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Holy Brothers


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 25.11.2021

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Russell und Ron Mael (v. l.)

So, may we start?“ mit dieser frage beginnt „An nette“ (ab 16.12. im Kino), Leos Carax stellt sie höchstselbst, am Mischpult eines Tonstudios in Los Angeles sitzend. Doch einen Kame raschwenk später liegt die Aufmerksamkeit schon nicht mehr bei dem Regisseur von Filmen wie „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (1991) und „Holy Motors“ (2012), sondern bei Ron und Russell Mael, besser bekannt als das kultisch verehrte Popduo Sparks. Die beiden greifen nämlich seine Frage auf und verwandeln sie in ein Lied, wobei „So May We Start“ gleich derart schwungvoll Fahrt aufnimmt, dass es die Brüder nicht lange im Studio hält, sondern sie schließlich, begleitet von Adam Driver Marion Cotillard und Simon Helberg, singend durch die Straßen von L.A. ziehen.

Kaum ein Film in diesem Jahr dürfte eine mitreißendere Eröffnungsszene haben, und dass sie lediglich ein Metaprolog statt echter Bestandteil der Handlung ist, macht die Sache nur noch inte r­ essanter. Denn auch wenn die Maels später gar nicht mehr in „An nette“ auftauchen, sondern besagten Schauspielern das Feld überlassen, macht dieser Auftakt doch unmissverständlich klar: Dieser Film ist zwar von Carax inszeniert, doch die treibende Kraft sind hier eigentlich die Sparks.

„Das Ganze nahm vor etwa neun Jahren ihren Anfang“, erinnerte sich Russell Mael vor einigen Monaten beim Filmfestival in Cannes, wo „An­ nette“ als Eröffnungsfilm Weltpremiere feierte. „Damals hatten wir die erste Idee zu einer Geschichte, die wir uns zwar schon als narratives Projekt vorstellten, für das wir aber eigentlich ein neues Sparks-Album im Sinn hatten. Auch eine Bühnenversion, irgendwo zwischen Konzert und Performance-Theater, schwebte uns vor. Doch dann lernten wir ein Jahr später hier in Cannes den Regisseur Leos Carax kennen, der einen unserer Songs in seinem Film ‚Holy Motors‘ verwendet hatte. So kamen wir auf die Idee, ihm mal unser Projekt namens ‚An nette‘ zu schicken. Er war begeistert, und schließlich schlug er vor, daraus seinen nächsten Film zu machen.“

Die Geschichte des Films, erdacht von den aus Kalifornien stammenden Maels und bearbeitet von dem Franzosen Carax, ist vergleichsweise schnell erzählt. Adam Driver spielt den Stand-up-Komiker Henry McHenry, der es auf der Bühne vor allem dar auf anlegt, sein Publikum zu schockieren, was allerdings auch nicht verhindern kann, dass sich seine Karriere auf dem absteigenden Ast befindet. Ganz anders seine neue Freundin, die Opernsängerin Ann Defras noux (Marion Cotillard), die in ihrer Zunft ganz oben angekommen ist und nicht nur von ihrem Dirigenten (Simon Helberg) angehimmelt wird. Das ungleiche Paar führt eine leidenschaftlich-turbu lente Beziehung und bald wird das titelgebende Töchterlein geboren, doch irgendwann schlägt das Schicksal zu, und was als versponnene Romanze beginnt, wird zu einem düsteren Melodrama.

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Adam Driver
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Marion Cotillard

Vor allem aber ist „An nette“ eines, nämlich ein Musical. Gesprochene Dialoge sind spärlich gesät, stattdessen wird (von den prominenten Darstellern durchaus überzeugend) gesungen. Zusätzlich zur Auftaktnummer haben die Maels 14 weitere Songs geschrieben, die ihrem eigenen Werk aus den zurückliegenden fünfzig Jahren allerdings näher sind als klassischen Kinomusicals. „Wir mögen die Künstlichkeit, die jedem Musical irgendwie innewohnt“, gibt Ron zu Protokoll. „Aber das ist nicht gleichbedeutend mit dem Bombast, mit dem viele Hollywoodfilme Gesang und Choreografien inszenieren. Den wollten wir unbedingt umgehen und die Geschichte, zumindest was das Spielen und Singen angeht, so naturalistisch und realistisch wie möglich umsetzen.“

Die Sorge, „An nette“ könnte sich womöglich als kitschiger Schmalz oder Ähnliches erweisen, ist selbstverständlich vollkommen unbegründet. Der Film mag nicht ganz so einfallsreich, facettenreich und atemberaubend sein wie Carax’ Vorgänger „Holy Motors“. Doch eine reichlich schräge und doppelbödige Angelegenheit ist auch dieses Werk, voller Albtraumsequenzen, seelischer Abgründe und raffinierter Kunstwerk-im-Kunstwerk-Verschachtelungen. Dass es ein famoses Duett zwischen Driver und Cotillard gibt, in dem der Gesang nicht einmal für den Cunnilingus unterbrochen wird, sollte dabei ebenso wenig verschwiegen werden wie die Tatsache, dass das Kind der beiden eine wie eine Bauchrednerpuppe aussehende Computeranimation ist, die mit außergewöhnlichem Gesangstalent gesegnet ist und von ihrem Vater zum Weltstar aufgebaut wird.

„Wir mögen die Künstlichkeit, die jedem Musical irgendwie innewohnt“

Von Kompetenzgerangel bei der Umsetzung dieses ungewöhnlichen Projekts konnte keine Rede sein, wie Ron versichert: „Wir hatten vollstes Vertrauen in Leos und haben aufgrund seiner früheren Filme eine Art Verbundenheit mit ihm gespürt. Dass es einige Jahre dauerte, bis unsere Vision Wirklichkeit wurde, lag nicht daran, dass wir uns nicht über die Stoßrichtung einig geworden wären, sondern war nur äußeren Umständen geschuldet. Im Gegenteil hat sich Leos die ganze Zeit mit Haut und Haar diesem Film verschrieben und arbeitete nicht, wie es seine Kollegen in Hollywood meist tun, an zehn Projekten gleichzeitig.“

„Er kam immer wieder nach Los Angeles oder wir flogen zu ihm nach Paris“, fährt der ältere der beiden Brüder fort. „Die meisten Songs hatten wir schon geschrieben, bevor er mit an Bord kam, nur ein paar kamen später dazu, wenn Leos noch neue Ideen hatte. Und natürlich haben wir gemeinsam am Drumherum der Geschichte gefeilt, denn er ist schließlich kein gewöhnlicher Auftragsregisseur, sondern jemand, der sich in jede seiner Arbeiten auch ganz persönlich einbringt. Als es dann irgendwann losging mit dem Dreh und wir unser fantastisches Ensemble zusammengestellt hatten, haben wir uns natürlich ein wenig zurückgezogen und ihm die Umsetzung überlassen. Aber wir hatten so viel Freude an der Filmarbeit, dass wir so oft wie möglich am Set zu Gast waren und zugesehen haben.“

Von einem großen Sparks-Comeback, als dessen Bestandteil man auch Edgar Wrights ebenfalls 2021 erschienenen Dokumentarfilm „The Sparks Brothers“ zählen könnte, wollen die Maels trotzdem nichts hören. „Wir waren als Band doch nie weg“, betont Russell. „Edgar sagt das in seiner Doku viel besser, als ich es kann, wenn er meint, dass wir eigentlich das Gegenteil von anderen Bands machen, die auf eine 25 Alben umfassende Karriere zurückblicken. Während andere quasi ihr Erbe verwalten und auf die goldenen Zeiten zurückblicken, habe man bei uns immer das Gefühl, dass wir gerade mittendrin sind in einer neuen goldenen Zeit. Das klingt doch nett, oder?“

Dass sie mit „An nette“ das vielleicht eigenwilligste Popmusical der Kinogeschichte vorgelegt haben, ist dafür nicht der schlechteste Beweis.

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