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HOTLIST 2022


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 13.01.2022

WET LEG

Artikelbild für den Artikel "HOTLIST 2022" aus der Ausgabe 2/2022 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Slacker fürs Selfie-Age

Ein Grauschleier liegt über der Welt, Wet Leg waschen ihn weg. Das Duo spielt eine stoische und explizite, witzige und provokante Musik, die das Slackertum des Indie-Rock ins Streaming-Zeitalter rettet. Die Zeichen stehen auf Weltruhm.

Zwischen der Isle of Wight und dem südenglischen Küstenort Portsmouth verkehrt eine Hovercraft-Fähre, die wie ein überdimensioniertes Schlauchboot aussieht. Die Fahrt dauert gerade mal zehn Minuten, die knapp 150 000 Menschen, die auf der Insel im Ärmelkanal leben, sind also nicht weit weg vom Schuss. Und doch wirkt die dem Königreich vorgelagerte Isle of Wight wie eine eigene Welt. Der lokale Dialekt sorgt dafür, dass vorlaute Jungs hier nicht „lads“, sondern „nips“ genannt werden; auch gibt es auf der Insel eine eigenwillige Extra-Mahlzeit namens „nammit“, die zwischen Frühstück und Mittagessen verzehrt wird, also zur deutschen ...

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... „Knoppers“-Zeit.

Einen nennenswerten Fußballclub hat die Insel nicht zu bieten, dafür aber ein Rock-Open-Air mit enormer Tradition: Von 1968 bis 1970 spielten beim originalen Isle of Wight Festival Joni Mitchell und Leonard Cohen, Jimi Hendrix und Miles Davis, Bob Dylan und Joan Baez, The Doors und The Who. Die Beatles nicht, die gaben damals schon keine Konzerte mehr, aber als Gäste ließen sie sich einen Ausflug auf die Insel nicht nehmen. Drei Jahrzehnte ruhte der Festivalbetrieb auf der Isle of Wight, seit 2002 findet das Open-Air wieder statt und zählt zu den größten Rockevents in Großbritannien. „Lebst du als junger Mensch auf dieser Insel“, sagt Rhian Teasdale, „dann geht eigentlich kein Weg daran vorbei, Teil des Festivals zu sein.“ Wer jung ist, verdient sich ein paar Pfund durchs Biereinschenken oder Ordnungsdienste hinzu. Wer darüber hinaus in einer lokalen Band spielt, hat gute Chancen, einen Gig auf einer der kleinen Bühnen spielen zu dürfen.

So hat das 2019 auch bei Rhian Teasdales frisch gegründeter Band Wet Leg funktioniert. Zuvor hatte sie ein paar Solo-Gigs gespielt, diese empfand sie aber selbst als langweilig. Also gründete sie zusammen mit College-Freundin Hester Chambers eine Band, die eines ihrer ersten Konzerte auf der hippiesken „Kashmir Cafe“-Stage des Festivals spielte. Auf YouTube gibt es ein Video von dem Auftritt, vor der Bühne ist wenig los, ein paar müde Gestalten hocken auf dem Boden, die Gruppe spielt tapfer eine Art von lieblich-stoischem Indie-Rock. „Wir hatten eine Dreiviertelstunde Zeit, dafür aber nicht genügend Songs“, erinnert sich Rhian Teasdale, Sängerin, Songwriterin und Gitarristin von Wet Leg. Ihre Bandfreundin und Gitarristin Hester Chambers ergänzt: „Also coverten wir Songs von anderen lokalen Bands.“ Viele von denen, die da auf dem Boden hockten, spielten in diesen befreundeten Bands: Musik aus der Region, für die Region.

Zweieinhalb Jahre sind seit diesem Gig vergangen. Während die diversen Varianten des Corona-Virus seit Anfang 2020 den meisten Bands enorme Steine in den Weg legen, erleben Wet Leg im Schatten der Pandemie einen märchenhaften Aufstieg. Aus der lieblich-stoischen Band von einer vorgelagerten Insel im Ärmelkanal ist der Hotlist-Kandidat Nummer eins geworden, mit Streamingzahlen in Millionenhöhe, Live-Auftritten an den relevanten Orten, von Jools Hollands BBC-Fersehshow bis zur „Tiny Desk“-Performance beim US-Radiosender NPR. Es scheint beinahe, als seien Rhian Teasdale und Hester Chambers vor zwei Jahren einem weißen Kaninchen in seinen Bau gefolgt und von dort in eine andere Welt gefallen: Wet Leg im Wunderland.

„Wobei“, wie Songwriterin Rhian Teasdale sagt, „wir in den vergangenen Monaten schon auch sehr intensiv gearbeitet haben.“ Das Lockdown-Jahr 2020 verbrachte sie vor allem damit, Songs zu schreiben, beinahe im Rhythmus einer Office-Mitarbeiterin: „Die Vorstellung einer Songwriterin, die spät in der Nacht auf magische Ideen kommt, trifft auf mich nicht zu.“ Bei vielen Proben und Demo-Sessions entwickelte sich der Stil der Band weiter. Stoisch ist der Indie- Rock von Wet Leg auch weiterhin. An die Stelle der Lieblichkeit ist aber eine ätzend-süße Note getreten. Viele der Songs nehmen den Slacker-Geist von Pavement auf, geben ihm aber einen komplett neuen Spin: Wet Leg baden nicht in Indie-Nostalgie, sondern transferieren schrammelige Gitarrenmusik ins Jahr 2022, indem sie die Selfie- und Inszenierungs-Kultur des Netz nutzen.

Der bislang bekannteste Song handelt vom „Chaise Lounge“, dem dekadenten Abhängmöbelstück, das in einer Strophe des Stücks zur Backstage-Couch umgedeutet wird. Die Single erschien im Frühsommer 2021 und traf den Nerv der Indie-Communities. Warum? Hester Chambers hat eine Vermutung. „Rhian ist eine unfassbar lustige Person, es gibt niemanden, den sie nicht zum Lachen bringt. Der Text dieses Songs zeigt ihren Humor, und ich denke, die Welt war im vergangenen Sommer bereit für ein solches Lied.“ Ende September erscheint mit „Wet Dream“ die zweite Single, es geht ums Masturbieren und Sehnsüchte auf mehr, der Gegen-Charakter der Erzählerin versucht sie mit einer DVD von „Buffalo 66“ zu locken. Im Clip, den die Band selbst inszeniert hat, zeigt sich Rhian Teasdale als Amish-Mädchen mit Rotkäppchen und Hummerhänden und singt: „I was in your wet dream, driving my car.“ Ab und zu tauchen übrigens drei Typen mit langen Haaren und Sieben-Tage-Bärten auf, das sind die Musiker hinter Rhian Teasdale und Hester Chambers, die drei „nips“ an Bass, Drums und ergänzender Gitarre.

Erschienen sind diese Singles auf Domino, dem Londoner Spezialisten für Indie-Entdeckungen. Dort ließ man Wet Leg ein ganzes Jahr Zeit, um das erste Album zu schreiben und einzuspielen. Die Platte erscheint im April 2022, den Job des Produzenten hat Dan Carey übernommen, durch seine Arbeiten für Goat Girl, Squid, Fontaines, D.C. oder Black Midi ein prägender Soundgeber für den aktuellen britischen Indie-Kosmos, in dem sich wieder verstärkt Gitarrenbands gründen. Wobei kaum eine von ihnen auch nur das geringste Interesse daran hat, wie Oasis oder Blur zu klingen. „Ich finde Gitarrenmusik interessant, wenn sie einen erstens nicht zu sehr runterzieht und sie zweitens versucht, neue Wege zu finden“, definiert Rhian Teasdale. In der Phase des konzentrierten Songwritings habe sie sehr viel Joanna Newsom gehört, „um zu verstehen, was möglich ist“.

Das Resultat der Bemühungen ist die dritte Wet-Leg-Single des Jahres 2021. Zu „Too Late Now“ gibt es wieder ein tolles Video, in dem die Band als Bademantel-Zombies durch britische Vorstädte taumelt, den Leuten die Plastiktüten aus der Hand schlägt und Rhian Teasdale eine in Folie eingepackte Gurke so behandelt, dass keinen Fragen offenbleiben. Doch ist der Gurken-Part nicht die interessanteste Stelle des Songs, was direkt hängen bleibt, ist der Pre-Chorus, in dem das Stück kurz zusammenbricht. Die Sängerin schaut traurig in die Kamera, statt zu singen spricht sie: „I’m not sure if this is a song, I don’t even know what I’m saying / Everything is going wrong, I think I changed my mind again.“ Konfusion und Melancholie statt coole Hipness: „Das finde ich wichtig an unserer Musik“, sagt Heather Chambers, „dass immer wieder Traurigkeit durchbrechen darf.“

André Boße

Woher: Isle of Wight, UK

Klingt wie: feministische Pavement, Goat Girl, Courtney Barnett, Dry Cleaning

Anspieltipps: „Chaise Lounge“, „Too Late Now“

Neue Musik: das selbstbetitelte Debütalbum erscheint am 8. April

Live (wenn alles gut geht): Europa-Tour im Mai (16.5. Köln, 24.5. München,

In der Dada-Disco

Jamie xx schwärmt schon von diesem Duo aus London, das so heißt wie eine sehr spezielle Unterhose. Gerade noch auf der Musikhochschule, lassen Jockstrap Pop-Melodien und Elektro-Irrsinn aufeinanderprallen.

Was ein Jockstrap ist, wissen Profi-Biker und schwule Porno-Stars (und solche, die ihnen gerne zugucken) besonders gut, denn sie tragen sie. Für alle anderen: Jockstraps (zu Deutsch: Suspensorien) sind eine sehr spezielle Form von Herren-Unterhose, quasi ein riemengehaltener Beutel zum Schutz der (warum auch immer bedrohten) Genitalien. Dafür bleibt der Popo unbedeckt. Nice. Als Funktionskleidung für Sportler entworfen, dienen Jockstraps auch als Reizwäsche. Warum sich das Londoner Duo aus der Sängerin und Streicher-Arrangeurin Georgia Ellery und dem Beatmaker Taylor Skye ausgerechnet nach dem Jockstrap benannt hat – das werden sie sicher oft gefragt werden im neuen Jahr, wenn – nach gefeierten EPs – nun auch ihr Debütalbum erscheinen soll.

Woher: London

Klingt wie: The Knife, Sophie, Portishead, Austra

Anspieltipp: „50/50“

Neue Musik: Album kommt wahrscheinlich im Sommer

Lorbeeren haben die beiden Londoner für ihre wunderbar verschrobenen Dada-Dancefloor-Tracks schon fleißig geerntet: Sie haben als Support für Jarvis Cocker gespielt und sind bei der Ausstellung von Damon Albarns Africa Express aufgetreten. Jamie xx, Kelly Moran und Oneohtrix Point Never sind Fans. Auf der Guildhall-Musikhochschule haben sie klassische Kompositions-Skills erworben. Chanel hat sie zum Soundtrack seiner letzten Winterkollektion gemacht. Und auch das zuverlässig fein programmierende SXSW Festival hat die zwei earlybird-like gebucht. Und was finden nun alle so toll an Jockstrap? Vermutlich, dass sie (wie es zu ihrem Namen passt) zugleich Funktions- wie auch Reizwäsche sind: Die Baller-Beats funktionieren prima fürs Workout auf dem Tanzboden. Aber die nuancenreiche Stimme von Georgia Ellery macht das Ganze reizvoll, denn sie bewegt sich meilenweit entfernt vom Auto-Tune-Einheitsbrei dieser Tage, wenn sie erst zärtlich wispert und dann shoutend ausrastet, als gäbe es kein Übermorgen. Ob man sich sicherheitshalber einen Jockstrap umschnallen sollte?

Stefan Hochgesand

Wandeln zwischen den Welten

In der Latinx-Musiklandschaft ist Yendry ein Future Star von neuem Format: frisch, authentisch, starke Storytellerin, keine Furcht vor Crossover. Ihre Songs sind Global-Pop zwischen J Balvin und Frank Ocean, zwischen karibischen Wurzeln und europäischer Diaspora.

Woher: erst Santo Domingo, dann Turin, mittlerweile Miami der Popkultur ein – und der sollte, wenn alles mit rechten Dingen

Klingt wie: Lido Pimienta, zugeht, ein zentraler sein. Mit ihrem Sound, in dem sich lateinamerikanische Wurzeln und europäische Sozialisation selbstver-

Anspieltipps: „YA“,

Rosalía, J Balvin, Frank Ocean

„Instinto“ (feat. J Bal vin) (was und wann ist noch geheim)

Neue Musik: kommt auf jeden Fall

Im Video zu „YA“ gibt es zu Beginn diese Szene: Yendry steht zwischen subtropischer Vegetation auf einem Hügel, blickt in die Kamera und sprechsingt: „Yo quiero to!“ – ich will alles. Es ist wie ein Moment der Inanspruchnahme: Yendry Fiorentino, 28 Jahre alt, geboren im dominikanischen Santo Domingo, aufgewachsen in Turin, jetzt in Miami zu Hause, nimmt ihren Platz in ständlich ergänzen, wird sie die junge Pop-Dekade prägen. Mit 18 war sie Teilnehmerin der italienischen Ausgabe von „X-Factor“, heute ist sie Solokünstlerin of her own making. Yendry ist kein typischer Latinx-Pop-Act: Sie singt zwar auf Spanisch und ihre Songs sind durchsetzt von karibischen Beats, ebenso hört man aber Einflüsse von elektronischer Musik, 90er-R’n’B, Flamenco und die Zehnerjahre: Beyoncé, Frank Ocean, James Blake. Alles dekonstruiert und neu zusammengesetzt mit einer verspielten Eleganz. Ihre aktuelle Single ist eine Zusammenarbeit mit Reggaeton-Superstar J Balvin (im Latinx- Game ein fetter Bonus). In den Texten spiegelt sich ihre Migrationsbiografie: Rassismus in der Schule, die Selbstermächtigung als Frau, das Wandeln zwischen den Welten, oder wie in „Nena“ die Sehnsucht einer Mutter nach ihrer Tochter in der fernen Heimat (ihre Mutter konnte sie erst nach einem Jahr nach Italien hinterherholen). Yendry ist ein Kind der Diaspora. Eine junge Frau, die nirgendwo ganz, und deshalb überall hingehört. Und sie erzählt davon in ehrlichen, verführerischen Popsongs.

Annett Scheffel

Die Kuzine kommt

Tochter des Deutschrap: aufgewachsen mit der Musik von Moses Pelham, Azad und Bushido erzählt Liz die Geschichten aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel jetzt aus weiblicher Perspektive.

Ticken auf der Straße, Highsein im Schatten der Skyline, Kokainschmuggel, abwesende Väter und Eintracht Frankfurt: 069 ist zugleich Höllenschlund und Sehnsuchtsort des Deutschrap. Spätestens seit Baba Haft, seine Azzlack-Crew und Schwesta Ewa mit ihren Erzählungen von Depressionen im Ghetto zwischen Bordell und Straßenhandel Deutschrap umkrempelten. Nun tritt mit Liz ihre kleine Schwester im Geiste und die Tochter von Deutschrap im übertragenen Sinne auf die Bühne: 1998 geboren, wuchs sie mit Bars von Moses Pelham, Azad und Bushido auf, ihre Mutter war schon HipHop-Fan, den Vater schluckte die Frankfurter Nacht. Musikalische Früherziehung, Frankfurt am Main Edition.

Es folgten Jahre des Mistbauens, Schule schwänzen, auf Bolzplätzen abhängen, Drogen nehmen und ticken, wie es die bösen Jungs eben machen. Nur, dass Liz nicht nur mithalten wollte, sondern immer noch einen draufsetzen, noch härter, noch krasser sein.

Nach einem Aufenthalt im Saarland, um sich wieder zu fangen und ihr Fachabitur nachzuholen, setzt sie ihr Vorhaben nun fort, allerdings mit anderen Mitteln. Anspieltipps: „Kuzeng / Weapon of Choice ist nun Straßenrap, der mindestens so erbar- mungslos erzählen kann wie der kommt am 21. Januar. der die Szene dominierenden Männer. Erste Singles – wie das herrlich straßenhessische „Kuzeng /Kuzine“ – und ein Mixtape feuerten seit 2020 schon den Hype an, nun soll’s richtig steilgehen: Ende Januar erscheint ihr Debüt MONA LIZA, auf dem sie in 15 Tracks die Themen des Frankfurter Straßenraps aus weiblicher Perspektive erzählt: ticken, ballern, ficken, feiern und die Depressionen danach. Was ist Dichtung? Was ist Wahrheit?

Woher: Null Sechs Neun, Frankfurt Ostend, alla!

Klingt wie: Celo & Abdi, Haftbefehl, Schwesta Ewa Kuzine“, „Allein sein“

Neue Musik: das erste Album MONA LIZA Albumkritik S. 86

Live (wenn alles gut geht): Deutschland-Tour im April

Egal, denn stilistisch und raptechnisch kann die 23-Jährige diverse männliche Vertreter des Genres hops nehmen, ihre Bars sitzen auf den Punkt, die Texte sind erzählerisch dicht und schaffen es trotz aller Formelhaftigkeit, die dem Straßenrap innewohnt, zu überraschen und zu provozieren. Da wird es nicht nur zum Zeichen der Stärke, Drogen im eigenen Geschlechtsteil zu schmuggeln, sondern auch den abwesenden Vater zu vermissen – und ihm zu verzeihen. Den Weg, den Pioniere wie Haftbefehl oder Celo & Abdi vorgezeichnet haben, spiegelt Liz mit umgekehrten Vorzeichen zurück. Am Ende wissen auch die eingeschworensten Babos, wer die neue Baba ist.

Aida Baghernejad

Da glüht etwas

Die Songwriterin Jana Horn bringt endlich eine neue Intensität in den Avant-Folk. Ihre Songs sind schlicht und poetisch und lassen das Hirn zittern.

Woher : Austin, Texas

Klingt wie: Sharon van Etten, Linda Perhacs, die frühen Low

Anspie ltipp: „Jordan“

Neue M usik: das Debüt OPTIM ISM (bisher nur in Mini-V inyl-Auflage) erscheint am 21. Januar neu.

Album kritik S. 82

Ein Mensch aus Galiläa wird in die heilige Stadt Jordan gerufen und wandert durch die Wüste. An den Toren aber erfährt er, dass sein Schicksal sich nur erfülle, wenn er seine Heimat vernichte. Gottes Wille sei es, sagen die Priester: Die große Bombe wird fallen. Der Mensch aber, erschöpft und erschüttert, opfert sich selbst und legt sich nieder an den Toren von Jordan zum Sterben.

Warum es um die Bibel geht? Weil es in „Jordan“ darum geht. Es ist tatsächlich unheimlich, wie Jana Horn darin sonor sprechsingt, während im Hintergrund der Bass einen drängenden Puls setzt, ein hartes Ticken, hinter das sich manchmal ein fast jazzig-atonales Klangbild mit Blechbläsern legt. Das Bibelszenario, das die Songwriterin heraufbeschwört (angeblich um eine Trennung zu beschreiben), ist hier noch surrealer und rührt wohl aus irgendeiner dunklen Nische kindlicher Einschreibung: Sie selbst ist in der texanischen Provinz mit „Bible Drills“ aufgewachsen. „Jordan“ ist wie ein Glimmen tief im Unbewussten. Ein Hit, der langsam abbrennt, ein Gluthit.

Die Hitze dieser Glut ist, was die Avant-Folk- Künstlerin Jana Horn auf diese Hotlist führt. Einen echten Hype wird ihr Debüt nicht auslösen. Aber OPTIMISM zeigt doch eine Richtungsänderung an, die weiterdenkt, wo Laura Marling und Angel Olsen stehen bleiben: Den Sound so ausdünnen, dass die Stimme, weit im Vordergrund, eindringlich und doch weich, das Hirn zittern lässt, vor allem aber die Stille zwischen den Noten. Kein Pathos, kein Bombast. Schlicht und poetisch. Slowcore hieß das einmal, aber selbst Codeine schlugen ihre Gitarre häufiger an.

Zweimal hat die 27-Jährige ihr Debüt aufgenommen. Mit dem ursprünglichen Entwurf hat die finale Version nichts mehr zu tun. Nur der Titeltrack ist geblieben: „Optimism“. Sicher kein besonders prägendes Gefühl in dieser Musik. Aber warum eigentlich nicht: Man muss Jana Horn sicher auch 2022 eher suchen, als dass sie sich aufdrängt, aber dort, unter den vielen Schichten, da glüht etwas und findet manchmal nach oben.

Steffen Greiner

Angry Young Talent

Neues aus Wild West London: Central Cee, Jahrgang 1998, bringt einen melodischen Flow zurück in den harten UK Drill. Seit einem Mixtape 2021 ist er die Rap-Hoffnung des Vereinigten Königreichs. Und sein Terminkalender 2022 schon voll.

„Put in the work for years for this / This ain’t no coincidence.“ Das ist die erste Strophe auf Central Cees Mixtape „Wild West“. Tatsächlich fing er vor circa zehn Jahren mit Rap an. Aufgewachsen ist der 23-Jährige in Shepherd’s Bush, einem Bezirk in West London, wo sich die Kluft zwischen Arm und Reich drastisch zeigt. Nur kurz jobbte er als Schuhverkäufer. Zielstrebiger ist er, wenn es um Rap geht. Sein markanter Flow machte ihn zum Drill-Über- flieger, wobei seine tempo-und referenzreichen Wortspiele auch zu Trap und jazzigen Sounds passen. Er beweist gerade eindrucksvoll, wie viele Sub-Genres britischer Rap-Kultur innewohnen.

Woher: West London

Klingt wie: J Hus, Stormzy, Headie One

Anspieltipps: „Loading“, „Gangbiz“

Neue Musik: das neue Mixtape heißt „23“ und ist für Februar geplant

Dazu zählt auch Grime. Liebe, sagt Central Cee, empfinde er nur für jene Bassmusik und seine Mutter. An Liebesbeziehungen glaube er nicht, wie man im Track „Commitment Issues“ erfährt, der Drill erfinderisch mit R’n’B fusioniert. Die hier ausgestellte Arroganz konterkariert er später mit Sozialkritik:„Ruby“ erzählt von jungen Menschen, die mit Sexismus, Kriminalität und kaputten Familienverhältnissen kämpfen. West Londons Gegensätzlichkeit hat sich in das Mixtape eingeschrieben. Der Neid alter Freunde über Central Cees Erfolg, die Überheblichkeit der Oberschicht, Drogendeals und Sucht: alles Thema auf „Wild West“, das ohne Auto-Tune und Features auskommt. Central Cee oszilliert gekonnt zwischen Introspektion, Rap-Posen und Gegenwartskommentar. Für einen neuen Bekanntheitsschub sorgte zuletzt „Measure Of A Man“, seine Single mit FKA Twigs, eine Art Grime-ifizierter James-Bond-Titelsong. West London steht ab jetzt auf der Rap-Karte.

Philipp Kressmann

Teen Spirit

No Bullshit! Das schottische Wunderkind Dvr erhält prominente Unterstützung für seinen grungy Bedroom-Pop.

„You can’t stand the Arctic Monkeys, but you like their song about the dancefloor“, sprechsingt der schottische Provinzler Dillon van Rensburg aka Dvr auf dem Titelstück seiner kommenden „Dirty Tapes“-EP. Nach zwei EPs im Eigenvertrieb steht er heute beim No-Bullshit-Label XL (Arca, Sigur Rós, Thom Yorke) unter Vertrag. Was nach Senkrechtstart klingt, verursacht nach folgender Info regelrechtes Schwindelgefühl: Als der ge namedroppte Klassiker der Sheffielder Indie-Ikonen erschien, war Dvr gerade mal ein Jahr alt. Seine aus Südafrika stammenden Eltern legten ihm Jimi Hendrix und B.B. King in die Wiege. Im Alter von zwölf Jahren bastelte er erste Beats auf GarageBand, mit 15 brachte er sich mittels YouTube-Tutorials über Frank-Ocean-Songs Gitarre bei.

Woher: North Berwick, Schottland Cobains MONTAGE OF HECK

Klingt wie: King Krule, Kurt Blurs „You’re So Great“

Anspieltipps: „Lowlife“, „16“

Neue Musik: am 14. Januar erscheint die EP „Dirty Tapes“.

Albumkritik S. 86

„I can’t really play guitar, but I pretend, so I can try and impress you / And I’m making music just like that, but I’m not trying to , depress you“, singt er in seinem Julian-Casablancas-artigen Schnodderstyle. Über das Videoportal Twitch kam er mit der US-Produzentengröße Kenny Beats (Vince Staples) in Kontakt, der dem Teenager seine Dienste anbot. Ein Traum, den Dvr nie zu träumen gewagt hatte, wurde wahr. Dann kam Corona. Doch während die Pandemie zahllose Popkarrieren ausbremste, geriet sie Dvr zum Vorteil: „Der Lockdown gab mir all die Zeit und die Ressourcen, um genau das zu tun, was ich wollte: jeden Tag aufzustehen und an Musik zu arbeiten“, sagt er. Das Ergebnis – in Hook-beladenen DIY-Schrammelpop verpackte Sozialanalysen – hat bereits Celebrity-Fans wie Finneas und Snoop Dogg. Wir vermuten, dass Dvr die längste Zeit in seinem schottischen Küstenkaff verbracht hat.

Stephan Rehm Rozanes

Party zwischen den Stühlen

Ein Gulasch aus nerdigen Referenzen, Wut und Spaß. Team Scheiße spielen charming Punk mit Bremen-Hintergrund, in den sich selbst genreferne Player wie KitschKrieg verlieben.

Woher: Bremen Klingt wie: Pisse, The Screenshots, Akne Kid Joe

Anspieltipps : „Karstadtdetektiv“, „ Rein ins Loch“

Neue Musik : das Debüt- album ist im November erschienen, als Nächstes soll ein Tape kommen (also ein echtes, kein Mixtape)

„Ich bin Detektiv bei Karstadt / Ihr könnt klauen, was ihr wollt / ich werd’ niemanden verraten / alles, was ich will, ist ein Freund.“

Bereits im Jahr 2020 hatte die anderthalbminütige Hit-Miniatur „Karstadtdetektiv“ ihren Weg auf das Portal Bandcamp gefunden. Team Scheiße, das ist ein Bockprojekt von ein paar Big Stylern der Bremer Musikszene. Einer schreibt die Arrangements, ein anderer zirkelt originelle Texte drüber und noch einer verpasst dem Ganzen diese kunstvoll hingewichste Sound-Ästhetik zwischen Popsong und Ravioli-Dosen-Recording. Das Ergebnis besitzt etwas sehr Unmittelbares, taugt perfekt für selbstgemachte Vinyl-Singles oder handkopierte Tapes. Doch eines Tages, oder vermutlich eher eines Nachts, stößt das Produzententeam KitschKrieg auf jenen unwiderstehlichen „Karstadtdetektiv“. KitschKrieg? Kennen die meisten vermutlich über die enge Verknüpfung mit dem ostdeutschen kongenialen Dancehall-Vogel Trettmann. Und obwohl bisherige Kitsch Krieg-Veröffentlichungen quasi keine Überschneidungen mit dem Meme-Punk von Team Scheiße aufweisen, sind die Berliner total angezündet – und nehmen also jene vier Typen aus Bremen unter Vertrag. So erschien nun die erste Platte ICH HAB DIR BLUMEN VON DER TAN-KE MITGEBRACHT (JETZT WIRD GEKÜSST) und beweist, dass eine Party manchmal zwischen den Stühlen am geilsten sein kann. Spleeniger, witziger und vor allem zwingender klang Punk – wenn man das hier überhaupt noch so nennen will – ewig nicht mehr.

Linus Volkmann

In jeder grellen Sekunde

Woher: London via Südafrika

Klingt wie: Billie Eilish mit Zuckerwattebart, Olivia Rodrigo in der Raucherecke

Anspieltipp: „Wannabe“

Neue Musik: ein Album ist für 2022 geplant

Live (wenn alles gut geht): im Juni als Europa- Tour-Support von Olivia Rodrigo (11.6. Hamburg, 13.6. Berlin, 15.6. Zürich, 18.6. Köln)

Power-Refrains und Punchlines: Die Londonerin Baby Queen erfindet den Bubblegum-Pop für die Generation Z.

Egal, welche Trends kommen und gehen; ob gerade Rap oder Rock das Ventil für jugendliche Träume und Ängste ist – ein Thema wird den Pop wohl auf ewig befeuern: die Zumutungen des Schullebens. „The Yearbook“ hat die 24-jährige Londonerin Baby Queen ihr kürzlich erschienenes Debüt-Mixtape genannt. Wenn sie im Opener „Baby Kingdom“ souverän vom Jugendzeit-Horror singt, das eigene Foto im Jahrbuch doof zu finden, kann man kaum glauben, dass ihre Probleme mit sich selbst lange über die Teenage-typischen Unsicherheiten hinausgingen: Arabella Latham, wie Baby Queen wirklich heißt, litt schon als Kind an einer körperdysmorphen Störung, einer psychischen Erkrankung, die bewirkt, dass man sich obsessiv mit eingebildeten Schönheitsfehlern beschäftigt. Heute ist sie nicht mehr ihre eigene Gegnerin – sondern vielmehr scharfe Kritikerin des Social-Mediainduzierten Perfektionismus.

Bevor Baby Queen mit 18 nach London ging, um Popstar zu werden, wuchs sie in Südafrika auf. Dort aber wurde es, wie sie heute erzählt, irgendwann zu eng für eine junge Frau, die (noch) keine Lust hat, sich auf eine sexuelle Orientierung festzulegen. Trost und Gemeinschaft fand sie damals in der heilen Glitzerwelt des Pop. Und das spürt man in jeder grellen Sekunde ihrer mit 90er- und Nullerjahre-Referenzen beladenen, kaleidoskopischen Musik. Dabei klingt Baby Queen nie nach Nostalgie, sondern eher, als lade sie die Heldinnen ihrer Teen- und Twen-Zeit – ob Taylor Swift, die sie verehrt, oder Lorde in ihrer MELODRAMA- Phase – zur wilden Pyjamaparty, wobei ein ureigener Gen-Z-Bubblegum-Sound entsteht: In „Buzzkill“ etwa überzuckert sie die Billie-Eilish-Erfolgsformel (Sägebass plus raspelige Flüster-Vocals) mit einem Power-Refrain – und beweist auch noch Gespür für gute Punchlines: „What doesn’t kill you makes you wish that it had“, singt sie in Abwandlung der bekannten Kalenderspruchweisheit.

Für so viel Popgespür wird sie hoch gehandelt. Die BBC nominierte sie für ihre „Sound Of 2022“-Liste, die in der Vergangenheit schon den Durchbruch späterer Superstars wie Stormzy oder Rosalía herbeiorakelte, dazu nimmt Olivia Rodrigo sie mit auf Tour. Bei so viel Ernst des Glamourlebens wünscht man sich irgendwie sehr, dass Baby Queen die Coming-of-Age-Geschichten auf ihrem 2022 erscheinenden Debütalbum nicht ausgehen. Auch wenn die Schule längst vorbei ist.

Julia Lorenz

Der neue Optimismus

R’n’B für Leute, die sonst keinen R’n’B hören: Das kanadische Bandprojekt Chiiild um Yonatan Ayal verknüpft Soul, Psychedelic und hypersensibles Songwriting.

Los Angeles, ein Parkplatz vor einem Lebensmittelgeschäft. Dort wohnte Yonatan Ayal eine Zeit lang in seinem Auto. Der Multiinstrumentalist hatte seine Heimatstadt Montreal verlassen, um in der Musikindustrie in L. A. Fuß zu fassen. Das war auch Ziel von Ayals Bandkollegen Pierre- Luc Rioux. Die beiden spielten bei unzähligen Sessions für Pop-Größen wie Katy Perry mit. Sie produzierten auch Songs, unter anderem für Usher, Diplo und Allie X. Letztere singt in einem Song: „It’s not so bad in L. A. / The parking‘s cheap and valet“. Man ahnt, von wem diese Zeile stammt.

Doch Ayal und Rioux sehnten sich nach ihrem eigenen Projekt: Im Februar 2020 erschien ihre erste EP als Chiiild.

„Synthetic Soul“ ist eine Melange aus R’n’B, Streicher-Pop und Beatles-Reminiszenzen. Auch wenn Ayal seine Stimme gelegentlich manipulierte, der soulige Gestus sowie das hypersensible Songwriting waren unüberhörbar. Themen der Songs sind ein Neustart nach einer Trennung, aber auch ein mögliches Jenseits und der Wunsch nach Vielfalt: „If there’s a God, I hope she’s black“, heißt es in „Back To Life“. Auch das im Sommer 2021 erschienene Debüt HOPE FOR SALE versammelt empathische Texte. Mit „Weightless“ beweist Ayal zudem, dass man als Typ sinnlich über Sex schreiben kann, ohne dabei beteiligte Personen zu objektivieren. Kurz vor der Veröffentlichung waren Chiiild zu Gast bei Jimmy Kimmel. Der Auftritt beim US-Talkmaster unterstrich, dass es lange keinen kanadischen Act mehr gab, der so smooth und eklektisch klang.

Chiiild haben eine nostalgische Note, wirken aber im Genre- Crossover auch futuristisch. Ayal ist von äthiopischer Musik ebenso geprägt wie von Pink Floyd, Marvin Gaye und Bon Iver. „Ich denke, dass die Welt den Schwarzen Hörer untergräbt. Ich glaube, die Leute denken, dass Schwarze nur ein Genre hören wollen“, sagte Ayal dem kanadischen Magazin „Exclaim“. Er ist froh, seine Vision nun umsetzen zu können: „Ich werde endlich die Person, die ich immer sein wollte, von der ich geträumt habe“, schreibt er auf Instagram. Diesen Optimismus hat er in seine Musik überführt. Auf dem Album versichert er uns: „The best ain’t happened yet / The best is yet to give“.

Philipp Kressmann

Woher: Montreal Klingt wie: Tame Impala covern Marvin Gaye, Pink Floyd im Blood- Orange-Remix

Anspieltipps: „Weightless“, „Sleepwalking“

Neue Musik: soll im Frühling kommen

Live (wenn alles gut geht): am 13. Februar in Berlin

LORENZ AMBEEK

„Ich habe Lorenz vor eineinhalb Jahren in einem Lokal kennengelernt, er erzählte nur von diesem super Gitarrensound zu Hause, alles mache gerade Sinn, weil er diesen super Gitarrensound gefunden habe. Und dann hat er mir etwas geschickt, und es war nicht schlecht. Das hat schon einmal einen großen Seltenheitswert“, sagt Christian Hummer.

Was: Folkpop, nicht nur nicht schlecht, sondern richtig gut

Klingt wie: Elliott Smith, Nick Drake, José Gonzalez

Anspieltipp: „The Weatherman“

Wiener Schule

Manchmal fallen die guten Dinge vom Himmel: Radio International heißt das Wiener Label, das im vergangenen Jahr plötzlich da war – und von dem wir auch 2022 viel hören werden.

Das Beste an Popmusik: Sie kann zaubern. Im günstigsten Falle kann sie sogar verzaubern. Das funktioniert immer dann, wenn sie sich, wie man in Österreich sagt, nichts scheißt. Wenn sie keiner Agenda folgt, sich nicht in irgendwelche Fahrwasser treiben lässt, nicht irgendwohin schielt, sondern einfach: ist. For the sake of the song nannte Townes Van Zandt das einmal. Wenn man sich die Songs anhört, die bisher auf Radio International erschienen sind, wird schnell klar, dass das Wiener Label diesem Prinzip folgt.

Initiiert wurde Radio International von Christian Hummer. Der ist nicht nur Wanda-Keyboarder, sondern auch als Produzent und Songwriter aktiv. Jetzt sitzt er gemeinsam mit seiner Schwester Marie – sie ist Teil des Duos .MNV – und Antonio Rampazzo – seine Debüt-single „Das Erste Mal Alt“ erschien vor einigen Monaten – in Wien vor den Zoom-Kameras und erzählt. „Ich dachte mir schon lange, wenn ich eigene Musik veröffentliche oder Sachen, bei denen ich an der Produktion beteiligt bin, würde ich das gerne selbst machen. Ich habe über die Jahre einfach viel industrielles Know-how angesammelt“, sagt er. Im Freundeskreis rannte er mit dieser Idee offene Türen ein. Nun betreibt man Radio International im sechsköpfigen Kollektiv: „Wir möchten etwas machen, das es in dieser Form in Österreich einfach nicht gibt. Die Label-Landschaft ist in Österreich ein bisschen einfältig. Es geht sehr viel um das Business. Um Kultur und Style geht es erstaunlich wenig.“ Hummer nennt als Bezugspunkte Yung Hurns „Live From Earth“ und „Public Possession“ aus München. Also Plattenfirmen, die eher in der elektronischen Musik grundiert sind und die einen Ansatz verfolgen, der bewusst auch Schnittstellen in andere Kulturgattungen beinhaltet.

RAHEL

Marie Hummer sagt: „Was an Rahel faszinierend ist, ist, dass sie so eine klare Vision hat, die extrem multimedial und vielschichtig ist. Es ist, als hätte sie einen Traum oder eine Geschichte zu erzählen.“

Was: Psychedelic Deutschpop

Klingt wie: Wir sind Helden, aber mit 15 Instagram-Filtern

Anspieltipp: „Hochsommer“

ANTONIO RAMPAZZO

„Was die österreichische Musikkonsument*innenseele angeht, hat der Antonio potenziell den größten Mainstream-Appeal, weil seine Texte so extrem ehrlich, weil die Energie so extrem nahbar, extrem greifbar ist“, glaubt Christian Hummer.

Was: Indie-Pop Klingt wie: eine Wiener Version von The Coral

Anspieltipp: „Zum ersten Mal Alt“

LOEWELOEWE

Christian Hummers eigene Band, auch Wanda-Bassist Ray Weber spielt mit. Der erste Funke zur Gründung der Gruppe: „Wir waren 2018 mit Wanda unterwegs und gerade auf dem Weg heim. Auf einer Autobahnraststätte ging ich auf die Toilette, und da lief ein richtig guter Song. Ich habe den dann shazamt und erfahren, dass das ein Lied von Courtney Barnett ist. Das hat einen Schalter umgelegt: Wenn’s so weit ist, dass in einer Autobahnraststätte so ein Song läuft, ist die Welt auch bereit für so energiereiche Musik in deutscher Sprache.”

Was: Progressive Indie-Pop

Klingt wie: Phoenix, Parcels, M83

Anspieltipp: „Lauter als die Stimme im Kopf“

Wir können also auf ziemlich gute Partys hoffen. Die erste gab es schon, im Wiener B72 stieg im Herbst eine große Labelnacht. Das Venue war „bumsvoll“, die Leute sind „ausgezuckt“, erzählt Marie Hummer.

Interessant ist der Verweis auf die beiden deutschen Labels, weil der dem HipHop innewohnende Kollektivgedanke bei Radio International ebenfalls eine große Rolle spielt. Zwischen fast allen Acts lassen sich personelle Bezüge herstellen; und nicht nur Christian Hummer ist rege am Songwriting der anderen beteiligt: „Wir haben eine Label-WhatsApp-Gruppe, in die wir unsere Demos schicken. So umgehen wir die Betriebsblindheit, die man beim Songwriting gerne entwickelt“, erklärt er.

Ein zweiter Grundgedanke des Labels ist Diversität. „Wir haben schnell gemerkt, dass das, woran wir arbeiten, was ganz Neues ist. Es ist uns kein Label eingefallen, bei dem wir dachten, da wären wir gut aufgehoben“, sagt Christian einmal während des Interviews. Seine Schwester fügt an: „Vor allem nicht wir alle.“ Und in der Tat: Alle Künstler*innen auf dem Label besitzen etwas sehr Eigenes. Alle klingen komplett unterschiedlich: Vom sanften Folkpop eines Lorenz Ambeek bis zu den deutschsprachigen, eigenartig flirrenden Songs einer Rahel ist da alles dabei. Und vielleicht wird genau das bald zum Erfolgsrezept von Radio International werden: das Wissen um die Tatsache, dass die Idee eines geschlossenen Sounds, die Suche nach einer dezidierten Klangsprache eigentlich obsolet ist, weil ein offener Ansatz, der auf Kameraderie, Kooperation und Eigeninitiative fußt, eine viel größere Bedeutung besitzt.

Wobei das mit der Eigeninitiative so eine Sache ist: In Zeiten der Covid-19-Pandemie ist sie ohnehin der Zustand, auf den Künstler*innen zurückgeworfen werden. Es fehlt auch in Österreich aktuell jede Planungssicherheit. Konzertreisen waren in den letzten Monaten kaum möglich, der endlose Rückstau an verschobenen Auftritten wird dafür sorgen, dass es auch im nächsten Jahr nicht einfacher wird. Veröffentlichungen würden also in einen leeren Raum hinein erfolgen. Entsprechend schwer tut sich das Label mit einem Ausblick in die kommenden Monate, aber DASS eine ganze Menge kommen wird, dürfte klar sein.

Jochen Overbeck

.MNV

Das Duo ist das Projekt von Marie Hummer. Bisher ohne Veröffentlichung, sie selbst beschreibt es so: „Was deutschsprachigen HipHop anging, kamen wir in den letzten Jahren extrem auf unsere Kosten. Wir mögen aber auch R’n’B sehr gerne. Aber weibliche Artists, die damit beginnen, machen ab der dritten Single meistens HipHop. Es ist also ein Lückenfüllen, aber auch das, was wir wollen: durchaus romantische Lieder schreiben, in denen man auch Verletzlichkeit kommuniziert.“

Was: R’n’B Klingt wie: Brandy, Mary J. Blige (sagt Marie)

Anspieltipp: noch keiner

Hochstapeln mit Humor

Slowthai sagt: „Der wird so groß wie Bowie.“ FKA Twigs ordert Songs bei ihm. Black Country, New Road nehmen ihn mit auf Tour. Und Clairo ist auch schon Fan von Ethan P. Flynn.

Woher: London Klingt wie: King Krule, (Sandy) Alex G, Destroyer

Anspieltipp: „The Universal Deluge“

Neue Musik: neue Singles sollen schon bald folgen

Live (wenn alles gut geht): bisher nur Primavera Sound Festival in Barcelona (Juni)

Etwas vermessen könnte das ja doch rüberkommen, wenn ein Typ Anfang 20 (der mit 18 die Vorzeige-Musik-Uni Guildhall geschmissen hat, weil er da „eh nix lernen kann“) ein Debüt-Mixtape herausbringt namens „B-Sides & Rarities: Vol. 1“ (2020). B-Seiten und Raritäten also. Oha. Wo, bitte schön, waren die A-Seiten und die Hits? Wahrscheinlich sollte man Ethan P. Flynn, den Jungen mit dem langen mittelbraunen Haar und einer Vorliebe für pastellfarbene T-Shirts mit Batik-Musterung, der obendrein aussieht, als wäre er ein Sohn von Kurt Vile, aber nicht ganz so bierernst streng nehmen, sondern die übertrieben frühe Werkschau mit zwei guten Gründen erklären: Zum einen präsentiert uns Flynn auf besagtem Tape tatsächlich Tracks aus früheren Tagen, nämlich seiner Bandcamp-Vita anno 2015 bis 2018. Zum anderen dürfen wir, wenn wir seine neue spektakuläre Single „The Universal Deluge“ richtig verstanden haben, damit rech- nen, dass er gerade ein neues Klangkapitel aufschlägt. 2022, so munkelt man, soll auch ein Album kommen. Beim Dreh zum Videoclip der Single dürfte sich reichlich Wüstenstaub in Flynns Ohren verirrt haben. Der Song hingegen klingt, als hätte sich ein Tom-Waits-Jünger (mit minder ramponierter Stimme aber demselben Herzeleid-Level und erzählerischen Ambitionen) in ein warmes Psych-Pop-Noir- Arrangement von Julia Holter oder von den Cocteau Twins vorgewagt.

Was sowieso aufhorchen lassen sollte: Slowthai, der größte Trauma-Rapper dieser Tage, ist voll des Lobes für Ethan P. Flynn: „Ethan ist jemand, den ich für so groß wie Bowie halte. Ich warte bloß darauf, dass die Welt versteht: Er ist eine Legende im Werden.“ Bowie. Wenn sich Typen gegenseitig hochjazzen, muss man skeptisch bleiben. Aber auch die überaus erfolgreiche Gen-Z-Singer- Songwriterin Clairo folgt Ethan P. Flynn schon auf Instagram. Und eine der ganz großen Musikerinnen unserer Zeit, FKA Twigs, setzt längst auf den jungen Ethan P. Flynn: An ihrem Album MAGDALENE, laut „Time Magazine“ übrigens die beste Platte des Jahres 2019, war Ethan P. Flynn bei drei Songs Co-Songwriter. Eine krasse Ehre für einen Newcomer. Ansonsten hatte FKA Twigs Stars wie Nicolas Jaar und Jack Antonoff (Produzent von Lana Del Rey und Lorde) verpflichtet. Auch Keyboards, Klavier und Klarinette hat Flynn dem Album noch beigesteuert. Wen er sich wohl für sein eigenes Debüt alles mit ins Boot holt von den Promi-Fans? Und ob das Debüt dann – nach den B-Seiten und Raritäten – „Greatest Hits“ heißt?

Stefan Hochgesand

Queen of TikTok

Mit ihrem 2000er-Nostalgie-Sound traf PinkPantheress einen Nerv auf TikTok. Die 20-Jährige macht virale Songs, die so schnell, dicht und zuckersüß sind wie das Leben im Social-Media-Zeitalter.

Dass soziale Netzwerke einige der größten Karrieren in der Musikindustrie hervorbrachten, ist keine Neuigkeit. Justin Bieber und Taylor Swift luden ihre Songs zuerst auf MySpace hoch. Dann kam SoundCloud, hier wurden Billie Eilish und Post Malone groß. Mittlerweile steht schon längst TikTok bereit, um neue Musikkarrieren zu formen. Eine Erfolgsstory ist die der 20-jährigen Britin Pink- Pantheress. Noch vor einem Jahr lud sie anonym Song-Snippets auf der Video-Plattform hoch, die viral gingen und ihr bis dato eine Million Follower*innen bescherten. Ihr Genre bezeichnet sie selbst als „New Nostalgic“ — ein gepitchter Bubblegum-Mix aus Drum’n’Bass, Breakbeats, Garage, Emo und Bedroom-Produktionsattitüde. Pink-Pantheress reitet auf dem Y2K-Revival, das gleichermaßen die Ästhetik und Sounds der 2000er-Jahre vereint: von Emo und Goth, früher Internet-Kultur, Manga-Fandom bis hin zur Rave-Szene.

Woher: London Klingt wie: Charli XCX, Grimes, A.G. Cook

Anspieltipps: „Just For Me“, „Passion“

Neue Musik: neue Single kommt im Frühling, ein Album im Sommer

Mit „To Hell With It“ erschien im Oktober ihr Debüt-Mixtape bei Parlophone Records. Ganz in TikTok-Manier sind die Tracks im Schnitt eineinhalb Minuten lang. Bevor Langeweile auch nur aufkeimen könnte, kommt schon der nächste. Davon mag man halten, was man will. Klar ist aber, dass die Künstlerin damit den Zeitgeist trifft, denn die Trends auf Streamingplattformen gehen längst in Richtung Zwei-Minuten-Song. PinkPantheress selbst sagt über ihre Musik, dass sie vor allem mit Konventionen brechen will. Sei es die Songlänge, das Hochladen skizzenhafter Snippets oder das Sprengen von Genre-Begriffen. Aus exzessivem Netz-Surfen und Experimentieren mit GarageBand hat sie ihren eigenen Kosmos erschaffen. PinkPantheress ist ein Kind des Internets. Und das Internet steht hinter ihr.

Sophie Boche

Was wurde eigentlich aus ...

… den Newcomern, die wir 2021 vorgestellt haben? Wie lief das Jahr für sie? Hatten sie Erfolg?

Arlo Parks

Kein Virus konnte ihren aufsteigenden Stern aufhalten: Ihr Debütalbum findet sich in auffällig vielen Jahresbestenlisten. Im Herbst erwärmte sie auf Konzerttour endlich live die Herzen. Und am Ende gab’s noch zwei Grammy- Nominierungen.

Spotify-Faktor: 38,5 Mio. Streams für „Eugene“

Höhepunkt: Im September gewann sie (gegen starke Konkurrenz: Sault, Wolf Alice, Floating Points) den Mercury Prize, die wichtigste britischen Popauszeichnung. ME-Sternefaktor:

Dry Cleaning

NEW LONG LEG bekam durchweg gute Kritiken. „Outstanding“ fanden es sogar die US-Kollegen und Cool-Curators von Pitchfork, die sonst eher sparsam mit solchen Worten sind. Im November ging’s auf erfolgreiche Nordamerika-Tour.

Spotify-Faktor: 3,3 Mio. Streams für „Scratchcard Lanyard“

Höhepunkt: In der Late-Night-Show von Jimmy Fallon debütierten die Briten mit Super-Coolness-3000- Faktor im US-Fernsehen.

ME-Sternefaktor:

Shygirl

Ein Album kam zwar keins, dafür noch mehr aufregende Singles, mit noch aufregenderen Weirdo-Videos. Wie sehr sie mit ihrem sexpositiven Future-Pop gerade die Londoner Elektro-Szene prägt, hörte man in ihren Residency-Shows auf BBC Radio 1.

Spotify-Faktor: 4,1 Mio. Streams für „BDE“ (feat. Slowthai)

Höhepunkt: ihr 15-minütiger Kurzfilm „Blu“, eine inszenierte Live-Performance in/um/auf einen Kleinwagen, unter eigener Regie, mit Rapper Slowthai als Startgast.

Park Hye Jin

Richtige Hits gab es auf der Debüt-LP BEFORE I DIE zwar nicht, dafür erfand sich die südkoreanische Produzentin als Deep-House-Songwriterin neu. Pandemie-inspiriertes Oberthema: „Let’s Sing Let’s Dance“.

Spotify-Faktor: 2,5 Mio. Streams für „Clouds“

Höhepunkt: In „Sex With ME“ trifft Baller-Techno auf die tollsten Sex-Alliterationen des Jahres: „D, I dare you / E, I eat you / F, I fuck you / G, I give you“.

ME-Sternefaktor:

Pa Salieu

Trotz einer Handvoll neuer Singles, hat sich der Hype ein wenig abgekühlt. Vermutlich aber nur vorerst: Gegen Jahresende zeigte der Rapper als Feature-Gast seine Wandlungsfähigkeit im Grenzbereich von Grime, Afrobeat und Global Pop.

Spotify-Faktor: 6,4 Mio. Streams für „Glidin‘“ (feat. Slowthai)

Höhepunkt: In Ibeyis Video zu „Made Of Gold“ steigt er als Feature-Gast mit Goldkettenhemd und Krone eine Himmelstreppe hinab und rappt: „We are the reincarnation.“