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Hoffnung für Little White & Little Grey


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Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 14.10.2022

Tierschutz

Artikelbild für den Artikel "Hoffnung für Little White & Little Grey" aus der Ausgabe 11/2022 von Ein Herz für Tiere. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 11/2022

Ein Leben in Freiheit Belugawale sind sehr soziale Tiere und leben in großen Gruppen zusammen. Ihr Lebensraum sind die arktischen Gewässer

Ein kleines Betonbecken mit wenig Platz. Ohrenbetäubender Lärm von 500 jubelnden und applaudierenden Menschen auf den Sitzen, die in den empfindlichen Ohren wehtun. Die Laute hallen in dem großen, in Form eines Amphitheaters angelegten Saal wider.

Sich immer wiederholende Kunststücke tagein tagaus in dem halbrunden Pool – das war das Leben der beiden Belugawale Little White und Little Grey. Damals hießen sie allerdings noch Xiao Bai und Xiao Hui und lebten fast zehn Jahre im Changfeng Ocean World Aquarium in Shanghai. Doch im Frühjahr 2019 begann eine spektakuläre Rettungsaktion für die beiden intelligenten Meeressäuger, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Ihr Ziel ist das rund 10.000 Kilometer entfernte weltweit erste Schutzgebiet für Belugawale, das von der Umweltschutz-Stiftung Sea Life Trust in Island eröffnet wurde.

„Little White und Little Grey waren sehr jung, als sie vor ...

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... der Küste Russlands gefangen wurden“, erklärt Audrey Padgett, Geschäftsführerin des Sea Life Trust Beluga Whale Sanctuary. Sie seien nur ein oder zwei Jahre alt gewesen, als sie von ihren Müttern getrennt wurden und in Gefangenschaft kamen. Verkauft an das Changfeng Ocean World Aquarium, haben die Tiere die Aquarium-Besucherinnen und -Besucher in verschiedenen Shows mit ihren Kunststücken unterhalten.

Als der Konzern Merlin Entertainments im Jahr 2012 den Aquapark übernahm, begann die Suche nach einem artgerechten Refugium für die Meeressäuger, da das Unternehmen den Einsatz von Walen oder Delfinen in solchen Shows ablehnt. In Island wurden sie dann fündig.

Die Klettsvik-Bucht vor der Insel Heimaey, eine der Westmännerinseln im Süden Islands, ist eine mit Netzen vom offenen Meer abgegrenzte Bucht. Hier wurde bereits der Orca Keiko aus dem Film „Free Willy“ im Jahr 1998 auf sein Leben in Freiheit vorbereitet. Ebendiese Bucht soll den beiden in jahrelanger Gefangenschaft befundenen Meeressäugern zukünftig ein artgerechteres Leben bieten.

Die Bucht ist bis zu zehn Meter tief, und die den beiden Belugawalen zur Verfügung stehende Wasserfläche von ungefähr 32.000 Quadratmetern ist beinahe so ausgedehnt wie fünf Fußballfelder.

Per Flugzeug in Richtung Freiheit

Auf ihre aufregende Reise und auf ihr neues Zuhause wurden Little White und Little Grey monatelang vorbereitet. So wurden sie unter anderem trainiert, länger die Luft anzuhalten, um künftig tiefer tauchen zu können. Außerdem wurde die Wassertemperatur in ihrem Becken von 15 Grad auf unter 10 Grad abgesenkt, um sie auf die isländischen Meerestemperaturen einzustimmen. Und eine extra Speckschicht durften sich die Wale auch zulegen.

Im Frühjahr 2019 wurde die spektakuläre 30-stündige Rettungsaktion für die beiden Meeressäuger dann Wirklichkeit – nach einer jahrelangen intensiven Planung, denn: Wale von einem Ort zum anderen zu transportieren, ist eben kein Kinderspiel, sondern wirklich extrem schwierig und mit allerlei Gefahren für die Tiere verbunden.

Mit einer Frachtmaschine der luxemburgischen Cargolux wurden Little White und Little Grey von Shanghai bis in die isländische Hauptstadt Reykjavik geflogen. Ein Team von Tierärzten und eine Gruppe von Technikern begleitete die Waldamen an Bord der Boeing 747, um sie bestmöglich zu betreuen und unbeschadet an ihr Ziel zu bringen. Die beiden Meeressäuger waren zuvor – in speziellen Matten hängend – in Spezialcontainer gehoben worden, die rund einen halben Meter mit Wasser gefüllt waren. So konnten sie die lange Reise gut überstehen. Nach der Landung ging der Transport dann per Lkw und Fähre weiter auf die Westmännerinseln.

Kanarienvögel der Meere

Belugawale, die aufgrund ihrer auffälligen hellen Haut auch Weißwale genannt werden, gehören zu den Zahnwalen und können in freier Wildbahn bis zu 60 Jahre alt werden. Ihre Haut ist jedoch nicht von Geburt an weiß – junge neugeborene Belugawale haben eine graue oder braune Farbe und werden im Alter von etwa einem Jahr blaugrau. Erst nach ihrem fünften Lebensjahr sind sie weiß, sehr hellgrau oder cremefarben. Eine weitere Besonderheit: Belugas sind neben den Irawadi-Flussdelfinen in Asien die einzigen Meeressäuger, die ihren Gesichtsausdruck deutlich verändern können. Besonders die stark vom Kopf abgesetzten Lippen lassen sich gut verformen. Belugas leben normalerweise in den hohen Breiten der nördlichen Hemisphäre in kalten arktischen Gewässern. So gibt es beispielsweise Populationen an den Küsten Alaskas, Kanadas, Grönlands und Russlands. Die beiden Beluga-Weibchen Little White und Little Grey wurden im Weißmeer im Nordwesten Russlands gefangen. Und die Millionenmetropole Shanghai in China ist wohl in jeglicher Hinsicht das von ihrem Lebensraum Entfernteste von den wilden und eisigen Gewässern der Arktis, das man sich auch nur vorstellen kann.

»Es ist wichtig, dass die Tiere uns vertrauen«

Die bis zu sechs Meter großen und über 1000 Kilogramm schweren Meeressäuger leben in großen sozialen Gruppen von 20 bis 100 Tieren und ernähren sich von Muscheln und Krebsen, aber auch von Tintenfischen, Lachsen, Kabeljau und Hering. Dabei nutzen sie ihre Zähne kaum, sondern schlucken ihren Fang meist komplett hinunter. Die Tauchgänge von Belugawalen können bis zu 25 Minuten dauern und bis zu 800 Meter tief gehen.

Mehr als 300 Tiere leben in Gefangenschaft, der Weltbestand der Belugas wird auf etwa 150.000 Tiere geschätzt. Ihre Zahl ist jedoch rückläufig. Die Hauptbedrohung für die weißen Riesen ist die Bejagung, vor allem in Grönland, Russland, Kanada und den USA werden die Tiere nach wie vor gejagt und getötet. Aber auch die Meeresverschmutzung setzt den Populationen stark zu. Chemikalien, Plastik und Öl gefährden ihre Gesundheit und verändern ihre Fortpflanzungsfähigkeit. Zudem stört der Unterwasserlärm von militärischem Sonar, Öloder Gasbohrungen sowie der zunehmende Schiffsverkehr die Orientierung und Kommu- nikation der sensiblen Tiere und führt immer öfter zu Strandungen und zum Tod.

Belugas sind sehr gesellige Tiere und äußerst kommunikativ. Ihre Rufe sind oft auch über Wasser und sogar durch den Rumpf eines Bootes zu hören. Weil sie so viel kommunizieren, wurden sie früher von Seefahrern auch die „Kanarienvögel der Meere“ genannt. Umso besser, dass die beiden Belugas nicht allein sind. So können sie die Veränderungen gemeinsam viel besser verarbeiten und sich außerdem aneinander orientieren.

Ihr vorübergehendes Zuhause

Lautes Quietschen begleitet Vignir Skaeringsson in den höchsten Tönen, als der Tierpfleger den Raum betritt. Hier warten zwei schneeweiße Kolosse im 1,6 Millionen Liter großen, mit natürlichem Meerwasser gefüllten Becken. Sie sind bereit für die täglichen Übungen und Gesundheitschecks, die sie routinemäßig und mit sichtlicher Freude machen. Während Kuratorin Jessica Whiton und ihre Stellvertreterin Courtney Burdick die Temperatur der Tiere checken, macht Skaeringsson einige Übungen zum Gesundheitsstatus. „Es ist wichtig, dass die Tiere uns vertrauen und dass wir sie auf ihren Gesundheitszustand hin untersuchen können und sie dabei stillhalten“, erklärt Jessica Whiton. Courtney Burdick misst mithilfe einer App auf ihrem Mobiltelefon die Temperatur von Little White. „Alles ist kalt – wie man an den Farben auf dem Display sieht“, erklärt sie. „Und das ist auch gut so – denn Wärme würde auf eine mögliche Entzündung hinweisen.“ Währenddessen gibt Vignir Skaeringsson Little Grey das Zeichen, ihm ihre Fluke hinzuhalten und in dieser Position zu bleiben. „So könnten wir ihr jederzeit Blut abnehmen, ohne sie betäuben zu müssen.“ Schließlich möchten die Pfleger jederzeit wissen, dass die beiden Tiere in bester Gesundheit sind. „Diese Checks kann das Beluga-Team dann auch in der Bucht von der schwimmenden Plattform aus durchführen, wenn die beiden Meeressäuger umgesiedelt sind.

»Freiheit, die man ihnen vor Jahren gestohlen hat«

Einzigartiges Schutzgebiet

Das Meeresschutzgebiet für Meeressäuger wurde mit der Unterstützung einer großzügigen Spende von Merlin Entertainments errichtet. Das in Partnerschaft mit Whale and Dolphin Conservation (WDC) entstandene Sea Life Trust Beluga Whale Sanctuary ist das erste Refugium dieser Art auf der Welt und kann zukünftig nicht nur Little White und Little Grey, sondern auch anderen Meeressäugern in Gefangenschaft ein artgerechteres Leben in einem natürlichen Lebensraum bieten. „Wir haben hier in Island die Möglichkeit, herauszufinden, wie diese beiden Belugas, die fast ihr gesamtes Leben in Gefangenschaft verbracht haben, nun auf eine für sie viel natürlichere Umgebung reagieren“, erklärt die Geschäftsführerin des Sanctuary. „Wie schnell gewöhnen sie sich an ihre neue Umgebung? Wie schnell verändert sich ihr Verhalten? Was brauchen sie? Diese Informationen können wir weitergeben – und auf diese Weise das Leben der noch weiteren rund 300 Belugas in Gefangenschaft verbessern“, fügt sie hinzu.

„In Freiheit können wir die beiden Wale nicht entlassen, denn sie waren fast ihr gesamtes Leben in menschlicher Betreuung.“ „Deshalb ist es nun auch die Verantwortung von uns Menschen, uns um die Tiere umfassend und bestmöglich zu kümmern. Wir möchten so gut es eben geht zurückgeben, was die beiden durch den Menschen verloren haben. Das sind wir den Tieren schuldig. Unser Ziel ist, dies in einer natürlicheren und für sie artgerechteren Umgebung zu tun – und das ist hier.“

Ein erster Versuch, die beiden Belugas von ihrem Indoor-Pool in das Meeresschutzgebiet in der nahe gelegenen Bucht zu entlassen, wurde aufgrund der Corona-Pandemie vom Frühjahr auf Herbst 2020 verschoben. „Doch als die beiden Wale draußen waren, gewöhnten sie sich unterschiedlich schnell an die neue Umgebung“, erklärt Audrey Padgett. „Little White hatte sehr viel mehr Schwierigkeiten als Little Grey, vor allem, als das Wetter umschlug und es stürmischer und regnerischer wurde“, erinnert sich Audrey Padgett. Schließlich kennen die beiden Belugas weder Tageslicht noch Strömung, Wellen, Wind oder Regen. Little Grey sei selbstsicherer, etwas mutiger und extrovertierter als ihre Gefährtin. Und für Little White waren es zu viele ungewohnte Dinge auf einmal. „Deshalb haben wir uns entschieden, die beiden noch einmal in das Indoor-Becken zurückzubringen“, fügt sie hinzu.

MEHR INFOS

Sea Life Trust

Die Organisation setzt sich weltweit für den Schutz der Meere und deren Lebewesen ein. Sie betreibt zwei Schutzgebiete: das Beluga Whale Sanctuary und das Cornish Seal Sanctuary in England für Robben. www. sealifetrust.org

2022: Nächster Versuch

Mitte August 2022 war endlich der nächste Versuch geplant. „Alles war vorbereitet, der genaue Zeitpunkt festgelegt, doch dann geschah etwas vollkommen Unerwartetes: Das Boot unseres Haupttauchunternehmers in der Anlage in der Klettsvik Bay sank am 14. August kurz vor dem Transport der Tiere; Öl und Treibstoff traten aus“, erklärt Audrey Padgett, „und so mussten wir die geplante Rückkehr von Little Grey und Little White in das Meeresschutzgebiet erneut verschieben.“

Das Wohlergehen von Little Grey und Little White habe weiterhin oberste Priorität für das Team. Aufgrund der voraussichtlich langen Zeit, die für die Durchführung der Umweltreinigungs- und Reparaturarbeiten benötigt wird, musste die Rückkehr der Wale in die Klettsvik-Bucht nun ein weiteres Mal auf das nächste Frühjahr verschoben werden, damit sie sich angemessen akklimatisieren können, bevor das wechselhafte Wetter im Herbst beginnt.

2023 ist es hoffentlich so weit: Für eine Dekade mussten Little White und Little Grey für Menschen Kunststücke machen – nun geben andere Menschen ihnen ein Stück Freiheit zurück, die man ihnen vor Jahren gestohlen hat.