainer Haarmann geht aber erstmals ganz an den Anfang und zeichnet die Entwicklung durch den Fotografen Francis Wolff und Gestaltern wie Reid Miles nach.

Im dritten Teil geht Rainer Haarmann auf Entdeckungsreise zu Labeln wie Contemporary, Savoy, Fantasy, Discovery, Pacific Jazz, Capitol, Roost, Columbia, Riverside und weiteren, die aufgrund ihrer Covergestaltung aufgefallen sind. Der ehemalige Herausgeber der Musik-Zeitschriften Down Beat, Jazz und Metronome und langjährige Leiter des Institute of Jazz Studies an der Rutgers Universität Newark, Dan Morgenstern, leitet den Band mit einer Abhandlung über die Schallplatte als ästhetischen Gegenstand ein.

Die auf schwerem Papier gedruckten Bücher erfreuen durch ihr handliches Format in der Größe einer Single und durch die hochwertige Wiedergabe der Cover-Abbildungen auf den jeweils ca. 65 Seiten. Nicht nur aufgrund des auf 85,-Euro reduzierten Preises lohnt die Anschaffung aller drei Bände. Einzeln kosten sie jeweils 29,80 Euro und können über den Buchhandel oder direkt bei Rainer Haarmann unter r.haarmann@t-online.de bestellt werden.

(rh)

■ ISBN: 978-3-9824371-0-1/-3-2/-6-3

Fazit: Für Jazz-Freunde, die sich mit der Musik allein nicht zufrieden geben und insbesondere mehr über die Covergestaltung seltener Veröffentlichungen erfahren wollen.

Delbruegge Band – Analogue Souls

■ Label: Westpark Music

■ Bestellnummer: 87421

Genre: Souljazz

Für ein auf 333 Exemplare limitiertes Album wurde hier ziemlich viel Aufwand getrieben! Ein schön gestaltetes Klappcover mit vielen Fotos, ein Einleger mit umfangreicher Band-und Song-Biographie, tadellos verarbeitetes Vinyl, bestechender Klang, also alles da, wonach das Herz eines LP-Fans verlangt. Da auch der Inhalt auf ganzer Linie überzeugt, werden meine Wünsche für einen großen Erfolg gar nicht gebraucht, denn dieser spricht für sich selbst und wird mühelos viele Anhänger von Musik finden, die sich aus dem Besten zusammensetzt, was Jazz, Soul, Blues und Funk zu bieten haben. Mit rein analoger Technik haben der Saxofonist Bernd Delbrügge, Gert Kapo an den Tasten, Gero Gellert am Bass und Dirk Ferdinand am Schlagzeug elf Titel eingespielt, die mit ihren unterschiedlichen Stimmungen einen Spannungsbogen bilden, der über die gesamte Laufzeit des Albums trägt. Größte Überraschung dürfte dabei das Stück „St. James Infirmary“ bilden, denn erstmals setzt Bernd Delbrügge hier nicht sein Instrument sondern seine Stimme ein, und die hat dermaßen viel Tiefe und Ausdruck, dass man gerne häufiger solch seelenvolle Töne von ihm hören möchte. Es ist das einzige Stück, das nicht aus seiner Feder kommt, der überwiegende Rest wurde in einem Kölner Park verfasst, der offensichtlich jede Menge Inspiration gegeben hat. Stücke wie „Couch Potatoes“ oder „Funky Hobbit“ zeugen von der Expertise, über die Bernd Delbrügge in dieser Disziplin verfügt. In dieser Hinsicht sticht auch das Stück „Il Mio Topolino“ heraus, das perfekt die Stimmung eines italienischen Films wiedergibt. Weiteres Highlight ist das finale „Lost in E Minor“ auf dem der Gastmusiker Buddy Sacher an der Gitarre brilliert, wie auch Roger Schaffrath (Gitarre) und Susanne Weidinger (Klarinette) an anderen Stellen wichtige Akzente setzen.

(rh)

Fazit: Da wäre Hans Rosenthal beim „Das war Spitze“ rufen abgehoben wie niemals zuvor!

Dexter Gordon – Daddy Plays the Horn

■ Label: Bethlehem Records

■ Bestellnummer: 538625011

Genre: Bop

Der Entstehungszeitpunkt des Albums ist ungewöhnlich, fiel er doch in die Periode, in der Dexter Gordon aufgrund seiner Drogenabhängigkeit häufig im Gefängnis saß und seine Karriere deshalb praktisch auf Eis lag. Während der 1955 eingespielten Session war er Freigänger und hatte zum Glück genug Freunde, die mit ihm diese famose Aufnahme ins Werk gesetzt haben; neben Dexter Gordon am Saxofon sind es Kenny Drew am Piano, Leroy Vinnegar am Bass und Lawrence Marable am Schlagzeug. Es ist unter den Begleitumständen erstaunlich, welche Qualität und Spielfreude sich auf „Daddy Plays the Horn“ breitmacht. Mit dem Titelstück wird die Aufnahme eröffnet und es sind maßgeblich Dexter Gordon und Kenny Drew, die für das größte Aufsehen sorgen. Der Pianist ist hier dermaßen präsent, dass man ihn mindestens für den Co-Leader halten könnte. „Confirmation“ ist das zweite der insgesamt sechs Stücke und enthält unter anderem beste Schlagzeugarbeit von Lawrence Marable. Die aktuelle Neuaufnahme präsentiert das Album im soundtechnischem Original, was bedeutet, dass es sich um eine Mono-Aufnahme handelt, die aber damals tadellos auf Band eingefangen wurde. Die wundervolle Ballade „Darn that Dream“, die ganz im Zeichen des Saxofons steht, wird nur noch durch die Interpretation von „Autumn in New York“ überstrahlt, die zu den schönsten zählt, die diesem herrlichen Stück jemals widerfahren sind; dazwischen befindet sich die Gordon-Eigenkomposition „Number Four“. Beschlossen wird das Album mit dem Stück „You Can Depend On Me“, auf dem nochmal richtig Fahrt aufgenommen wird. Jeder Mitspieler kann hier mit einem Solo glänzen und entlässt damit den Hörer in der guten Gewissheit, ein großartiges Jazz-Album erworben zu haben, das auch in hundert Jahren noch begeistert.

(rh)

Fazit: Originale Neuauflage einer der beliebtesten Aufnahmen des großen Saxofonisten Dexter Gordon.

Kit Downes / Petter Eldh / James Maddren – Vermillion

■ Label: ECM

■ Bestellnummer: ECM 2721

Genre: Kammer-Jazz

Auf dem aktuellen Album des britischen Pianisten Kit Downes als Mastermind arbeiten drei Musiker miteinander, die schon in anderem Kontext ein bemerkenswertes Werk zustande gebracht haben.Zusammen mit seinem Landsmann James Maddren am Schlagzeug und dem schwedischen Bassisten Petter Eldh bildete er im Jahr 2018 ein Trio, das unter dem Namen „Enemy“ ein gleichnamiges Album eingespielt hat. Auf diesem wurde eine ziemlich athletische Form des Jazz zelebriert, die maßgeblich von Petter Eldh gesteuert wurde. Da Kit Downes in allen Stilrichtungen anzutreffen ist, überrascht es nicht, dass es bei der Einspielung für ECM labeltypisch sehr viel lyrischer, dafür aber mit umso größerer Strahlkraft zugeht. Der Name „Enemy“ wäre für diese Art von Musik völlig unangebracht gewesen, folgerichtig haben sie ihn für dieses Projekt abgelegt. Die elf Stücke wurden je zur Hälfte von Kit Downes und Petter Eldh komponiert, ergänzt durch die Interpretation der Komposition „Castles Made of Sand“ von Jimi Hendrix. Obwohl hier eine klassische Trio-Besetzung agiert, vermittelt die Aufnahme das Gefühl, als wenn hier etwas vorher nie Dagewesenes entstanden ist. Jedes Stück verströmt den Hauch des Besonderen und das Auditorio Stelio Molo in Lugano ist gut gewählt, um die kammermusikalische Atmosphäre der Aufnahme zu konservieren. Von einem Trio, das eine Bandbreite von „Enemy“ bis „Vermillion“ abzudecken in der Lage ist, sind sicher weitere Großtaten zu erwarten. Um sich einen Eindruck des Albums zu verschaffen, empfiehlt sich das Stück „Class Fails“, das mit einem malerisch bedienten Schlagzeug eingeleitet wird, bevor zunächst der Bass hinzustößt.

Das Piano ist dann das verbindende Element, das eine atmosphärisch dichte Stimmung erzeugt, wovon das gesamte Album geprägt ist.

(rh)

Fazit: Ein weiteres Highlight des an Höhepunkten überreichen ECM-Katalogs.

Helge Lien Trio – Revisited

■ Label: Ozella Music

■ Bestellnummer: OZ1101LP

Genre: Jazz

Seit über 20 Jahren ist das Helge Lien Trio in wechselnden Besetzungen aktiv und hat sich - vor allem durch den Namensgeber, der als Pianist und Komponist die Hauptrolle spielt - zu einer der maßgeblichen Formationen entwickelt, die in der klassischen Besetzung aus Klavier, Bass und Schlagzeug agiert. Durch die Corona-bedingten Verwerfungen war abermals eine Um- bzw. Neubesetzung fällig. Der Schlagzeuger Knut Aalefjær kehrt nach vielen Jahren wieder zurück, am Bass ist erstmals Johannes Eick mit dabei. Auf „Revisited“ blickt man zurück und hat sich neun Stücke von den bisherigen Veröffentlichungen ausgesucht, um sie mit der aktuellen Formation erneut einzuspielen. Für die Vinyl-Version musste aus Platzgründen leider das Stück „Folkmost“, das vom Album „Badgers and Other Beings“ stammt, entfallen.Fünf Stücke wurden live auf dem AnJazz Festival im norwegischen Hamar aufgenommen, die drei weiteren entstanden ein halbes Jahr zuvor in der Tøyen Church in Oslo. Da kein Publikum zu hören ist, lassen sich die jeweiligen Aufnahmeorte klanglich kaum auseinanderhalten, was angesichts der immer vorhandenen absoluten Feinzeichnung der Akustik auch gar nicht notwendig ist. Man kann sich somit ganz den intensiven Melodien sowie dem lyrischen Piano hingeben und sich von dem Können der Musiker beeindrucken lassen. Helge Lien hat es offenbar wieder einmal verstanden, die Mitspieler auf seine Sichtweise, die er auf ein klassisch besetztes Trio hat, einzuschwören. Es klingt oft organischer und intensiver als dies bei anderen Dreierbesetzungen der Fall ist. Die neuen Interpretationen werfen ein neues und strahlendes Licht auf die Kompositionen und sind somit auch für diejenigen von großer Relevanz, die bereits die vorherigen Alben des Helge Lien Trios besitzen.

(rh)

Fazit: Mit „Revisited“ wird der Ruf als eine der führenden Trio-Formationen gefestigt.

Jim Hall – It’s Nice to be With You

■ Label: MPS

■ Bestellnummer: 0215721MSW

Genre: Jazz

Allein das kuriose Cover ist schon ein Grund, sich näher mit dem im Jahr 1969 veröffentlichten Album zu beschäftigen! Ein sichtlich amüsierter Jim Hall steht mit seiner Frau Jane vor einer Berliner Bockwurst-Bude (samt vollem Mülleimer!) und sie beißt von der ihr hingehaltenen Wurst ab. Ob die Verkäuferin im Hintergrund wohl jemals erfahren hat, dass diese Szene und sie selbst auf dem Cover eines bedeutenden Albums gelandet ist? Denn dabei handelt es sich bei der einzigen Aufnahme, die der Gitarrist Jim Hall für das MPS-Label eingespielt hat. Auf sechs der acht Stücke wird er dabei begleitet von Jimmy Woode am Bass und Daniel Humair am Schlagzeug. Warum Jim Hall bis heute zu den bedeutendsten Gitarristen zählt und wohl immer zählen wird, offenbart sich auf allen Titeln, insbesondere auf „In a Sentimental Mood“ und „Young One, For Debra“. Durch die Überlagerung von zwei Tonspuren spielt er hier mit sich selbst im Duett. So zeigen sich in besonderer Weise seine großen Fähigkeiten, von denen er bescheiden sagte, er spiele einfach, wie er es sowieso nur kann! Während auf dem Duke Ellington Klassiker jede feine Nuance das Herz des Zuhörers erwärmt ist es auf dem zweitgenannten Stück auch die große Emotionalität, mit der Jim Hall beeindruckt, den er hat dieses Stück für seine Tochter Debra komponiert. Auf „My Funny Valentine“ wird das damals noch wenig verwendete Overdubbing ebenfalls eingesetzt, hier wird Jim Hall aber zurückhaltend und kompetent begleitet. Die Aufnahme startet mit einer flotten Jazz-Adaption des Hits „Up, Up And Away“ von The 5th Dimension. Sehr schön ist auch der Titelsong, den Jim Halls Frau Jane für ihn komponiert hat. Da auch Klang und Pressung des Albums keine Wünsche offen lassen, kann ich für die erste Vinyl-Version seit 40 Jahren eine unbedingte Kaufempfehlung aussprechen.

(rh)

Fazit: Ruhiger aber technisch höchst anspruchsvoller Gitarren-Jazz vom Großmeister.

Joe Henderson – Inner Urge

■ Label: Blue Note

■ Bestellnummer: ST-84189

Genre: Jazz

In der Blue Note Classic Vinyl Serie erscheint die Neuauflage eines Frühwerkes des Tenorsaxofonisten Joe Henderson. Das 1964 aufgenommene und zwei Jahre später veröffentlichte Album existiert in zahllosen Versionen, die aktuelle wird in einschlägigen Foren einerseits als großer Wurf gefeiert, andererseits berichten viele Käufer von fehlerhaften Pressungen. Dies betrifft viele Veröffentlichungen der Classic Vinyl Serie, „Inner Urge“ scheint jedoch besonders davon betroffen zu sein; das Rezensions-Exemplar ist in dieser Hinsicht jedoch unauffällig.

In der langen, bis ins Jahr 1998 reichenden Diskografie Joe Hendersons, zählt die Aufnahme zu den besonderen Highlights, und dies aus mehreren Gründen. Die drei Eigenkompositionen „Inner Urge“, „Isotope“ und „El Barrio“ sind von solch einer Klasse und Reife, dass sich insbesondere die beiden erstgenannten zu den beliebtesten Werken aus seiner Feder entwickelten. Auch die Interpretationen der Duke Pearson-Ballade „You Know I Care“ und des Cole Porter-Klassikers „Night And Day“ sind einerseits sehr originell und eigenständig, werden dabei aber kein bisschen ihrer Zugänglichkeit beraubt. Als damaliges Mitglied der Horace Silver Combo hatte Joe Henderson noch keine eigene Formation, so lieh er sich den Pianisten McCoy Tyner und den Schlagzeuger Elvin Jones von John Coltranes Band aus, den Bassisten Bob Cranshaw entlieh er von Sonny Rollins.

Das Quartett agiert sehr straff und neben dem Leader ist es vor allem McCoy Tyner, dessen Soli die Aufnahme zu etwas Besonderem machen. Die Art und Weise, wie Joe Henderson sein Tenorsaxofon beherrscht, sorgt dafür, dass „Inner Urge“ auch im Vergleich mit anderen Alben aus dieser Ära zu den ganz großen Jazz-Werken gehört, die bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben.

(rh)

Fazit: Gelungene Neuauflage eines Albums, das in jede gepflegte Jazz-Sammlung gehört.

Larry Coryell – Tricycles

■ Label: In+Out Records

■ Bestellnummer: IOR LP 77146-1

Genre: Jazz-Rock

Liest man sich den Text von Larry Coryell im Innenteil des Klappcovers durch, erfährt man, dass diese Aufnahme unter den denkbar schlechtesten Voraussetzungen zustande gekommen ist. Im Jahr 2002 war das Trio, bestehend aus Larry Coryell an der Gitarre, Mark Egan am Bass und Paul Wertico am Schlagzeug, auf Europatournee. Unmittelbar vor der vorliegenden Studioaufnahme flog man noch auf ein Festival in Südirland, von heftigen Winden und Absturzängsten geplagt, erreichte man es gerade noch rechtzeitig zum Soundcheck, dann ging es sofort zurück nach Österreich um von dort mit dem Auto Richtung Heidelberg aufzubrechen. Alle drei Musiker hatte die Grippe heimgesucht und weder Lust eine Aufnahme einzuspielen noch Appetit. Larry Coryell konnte kaum von seinem Stuhl aufstehen um seinen Verstärker einstellen zu können. Jedoch schien all dies offenbar wie verflogen zu sein, als die Aufnahme begann. Voller Energie arbeitet sich das Trio durch die zwölf Stücke, die mit Ausnahme der Monk-Komposition „’Round Midnight“ und der Beatles-Nummer „She’s Leaving Home“ in schwindelerregendem Tempo vorgetragen werden. Die Leistungen aller Musiker sind zutiefst beeindruckend, in den Liner Notes würdigt Larry Coryell die Fähigkeit des Bassisten, mit seinem Instrument eine Erweiterung des Gitarristen zu sein, in dem er ab und zu in dessen Register aufsteigt. Die ohnehin sehr gute Aufnahme wurde 2021 soundtechnisch komplett überarbeitet und liegt nun erstmals auf Vinyl vor. Der direkte Vergleich der digitalen Versionen offenbart hier deutliche Verbesserungen, die sich auf der tadellosen Pressung komplett nachvollziehen lassen. Die Töne stehen dreidimensional im Raum und man hat das Gefühl, mit den Musikern zusammen im Studio zu sitzen und den Aufnahmen für ein traumhaftes Album beizuwohnen.

(rh)

Fazit: Es klingt wie ein Wunder – drei erkrankte Musiker liefern sensationelle Musik ab.

Leléka – Sonceu Serci

■ Label: Fine Music

■ Bestellnummer: FM 321-2

Genre: Folk-Jazz

In Zeiten, in denen man sich einer Nation besonders verbunden fühlt, kann Musik tiefere Gefühle auslösen als üblich. Der Ukrainerin Viktoria Leléka gelingt genau das: Klänge, die noch tiefer ins Empfindungszentrum vordringen, als sie es unter normalen Umständen ohnehin täten. Ihre gleichnamige Formation kreiert Lieder, die Folklore und Volksmusik ihrer ukrainischen Heimat mit kammermusikalischem Jazz in einer Weise verbindet, die sie im Jahr 2018 beim Internationalen Jazznachwuchs-Wettbewerb auf Platz 1 befördert hat. Gegründet wurde die Band im Jahr 2016 in Berlin und besteht neben der Sängerin aus den deutschen Musikern Thomas Kolarczyk am Kontrabass und Jakob Hegner am Schlagzeug, im Jahr 2019 stieß der schwedische Pianist Povel Widestrand hinzu.

Nachdem sie einige digitale EPs und Singles veröffentlicht haben, liegt mit „Sonce u Serci“ nun die erste LP vor; diese enthält auch einen Download-Code. Die elf Stücke sind geprägt von großer Intensität und man hört jedem Titel die Leidenschaft der Musiker an, die sie ihren Kompositionen eingehaucht haben. Liest man sich die deutsche Übersetzung der Songtexte auf der Homepage des Quartetts durch, erkennt man die tiefe lyrische Verwurzelung in der Volksmusik, die aufgrund Komposition und Arrangement musikalisch aber in Richtung Zukunft weist. Gerade durch diese Verbindung und der großen Leidenschaft in der Interpretation ist „Sonce u Serci“ ein intensiver Genuss, nicht zuletzt aufgrund der guten Aufnahmequalität, deren Dynamik man im Vergleich zum Download aber durch beherztes Drehen am Lautstärkeregler etwas auf die Sprünge helfen muss. Diese außergewöhnliche Formation gilt es zukünftig im Auge zu behalten, insbesondere wenn man ein Faible für die Verschmelzung aus Folk und Jazz hat.

(rh)

Fazit: Ukrainischer Folk-Jazz, der zu keiner besseren Zeit hätte veröffentlicht werden können, um sich einer Nation verbunden zu fühlen.

Philipp van Endert & Orchestra – Moon Balloon

■ Label: JazzSick Records

■ Bestellnummer: 5150-1Js

Genre: Cinema-Jazz

Wenn als Beteiligte eines Musikprojekts ein Orchester gennant wird, dann löst das im Hörer sofort die Erwartung aus, von opulenten Arrangements eingehüllt zu werden. Wirkungsvolle Stimmungen kann ein fabelhafter Klangkörper, zu denen das Filmorchester Babelsberg zweifelsfrei zu zählen ist, aber auch durch Zurückhaltung und effektvollen Minimalismus erzeugen. Das neue Album des deutschen Ausnahme-Gittaristen Philipp van Endert bietet solch feine Kost. Auf sechs Stücken, fünf davon selbst komponiert, lässt Philipp van Endert mit seiner E-Gitarre sehr relaxte Sounds auf die Zuhörer herabregnen und verhilft ihnen dabei, der Welt ein Stück weit entschweben zu können. Verantwortlich dafür ist jedoch der Künstler nicht allein, auch Peter Hinderthür hat mit seinen Arrangements großen Anteil am Gelingen der Aufnahme. Er gibt den Titeln damit ein völlig neues Gesicht, wie sich beispielsweise auf „Times Like These“, das bereits vor fast zwanzig Jahren auf Philipp van Enderts Album „Trio“ erschienen ist, beobachten lässt. Auch der Song „Fu“ vom Album „Presence“ aus dem Jahr 2014 gewinnt durch die orchestrale Unterstützung an Breite und Tiefe. Will man das Album stilistisch einordnen, bewegt man sich stets an der Nahtstelle zwischen Jazz und Klassik, wobei die Fußabdrücke auf der Jazz-Seite etwas tiefer sind. Überstrahlt wird dies jedoch durch eine filmmusikalische Atmosphäre, wie sie besonders auf dem famosen „Sundowner“ zu hören ist, auf dem auch der Bassist André Nendza, mit dem Philpp van Endert bereits seit langer Zeit zusammenarbeitet, sowie der Flügelhornist Christian Kappe und der Flötist Mat Clasen mitwirken. Leider ist dieses hochmusikalische Vergnügen bereits nach 37 Minuten verklungen, diese jedoch haben es – auch Aufnahmetechnisch – in sich!

(rh)

Fazit: Selten verbanden sich E-Gitarre und Orchester zu einem wohlklingenderen Hörgenuss!

Salah Ragab & Cairo Jazz Band – Egypt Strut

■ Label: Strut

■ Bestellnummer: STRUT263LP

Genre: Oriental Big Band-Jazz

Ein besonderes Album aus dem Jahr 1973 ist erstmals wieder erhältlich und lässt die Suchenden entspannt durchatmen, erspart ihnen diese Neuveröffentlichung doch eine Ausgabe im mittleren dreistelligen Euro-Bereich; soviel ist aktuell für ein Original zu berappen. Gibt man sich den Jazz-Klängen aus Ägypten hin, verwundert es allerdings kein bisschen, warum eingefleischte Fans bereit sind, solche Summen für diese LP auszugeben. Salah Ragab durfte sich mit seinen Fähigkeiten an Schlagzeug und Piano als Militärmusiker in Ägypten betätigen und leitete diese seit den 1960er Jahren im Rang eines Majors. Damit hatte er Zugriff auf 3000 Musiker, von denen er 1968 ungefähr 25 Personen auswählte, um die Cairo Jazz Band ins Leben zu rufen. Mit dieser wollte er seiner Leidenschaft frönen, der er ein Jahr zuvor durch ein Konzert von Randy Weston in Kairo verfallen war. In der Folge wurde ein Teil der Kaserne in Jazz House umbenannt und die Musiker begannen durch intensive Schulungen ihren musikalischen Hintergrund, der bisher nur aus Nationalhymnen und Militärmärschen bestand, zu erweitern. Im Jahr 1972 nahm Salah Ragab mit seinem Orchester das vorliegende Album auf, das mit seiner herrlichen Mischung aus modalem Jazz und ägyptischer Musik, die auf islamischen Festen gespielt wird oder sich auf nationale Wahrzeichen bezieht, bis heute einen besonderen Wert für alle Musik-Fans hat, die dem World-Jazz anhängen. Sehr wichtig zu erwähnen ist die Tatsache, dass es das Album auch unter der Bestellnummer STRUT263LPRSD gibt, die allein deshalb zu bevorzugen ist, weil sie auf zwei LPs insgesamt 15 Titel vereint, und somit neun mehr, als auf der „Standard-Ausgabe“. Diese bisher unveröffentlichten Aufnahmen der gleichen Session führen den fulminanten musikalischen Ansatz, für den Salah Ragab den Ausschlag gab, grandios weiter.

(rh)

Fazit: Eine sagenhafte Scheibe, die man unbedingt in der Record Store Day-Version mit 15 Titeln kaufen sollte – es gibt sie noch!

Scopes – Age of Reason

■ Label: Whirlwind Recordings

■ Bestellnummer: WR47777LP

Genre: Jazz

Mit der Band Scopes ist seit 2018 eine international besetzte Band am Start, die man unbedingt im Auge behalten sollte! Zu deutlich sind hier die Vorzeichen auf Richtung Zukunft gestellt und es wird eine Jazz-Interpretation geboten, die die klassischen Jazz-Idiome und eine moderne Klangsprache miteinander vermählt. Ihr Debüt-Album wurde zurecht mit wohlwollenden Rezensionen überschüttet, somit ist die Erwartungshaltung für das Nachfolgewerk natürlich hoch. Das Quartett besteht aus dem französischen Pianisten Tony Tixier, dem deutschen Bassisten Tom Berkmann und dem österreichischen Schlagzeuger Mathias Ruppnig. Neu hinzugestoßen ist der amerikanische Saxofonist Matt Chalk, der bisher erst auf drei weiteren Alben mitgewirkt hat und hier erstmals über die Länge eines ganzen Albums zu hören ist. Er ersetzt den Niederländer Ben Van Gelder, der auf dem ersten Album für das Saxofon zuständig war. Neu ist auch, dass alle vier Musiker eigene Kompositionen beigesteuert haben, bisher waren dafür nur der Bassist und der Schlagzeuger zuständig. Auch auf diesem Feld präsentieren sich Scopes als Einheit, in der jedes Mitglied gleichartige Gedanken zum ideologischen Überbau des Albums beiträgt, der sich als persönliche und philosophische Reflexion über die drängenden Zeitfragen definiert, in der alle Generation näher zusammenrücken und sich ihrer Umgebung bewusster werden müssen. Als Anspieltipp empfiehlt sich „Vice“, das aus einem Bossa-Rhythmus heraus eine schöne Dynamik entfaltet oder das energiegeladene „Chocolate Travels Slowly“, bei dem sich deutlich die Emotionalität zeigt, die in jedem einzelnen Stück des Albums steckt. Mit „Here’s My Prayer“ endet die hervorragende Aufnahme mit einer ausdrucksstarken und melodiösen Nummer, die bereits neugierig auf weitere Alben dieser Formation macht.

(rh)

Fazit: Auch das zweite Album von Scopes ist ein Volltreffer!

Trilogic – Abstract Uncertainty

■ Label: HGBS

■ Bestellnummer: HGBSBlue202012

Genre: Avantgarde-Jazz

In der Redaktion wurde mir das Rezensionsexemplar mit dem Hinweis überreicht, dass es sich dabei um eine sehr ungewöhnliche Aufnahme handelt. Nach Abhören des Albums kann ich dem nur zustimmen - in höchst positivem Sinne. „Normale“ Jazz-Alben gibt es schließlich genug, da kommt solch eine Aufnahme mehr als gelegen. Das fulminante Trio, das die ehrwürdigen MPS-Studios in Villingen mit ihrer Performance adelte, besteht aus dem deutschen Schlagzeuger Hans Fickelscher sowie den aus den Niederlanden stammenden Musikern Jasper van’t Hof (Piano) und Greetje Bijma (Gesang). Wer dieses Gesangswunder noch nicht kennt und zur Vorstellung ihrer Fähigkeiten nach einer passenden Assoziation sucht, dem hilft eventuell die Vorstellung, wie Ende der 70er Jahre ein Jazz-Album geklungen hätte, auf dem Nina Hagen im Stile ihrer ersten beiden Alben gesungen hätte. Ein faszinierender Stimmumfang paart sich mit der Fähigkeit zur Improvisation und dem Finden von Wörtern, die zu einer erfundenen Sprache kombiniert werden. Jasper van’t Hof hat bereits vor 50 Jahre für MPS erste Alben eingespielt, er entschied sich beim Erstkontakt mit dem hauseigenen Bösendorfer Imperial jedoch, seine Keyboards nicht zu benutzen und sich stattdessen ganz auf das legendäre Piano zu fokussieren, dessen Saiten er nicht nur mit den Tasten anschlägt, sondern sie auch direkt mit der Hand bedient. Gemeinsam mit Hans Fickelscher erforschen sie neue Möglichkeiten des Ausdrucks, wofür Greetje Bijma die Hauptverantwortung zu tragen scheint. Hört man das Album jedoch mehrmals, treten auch die außergewöhnlichen Beiträge des Pianisten und des Schlagzeugers mehr und mehr hervor.

Somit öffnen letztendlich alle Beteiligten ein Fenster um damit einen neuen Blickwinkel auf den Jazz zu werfen.

(rh)

Fazit: Faszinierende Mischung aus Komposition und Improvisation.