Lesezeit ca. 8 Min.

HOLLYWOOD IN DER WÜSTE


Logo von flow
flow - epaper ⋅ Ausgabe 65/2022 vom 19.04.2022

Weite Welt

Artikelbild für den Artikel "HOLLYWOOD IN DER WÜSTE" aus der Ausgabe 65/2022 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 65/2022

Es ist Vormittag, als der Mann, den hier alle Osama bin Laden nennen, sein spärlich möbliertes, dunkles Einzimmerhaus verlässt. Er trägt ein weißes Gewand, eine Militärjacke und einen weißen Turban auf dem Kopf. Bevor er aus dem Hof seines Zuhauses, das aus Lehm und Stroh gebaut ist und überall Risse hat, auf die Straße tritt, streut er noch ein paar Körner für die Vögel aus. „Wenn ich doch nur ein Leben wie diese Vögel hätte und wegfliegen könnte“, sagt er und ein breites Lächeln erhellt sein faltiges Gesicht. „Aber in meinem Alter ist das wohl nicht mehr zu erwarten.“

Draußen, im Getümmel der Stadt, erregt sein grau melierter Bart, mit dem er dem verstorbenen Al-Qaida-Führer bin Laden verblüffend ähnlich sieht, die Aufmerksamkeit vieler Passantinnen und neugieriger Touristen. Der alte Mann braucht mindestens zehn Minuten, um den nahe gelegenen Tabakladen zu erreichen, den er seit Jahren ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von flow. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 65/2022 von Zeichen setzen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zeichen setzen
Titelbild der Ausgabe 65/2022 von Hinter den Kulissen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hinter den Kulissen
Titelbild der Ausgabe 65/2022 von DIE KRAFT DES OPTIMISMUS NUTZEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE KRAFT DES OPTIMISMUS NUTZEN
Titelbild der Ausgabe 65/2022 von klug überzeugen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
klug überzeugen
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
„Ich bin nicht sehr gesprächig. Schreiben hilft mir, mich auszudrücken“
Vorheriger Artikel
„Ich bin nicht sehr gesprächig. Schreiben hilft mir, mich auszudrücken“
Frida-Kahlo-Poster
Nächster Artikel
Frida-Kahlo-Poster
Mehr Lesetipps

... betreibt. An den Wänden des kleinen Geschäfts hängen gerahmt seine schönsten Erinnerungen. „Auf diesem Bild habe ich mit Omar Sharif in Die zehn Gebote gespielt. Hier habe ich in Prince of Persia gesprochen, und das ist aus Prison Break“, sagt er stolz und zeigt auf Dutzende von Fotos, auf denen er in verschiedenen Outfits und Kostümen posiert. Abdelaziz Bouyadnaine (64) hat als Statist in über 100 Filmen, Fernsehserien und Dokumentationen mitgewirkt. „Durch meine Arbeit habe ich die berühmtesten Schauspieler:innen der Welt kennengelernt“, erzählt er. In den letzten 30 Jahren hat er unter anderem mit Orlando Bloom, Brad Pitt und Jean-Claude Van Damme vor der Kamera gestanden. „Ich liebe das Kino und seine besondere Atmosphäre.“

KLEINE ROLLEN, GROSSE TRÄUME

Bouyadnaine lebt in Ouarzazate, einer Stadt in der marokkanischen Wüste, die jedem in der Filmbranche ein Begriff ist. Dank ihrer sehr fotogenen Kasbah – dem Teil der Stadt, der von hohen Mauern geschützt wird –, der stillen Wüste und der schneebedeckten Berggipfel war diese bezaubernde Oase mit ihren 70 000 Einwohner:innen schon Schauplatz zahlreicher Filme und Serien: vom James-Bond-Film The Living Daylights und dem Klassiker Lawrence von Arabien bis hin zu modernen Blockbustern wie Gladiator, Die Mumie und Königreich der Himmel. Bekannte Fernsehserien wie Game of Thrones und Prison Break wurden ebenfalls in Ouarzazate gedreht. Der einst unbedeutende Militärposten 200 Kilometer südlich von Marrakesch hat sich zu einer Stadt mit zwei Filmstudios für nationale und internationale Produktionen sowie mehreren Fünf-Sterne-Hotels entwickelt.

Die vielseitigsten Kino-Profis der Welt spielen in unzähligen Filmen , ohne dass sie jemals wirklich wahrgenommen werden

Weil hier seit Jahrzehnten Filme gedreht werden, sind Hunderte von Einheimischen zu Hintergrunddarstellenden geworden. Sie werden regelmäßig für Szenen mit größeren Gruppen oder auch für prominentere Rollen gecastet. Unter ihnen sind die vielseitigsten Schauspieler:innen der Welt, die unbekannte Profis, Tibeter, biblische Flüchtlinge, Sklav:innen aus dem alten Ägypten oder IS-Kämpfer spielen können. Sie sind unbesungene Held:innen des Kinos, die in unzähligen Filmen mitspielen, ohne jemals wirklich wahrgenommen zu werden. Obwohl sie ihre Arbeit mit großer Hingabe tun und ihr Leben ganz in den Dienst des Films stellen, stehen die meisten am Ende ohne Rente oder ausreichend Rücklagen fürs Alter da. An Drehtagen arbeiten sie bis zu 16 Stunden am Stück für einen mageren Lohn von 15 bis 25 Euro pro Tag. Dann sind sie wieder monatelang arbeitslos, weil zwischen einer Filmproduktion und der nächsten meist eine lange Zeit liegt.

Viele Schauspieler:innen leben in den engen, teils baufälligen Gassen der Kasbah Taourirt, der malerischen Altstadt von Ouarzazate. Wie Fatima Zahra al Hassani (14), ausdrucksstarke Gesichtszüge und braune Augen, die schon in vielen Filmen mitgespielt hat. „Ich war eineinhalb, als ich meine erste Rolle bekam“, erzählt sie, während sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in dem engen Wohnzimmer sitzt. Fatimas bisher größte Rolle war in Rock the Kasbah, einem Film von Barry Levinson aus dem Jahr 2015, in dem Bill Murray die Hauptrolle spielt. Darin verkörpert sie ein afghanisches Mädchen, das Mehl aus einem Laden stiehlt, damit ihre arme Mutter zu essen hat. „Der Film hat mir sehr gut gefallen, aber die Dokumentation über Kleopatra fand ich noch schöner. Darin sah ich aus wie eine kleine Prinzessin“, erinnert sie sich lächelnd.

Obwohl es ihr Traum ist, eine weltberühmte Schauspielerin zu werden, erlaubt ihr ihre Mutter nur dann die Schule zu schwänzen, wenn es um eine große Rolle geht, nicht aber, wenn sie als Statistin angeheuert wird. „Für eine große Rolle bekomme ich manchmal 50 Euro am Tag“, sagt sie. „Meine Familie kann das Geld gut gebrauchen.“

WELTEN AUS STYROPOR UND HOLZ

Am Rande der Stadt liegen die Filmstudios Atlas und CLA, in denen die meisten Dreharbeiten stattfinden. Wenn man durch die Eingangstore tritt, fühlt man sich sofort wie in einer anderen Welt. Die Mischung aus Realität und Fiktion hat etwas Surreales an sich. Denn dort, mitten in der brütend heißen Wüste, tauchen plötzlich Mekka und Jerusalem auf, ägyptische Tempel, afghanische Dörfer, griechische Villen und Burgen der Kreuzritter. Perfekte Kopien aus Styropor, die auf ihren Holzgerüsten äußerst vergänglich wirken. Einige der Kulissen sind unter dem ständigen Wind zusammengeklappt, können aber bei Bedarf innerhalb von kürzester Zeit wieder hergerichtet werden. Das Atlas-Studio wurde 1984 für den Film Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil mit Kathleen Turner und Michael Douglas in den Hauptrollen gebaut. Das signierte Foto der beiden hängt immer noch am Eingang, der im Film verwendete Bomber-Nachbau ist auch noch da. Drei Jahre später klopfte dann der Regisseur Martin Scorsese an die Tore der Stadt. „Ich war damals Leiter des marokkanischen Filmzentrums“, erinnert sich Souheil Ben-Barka (79), einer der bekanntesten Filmregisseure Marokkos. „Scorsese fand nicht den richtigen Drehort für Die letzte Versuchung Christi, denn der Film war ziemlich umstritten. Als er fragte, ob man das in Ouarzazate machen könne, haben wir ihm sofort alles zur Verfügung gestellt, was er wollte. Nachdem er wieder in Amerika war, hat er in der Filmbranche reichlich Werbung für uns gemacht.“

2019 wurden in Marokko 38 ausländische Produktionen gedreht, darunter Spielfilme, Fernsehfilme und -serien, für die insgesamt über 70 Millionen Euro investiert wurden. Laut Aussage des Filmkomitees von Ouarzazate sind die Produktionskosten hier um 30 bis 50 Prozent niedriger als im Westen, möglich durch die Kombination aus günstigen Steuerregelungen, Bargeldrückzahlungen und preiswerten, aber qualifizierten Techniker:innen. „Einige von ihnen gehören zu den besten der Welt“, sagt Ben-Barka. „Bei den ersten amerikanischen Produktionen brachten sie 51 ihrer eigenen Leute mit und stellten 20 vor Ort ein. Diese Proportionen haben sich nun umgekehrt.“ Dennoch war es anfangs nicht leicht, die lokale Bevölkerung zur Mitarbeit an den Filmproduktionen zu bewegen. In den 1980er-Jahren war die Gesellschaft hier noch sehr traditionell, es galt als unpassend – vor allem für Frauen –, in Filmen mitzuwirken. Deshalb heuerten viele Filmproduktionen Statist:innen aus Casablanca und Marrakesch an.

„Als Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil bei uns gedreht wurde, habe ich aus reiner Neugierde vorgesprochen. Ich war ein Waisenkind, daher gab es niemanden, der mir etwas verbieten konnte“, erzählt Saadiya Guardienne, eine Frau mittleren Alters und eine der ersten einheimischen Schauspielerinnen. Seit diesem ersten Vorsprechen hat sie in über 50 Filmen mitgewirkt, an ihr Debüt hat sie nach wie vor die schönsten Erinnerungen. „Kathleen Turner war so schön und freundlich! Sie war sehr geduldig, auch wenn wir Fehler gemacht haben“, erinnert sie sich. „Als ich einmal meine Tochter zum Set mitgebracht habe, hat sie ihr ganz viel zum Anziehen geschenkt.“

DREI EURO PRO TAG

Auch die politische Stabilität und Toleranz Marokkos haben zur Erfolgsgeschichte Ouarzazates beigetragen. Das machte die Stadt zu einem beliebten Drehort für Filme, die im Nahen Osten oder in Kriegsgebieten wie Afghanistan und Pakistan spielen – und in diesen Ländern potenziell umstritten sind. „Bei uns herrscht große Meinungsfreiheit“, sagt die Produzentin Khadija Alami (60) bei einem Besuch in ihrem schattigen, von Bäumen umstandenen Haus in Casablanca. Sie hat an vielen nationalen und internationalen Filmen mitgearbeitet. „Die einzigen Einschränkungen, die wir haben, betreffen Pornografie oder Drehbücher, die unseren König oder den Islam beleidigen.“ Alami ist so zuversichtlich, was die Zukunft angeht, dass sie ihr eigenes Studio in der Fint-Oase ein paar Kilometer außerhalb von Ouarzazate gebaut hat. Die K-Films-Studios ähneln einer Miniaturausgabe der kalifornischen Skywalker Ranch des amerikanischen Filmregisseurs George Lucas. „Der Unterschied ist, dass er mit dem Hubschrauber auf seinem Grundstück unterwegs ist, während ich zu Fuß gehe“, scherzt Alami. Eines ihrer Ziele ist, ein Kino in Ouarzazate zu bauen, denn die „Hauptstadt des Films“ hat schon seit Jahrzehnten kein eigenes mehr.

Wenn eine neue Produktion anläuft, erwacht die sonst eher verschlafene Stadt zum Leben

Die meisten Kompars:innen bekommen die Filme, in denen sie mitspielen, nie zu sehen. Von ihren eigenen, einfachen Häusern aus betrachtet sieht die glamouröse Filmindustrie noch mal ganz anders aus. Wenn in der Stadt keine Filme gedreht werden, müssen sich die meisten von ihnen durch Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten. So etwa auch Saadiya Guardienne, die einen kleinen Gemeinschaftsofen betreibt, in dem Frauen ihre Fladenbrote backen können. „So viel verdiene ich an einem Tag“, sagt sie und zeigt einige Münzen im Wert von etwa drei Euro. Für sie und die meisten Schauspieler:innen hier sind die Träume von einer großen Filmkarriere geplatzt. Ein paar vergilbte Fotos und Erinnerungen sind oft alles, was von ihren Einsätzen am Set übrig ist. „Ich habe ein hartes Leben, aber da bin ich nicht die Einzige“, sagt Saadiya Guardienne und ringt mit den Tränen. „Das nächste Mal würde ich gerne eine Rolle spielen, in der ich das Leben von Menschen verändere.“

Dreharbeiten, an die sich alle Bewohner:innen der Kasbah noch gut erinnern, waren die zu Rules – Sekunden der Entscheidung mit Tommy Lee Jones und Samuel L. Jackson. Der Film aus dem Jahr 2000 handelt vom Angriff eines wütenden Mobs auf die US-Botschaft in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, sowie dem anschließenden Vergeltungsschlag des US-Militärs. „Hunderte von Menschen haben bei diesem Film mitgewirkt. Die gesamte Kasbah wurde für die Produktion gemietet, und alle wurden dafür bezahlt, an diesem Tag zu Hause zu bleiben“, erinnert sich Naceur Oujri (73). „Den ganzen Tag über flogen Militärhubschrauber über unsere Häuser hinweg, und überall gab es fingierte Explosionen. Das war wirklich außergewöhnlich.“

COMPUTER IN DER HAUPTROLLE

Wie an einem echten Set erwacht die sonst eher verschlafene Stadt Ouarzazate zum Leben, wenn eine neue Produktion anläuft. Die Schauspielerinnen und Statisten stehen zum Vorsprechen an, einheimische Kunstschaffende werden angeheuert, um das Bühnenbild zu dekorieren und die benötigten Kulissen und Accessoires anzufertigen. Der Künstler Mbarek Arouaie (55) arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Filmindustrie und kann alles herstellen: römische Schwerter, ägyptischen Schmuck, ganze Kulissen. Seine schönsten Erinnerungen sind die an Kundun, Martin Scorseses Film über das Leben des 14. Dalai Lama. „Das war mit Abstand unsere größte Produktion“, sagt er. „Hunderte von Statist:innen wurden aus Asien eingeflogen, um buddhistische Mönche darzustellen. Fast ein Jahr lang wurde der Film hier produziert, die ganze Stadt hatte Arbeit.“ Auch wenn der Kundun-Tempel noch intakt und eine Hauptattraktion des Atlas-Studios ist: Der Einsatz von computergenerierten visuellen Effekten in modernen Filmen ist ein harter Schlag für die Handwerkerinnen und Künstler von Ouarzazate. „Früher wurden 3000 Kupferschwerter für eine Filmszene bestellt. Heute bestellen sie zwei oder drei, und der Rest ist aus Holz“, sagt Arouaie.

Die Darsteller:innen teilen diese Sorgen: Auch ihrer Arbeit machen Computer mehr und mehr Konkurrenz. Kürzlich wurde ein Film gedreht, der im alten Ägypten spielt und bei dem 20 Kompars:innen für eine Tempelszene ausreichten. Alle anderen wurden nachträglich beim Schnitt hinzugefügt – mehrere Hundert mit wenigen Klicks. „Die Welt verändert sich. Warum ein großes Filmset bauen, wenn man es auch digital konstruieren kann? Das ist viel billiger“, sagt Filmregisseur Souheil Ben-Barka. „Die Fernsehserie über Ben-Hur mit digitalen Effekten ist viel besser als der Originalfilm mit Charlton Heston.“

Dennoch hat es Ouarzazate geschafft, seine wichtige Rolle in der Filmindustrie auch in diesen herausfordernden Zeiten zu verteidigen – und zu halten. Zu den jüngeren ausländischen Produktionen zählen etwa die Filme Waiting for the Barbarians und The Old Guard sowie die Fernsehserien Bagdad nach dem Sturm und Homeland. Wegen der Pandemie mussten die Studios im März 2020 sämtliche Dreharbeiten einstellen, inzwischen konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden.

TEXT MATTEO FAGOTTO