Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Hoffen auf schnel le Hilfe


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 37/2021 vom 12.09.2021

Artikelbild für den Artikel "Hoffen auf schnel le Hilfe" aus der Ausgabe 37/2021 von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 37/2021

Hotelier Andreas Carnott vor den Ruinen seiner Existenz im zerstörten Altenahr

Irgendwo spielt jemand Saxofon, melancholisch und weich. Der Urheber der zärtlichen Töne bleibt verborgen hinter einem großen Trümmerberg, der in der Abendsonne golden leuchtet. Es ist eine surreale Szene. Die Ahr mäandert nebenan in ihrem zerstörten Bett, Reste eines Brückenbogens ragen aus dem braunen Wasser. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, das einst so quirlige Ferienörtchen Altenahr ist zum Geisterdorf geworden, zumindest direkt am Fluss, wo alle Hotels und Restaurants, Häuser und Geschäfte beschädigt sind. Es herrscht völlige Stille – bis auf dieses Saxofon, das klingt, als wolle jemand dem zerschundenen Idyll ein wenig Trost spenden. Aber vielleicht nutzt auch nur der Sax-Spieler vom Blasverein das gute Wetter für Fingerübungen. Der Probenraum existiert seit der großen Flut ja auch nicht mehr.

Achteinhalb Wochen sind vergangen, seit der Regen und das Hochwasser über das Ahrtal ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 37/2021 von Die unwillige Partei. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die unwillige Partei
Titelbild der Ausgabe 37/2021 von Auch in der Verteidigung muss Europa mehr tun. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Auch in der Verteidigung muss Europa mehr tun
Titelbild der Ausgabe 37/2021 von VERFÜHRER vor dem Herrn. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VERFÜHRER vor dem Herrn
Titelbild der Ausgabe 37/2021 von FINGER AN DER POLITIK. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FINGER AN DER POLITIK
Titelbild der Ausgabe 37/2021 von Die neuen Kriegerinnen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die neuen Kriegerinnen
Titelbild der Ausgabe 37/2021 von Joe Bidens nächstes DEBAKEL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Joe Bidens nächstes DEBAKEL
Vorheriger Artikel
VERFÜHRER vor dem Herrn
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel FINGER AN DER POLITIK
aus dieser Ausgabe

... hereingebrochen sind. Die Betroffenen haben seit der Katastrophennacht vom 14. auf den 15. Juli mit Tausenden Helfern gewaltige Fortschritte gemacht. Auf 40 Kilometern zwischen Schuld und Sinzig wurde Schlamm geschaufelt und Verputz abgeschlagen, die Entsorger schafften so viel Sperrmüll weg wie sonst in 30 Jahren. Ein paar Notbrücken stehen, Strom und Wasser funktionieren vielerorts wieder, das Festnetz wenigstens teilweise, genauso wie die Kanalisation.

Doch immer noch sind viele Ortschaften zumindest teilweise verwaist, mit der Folge unter anderem, dass immer noch Diebe auf Beutezug unterwegs sind, mittlerweile werden vor allem Notstromaggregate und Bautrockner gestohlen. Im Ahrtal hat man daher wenig Verständnis, dass die Landesregierung von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) keinen Anlass sah, weiter die Hilfe der Bundeswehr anzufordern. In den USA gehören Militärpatrouillen nach Umweltkatastrophen zum Standard, um Plünderungen zu verhindern. Doch die für das Krisenmanagement zuständige Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier teilt dazu mit: „Bundeswehr, THW und Feuerwehr werden im Rahmen gesetzlicher Vorgaben zur Gefahrenabwehr eingesetzt. Die Maßnahmen der Gefahrenabwehr sind in den meisten Einsatzabschnitten inzwischen abgeschlossen.“

Die Bundeswehr, die vor allem Brücken gebaut und beim Freiräumen von Straßen geholfen hat, ist Anfang September abgezogen. Auch sind längst nicht mehr so viele Helfer vor Ort an der Ahr, ein paar Dutzend hier, ein paar Dutzend dort, während in Hochzeiten Zehntausende mit anpackten. So manch zurückbleibendem Flutopfer droht nach Wochen des Schuftens bis zur Besinnungslosigkeit nun eine große Leere – und das nicht nur, weil es noch Monate dauern wird, bis die feuchten Gemäuer ausgetrocknet sind, und der Winter ohne Heizung naht. Die meisten würden lieber gestern als morgen beginnen mit der Renovierung, um zurückzukehren in ein Leben, das wenigstens einen Hauch von Normalität verspricht. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wenn die Politik nicht schnell die entscheidenden Weichen stellt, drohen viele unterwegs aufzugeben und sich andernorts eine neue Zukunft zu suchen.

WIEDERERÖFFNUNG 2022

300 Meter entfernt von der kleinen Saxofon-Serenade hat Andreas Carnott ein großes, weinrotes Banner am Bauzaun vor seinem Hotel „Ruland“ hängen. „Wir machen weiter! Wiedereröffnung Sommer 2022“ verkündet es in weißer, hoffnungsfroher Schrift. Es wirkt in der niederschmetternden Trümmerlandschaft von Altenahr wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Dem energiegeladenen 50-Jährigen nimmt man es zwar ab, wenn er sagt: „Das kriegen wir schon hin.“ Aber selbst wenn ihm die schnelle Wiedereröffnung gelingt: Andere Häuser und Ladeninhaber in der Umgebung, die teilweise deutlich stärker zerstört sind, werden das auf keinen Fall schaffen. Wie die Urlauber reagieren, ist daher schwer einzuschätzen. „Das, was die Ahr zum Ferienparadies gemacht hat, die Radwege, die Weinfeste, die Ahrtalbahn, die Wanderwege mit ihren Flussquerungen, das ist alles zumindest vorerst nicht mehr da“, räumt Carnott ein.

Der Hotelfachwirt ist Spross einer alteingesessenen Gastronomie-Familie, seit 1870 empfängt man an der Ahr Gäste. Das „Ruland“ hat sämtliche Rückschläge verkraftet, von zwei Weltkriegen bis zu Corona. Carnott weiß, wie wichtig schnelles Handeln ist, gleich am Montag nach der Katastrophe saß er daher daheim im vom Wasser verschonten Wohnzimmer und telefonierte Handwerker ab. Das kommt ihm jetzt zugute, mittlerweile ist es fast unmöglich, noch einen bezahlbaren Handwerker zu finden. Aber im „Ruland“ läuft die Baustelle, die überfluteten Gebäudeteile sind entkernt und trocknen.

Das Banner sollte ein Signal sein, ein Zeichen der Hoffnung, dass die schnelle Rückkehr der fürs Ahrtal überlebenswichtigen Urlaubsgäste überhaupt gelingen kann. „Viele im Ort haben mich gefragt, ob wir weitermachen“, sagt der Hotelfachwirt. Nun hat er vor allem Angst vor Gebäuden in der Nachbarschaft, um deren Rettung sich die Besitzer womöglich gar nicht erst kümmern.

Und die dann zu einer übel nach Öl und Moder riechenden Ruine zu werden drohen. „Die Politik müsste jetzt ganz dringend klären und vorsorgen, dass nirgends Hochwasserruinen stehen bleiben.“ Und dann ist da natürlich die Frage nach dem Geld. Wann und für wen fließen die Hilfen aus dem 30 Milliarden schweren Aufbaufonds von Bund und Ländern? Das ist die zentrale Frage, die in diesen Tagen quer durch das Ahrtal gestellt wird.

HILFE ERST AB OKTOBER

Es wurde zwar festgelegt, dass Flutopfer bis zu 80 Prozent ihrer Schäden erstattet bekommen sollen, in Härtefällen werden angeblich sogar 100 Prozent des Schadens abgedeckt. Aber offen ist, ob das alles auch so einfach klappt, wie es klingt. Wer Schäden ersetzt haben will, muss ein Sachverständigengutachten vorlegen, beim Inventar womöglich Rechnungen und Fotos, aber was tun, wenn alles weg ist? Die Anträge sollen außerdem auf Plausibilität überprüft werden, teilt das rheinland-pfälzische Innenministerium mit. Wer weiß, wie lange das dauert. Überhaupt: Wie sollen die Behörden des Landes und der Kommunen mit ihrem ohnehin begrenzten Personal zurechtkommen mit dieser Antragsflut, wenn es schon bisher oft hakt beim Ausstellen eines Personalausweises? Das Land will zwar um eine Personalaufstockung und Amtshilfe bitten, aber all das braucht Zeit.

Beantragen kann man eine Hilfe ohnehin erst ab Oktober. Wer nicht weiß, wie viel Geld er zur Verfügung hat, kann aber schwerlich Aufträge an Handwerker vergeben. Und mit der Versicherung, so vorhanden, steht den meisten Hausbesitzern wohl auch Streit bevor: „Wenn man dachte, man ist elementarversichert, und jetzt merkt, dass das so einfach nicht ist“, sagt der Berufssoldat Achim Gasper aus Altenburg in der Verbandsgemeinde Altenahr. So gelte manche Klausel nur bei Hochwasser, nicht aber bei Starkregen oder bei Rückstau.

„Jetzt brauchen wir Macher und keine Sesselfurzer, sonst geht die Region unter“, sagt Hotelier Wolfgang Ewerts aus Insul frei von der Leber weg. Der 53-Jährige will seinen Bungalow und sein Mietshaus bis Jahresende wieder herrichten. „Die Einrichtung in unserem Haus war erst ein halbes Jahr alt. Wir konnten dem Möbelmann sagen: Das Gleiche wie vorher.“ Für das Privathaus hatte er allerdings keine Elementarversicherung, sondern nur für das Hotel. Dort versucht er gerade, die vom Gutachter geforderte Liste zusammenzustellen, die Einrichtung von Küche und Speisesaal, vom Biergarten. Er würde das Hotel gern sogar schon im Frühjahr wieder eröffnen. „Das ist meine Existenz. Ich verdiene kein Geld, und wir kommen aus Corona.“ Zumal Unternehmen Einkommensausfälle nur für einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten geltend machen können sollen.

Der Bürgermeister von Insul, Ewald Neiß, befürchtet aber auch, dass wegen des Geldes eine verbitterte „Gerechtigkeitsdebatte“ ausbrechen könnte. Bisher sei die Verteilung von Spenden und Hilfsgeldern einvernehmlich verlaufen. Doch das, so Neiß, könnte sich ändern, wenn jetzt das „große Geld“ verteilt wird. In der Verteilungsfrage, sorgt er sich, stecke viel sozialer Sprengstoff, ganze Dörfer könnten sich spalten. „Hoffentlich passiert uns das nicht.“ Die wahre Katastrophe nach der Katastrophe wäre tatsächlich, wenn die Menschen nach ihrem Hab und Gut auch noch ihren Zusammenhalt verlören.