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ICE, ICE, BABY


Träume Wagen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 15.03.2019

Action auf Eis ist selten geworden – umso schöner, dass mit dem GP Ice Race in Zell am See ein traditionelles Rennen wieder aufleben darf. Dass es dabei weniger um Competition als um Show geht, lässt alle Beteiligten zurecht kalt


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Bildquelle: Träume Wagen, Ausgabe 3/2019

Mark Webber ist fast ein bisschen aufgeregt. „Ich bin noch nie auf Eis gefahren“, freut sich der Ex-Formel-1-Champion, während wir auf das Go zum Training warten. Und: „Wo ist denn hier die Heizung?“
Wir sitzen in einem wunderbaren Porsche 356 B 1600 Super 90 von 1962, und der steht auf blankem Eis. Das wurde von den Verantwortlichen über Wochen Schicht für Schicht optimiert, ...

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Mark Webber ist fast ein bisschen aufgeregt. „Ich bin noch nie auf Eis gefahren“, freut sich der Ex-Formel-1-Champion, während wir auf das Go zum Training warten. Und: „Wo ist denn hier die Heizung?“
Wir sitzen in einem wunderbaren Porsche 356 B 1600 Super 90 von 1962, und der steht auf blankem Eis. Das wurde von den Verantwortlichen über Wochen Schicht für Schicht optimiert, hier am alten Flughafen von Zell am See. Ferdinand Porsche, gleichnamiger Urenkel des Firmengründers, und sein Freund Vinzenz Greger haben im Porsche-Urland (das Familien-Refugium Schüttgut samt Kapelle und Familiengrab liegt in Sichtweite) das ehemalige Dr.-Porsche-Gedächtnisrennen wiederbelebt.
Die Tradition des Eisrennens in Zell am See geht zurück auf die Olympischen Winterspiele 1928 in St. Moritz. Damals zogen Pferde Könner auf Skiern über eine Rennpiste, der Sport nennt sich „Skijöring“. Neun Jahre später fand das erste Event in Zell am See statt – aber die Pferde waren ersetzt durch Motorräder. 1952 wurde das Spektakel professionalisiert – ein Paul Schwarz gewann das neu gegründete „Dr.-Porsche-Gedächtnis-Skijöring“. Schon ein Jahr später wurden Autos als Zugfahrzeuge eingesetzt.
1956 mutierte die Veranstaltung auf dem zugefrorenen See zum Motorrad- und Auto-Eisrennen – Otto Mathé fuhr mit seinem „Fetzenflieger“ eine Rekordrunde in 2:37 Minuten. Der Wagen heißt (noch heute) so, weil Mathé auf die Karosserieteile seitlich des Motors verzichtete, um schneller Zündkerzen wechseln zu können. Einziger Schutz: Dünne Planen, die allerdings bei Fehlzündungen schon mal in Brand gerieten – dann flogen die glühenden Fetzen. Bis 1959 gewann er mit seinem nur 395 Kilo schweren Eigenbau hier jedes Finale.
In den folgenden Jahren fiel so viel Schnee, dass das Rennen nicht stattfinden konnte. Erst 1964 ging es weiter – mit dem neuen Rekordhalter Otto Lantenhammer, einer späteren Tunerlegende. Er raste mit 109,7 km/h über die Piste. 1969 wurde das Rennen auf eine Eispiste am Alpenflugplatzgelände verlegt. 1973 sauste Börje Sjöbom schon mit 114,28 km/h durch die Runde – neuer Rekord. Nachdem das Rennen 1974 kurzfristig wegen eines verunglückten Räumfahrzeuges abgesagt wurde, kam es danach nicht mehr zu einer Neuauflage. Bis 2019.
Mark Webber hat selber einen 356 zu Hause in Australien, er liebt besonders die Form, die ihn an Marilyn Monroe erinnert – oder andersherum. Die Sache mit der Heizung hat er schnell aufgegeben, obwohl es wirklich schweinekalt ist. Minus sechs Grad, gefühlt minus 15. Super für die harte, schneebefreite Piste, weniger super für Hände, Füße, Ohren. Aber wir sind nicht die einzigen, die frieren.
Rund 8.000 Menschen kommen in zwei Tagen, um rund 130 verschiedene Rennwagen, Sportwagen, Buggys, Formel-e-Renner, Tourenwagen bis zum DTM-Audi und aufgebrezelte Limousinen beim Driften auf einem rund 600 Meter kurzen Tri-Oval samt Joker-Lap zu verfolgen. Das Reglement ist einfach: Einzelzeitfahren zur Qualifikation, die erste und die zweite Runde inklusive zweier Jokerrunden werden summiert und gewertet. Die besten vier pro Klasse (Buggys, Old- und Youngtimer, Tourenwagen und Rallyeautos mit einer angetriebenen Achse, Allradtourer und -rallyeautos) fahren gleichzeitig das Finale.
Allerdings ist völlig egal, wer gewinnt. Die Show ist alles. Mit bis zu sieben Millimeter langen Spikes raspeln die unzähligen Autos – vom Trabant bis zum Porsche GT3 RS, vom Puch 600 bis zum KTM X-Box – das Eis weg, sodass die Partikel in Massen auf die Zuschauer niederschneien.Helden sind auch die Skifahrer, die sich von einigen der Autos im „Skijöring“-Wettbewerb übers Eis ziehen lassen und von zum Beispiel Mitsubishi Evos diverser Ausbaustufen, die bekanntlich verdammt schnell sind bei allen Bedingungen.
Das ist Mark Webber auch immer noch. Nach einer halbwegs vorsichtigen Testrunde gibt er Gas im 90 PS starken Ur-Porsche. Schnell beginnt das Heck auf den schmalen Reifchen auszubrechen, gekonnt fängt Webber den gewollten Ausflug des Autohinterns ab und platziert schon in der nächsten Kurve einen perfekten Drift. Er grinst dabei über beide Ohren.
Das tun die anderen prominenten und weniger prominenten Piloten auch. Ein Walter Röhrl steht zwar zunächst viel zu lange am Start, bevor er los darf, aber dann wirft er seinen Sport quattro wie zu besten Zeiten durch den Eiskanal. Romain Dumas hat Spaß im VW Polo GTI R5. Ein Daniel Abt zieht mit seinem Formel-E-Boliden (herrlich gaga) einen Skifahrer über die Piste, und als Rene Rast versucht, seinem anscheinend spikeslosen DTM-Audi Grip beizubringen und der Rennwagen dadurch die wohl langsamste Rundenzeit aller Teilnehmer auf dem Eis hinlegt, jubelt das nur äußerlich erkaltete Volk.
Die größte Gruppe des Starterfeldes allerdings machen die Old- und Youngtimer aus. Ein originaler Mille-Miglia-Alfa 8C 2900, Porsche 550 Spyder, ein seltener Martini-BMW 700, abgerockte Karmänner, Käfer und 356er, tolle Renn-Escorts, Saab 96, Porsche 924 und 928 (und natürlich 911 in allen Ausprägungen), Mercedes W123 Coupé, Alfa Sud, Lancia Delta Integrale, Ford Lotus Cortina, Subaru WRX STI und noch viel mehr, wie zum Beispiel ein originaler Nascar-Renner mit 6,5-Liter-V8 mit 650 PS, versuchen, ihre Kraft aufs Glatteis zu führen. Bei den Finals jagen tatsächlich zwei bis vier Autos gleichzeitig durch den Eiskanal, es gibt sogar Überholmanöver. So viel Action und Sound hat Zell am See trotz der jährlichen Horden von Skifahrern und Snowboardern lange nicht mehr erlebt.
Und auch der berühmte „Fetzenflieger“ ist dabei – diesmal mit Oliver Schmidt am Steuer, Chef des Hamburger Prototypenmuseums und damit Eigner des alten Renners. Allerdings hat er keine Chance auf den Sieg: Erstens fährt das frühe Kit-Car in dieser Klasse bis Baujahr 1998 mit – da hat dieses Unikum von 1952 natürlich keine Chance. Und zweitens sind die Spikes in seinen Reifen nur 2,5 Millimeter lang – Schmidt hat schlicht keinen längeren für 15-Zoll-Räder gefunden. Aber die vielen Zuschauer wissen genau, wie viel Historie hier ihre Runden zieht. Die Fortsetzung 2020 steht schon fest. Hoffentlich bei ähnlichen Bedingungen – besser gehts nämlich nicht. Wir gehen davon aus, dass die meisten der Piloten dann wiederkommen. Erst recht Mark Webber. Der will eigentlich gar nicht mehr aus dem 356 aussteigen …

Tanz der Eiskristalle: Skikjöring am 911 und Driftshow im KTM X-Bow. Je länger die Spikes umso höher die Schneefontäne


Früher war es der „Fetzenflieger“ (links), der die Siege einfuhr, heute sind es Typen wie Subaru WRX STI und deren verwegene Piloten


Zell am See von der Gondel am Berg aus gesehen: Das weiße Dreieck oben rechts ist die beleuchtete Eispiste


Volle Markenvielfalt, wenn auch viel vom VW-Konzern: Neben Porsche zeigten auch Audi, VW und Alfa, was auf Eis möglich ist



Fotos: Porsche AG, Löwisch