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Hoffnungsträger Fracht


Aero International - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 08.07.2021

PORTRÄT

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Bildquelle: Aero International, Ausgabe 80/2021

Am Flughafen Köln/Bonn betreibt UPS ein Sortierzentrum, in dem sämtliche Sendungen für oder aus Europa umgeschlagen werden

Ein sonniger Dienstag Anfang Juni. Johan Vanneste, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Köln/Bonn GmbH, steht auf der Besucherterrasse des Terminals 1 und lässt seinen Blick über die Anlage wandern: Von links nach rechts. Vom sich nach harten Corona-Monaten inzwischen wieder sukzessive mit Passagieren füllenden Terminal 2 mit seinem vorgelagerten, zu dieser Stunde nahezu verwaisten Vorfeld D über die Start- und Landebahn 14L/32R, auf der vor wenigen Augenblicken noch ein Boeing-777-Frachter der FedEx Richtung Nordwest abgehoben ist, bis hin zum riesigen Frachtgelände, einem der größten in ganz Deutschland. Und so sorgenvoll der Augenschwenk am Anfang auch war, umso zufriedener stoppt er schließlich bei den Cargo-Carriern: „In Zeiten wie diesen bin ich froh, dass der Flughafen mit der Fracht ein starkes zweites Standbein hat“, gesteht der gebürtige Belgier ein. Und Zeiten wie ...

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... diese, um einmal Vannestes Umschreibung für die Corona-Krise aufzunehmen, hat der Standort in den zurückliegenden Jahrzehnten noch nicht erlebt.

Tatsächlich reicht die Geschichte des Fliegens in der Wahner Heide zurück bis in die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Leutnant August Joly landete am 5. April 1913 mit einer Rumpler-Taube auf dem damaligen Truppenübungsplatz, der Ende der 1930er-Jahre im Zuge der Mobilmachung für den Zweiten Weltkrieg zunächst zu einem Militärflughafen ausgebaut und 1950 mit dem Erstflug der British European Airways (BEA) auf der Strecke Berlin – Köln/Bonn – Berlin auch für den zivilen Luftverkehr geöffnet wurde. Das übrigens in erster Linie dank des Engagements von Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler der Bundesrepublik, der seinerzeit seine Kontakte zur britischen Besatzungsmacht spielen ließ. Natürlich trägt der Flughafen heute seinen Namen.

Seit 1957 steht der Flughafen, der im jungen Nachkriegsdeutschland schnell in seine ihm angetragene Rolle als Regierungsflughafen fand, nun unter ziviler Verwaltung. Aus dem Jahr 1961 datiert die Inbetriebnahme der 3800 Meter langen Hauptpiste, inzwischen war das Jetzeitalter eingeläutet worden, 1970 folgte die Einweihung des ikonischen Terminals 1 mit seinen charakteristischen zwei Sternen.

1986 richtete Expressdienstleister UPS sein Europa-Drehkreuz in Köln/Bonn ein, gefolgt von TNT nur zwei Jahre später. Das Terminal 2 wurde im Jahr 2000 eingeweiht – und später auch hervorragend ausge lastet, insbesondere dank der Ansiedlung der Low-Coster HLX und Germanwings. 2018 zählte die Betreibergesellschaft annähernd 13 Millionen abgefertigte Passagiere – ein Rekord. 2019 waren es 12,4 Millionen Fluggäste. Doch dann, 2020, stellte ein winziges Virus die Luftfahrt auf den Kopf.

Daran, dass Corona dem Airport schwer zusetzt, lässt Vanneste keine Zweifel aufkommen. Allerdings: Herrscht im Passagierbetrieb seit Monaten allenfalls marginale Bewegung, fällt der Cargobereich durch erstaunliche Betriebsamkeit auf. Selbst jetzt, trotz der Tageszeit, es ist früher Nachmittag, und wie heißt es so schön: Fracht braucht die Nacht. Doch die Drehkreuze von DHL, FedEx, UPS und Co. rotieren, von Covid-19 getrieben, stärker denn je. Den Menschen wurden Kontaktbeschränkungen auferlegt, also gehen sie online shoppen, befeuern so den E-Commerce. Schutzausrüstungen, medizinische Güter und Impfstoffe füllen außerdem Flugzeugrumpf um Flugzeugrumpf. Kurzum: Wenn eine Branche von der Corona-Pandemie profitieren kann, dann die Luftfracht. Das lässt die Verantwortlichen am Airport wenigstens etwas ruhiger schlafen. Doch eine Sorge bleibt.

Wie nahezu jeder Flughafen weltweit, musste auch Köln/Bonn im vergangenen Jahr coronabedingt massive Einbrüche bei den Fluggastzahlen hinnehmen. Es gab in den ersten Wochen der Pandemie Tage, da ließ sich nicht ein einziger Fluggast in den beiden Abfertigungsgebäuden blicken. „Am Anfang des Jahres haben wir uns natürlich große Sorgen gemacht, weil wir nicht wussten, wohin die Reise gehen wird“, erinnert sich der Flughafenchef. „Wir mussten unseren Wirtschaftsplan, der für das Gesamtjahr ursprünglich 12,1 Millionen Passagiere vorsah, nach unten auf zunächst 6,5 Millionen und dann später noch ein weiteres Mal auf 5,4 Millionen Fluggäste korrigieren.“

»Wir werden in den Sommerferien ab Köln/Bonn mehr als 200 000 Gäste in den Urlaub fliegen.«

Jens Bischof, CEO der Eurowings

Im Terminal 2 waren der Check-in- oder der Sicherheitskontrollbereich gar über Wochen geschlossen. Die Ziele, die am stärksten gebucht wurden, waren die in der Türkei, dank der großen türkischstämmigen Community am Rhein. In Vor-Coronazeiten hatten noch spanische Destinationen die Nase vorn. Die innerdeutschen Verbindungen hielt Köln/Bonn auf niedrigem Niveau aufrecht. Berlin beispielsweise stand statt zehn- oder elfmal lediglich zwei- respektive dreimal pro Tag im Flugplan. Dass die Betreiber am Ende des Jahres insgesamt lediglich 3,1 Millionen Fluggäste notieren konnten, liegt auf der Hand. Und dieser Wert entspricht gerade einmal einem Viertel des Vorjahresaufkommens.

Freude bereitete 2020 dagegen der Frachtbereich, der sich in der Krise positiv entwickelte: 863 000 Tonnen abgefertigte Waren und Güter bedeuten ein Wachstum von sechs Prozent gegenüber 2019. Das Plus der Tonnage lag im Schnitt sogar um 13 Prozentpunkte über dem des deutschen Marktes.

Doch den Umsatzeinbruch im Passagierbereich konnte Cargo nicht kompensieren.

Es mussten folglich Lösungen her, um der Krise zu begegnen. Kurzarbeit wurde eingeführt, Kosten wurden massiv reduziert, aber auch neue Einnahmequellen identifiziert.

„Wir haben unter anderem bestehende, lange Zeit schon nicht mehr angepasste Verträge neu verhandelt, denn unsere Preise müssen unserem qualitativ hochwertigen Angebot gerecht werden“, betont Vanneste. Außerdem sei eine Abteilung damit beschäftigt, Events an den Flughafen zu holen, um die leeren Flächen zu füllen. So finden jetzt durchaus auch schon einmal Drive-in-Kunstausstellungen im Parkhaus 1 statt. Investitionen stehen darüber hinaus auf dem Prüfstand. Natürlich habe man das eine oder andere Projekt verschoben, so Venneste. „Doch es gab auch Projekte, die wir vorgezogen haben. Beispielsweise die Treppenkernsanierung im Parkhaus 3.“ Der etwas härtere Winter spielte der Betreibergesellschaft zudem in die Karten, „dadurch hatten wir mehr Einnahmen im Bereich Enteisen. Unterm Strich steht dennoch ein Verlust von rund 31 Millionen Euro. Wir haben auch ein Darlehen in Höhe von 100 Millionen Euro erhalten, das wir in den nächsten Jahren zurückzahlen müssen.

Das ist schon eine Herausforderung“.

Vorsichtig optimistisch

Umso wichtiger ist es, dass der Passagierverkehr an den Airport zurückkehrt. Und tatsächlich spürt Vanneste Zeichen der Erholung: „Das Licht am Ende des Tunnels wird etwas heller. Seit Mai sehen wir, dass die Passagierzahlen langsam wieder hochgehen. Wurden Anfang des Monats noch 1700, 1800 Passagiere pro Tag gezählt, waren es Ende des Monats durchschnittlich 8000 Fluggäste täglich. Am ersten Juni-Wochenende haben wir das erste Mal nach langer Zeit wieder mehr als 11 000 Passagiere an einem Tag am Flughafen begrüßt. Das hat uns sehr überrascht.

Für den Sommer bin ich sehr optimistisch.

Auch darüber hinaus. Die Impfquote steigt, die Grenzen öffnen sich wieder, Quarantänebestimmungen werden sukzessive aufgehoben: Das hilft! Die Menschen haben Lust zu verreisen.“ Insbesondere nach Mallorca. Im Mai notierte die Betreibergesellschaft allein 35 000 Passagiere mit diesem Ziel.

Platzhirsch Eurowings ist vor Ort Treiber und Nutznießer des Aufwindes. Setzte die Fluggesellschaft im Mai an ihrem Heimatstandort noch sechs Flugzeuge ein, werden es im Juli bereits zwölf sein. „Wir werden in den Sommerferien ab Köln/Bonn mehr als 200 000 Gäste in ihren wohlverdienten Urlaub fliegen – zu 60 Zielen in 18 Ländern“, versprach Jens Bischof, CEO der Eurowings, Anfang Juni. Insgesamt bieten 20 Flug gesellschaften Verbindungen ab Köln/Bonn zu rund 100 Destinationen an.

Wie sehen also die Vorhersagen für das Gesamtjahr aus? „Natürlich noch immer nicht gut. Wir mussten auch für 2021 die ursprünglichen Prognosen zurückschrauben. Wir hatten zunächst mit bis zur Hälfte der Fluggäste wie vor der Krise geplant, aber von Anfang des Jahres bis Ende Mai lagen wir mit den Fluggastzahlen weit unter den Vorhersagen und hoffen jetzt, am Ende des Jahres bei rund 4,5 Millionen Passagieren zu landen. Das ist ein Drittel des Aufkommens von 2019.“ Über den Bereich Fracht muss sich der Airport dagegen auch in Zukunft keine Sorgen machen. „Unsere Rolle als Frachtflughafen ist nicht zuletzt dank unserer 24-Stunden-Betriebsgenehmigung bedeutend“, versichert Vanneste. Und das habe sich bereits in der Corona-Pandemie gezeigt. „In den ersten Monaten des laufenden Jahres, also bis Ende Mai, liegen wir bei einem Plus von 22 Prozent. Wir gehen, für das Gesamtjahr hochgerechnet, bei der Tonnage von einem Zuwachs auf deutlich jenseits der 900 000 Tonnen aus.“ •