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Hunsrücker Nibelungen-Land


Sonah - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 04.09.2019

Wie nah kamen uns die Helden des berühmten Epos?


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Bildquelle: Sonah, Ausgabe 4/2019

Im Hunsrück – Blick aus Nordwesten auf den Erbeskopf (rechts)


Ritter, Liebe, Verrat und ein unermesslicher Schatz – dieser Stoff hat die Sage um die Nibelungen zu einem bis heute fesselnden Mythos gemacht. Der Schauplatz all dessen liegt nicht weit von uns, in Worms am Rhein. Doch die Sage setzt weitere Landmarken in unserer Großregion. Stammt der finstere Recke Hagen, der mit seinen folgenschweren Taten den Untergang der Nibelungen maßgeblich herbeiführte, aus dem Hunsrück? Geschah vielleicht sogar der sagenhafte Mord an Siegfried in diesem Gebiet? Ein ...

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... Blick auf ein frühes Stück Weltliteratur und unsere Heimat.

Kriemhild klagt Hagen an, Gemälde von Emil Lauffer (1879) © Ablakok/WikiCommons/CC BY-SA 4.0


Weites Hügelland zieht sich rund um den höchsten Berg im linksrheinischen Deutschland – den Erbeskopf im Hunsrück. Von dichtem Wald bedeckte Kuppen wechseln sich ab mit den Wiesen und Feldern der Täler, groteske Felsformationen ragen hier und da unvermittelt empor und stehen in Kontrast zu den mitunter tief eingegrabenen Schluchten der Flussläufe. Es ist eine wild-romantische, bisweilen geheimnisvoll erscheinende Landschaft, die sich hier vor dem Auge des Besuchers entfaltet – und womöglich ein Stück Boden, auf dem die Nibelungen ihre Spuren hinterlassen haben. Jene sagenhaften Ritter, die heute vor allem durch Richard Wagners Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ bekannt sind, aber auch weltweit in Romanen, Filmen und Theaterstücken rezipiert wurden. Beispielsweise auch der Schriftsteller und Oxfordprofessor J. R. R. Tolkien verarbeitete Teile davon in seinem berühmten „Der Herr der Ringe“ und verfasste sogar eine weniger bekannte eigene Fassung der Nibelungensage. Die „Nibelungentreue“ ist sprichwörtlich für eine bedingungslose, verhängnisvolle Treue und der Nibelungenschatz ruft immer wieder Abenteurer auf den Plan.

Die Nibelungen, die bis heute die Gemüter derart fesseln, wirkten bekanntlich in Worms am Rhein, gerademal eine knappe Autostunde von der saarländischen Grenze entfernt. Der Volksmund im Hunsrück nun behauptet, die Geschichte zog sich noch weiter in unsere Nähe, bis in das Gebiet von Thalfang und Morbach. Welche Anhaltspunkte gibt es dafür?

Die Nibelungensage wurde wie alle Sagen vor allem mündlich überliefert, doch im Gegensatz zu den „Volkssagen“ weniger bei der einfachen Bevölkerung – zu ihr sickerten nur Bruchstücke durch – als in der „höheren“ Gesellschaft. Kleriker, Mönche, Nonnen, Adlige und reiche Bürger wie etwa Kaufleute waren das Publikum dieses Erzählstoffes – im gesamten germanischen und skandinavischen Raum. Wegen seiner großen Bedeutung in dieser gebildeten Schicht, die das Lesen und Schreiben beherrschte, fand er auch Niederschlag in mittelalterlichen Schriften. So taucht er etwa in zwei als „Edda“ bezeichneten Werken in altisländischer Sprache aus dem 13. Jahrhundert auf oder in der altnordischen Thidreksaga von etwa 1250.

Die Ruine der Burg Hunolstein auf dem Quarzitfelsen über dem Dhrontal


Der Bergfried der Burg Dhronecken.


© Meulenwald/ WikiCommons/CC BY 3.0

Ein Tor der Burgruine Dhronecken, dahinter der Glockenturm der Gemeinde


Die Sage ist in den verschiedenen Quellen in so vielen „Puzzle-Stücken“ und so vielen abweichenden Varianten überliefert, dass sie unter den Germanisten als eine Art Königsdisziplin gilt: Welche Puzzleteile sind älter oder jünger, wo und warum entstanden sie? Eine kaum lösbare Aufgabe. Die bekannteste Überlieferung, die auch die linearste Erzählung bietet, ist das Nibelungenlied, verfasst wahrscheinlich um 1200 im Raum Passau. Das Epos in Strophenform, das wohl als Lied wie auch als Erzählung vorgetragen werden konnte, ist in mehreren Abschriften erhalten. Die wichtigsten sind die sogenannten Handschriften A, B und C.

Mit seinen berühmten mittelhochdeutschen Einstiegsworten eröffnet das Nibelungenlied die Erzählung:


„Uns ist in alten maeren wunders viel geseit von helden lobebaeren, von grôzer arebeit, von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen, von küener recken strîten muget ir nu wunder hoeren sagen.“


Auf Neuhochdeutsch: „Uns ist in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet. Von berühmten Helden, von großer Mühsal, von glücklichen Tagen und Festen, von Weinen und von Klagen, vom Kampf tapferer Männer sollt ihr nun Erstaunliches erfahren!“

Burgruine Dhronecken mit dem Barockbau.


© Verbandsgemeinde Thalfang

„Muget ir nu wunder hoeren sagen“

Im Reich der Burgunder, in Worms am Rhein, ist die Königstochter Kriemhild zu einer liebenswürdigen und unvergleichlich schönen Frau herangewachsen. Das Land wird regiert von ihren drei edelmütigen und tapferen Brüdern: Gunther, Gernot und Giselher. Wichtigster Ratgeber der jungen Könige ist ihr Verwandter Hagen von Tronje, außerdem haben weitere Männer Einfluss: Stallmeister Dankwart (Hagens Bruder), Truchsess Ortwin von Metz, Küchenmeister Rumold, Mundschenk Sindold und Kämmerer Hunold. Zur engsten Gefolgschaft gehören außerdem Volker von Alzey sowie die Markgrafen Gere und Eckewart. Eines Nachts hat Kriemhild einen Traum: Sie richtet einen Falken ab, der zu ihrem großen Entsetzen von zwei Adlern getötet wird. Ihre Mutter, Königin Ute, deutet ihr den Traum: Der Falke sei ihr zukünftiger Ehemann, den sie früh verlieren werde, wenn Gott ihn nicht beschütze. Doch Kriemhild weist jeden Gedanken an Heirat von sich: „Es hat sich an vielen Frauen oft gezeigt, wie schließlich Liebe mit Leid belohnt wird. Ich werde beidem aus dem Wege gehen…“

Zur gleichen Zeit ist weiter nördlich, in Xanten am Niederrhein, der Sohn des edlen Königspaares Siegmund und Sieglinde herangewachsen, Siegfried. Er ist strahlend schön, kampfgewandt und hat eine vorzügliche Erziehung genossen. Ihm nun kommen so wunderbare Erzählungen über Kriemhild zu Ohren, sodass er sich in sie verliebt, ohne sie je gesehen zu haben. Nur sie will er heiraten: „… ich wollte eher auf die Liebe edler Damen verzichten, wenn ich nicht meine Werbung dort vorbringen kann, wo mein Herz große Liebe empfindet“. Also macht er sich auf zum Burgunderreich. Dort angekommen, gibt er den Grund seiner Reise jedoch nicht bekannt, sondern fordert Gunther zum Duell: Der Gewinner solle über beide Königreiche herrschen. Empört lehnt Gunther ab: „Warum hätte ich verdient, an einen Herausforderer zu verlieren, was mein Vater lange Jahre mit hohem Ansehen bewahrt hat?“ Trotzdem laden die Burgunder ihn versöhnlich ein, als Gast zu bleiben, denn einen wie ihn wollen sie nicht zum Feind. Hagen von Tronje hatte ihnen berichtet, was man von ihm erzählt: Siegfried habe den unermesslichen Schatz von König Nibelung (wird in Norwegen verortet) erworben, indem er mit Nibelungs Schwert Balmung im Streit dessen Söhne erschlagen habe. Außerdem habe er eine undurchdringbare Hornhaut seit er im Blut eines eigenhändig erschlagenen Drachens gebadet habe. Sein Körper sei dadurch unverwundbar bis auf eine einzige Stelle, die beim Bad ein herabgefallenes Blatt bedeckt habe.

Kriemhilds Traum vom Falken – am Bett steht ihre Mutter Ute.


Siegfried bleibt am Burgunderhof und freundet sich mit den Königen an. Nach einem Jahr aber hat er Kriemhild immer noch nicht gesehen. Sie lebt zurückgezogen, beobachtet aber gerne vom Fenster ihrer Kemenate aus die Spiele der Ritter im Burghof. Dabei hat sie sich in Siegfried, der immer wieder heldenhaft hervorsticht, verliebt. Eines Tages werden die Burgunder von den Dänen und Sachsen angegriffen und besiegen sie dank Siegfrieds Hilfe. Auf dem Siegesfest begegnen sich Siegfried und Kriemhild erstmals und tauschen liebevolle Blicke.

Auch Gunther verliebt sich in eine Frau, die er noch nie gesehen hat: Brünhild, die schöne Königin von Island. Doch sie hat übernatürliche, an ihre Jungfräulichkeit gebundene Kräfte und fordert alle Freier zu Kampfspielen heraus. Den Gewinner will sie heiraten, alle anderen lässt sie töten. Siegfried verspricht Gunther seine Hilfe unter einer Bedingung: „Wenn du mir deine Schwester, die schöne Kriemhild, die edle Königin, zur Frau gibst, so will ich dies tun und keinen weiteren Lohn für meine Mühen fordern.“

Kriemhilds und Siegfrieds erste Begegnung


Der Streit der Königinnen


Kriemhild schlägt Etzel vor, ihre Brüder einzuladen


Etzel empfängt Kriemhild


Etzel lässt die Burgunder-Könige zu Gast laden.


Abfahrt der Burgunder ins Hunnenland


Der Nibelungenhort wird zu Kriemhild an den Rhein gebracht


Also segeln Gunther und Siegfried mit Hagen und Dankwart auf einem kleinen Schiff nach Island. Um zu verschleiern, dass er einen betrügerischen Freundschaftsdienst plant, gibt sich Siegfried vor Brünhild als Gefolgsmann Gunthers aus, der nur widerwillig mitgekommen sei. Dann beginnen die Spiele: Speerwurf, Steinwurf und Weitsprung.

Bei jeder Disziplin zieht Siegfried eine Tarnkappe über, die ihn unsichtbar und übermenschlich stark macht. Er bezwingt Brünhild in allen Disziplinen und lässt es dabei so aussehen, als sei Gunther der Handelnde. So folgt Brünhild Gunther ins Burgunderreich, wo es eine Doppelhochzeit gibt: Gunther und Brünhild, Siegfried und Kriemhild. Doch Brünhild ist irritiert, denn Siegfried, der angebliche Gefolgsmann Gunthers, wird als ihm ebenbürtig behandelt und sogar mit dessen Schwester vermählt. „Das werde ich immer beklagen müssen, wenn sie von einer solch unstandesgemäßen Heirat herabgesetzt wird“, sagt Brünhild und verlangt Aufklärung, die Gunther ihr nicht geben kann. Deshalb verweigert sie den Vollzug der Ehe – als sich Gunther ihr nähern will, fesselt sie ihn mit ihrem Gürtel und hängt ihn bis zum Morgen an einen Nagel in der Wand. Wieder muss Siegfried helfen: In der folgenden Nacht schleicht er sich mit der Tarnkappe ins Schlafzimmer und ringt Brünhild nieder. Als diese sich ergibt, tauschen er und Gunther schnell die Plätze und Gunther vollzieht die Ehe. Mit der Jungfräulichkeit hat Brünhild auch ihre übernatürlichen Kräfte verloren. Während des Kampfes hat Siegfried der Königin heimlich Gürtel und Ring entwendet, die er Kriemhild schenkt, zum Beweis, wo er in der Nacht war.

Bald darauf reisen Siegfried und Kriemhild nach Xanten, wo sie glücklich leben. Doch Brünhild lässt der Verdacht, belogen worden zu sein, keine Ruhe. Schließlich fordert sie, Siegfried und Kriemhild sollten, wie für Vasallen üblich, zum Dienst an den Hof beordert werden. Gunther sucht einen Ausweg und lädt das Paar zu einem Fest ein. Bei diesem Fest kommt es zum Streit zwischen den Frauen. Dabei behauptet Kriemhild, Brünhild sei von Siegfried statt von ihrem Ehemann entjungfert worden und zeigt ihr zum angeblichen Beweis Gürtel und Ring. Damit ist Brünhilds Ehre tief verletzt. Gunther und Siegfried lösen den Streit friedlich, doch Hagen nutzt die Gelegenheit für seine Pläne: Er verlangt, Siegfried müsse wegen der Demütigung der Königin sterben. Gunther lehnt dies ab, doch Hagen wirkt weiter auf ihn ein: Siegfried werde durch seine wachsende Macht gefährlich, zudem könnten die Burgunder sich bei seinem Tod seiner Reichtümer ermächtigen. Er selbst würde für alles sorgen, Gunther müsse lediglich Stillschweigen bewahren: „Ich traue mir zu, alles heimlich vorzubereiten.“ Schließlich stimmt Gunther zu. Hagen lässt von falschen Boten eine Kriegserklärung bringen, woraufhin Siegfried den Burgundern seine Hilfe anbietet. Unter dem Vorwand, um ihn besorgt zu sein, entlockt Hagen dann Kriemhild das Geheimnis um seine verwundbare Stelle: „Näht ein kleines Zeichen auf sein Gewand. Dadurch weiß ich, wo ich ihn schützen kann, wenn wir im Sturme reiten.“ Als dies geschehen ist, lässt er die Kriegserklärung zurücknehmen.

Um den angeblich abgewendeten Angriff zu feiern, lässt Gunther auf Hagens Anweisung eine Jagd organisieren. Bei dieser Jagd lässt Hagen den Wein absichtlich an die falsche Stelle im Wald liefern. Als Siegfried dürstet, sagt er: „Ihr stolzen, edlen Ritter, ich kenne hier in der Nähe eine kühle Quelle“ und schlägt einen Wettlauf dorthin vor, durch den sich die drei von der restlichen Gesellschaft entfernen. Als Siegfried sich schließlich über die Quelle beugt, zielt Hagen auf das Kreuz auf seiner Kleidung und stößt ihm den Speer in den Rücken. Die Verräter tarnen den Mord als Jagdunfall, die tief bestürzte Kriemhild aber weiß, was passiert ist. Kriemhild sinnt auf Rache und benutzt den Nibelungenschatz, um mit Geschenken fremde Ritter an sich zu binden. Hagen wittert Gefahr – um ihr den Schatz zu entwenden und ihn gleichzeitig für die Burgunder zu sichern, versenkt er ihn im Rhein. Später nehmen die Burgunder den Namen „Nibelungen“ an, da sie sich als Eigentümer des Schatzes und damit in der Tradition der Nibelungen fühlen.

13 Jahre nach dem Mord hält der mächtige Hunnenkönig Etzel um Kriemhilds Hand an. Sie lehnt ab, doch ihre Brüder ermutigen sie, da sie hoffen, mit ihrem erneuten Glück ihre Schuld zu mindern. Schließlich nimmt sie an und zieht mit großem Gefolge in das Land der Hunnen (Ungarn). Jahre später leitet sie ihre Rache ein: Als sie des Nachts in König Etzels Armen liegt, schlägt sie vor, ihre Verwandten einzuladen. Er stimmt arglos zu: „Lasst es geschehen, wann immer ihr befehlt.“ Als die Burgunder die Einladung vernehmen, befürchten sie eine Falle, wagen es jedoch nicht, abzulehnen. Schon bei ihrer Ankunft an Etzels Hof provoziert Hagen dann die Gastgeber: Er weigert sich, die Waffen abzulegen, noch dazu trägt er demonstrativ Siegfrieds Schwert Balmung. Außerdem reizen er und Volker die Hunnen, da sie den erwarteten Angriff zu einem für sie günstigen Zeitpunkt losbrechen wollen. Kriemhild ihrerseits bittet Etzels Bruder Blödel, Hagen zu ermorden. Dieser lehnt ab, sieht sich aber kurz darauf gezwungen, zumindest Hagens Bruder Dankwart zum Zweikampf zu fordern. Dabei erschlägt Dankwart Blödel, woraufhin am Hof ein gegenseitiges Morden losbricht. Auch Gernot und Giselher fallen dabei. Im Laufe der Kämpfe überbringt Dietrich von Bern, mit beiden Seiten verbunden, Kriemhild Gunther und Hagen in Fesseln, mit der Forderung, sie am Leben zu lassen, wenn sie für das ihr angetane Leid Entschädigung zusagten. Um Dietrichs Forderung zu erfüllen, verlangt Kriemhild von Hagen den Schatz, wissend, dass er nicht darauf eingehen wird. Hagen erklärt, das Versteck des Schatzes nicht preiszugeben, so lange einer seiner Herren lebe. Daraufhin lässt Kriemhild Gunther töten. Doch Hagen bleibt stur: „Den Schatz, den weiß jetzt niemand – außer mir und Gott. Der soll dir, du Teufelsweib für immer verborgen bleiben!“ Da ergreift Kriemhild das Schwert Balmung und schlägt Hagen den Kopf ab. Zur Rache erschlägt Hildebrand, ein Gefolgsmann Dietrichs, Kriemhild. Wie eingangs von ihr prophezeit, ist auf die Liebe viel Leid gefolgt.

Der Erzähler nimmt nun Abschied: „hie hât das maere ein Ende: daz ist der Nibelunge nôt.“

Dietrich von Bern überwältigt Hagen im Beisein von Kriemhild


Die historischen Abbildungen stammen aus dem Hundeshagenschen Kodex, einer Bilderhandschrift des Nibelungenliedes aus dem 15. Jahrhundert. Sie wurde in Mainz aufgefunden und ist benannt nach einem langjährigen Besitzer.

Eine Heimat für Sagenfiguren

Die Sage setzt, abgesehen vom Burgunderhof in Worms, weitere Punkte in unserer Großregion: Die beiden einzigen Hofamtsträger, die mit einem „von“ ihre Herkunft eindeutig im Namen tragen, stammen aus Metz und Alzey. Der Volksmund im Hunsrück nun sagt, Hagen von Tronje stamme von der Burg Dhronecken. Diese Burg der Herren von Dhronecken, später der Wild-und Rheingrafen, stand einst am Rande eines Bergrückens bei Thalfang. Noch immer sind Reste erhalten, die heute ein barockes Wirtschaftsgebäude ergänzt. Desweiteren soll die Figur des Hunold von der Burg Hunolstein bei Morbach stammen. Ihre Ruinen thronen eindrucksvoll hoch oben auf einem Quarzitfelsen und vermitteln eine Ahnung von der einst erhabenen und wehrhaften Wirkung des Wohnsitzes der Herren von Hunolstein. Doch nicht nur Volkserzählungen verorten Hagen und Hunold im Hunsrück, auch die Forschung nimmt diese Herkunftstheorie ernst. Dabei kommt Hagen als besonders bedeutsamer Figur der Sage in den Diskussionen deutlich größere Aufmerksamkeit zu als Hunold. Doch grundsätzlich gefragt: Es handelt sich bei den beiden um Sagenfiguren – können sie überhaupt eine „reale“ Heimat haben und dort Spuren hinterlassen haben?

Man nimmt an, dass der Sagenkreis der Nibelungen wesentliche Wahrheiten enthält, im Kern die Vernichtung des Burgunderreiches: In der Spätantike siedelten die Burgunder, ein Stamm der Ostgermanen, am Rhein. Sie waren Söldner der Römer und bewachten in deren Auftrag die Rheingrenze. Als das weströmische Reich jedoch Schwäche zeigte, fiel der burgundische König Gunthahar in die reiche römische Provinz Belgica ein, um seinen Machtbereich zu erweitern. 435 gelang es den Römern, ihn zurückzudrängen. Ein Jahr darauf folgte dann die gnadenlose Strafe für den Vertragsbruch: Der römische Heerführer Aëtius zerschlug mit Truppen der Hunnen, die Bündnispartner Roms waren, das Burgunderreich. Ein Großteil des Volkes fand dabei den Tod, die wenigen Überlebenden wurden später in Savoyen an der Rhone angesiedelt. Mit dieser Zerschlagung vermischen sich in der Sage weitere Ereignisse, darunter die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451, bei denen nun die Römer unter Aëtius sowie die Westgoten unter Theoderich gemeinsam gegen die Hunnen unter deren König Attila kämpften. Auch viele der Charaktere der Sage lassen sich auf historische Personen zurückführen: Bei Gunther handelt es sich um den Burgunderkönig Gunthahar, bei Etzel um den Hunnenkönig Attila. Brünhild hat die Merowinger-Königin Brunichildis zum Vorbild, Kriemhild die Germanin Ildikó, die Attila heiratete, woraufhin er in der Hochzeitsnacht (wohl ohne ihr Zutun) verstarb. Siegfried wurde wahrscheinlich vom Frankenkönig Chlodwig I., der die Nichte eines Burgunderkönigs heiratete, aber auch von dessen Enkel Sigibert und weiteren Persönlichkeiten inspiriert.

Insgesamt zieht die Sage Geschehnisse des 5. und 6. Jahrhunderts zusammen und macht dabei Personen, die es in Wahrheit nicht waren, zu Zeitgenossen. Zudem werden die Geschehnisse mit erfundener Erzählung verwebt. Es ist anzunehmen, dass auch Hagen und Hunold historische Vorbilder haben. Über Hunold, der nur eine Nebenrolle spielt, gibt das Nibelungenlied kaum Auskunft, über Hagen immerhin ein wenig. Alles in allem scheint es sich um einen sich ritterlich gebarenden, aber düsteren Zeitgenossen gehandelt zu haben. Seine Erscheinung wird von einem Gefolgsmann Brünhilds knapp beschrieben: „… sieht so furchterregend aus wegen der Art, wie er heftig um sich blickt. Aber er hat ebenfalls, verehrte Königin, eine schöne Gestalt. Seine Gedanken sind, so vermute ich, finster.“ Er wird als Verwandter der burgundischen Könige bezeichnet, Ortwin von Metz nennt ihn seinen Oheim und Etzel bemerkt, er habe als Kind als „Geisel“ (Austauschkind zwischen Adligen zur Gewährleistung des Friedens) am hunnischen Hof gelebt. Einen Hinweis auf seine Herkunft gibt nur sein Name „von Tronje“.

„Hagen von Dhronecken“?

Doch wo liegt „Tronje“? Außer dem Hunsrück beanspruchen weitere Orte den Ritter für sich. Als eine Möglichkeit gilt etwa ein „Neu-Troja“: Als das antike Trojan in Kleinasien von den Griechen besiegt wurde, sollen die Bewohner teilweise auf den europäischen Kontinent geflüchtet sein und unter anderem am Rhein ein „neues Troja“ – vielleicht Xanten – gegründet haben. Eine weitere Möglichkeit ist die „Colonia Ulpia Traiana“, eine römische Stadt ganz in der Nähe von Xanten. Bezüglich beiden Orten wird argumentiert, dass Hagen den Burgundern über den aus Xanten stammenden Siegfried Auskunft erteilen konnte. Doch er wird bereits zu Hilfe gerufen, bevor man weiß, woher der Ankömmling stammt, weil Hagen generell etwas verstehe von „der Welt und fremden Ländern“. Zudem hat Hagen Siegfried nie zuvor gesehen und berichtet nur vom Hörensagen.
Einige überzeugende Argumente gibt es für „Dorostorum“ im heutigen Bulgarien, das der Geburtsort des römischen Feldherrn Aëtius ist. Der Feldherr könnte für Hagen das historische Vorbild geliefert haben, denn es gibt Übereinstimmungen. Etwa war er, wie Hagen, als Kind am hunnischen Hof als Geisel.

Das Hunsrücker „Dhronecken“ weicht von „Tronje“ sprachlich zunächst relativ stark ab, doch die Originaltexte halten eine Überraschung bereit: Von den drei Hauptfassungen nennt nur die relativ späte und weniger sorgfältig geschriebene Handschrift A den Namen „Hagen von Trony/Tronje“, die Handschriften B und C sprechen von „Hagen von Tronege“. Die Ortsbezeichnung steht dabei im Dativ, der Nominativ dazu ist „Troneg“. Dhronecken nun hieß im Mittelalter „Troneck“!

Für das Hunsrückdorf sprechen noch weitere Argumente: Es lag im historischen Reich der Burgunden und offenbar bedachten diese gerne Männer der Umgebung mit Hofämtern, so zumindest Ortwin von Metz und Volker von Alzey. Hunold eben könnte ein vierter im Bunde sein. Die Burg Hunolstein jedenfalls liegt ganz in der Nähe, nordöstlich der Burg Dhronecken – ein Reiter hätte sie von dort aus in zwei Stunden erreicht. Noch heute sind die beiden Burgen durch mehrere Wege, teils durch den Wald, verbunden. Vielleicht waren Hagen und Hunolstein sogar verwandt? Eine Urkunde des 12. Jahrhunderts gibt eventuell einen Hinweis darauf. Ganz in der Nähe der Burg Hunolstein liegt zudem das Dörfchen „Haag“ und auch ein Bach zwischen Hermeskeil und Dhronecken, den Landkarten als „Hahnenborn“ verzeichnen, heißt laut dem Volksmund eigentlich „Hagensborn“.

© Image Landsat/Copernicus – Google Earth

Der Hinterhalt im Hunsrück?

Geschah vielleicht sogar der sagenhafte, hinterhältige Mord an Siegfried im Hunsrück? Die dortigen Wälder waren einst überaus reich an Wild, auch heute selten gewordene Tiere wie Wölfe, Wildkatzen und Fischotter gab es zahlreich. Von Worms aus gesehen muss sich der Wald geradezu angeboten haben. Und das Nibelungenlied gibt einen Hinweis: Die Jagd findet im „Wasgenwald“ und damit auf jeden Fall links des Rheins statt, während Hagen sich entschuldigt, den Wein in den „Spessart“, also rechts des Rheins, geschickt zu haben. Der „Wasgenwald“ bezeichnete in jüngeren Zeiten das Gebiet von Wasgau und Vogesen, früher jedoch, das zeigen alte Karten, hieß das gesamte Waldgebirge der linken Rheinseite einschließlich Hochwald „silva vosagus“.

Da ein Lager aufgeschlagen wurde, kann sich die Gesellschaft durchaus so weit von zu Hause entfernt haben. Hätte die Jagd im Hunsrück stattgefunden, wäre dies für die Pläne eines Hunsrücker Hagen auf jeden Fall eine ausgezeichnete Ausgangslage gewesen: Er hätte sich in dem Wald gut ausgekannt, die Burgunder nicht. Und schließlich leiden im Wald tatsächlich alle Durst, nur Hagen weiß eine kühle Quelle zu nennen.

Die Volkssage im Hunsrück verortet den Mord gleich an mehreren Stellen: Am erwähnten Bach „Hahnenborn“ oder auch bei dem Weiher und gleichnamigen Weiler „Thranenweiher“ – angeblich soll hier ein König erschlagen worden sein und seine Witwe einen ganzen „Thränenweiher“ voll geweint haben. Der Name des Weihers leitet sich aber eher vom Fluss Dhron ab. Andere glauben, eine „Siegfriedsbrunn“ genannte Quelle sei die Quelle aus der Sage. Sie sprudelt in einer kleinen Waldschlucht nahe des Thranenweihers, in einer Vertiefung zwischen Gebüsch und Farn aus dem Felsabhang. Diese Quelle ist nicht zu verwechseln mit der „Siegfriedsquelle“ bei Dhronecken, die erst im 19. Jahrhundert von einem Oberförster nach seinem Sohn benannt wurde. Vielleicht hat Hagen von Tronje sogar am Keltischen Ringwall von Otzenhausen gewirkt: Zur Zeit der Hunnenkriege (375 – 451 n. Chr.) sollen Römer und Franken versucht haben, die Keltenwälle zu reparieren, um sie erneut zum Schutz benutzen zu können. Hagen soll als Anführer einer fränkischen Hundertschaft den Wiederaufbau geleitet haben. Diese These wird in einem Roman des Hunsrück-Schriftstellers Albert Bauer verarbeitet. In einem der sieben Hunsrücker „Haghügel“ soll Hagen begraben liegen.

Manche „Spuren“ der Nibelungen im Hunsrück wurden diesen sicher nachträglich angedichtet, doch viele Punkte lassen eine Verknüpfung des Gebietes mit der Sage sehr wahrscheinlich erscheinen. Vielleicht wurde der finstere Hagen auch von mehreren Persönlichkeiten – einem Ritter von Dhronecken und etwa dem Feldherrn Aëtius – inspiriert? Auf jeden Fall stammen die Überreste der Burgen Dhronecken und Hunolstein nicht direkt von Wohnsitzen von Hagen und Hunold, da die Sage Geschehnisse im 5. und 6. Jahrhundert aufgreift und sie erst später entstanden. Es ist jedoch gut möglich, dass die Ruinen noch Mauerreste von Vorgängerbauten enthalten. Solche Vorgängerbauten und mögliche Stammsitze von Hagen und Hunold kann man sich noch nicht wie die typischen Burgen des Mittelalters vorstellen, sondern eher als wehrhaft befestigte Wohn-Hofkomplexe. Wer durch die Wälder rund um den Erbeskopf spaziert, dem jedenfalls liefert die Landschaft zahlreiche Szenerien, in denen sich Bilder von Hagen und Hunold wie von selbst vor dem geistigen Auge auftun. Mit ein bisschen Fantasie kann man fast noch die Hufe ihrer Pferde und klirrende Schwerter auf eisernen Rüstungen vernehmen.