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HOWLING


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 04.08.2020

Symbiose, die zweite


Man könnte die bisherige Reise von Ry Cuming aka Ry X sowie Frank Wiedemann mit ihrem Projekt Howling durchaus als lupenreine Erfolgsgeschichte bezeichnen. Aus dem Song „Howling“, mit dem beide erstmals gemeinsam in Erscheinung getreten sind, entwickelte sich nicht weniger als ein Überhit und ein neues Duo. 2015 kam mit „Sacred Ground“ das Debütalbum, das den sich schon früh anbahnenden Kult-Status in Stein meißelte. Es folgten legendäre Live-Shows auf dem gesamten Erdball - zu den Highlights gehören Auftritte auf dem Melt! Festival, dem Electronic Beats Festival und bei einem ...

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Bildquelle: FAZE, Ausgabe 8/2020

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... Innervisions- Showcase in der Royal Albert Hall. Nun erscheint mit „Colure“ der zweite Langspieler, der mit 13 Titeln erneut zwischen elektronischen sowie akustischen Klängen changiert und melodische, hypnotische Hooks mit verträumten Vocals verschmelzen lässt. Jeder der Songs wird von einem visuellen Kunstwerk begleitet, das vom Künstler Benton C. Bainbridge, der zuvor bereits mit den Beastie Boys und TV On The Radio gearbeitet hat, entwickelt wurde. „Colure“ erschien am 24. Juli auf Counter Records.

Ry, Frank, Gratulation zum Album. Wie lange habt ihr daran gearbeitet?
FRANK: Vielen Dank, wir freuen uns wirklich, es mit der Öffentlichkeit zu teilen, und sind gespannt, wie die Leute mit der Zeit ihre eigenen Beziehungen zu dem Werk aufbauen werden. Wir haben in den letzten paar Jahren in verschiedenen Zeitblöcken an dem Album gearbeitet. Wir haben gelernt, zusammen im selben Raum am freien, kreativen Prozess zu arbeiten und dann in den Phasen des Arrangements und der Verfeinerung manchmal auf Distanz produktiv zu sein.
Euer Debütalbum ist 2015 erschienen. Wie rekapituliert ihr die letzten fünf Jahre?
RY: Die letzten fünf Jahre waren für uns beide, sowohl solo als auch zusammen, sehr intensiv. Wir hatten bzw. haben eine Vielzahl von kreativen Projekten, in die wir unsere Zeit und Energie gesteckt haben, wir sind um die Welt gereist und haben einige unglaublich besondere Shows gespielt. Unsere Familien und Freunde befinden sich in verschiedenen Teilen der Welt - so ging es oft auch darum, alles miteinander zu kombinieren. Durch diesen Prozess sind wir als Menschen, als Künstler und Produzenten natürlich sehr gewachsen, und das zeigt sich auch in den neuen Werken.
Würdest du also sagen, „Colure“ ist die reife Fortsetzung eures ersten Albums?
RY: Ja, dieses Album fühlt sich wie eine Verfeinerung und gleichzeitig eine Erweiterung unserer gemeinsamen kreativen Vision an. Es ist auch eine Vertiefung unseres Verständnisses dessen, was wir jeweils in dieses Projekt einbringen, um diese gemeinsame Vision zu schaffen. Auf der ersten Platte lernten wir einander kennen, musikalisch und auch als Freunde. Das jetzt verkörpert unser Wesen musikalisch noch besser und wir sind sicher, dass das auch in Zukunft weiter wachsen wird. Es gibt eine Tiefe in diesem neuen Album, die sich anfühlt, als würde sie uns einen großen Pfad des Ausdrucks eröffnen, den wir in der Zukunft bestreiten bzw. gehen möchten.
Für zahlreiche Acts birgt der zweite Langspieler gewisse Hürden und Barrieren, gerade nach solch einem Erfolg, wie ihr ihn hattet. Wie war das in eurem Fall?
FRANK: Um ehrlich zu sein fühlt sich unsere Zusammenarbeit immer recht mühelos an, wenn wir in einem Raum sind. Es gibt eine Synergie und Vertrauen, sodass die Saat der gemeinsamen Schöpfung auf natürliche Art und Weise gedeiht. Anschließend braucht es eine Portion Disziplin und das gemeinsame Wissen, um das Werk zu verfeinern, bis wir beide bereit sind, es zu teilen. Und genau das ist der Punkt, der eigentlich für jeden Künstler eine Herausforderung ist. Aber ebenso ein sehr wichtiger Teil des Prozesses, ebenso wie die Ideenblüten zu Beginn.
Der Albumtitel inkl. Cover behandelt eure Beziehung und bezieht sich auf den Punkt in der Astronomie, an dem zwei Himmelspole ausgerichtet sind. Erzählt uns mehr dazu.
RY: Bei diesem Projekt geht es stark darum, wie wir zusammenkommen.
FRANK: Es geht um die Idee, dass wir zwei verschiedene
Planeten sind, in unserer eigenen Umlaufbahn, die sich aber treffen, wenn wir zusammenkommen, um Musik zu machen. Wir scheinen beide unseren eigenen Sinn für Schwerkraft und Revolution in dem, was wir tun, zu haben, und das überschneidet sich nicht immer, aber wenn es so ist, dann ist es dieses gemeinsame Projekt. Hier treffen unsere beiden Welten aufeinander. Und wir dachten, es wäre schön, dies visuell als eine Komponente auf diesem Album darzustellen.
Die neuen Songs sind quasi prädestiniert für die Bühnen dieser Welt und dafür, dort durch Improvisation immer wieder neu interpretiert zu werden.
RY: Ja, in der Tat. Wir freuen uns sehr darauf, diese Platte auf die Bühne zu bringen. In vielerlei Hinsicht erweitern wir unser gemeinsames Schaffen. Unter diesem Aspekt der Improvisation auf den Bühnen verändern sich die Songs förmlich von Abend zu Abend und blühen nicht selten in neuem Kontext auf.
Ry, dein letztes Solo-Album ist erst letztes Jahr erschienen und strahlt noch immer in vollem Glanz. Wie schwierig ist es, dich dann auf das Duo-Projekt Howling einzustellen?
RY: Ich denke, wenn deine kreativen Kanäle offen sind, du gerade im Flow bist und in der Lage bist, Musik von unterschiedlichen, intuitiven Plätzen aus zu machen, dann ist diese Herausforderung geringer als zunächst vielleicht angenommen. Natürlich kann es in gewisser Weise eine Herausforderung sein, Aspekte eines Projekts sauber hinter sich zu lassen, wenn man in ein anderes Projekt einsteigt. Insbesondere wenn man in ein Projekt einsteigt, das in vielerlei Hinsicht klanglich und manchmal sogar kulturell in eine andere Sphäre gehört, gerade was die Electro- und Clubszene betrifft. Aber gute Kunst und Musik geht stets weit über Kategorien hinaus, also versuche ich einfach, mich darauf zu konzentrieren, großartige Arbeit zu machen, und Dinge zu erschaffen, die emotional ein Gefühl von Ehrlichkeit und Rohheit vermitteln.
Frank, was sind in deinen Augen die markantesten Merkmale, durch die sich eure Solo-Projekte und Howling voneinander abheben?
FRANK: Wie Ry eben erwähnte, besteht die
wirkliche Veränderung einfach darin, dass, wenn wir in einem Raum gemeinsam kreativ sind, das zu unserer gemeinsamen Arbeit wird, und wenn wir uns in unseren eigenen Produktionselementen, Studios usw. befinden, dann gehört diese Arbeit auch dorthin. Es gibt bestimmte Gefühle oder Sounds, die wir mehr und mehr als Howling kennenlernen und manifestieren, und ich denke, wir setzen sie immer bewusster um, wenn wir sie weiterhin gemeinsam entfalten und zum Ausdruck bringen.
Gab es Veränderungen in der gemeinsamen Arbeit im Studio seit 2015?
RY: Sie entwickelt sich ständig weiter, nicht so sehr in prägnanten Merkmalen, sondern mehr bezüglich der natürlichen Form und des natürlichen Zeitflusses zwischen den Aufnahmen.

FRANK: Die Art und Weise der Kreation und des Produzierens hat sich verändert. Wir beide haben in den letzten paar Jahren als Schöpfer in dem Sinne viel gelernt, und dieses Wissen und diese Informationen sind in unser gemeinsames Schaffen eingewoben. Wir erweitern auch immer mehr und mehr die Ausrüstung, die wir lieben, in Form von Vintage-Synthesizern und Drumcomputern und Klavieren und Vorverstärkern und, und, und. Das hilft auch immer. (lacht)
Das Release fällt in eine recht ungünstige Zeit. Wie habt ihr beide die Pandemie bislang erlebt?
RY: Wir versuchen ehrlich gesagt, keine Zeit als „ungünstig“ für Kunst anzusehen. Denn Kunst ist immer wichtig. Es war natürlich hart, Tourneen und Festivals zu canceln und zu sehen, wie eine ganze Szene einfach „abgesagt“ wird. Auch unsere Songs und Remixe konnten entsprechend in keinem Club gespielt werden. Aber wir sehen die immense Wichtigkeit, dennoch eine Platte zu veröffentlichen. Für die Leute zu Hause und für ihre Kopfhörer. Die Pandemie hat uns natürlich in gewisser Weise herausgefordert, und doch war sie auch ein sehr wichtiger Spiegel der Re-Connection zu bestimmten Essenzen des Selbst und erinnerte uns an die Vergänglichkeit von allem. Viel Zeit, um sich wieder auf neue Paradigmen einzustellen, Zeit, um in die Natur einzutauchen, Zeit mit der Familie und den liebsten Freunden zu verbringen. Und das wohl wichtigste: Zeit für den Blick ins innere Selbst.
Eure Fans warten sicherlich sehnlichst auf eure Live-Shows, sobald solche wieder möglich sind. Habt ihr dahingehend schon Pläne?
FRANK: Ich denke, die Live-Show ist eine schöne Erweiterung unserer gemeinsamen Arbeit. Wir haben eine komplette visuelle Show mit Lichtinstallationen und Projektionen neben der Musik geschaffen und neue Wege gefunden, um die Musik in einem wirklich lebendigen und sich entwickelnden Kontext zu kreieren und zu teilen. Wir mischen die neue Platte auch mit unseren Lieblingstiteln der letzten Platte zusammen.
Ihr habt mit Benton C. Bainbridge kollaboriert. Was könnt ihr uns dazu erzählen?
FRANK: Ry ist durch sein anderes Projekt The Acid auf seine Arbeit gestoßen. Wir liebten das Gefühl, das von seiner analogen Videokreation ausgeht, und wir fanden, dass sie als visuelle Komponente zu den Liedern wunderbar passt. Wir wollten keine klassischen Musikvideos oder irgendetwas, was in diesen Bereich gehört, mit diesen Songs verbinden, sondern eher visuelle Stücke, die hypnotisch und kraftvoll in ihrer Einfachheit sind. Benton hat im Laufe seiner Karriere unglaubliche Videokunst und Installationen geschaffen - von der Arbeit in einer Reihe von Museen und Galerien bis hin zur Schaffung von Bildmaterial für Künstler wie die Beastie Boys - und er hat ein wunderbares Gespür für die Arbeit mit einer Reihe von Medien. Wir sind sehr glücklich mit dem Resultat.
Was steht auf eurer Agenda für die nächsten Wochen und Monate?
RY: Kreation, Reflexion und Eintauchen in die Studios und ins Leben außerhalb der Studios. Wir planen einige ganz besondere Videovorführungen, um das Album zu lancieren, und sobald wie möglich werden wir das Album vor Publikum präsentieren.
FRANK: In der Zwischenzeit wird Ry viel in Kalifornien am und im Meer sein und ich werde zwischen Berlin und meinem Bauernhof in Süddeutschland pendeln. Wir beide werden uns weiterhin in unsere anderen Projekte einbringen und mehr Kunst erschaffen.
Wenn Corona vorbei ist, dann …?
RY: Wir arbeiten hoffentlich alle darauf hin, ein Gleichgewicht zu finden zwischen den schönen Lektionen, die wir in dieser Zeit der Introspektion gelernt haben, und der „Wiederaufnahme“ unseres Lebens auf sinnvolle Weise. Und wir arbeiten auch darauf hin, die Angst und den Kampf um die Konzepte des „Zurückgehaltenwerdens“ loszulassen, um in einer neuen Zeit der sinnvollen Verbindung und des Feierns unser Leben, unsere Vitalität, unsere Erde, unsere Gemeinschaften und all die Wunder, die wir gemeinsam erschaffen, willkommen zu heißen.
FRANK: Ja. Musik, Kunst, essen, reisen, Liebe, sammeln, lachen, Herzen teilen, in den Meeren der Welt schwimmen. Und möge es auch eine Zeit des größeren Bewusstseins und der Gleichberechtigung sein, der Dinge, die zu lange unterdrückt worden sind - die der Geschlechter- oder Rassenungleichheit, der Unausgewogenheit der politischen Agenden gegenüber dem menschlichen Mitgefühl und der Empathie. Wir können uns dafür entscheiden, diese Art von globalen Ereignissen zuzulassen, um uns in einen neuen Bereich zu bewegen, in dem diese Ideen im Vordergrund unseres Denkens und Herzens stehen und wir in allen Dingen unseres Lebens voranschreiten. Das wär‘s doch.