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HÖRZU TV-THE DER WOCHE: Die Doppel-Agentin


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 39/2019 vom 20.09.2019

Herausragend: Petra Schmidt-Schaller als DDR-Spionin, die um ihre Existenz kämpft


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VERDÄCHTIG
Saskia (Petra Schmidt-Schaller) am Lügendetektor


Die Wendezeit, die ihrem neuen TV-Film den Titel gab, hat Petra Schmidt-Schaller selbst ganz nah erlebt: als Kind im Osten Berlins. Als ein mutiger Pfarrer im Oktober 1989 die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg für Oppositionelle öffnete, wohnte sie gleich ums Eck. „Trotzdem habe ich davon nicht viel mitbekommen“, erklärt die 39-Jährige im Interview mit HÖRZU. „Meine Eltern hielten mich da raus, ich war erst neun, und die Angst, entdeckt zu werden, stand im Raum. Ich erinnere mich aber an einen Streit meiner sächsischen Großeltern mit meinen Eltern, weil wir Westfernsehen schauten.“

Heute, 30 Jahre nach der Wende, gehört Schmidt-Schaller zur ersten Liga der deutschen Darstellerinnen, erhielt 2018 sogar die GOLDENE KAMERA. In dem sehenswerten intensiven Spionagedrama „Wendezeit“ (siehe TV-Tipp) beeindruckt sie nun als innerlich zerrissene DDR-Agentin Tatjana Leschke: Schon in jungen Jahren wird sie zur Spionin ausgebildet, unter dem Decknamen Saskia in den Westen geschickt und auf einen Deutsch-Amerikaner angesetzt – den sie heiratet. Für Schmidt-Schaller sind neben den politischen auch die privaten Aspekte interessant: „Es geht nicht um die Entscheidung zwischen zwei Systemen, sondern um ganz andere Werte. Die Einsamkeit im Exil ist für Saskia so extrem, dass sie beschließt, eine Familie zu gründen. So beginnt eine Zerreißprobe.“ Saskia bekommt Kinder – und ein Angebot der CIA, das sie annimmt. Ein gefährliches Doppelspiel. Schmidt-Schaller: „Sie lebt in einem Käfig mit glühenden Drähten und wenig Spielraum. Sobald sie rauskommt, verbrennt sie sich.“ Kurz vor dem Mauerfall droht die Doppelagentin enttarnt zu werden. Also versucht sie mit allen Mitteln, die Stasi-Karteikarte mit ihrem Geburtsnamen zu vernichten. Mit dieser Wendung greift der Film das historische Rätsel um die Rosenholz-Karteien auf, die rund 300.000 Deutsche in West und Ost umfassen, auch die Identitäten von 6000 DDR-Agenten, die von 1951 bis 1988 aktiv waren.

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GESTRESST
Saskia und ihr Mann (Harald Schrott) sorgen sich um ihre Punk-Tochter (Lilly Barshy, r.)


Das Material gelangte nach der Wende in die Hände der CIA. 2003 erhielten die Deutschen Einsicht, etliche Spione wurden angeklagt und verurteilt. Auffallend ist, dass die Nachnamen von „La“ bis „Li“ fehlen. „Vielleicht im Grillfeuer an einer Datsche geschmolzen“, spekuliert Prof. Helmut Müller-Enbergs, Politologe und Leiter der Forschungsgruppe Rosenholz. „Ich glaube, die Karten wurden absichtlich vernichtet“, meint auch Schmidt-Schaller. „Jemand wollte seine Identität retten. Da kommt ‚Wendezeit‘ nah ran.“ Auch der Experte sieht den Thriller dicht an der Wahrheit: „Der Film zeigt sehr authentisch, dass die Führungsoffiziere der Stasi psychologisch versierte Marionettenspieler waren, die Agenten gezielt auswählten und die Behandlung ganz individuell maßschneiderten. Für die zweifelnde Saskia inszenieren sie einen stimmungsvollen Abend am See, denn als Ruderin liebt sie das Wasser.“

Wende vom Wir zum Ich

Wie hat Schmidt-Schaller den Mauerfall erlebt? „Erst mal habe ich mich gewundert: An dem Abend wusste ich nicht, wo meine Eltern waren. Am Tag darauf waren wir nur zwei Kinder in der Klasse. Danach donnerte die Reizüberflutung auf mich ein. Für mich war die Wiedervereinigung eine Wende vom Wir zum Ich. Ehen zerbrachen, Jobs wurden gekündigt. Es ging zu schnell. Als Kind habe ich die Diktatur ja nicht gespürt, sondern die Gemeinschaft. Nun kann ich aus beiden Welten speisen. Dieses Gleichgewicht ist genial.“

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Top-TV

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„Denn sie wissen nicht, was passiert“: Humorvoll

Barbara Schöneberger im engen Jeans-Overall, Thomas Gottschalk im rockigen Oldie-Jeanshemd, dazu der seriöse „Herr Jauch“ (r.): Dieses Trio funktioniert immer besser! Es gibt sehr wenige im TV, die so launig, schlagfertig und dabei auch noch selbstironisch durch eine Show führen. Nur beim leicht fahrigen Spielkonzept könnte RTL noch zulegen.

„Albrecht Dürer: Superstar“ (ZDF): Kunstvoll

45 Minuten reichen eigentlich nicht, um Leben und Werk des genialen Nürnberger Künstlers Dürer nur annähernd zu erzählen. Doch der kurzweiligen, informativen Doku mit Jakob Tögel (r.) aus der „Terra X“-Reihe gelang es. Ein kleines Kunstwerk.

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„Play“ (Das Erste): Kraftvoll

Emma Bading. Diesen Namen muss man sich merken! Die 21-Jährige (l.) verlieh dem sperrig inszenierten Drama um ein Mädchen, das immer weiter in virtuelle Welten abdriftet, emotionale Tiefe und verzweifelte Wucht. Große Leistung!

Flop-TV

„Handball: Magdeburg – Kiel“ (Das Erste): Ärgerlich

40 Sekunden vor dem Schlusspfiff (!) steht es 31:31, und es gibt einen Siebenmeter. Doch als der Spieler zum Wurf antritt, bricht Das Erste die Liveübertragung ab und sendet Werbung. „Ein technischer Fehler“, entschuldigt sich der Sender. Bitter.

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„Waldorf global“ (SWR): Fragwürdig 100 Jahre Waldorfschule: Filmemacherin Esther

Saoub war selbst Waldorfschülerin, ihre Kinder sind es auch. Sie ist Vorstandsmitglied eines Schulvereins, tritt auf Podien der Waldorfschulen auf. So entstand der Eindruck eines Werbefilms.

„Zahltag“ (RTL): Scheinheilig

Ilka Bessin (r.) spielt den Engel: Hartz-IV-Empfänger erhalten einen Koffer voller Geld und sollen sich eine Existenz aufbauen. Nur stellen sie sich dabei höchst ungeschickt an. Statt zu helfen, kommentieren die angeblichen Experten die Hilflosigkeit der Opfer oft bissig. Es ist ein trauriges Schauspiel rund ums Unvermögen von Menschen in sozialer Not.

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FOTOS: ROLOFF/ARD (2), GREGOROWIUS/ENGELS/TVNOW (2), KREIDEL/ZDF, FISCHERK/WDR, HUEBNER/DPA PICTURE-ALLIANCE, SWR

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