Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Hopfen und Zitrone verloren!


Slow Food Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 30.07.2019

Radler im Slow Food Check

Artikelbild für den Artikel "Hopfen und Zitrone verloren!" aus der Ausgabe 4/2019 von Slow Food Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Slow Food Magazin, Ausgabe 4/2019

Nicht nur, wer mit dem Radl unterwegs ist, schätzt ein zünftiges Radler. Der Mix aus halb Bier und halb Limonade, den wohl zuerst der Wirt Franz Xaver Kugler seinen Gästen um 1922 anbot, weil ihm das Bier knapp geworden war, ist in aller Munde. Aber nur Bier und einfache Limonade – aus Zitronensaft, Wasser und Zucker – enthält das Radler heute oft nicht mehr. Stattdessen tricksen die Hersteller mit Ersatzstoffen. Aber welchen? Bio-Food- TesterinAnnette Sabersky hat sich drei ganz unterschiedliche Radler angeguckt und natürlich gekostet.

In Zusammenarbeit mit der Slow Food ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Slow Food Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Geschlechtergerechtigkeit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geschlechtergerechtigkeit
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von GETROCKNETE STEINPILZE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GETROCKNETE STEINPILZE
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von HIER SIND DIE GUTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HIER SIND DIE GUTEN
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Alblinse, Bamberger Hörnla, Nordhessische Ahle Wurscht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Alblinse, Bamberger Hörnla, Nordhessische Ahle Wurscht
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Slow Food Youth Akademie: Neue Gastronomie – fair und mit Leidenschaft. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Slow Food Youth Akademie: Neue Gastronomie – fair und mit Leidenschaft
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Fleisc h ist kein G emüse. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fleisc h ist kein G emüse
Vorheriger Artikel
HIER SIND DIE GUTEN
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Alblinse, Bamberger Hörnla, Nordhessische Ahle Wurscht
aus dieser Ausgabe

... Qualitätskommission

Radler ist kein Alkohol, Radler ist kein Alkohol, Radler ist kein Alkohol«, dichteten zwar Rick Arena und DJ Düse einmal zur Melodie von »Ja, wir san mit´m Radl da…«. Und der Song kommt auch immer wieder gut an in den südeuropäischen Ballermann- Bars. Doch die Mehrheit der Deutschen scheint dies anders zu sehen. Der Absatz von Radler-Bier sei seit einigen Jahren rasant gestiegen, teilt Marktforscher Nielsen in einer Meldung mit. Schon 2017, also im Jahr vor dem Supersommer 2018, sei Radler neben Spezialitätenbieren und hellem Bier eins »der Zugpferde « des Getränkemarkts gewesen.

Ein Radler ist ein Biermischgetränk aus meist hellem Bier mit Zitronenlimonade im Verhältnis 1:1. Es gibt aber auch Variationen. Ins Hamburger »Alster« kommt statt Zitronenlimo auch mal eine mit Orangengeschmack, sodass das Getränk in etwa die Farbe hat wie der große Fluss mitten in der Stadt. In Bayern kann man sich Radler zudem auch mit dunklem Bier bestellen, und in Österreich wird der Gerstensaft mit Kräuterlimonade wie dem bekannten »Almdudler« gemischt.

Natur-Radler, der Renner

Umsatz haben die Bierunternehmen in den vergangenen Jahren laut Nielsen vor allem mit »Natur-Radler« gemacht. Dafür gibt es zwar keine Definition, und so versteht jeder Verbraucher etwas anderes darunter, wie eine Umfrage des Portals Lebensmittelklarheit ergab. Die nicht repräsentative Umfrage, an der 1 224 Personen teilnahmen, zeigte: 23 Prozent der Teilnehmer halten ein Natur-Radler für ein Getränk mit trübem Bier. 21 Prozent meinen, es sei ein Radler ohne Zusatzstoffe, und drei Prozent vermuten, dass es nur aus Biozutaten hergestellt wird.

Weit gefehlt. Denn jeder Hersteller definiert den Natur-Begriff selbst.Manche Brauereien verwenden tatsächlich naturtrübes, also ungefiltertes Bier, fürs Radler, scheuen aber nicht den Einsatz von Zitronensaftkonzentrat und »natürlichen Aromen«. Die Verbraucherzentrale Bundesverband wertet wie auch Slow Food Saftkonzentrat jedoch nicht als natürliche Zutat. Denn dem Saft werden unter Hitzeeinwirkung Wasser und Aromen entzogen – und später wieder zugesetzt. »Damit liegt ein deutlich größerer Verarbeitungsschritt vor, der nicht der Werbung ›natürlicher Zitronensaft‹ gerecht wird«, urteilt die Verbraucherzentrale. Auch natürliche Aromen werden abgelehnt, da sie zwar aus Naturstoffen gewonnen werden, oft aber im Labor mit Hilfe von Mikroorganismen.

Mit »Natur« geworben hatte auch die Kulmbacher Brauerei für ihr Mönchshofs Natur Radler (s. S. 12) – und wurde deswegen vom Portal lebensmittelklarheit.de angemahnt. Zwar vertrat der Hersteller die Auffassung, dass es sich bei seinem Natur-Radler »sehr wohl um ein Biermischgetränk (handelt), das seinen Namen aufgrund seiner natürlichen Ingredienzen verdient«, so das Unternehmen in einem Schreiben an Lebensmittelklarheit. Das Etikett änderte er aber kürzlich doch. Nun heißt es dort »mit erfrischendem Zitronensaft* – *aus Zitronensaftkonzentrat«. Doch auch dieser Slogan ist verwirrend. Zwar ist Saft aus Konzentrat erfrischend, aber eben nicht natürlich – anders als ein Direktsaft aus der ganzen Frucht.

Natürlich köstlich genießen

Das macht COMTÉ so einzigartig: Die herrliche Natur des französischen Jura-Massivs, einer urgesunden Landschaft im Osten Frankreichs, in der die rot-weißen Montbéliard- Kühe zu Hause sind, die natürliche Zubereitung aus frischer Rohmilch und zum Reifen die Ruhe, die nur die Natur schenken kann. Mindestens vier Monate, aber auch zwölf und mehr Monate, ruht jeder Laib im Reifekeller, wo er regelmäßig gewendet und mit Salzwasser eingerieben wird. Was auf den kräuterverwöhnten Wiesen im Jura- Massiv beginnt, kommt so als naturreines, würzig-mildes Geschmackserlebnis auf den Tisch.

www.comte.de
www.comte.de/facebook

RADLER VON DER: FLENSBURGER BRAUEREI

Hier gibt es das Produkt: Supermarkt,
Gastronomie
Preis je 100 ml: 0,21 Euro
Das ist drin ( Angaben lt. Hersteller):
Flensburger Pilsener (Wasser, Gerstenmalz,
Hopfenextrakt),
Wasser,
Fruktose,
Zitronensaftkonzentrat,
Kohlensäure,
Antioxidationsmittel Ascorbinsäure,
natürliches Aroma,
Süßungsmittel Natriumcyclamat
und Natriumsaccharin.

Zuckergehalt je 100 ml: 0,8 g
Alkoholgehalt: 2,4 Vol-%l

Das ist dran: Das Radler befindet sich in einer schönen blauen Flasche mit Bügelverschluss. Es ist eine klassische Mischung aus 50 Prozent Flensburger Pilsener und 50 Prozent Limonade. Wie es sich für eine regionale Marke gehört, bezieht die Brauerei die Gerste für das Pils aus Schleswig Holstein sowie – durch die Nähe zu Dänemark – aus dem Süden unserer nördlichen Nachbarn. Der Hopfen kommt mangels norddeutscher Masse hingegen aus der Bayerischen Hallertau, einer typischen Hopfenregion. Statt traditionell, mit Doldenblüten, kommt hier beim Bierbrauen aber ein Hopfenextrakt zum Zuge. Verwendet werden dafür die Sorten Taurus, Herkules, Magnum und Tradition. Der Extrakt sei »das Gold« des Hopfens, so Unternehmenssprecherin Sara Sausmikat-Theilen. Denn Schadstoffe würden bei dem Konzentrierungsprozess (meist mit Ethanol oder Kohlendioxid) abgetrennt. Das stimmt zwar, jedoch gibt ein Hopfenextrakt dem Bier meist einen eher gleichförmigen

Geschmack ohne Ecken und Kanten. Bei einem Supermarktbier wie diesem ist das aber auch gewollt. Geklärt wird das Bier mit mineralischem Kieselgur und dem Kunststoff Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP). Beides würde mit Hilfe eines nachgeschalteten Filters komplett aus dem Bier entfernt. Doch es geht auch ohne: Indem das Bier ungefiltert bleibt.

Die Limonade stellt die Brauerei mit Hilfe von Zitronensaftkonzentrat her, »um genauer dosieren zu können«, so die Sprecherin. Zudem ist »natürliches Aroma« deklariert. Mit Hilfe des Aromas soll die Zitronennote stärker hervorgehoben werden. Laut Sausmikat-Theilen wird das Aroma aus Zitronen gewonnen. Auf der Flasche aber steht »natürliches Aroma«. Dies wiederum wird üblicherweise nicht aus Zitrone gewonnen, sondern aus natürlichen Stoffen aller Art – Blättern, Stängeln, Wurzeln, oder im Labor mit Hilfe »natürlicher« Mikroorganismen. Konzentrat wie auch natürliches Aroma lehnt Slow Food Deutschland ab. Denn dabei handelt es sich um stark bearbeitete Zutaten, die geschmacklich wenig mit dem Original, dem Saft von Zitronen, gemein haben. Dass hier mit Fruktose und Süßstoffen gesüßt wird, ist auch nicht im Sinne von Slow Food. Fruktose ist ein ungesundes Lebensmittel, in der Regel industriell hergestellt und kann für eine Fettleber mitverantwortlich sein. Süßstoffe sind chemisch erzeugte Zusatzstoffe, die meist sehr intensiv süß schmecken. So gewöhnt sich der Gaumen an einen hohen Süßegrad.

Die Geschmacksprobe zeigt: Nach dem Trinken verbleibt einpenetrant- süßer Nachgeschmack auf der Zunge, auch nach 30 Minuten ist er noch da. Brr! Das verhindert, dass Radler eine echte Erfrischung ist – und wohl nicht im Sinne des Erfinders.

MÖNCHSHOF: NATUR RADLER VON DER: KULMBACHER BRAUEREI

Hier gibt es das Produkt: Supermarkt,
Gastronomie
Preis je 100 ml: 0,20 Euro
Das ist drin (Angaben lt. Hersteller):
Helles Vollbier (Wasser, Gerstenmalz,
Hopfen, Hefe),
Limonade (Wasser, Zucker, 3 % Zitronensaft aus Zitronensaftkonzentrat, Kohlensäure, natürliches Zitronenaroma mit anderen natürlichen Aromen).

Zuckergehalt je 100 ml: 5,5 g
Alkoholgehalt: 2,5 Vol-%

Das ist dran: Das »Erfolgsgeheimnis« hinter dem Natur Radler sei der Verzicht auf künstliche Aromen und künstliche Süß- und Konservierungsstoffe«, teilt Natalia Balacka, Pressereferentin der Kulmbacher Brauerei, Hersteller des Mönchshof Natur Radler, mit. Erstere werden heute zwar fast gar nicht mehr verwendet und letztere Zusätze finden sich in keinem Radler am Markt. Mit Süßstoff gesüßte Radler gibt es hingegen schon (siehe Info über Flensburger Radler). Das Mönchshof-Radler ist ein Mix aus Vollbier und Zitronenlimo im Verhältnis 1:1. Zum Bierbrauen werden vor allem regionale Zutaten aus dem Umfeld des Kulmbacher Brauhauses verwendet. Zum Einsatz kommt hier eine Mischung der Hallertauer Aroma-Hopfensorten Perle und Tradition, die als Pellets verarbeitet werden. Slow Food bevorzugt natürliche Hopfendolden, da der gemahlene und gepresste Hopfen eher gleichförmig schmeckt was bei einem Industriebier aber gewünscht ist. Reifen kann das Bier dann bis zu drei Wochen. Nicht wirklich lange also. Gefiltert wird es danach nicht, und so kommt auch kein PVPP oder Kieselgur zum Einsatz. Gut so!

Die Limo wird mit Saftkonzentrat und natürlichem Zitronenaroma hergestellt. Im Sinne von Slow Food ist das nicht. Empfohlen wird, Limonade mit Direktsaft anzumischen. Denn beim Konzentrierungsprozess wird dem Saft das Wasser entzogen und das Aroma abge - trennt. Auch das hier verwendete »natürliche Zitronenaroma« geht nicht mit den Qualitätsvorgaben von Slow Food konform. Empfohlen werden möglichst naturbelassene Aromen wie Saft oder Extrakte, die durch Pressen bzw. mit Hilfe von Wasser oder Alkohol gewonnen werden – oder auch durch Destillation. Nach der »Hochzeit«, also der Zugabe der Zitronenlimo zum Bier, wird das Getränk schließlich noch pasteurisiert. Durch die Hitzeeinwirkung geht zwar ein wenig Aroma verloren. Aromatisch- fruchtig, wenn auch etwas süß, schmeckt das Mönchshof-Radler aber schon.

BIO CRAFT BEER MIX: FINNE & BIO ZISCH: NATUR RADLER

Hier gibt es das Produkt: im Ausschank
(Münsteraner Finne, Kerßenbrockstr. 8,
48147 Münster),
online www.finne-brauerei.de.
Preis je 100 ml: 0,54 Euro
Das ist drin ( Angaben laut Hersteller):
Bier (Brauwasser, Gerstenmalz, Hopfen),
Wasser,
Zitronenauszug (natürliches Mineralwasser,
Zitronen),
Rohrohrzucker,
Zitronensaft 1,7 %,
Zitronenfruchtmark 0,7 %,
Traubensüße,
Kohlensäure.

Zuckergehalt je 100 ml: 2,78 g
Alkoholgehalt: 2,5 Vol-%

Das ist dran: Für dieses Radler wird ein Pils (51 Prozent) aus Craft-Bier-Produktion mit einer Bio-Zitronenbrause (49 Prozent) gemixt. Die Idee für das Radler wurde in Münster, in der Finne-Brauerei, entwickelt. Produziert wird es aber in Langenberg in Westfalen. Das Motto »man muss nicht alles selbst machen« der beiden Geschäftsführer Dr. Florian Böckermann und Frank Sibbing gilt auch für die verwendete Limo des Radlers. Sie wird von Safthersteller Voelkel bezogen, der mit »BioZisch Zitrone Naturtrüb« ein leckeres und natürliches Getränk im Sortiment hat. Für die Brause werden nur Zitronensaft und -fruchtmark verwendet, kein Konzentrat. Das ist ganz im Sinne von Slow Food Deutschland. Bezeichnet wird das Getränk aber nicht als Limo, sondern als Erfrischungsgetränk, Denn hier werden weniger als die laut Leitsätzen für Limonaden vorgeschriebenen mindestens sieben Prozent Zucker in die Brause gegeben.

Gute Qualität heißt für Slow Food, dass das Pils ganz traditionell mit Hopfendolden gebraut wird. »Wir bekommen so ein deutlich besseres Ergebnis bzw. einen deutlich intensiveren Hopfengeschmack. Da machen wir keine Kompromisse «, betont Florian Böckermann. Den Biohopfen bezieht die Finne Brauerei größtenteils vom Biohof Friedrich aus der Fränkischen Schweiz. Einzelne Sorten – wie die Hopfensorte Saaz – kommen aber auch aus Tschechien, da sie wichtig für den Charakter des Pils sind, bei uns aber nicht angebaut werden. Die Gerste beziehungsweise das fertige Malz liefert die Mälzerei Weyermann im bayerischen Bamberg. Gebraut wird nach Craftbeer- Art in kleinen Mengen ohne Hilfsund Zusatzstoffe. Das Pils reift mindestens sechs Wochen, so kann sich das Aroma gut entfalten. Jedoch wird das fertig gemischte Radler – anders als reine Finne-Biere – pasteurisiert. So werde eine weitere Gärung durch den Limonadenzucker unterbunden, erklärt Florian Böckermann. Dem sehr spritzig-zitronigen, nicht sehr süßen Radler tut das aber keinen Abbruch.