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»Ich begriff die Welt nicht mehr«


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 42/2019 vom 11.10.2019

SPIEGEL-Gespräch Die Verlegerin Barbara Laugwitz, 48, ist bekannt für Bestsellererfolge und leitet heute den Ullstein Verlag. Vor einem Jahr wurde sie bei Rowohlt überraschend ausgewechselt. Warum?


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 42/2019

Ullstein-Chefin Laugwitz: »Erst mal hingesetzt, einen Anwalt gesucht«


NADJA WOHLLEBEN / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Frau Laugwitz, Sie sind die bekannteste Unbekannte im deutschen Literaturbetrieb. Ende August 2018 wurde überraschend mitgeteilt, dass Sie den Rowohlt Verlag verlassen. Das sorgte für großen Wirbel in der Branche, doch bisher haben Sie sich öffentlich dazu mit keinem Wort geäußert.
Laugwitz: Dieser ...

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SPIEGEL: Frau Laugwitz, Sie sind die bekannteste Unbekannte im deutschen Literaturbetrieb. Ende August 2018 wurde überraschend mitgeteilt, dass Sie den Rowohlt Verlag verlassen. Das sorgte für großen Wirbel in der Branche, doch bisher haben Sie sich öffentlich dazu mit keinem Wort geäußert.
Laugwitz: Dieser 27. August, an dem mir bei Rowohlt gekündigt wurde, ist für mich tatsächlich unvergesslich. Aber bitte lassen Sie mich zunächst einmal sagen, ich bin glücklich, bei Ullstein zu sein. Ich bin von allen Mitarbeitern herzlich aufgenommen worden und auch von den Ullstein-Autoren. Außerdem bin ich jetzt wieder in Berlin, wo ich geboren bin und hingehöre – dass sich alles so fügen würde, hätte ich mir letztes Jahr um diese Zeit nicht mal im Traum vorstellen können.
SPIEGEL: Was ist Ende August 2018 aus Ihrer Sicht vorgefallen?
Laugwitz: Ich war nach Stuttgart bestellt worden, und eine meiner Schwächen ist, das müssen Sie wissen, notorisches Zuspätkommen, so bin ich tatsächlich auch zu meiner eigenen Kündigung zu spät gekommen. Herr Pfuhl erwartete mich schon …
SPIEGEL: …in Stuttgart hat die Holtzbrinck-Verlagsgruppe ihren Sitz, zu der auch der Rowohlt Verlag gehört. Joerg Pfuhl ist CEO bei Holtzbrinck.
Laugwitz: Das Kündigungsschreiben lag schon auf dem Tisch, genauso die Pressemitteilung, soweit sie mich betraf. Die Pressemitteilung sollte ich freigeben und den Erhalt der Kündigung gegenzeichnen. Beides habe ich nicht getan. Dann wurde mir noch angeboten, Herrn von Holtzbrinck zu treffen, aber dazu war ich in dem Moment nicht in der Lage. Später hieß es, er habe mir noch ein Angebot machen wollen. So jedenfalls dauerte alles nur ganze zehn Minuten. Ich habe mich auf irgendeinem Platz in Stuttgart erst mal hingesetzt und mir einen Anwalt gesucht.
SPIEGEL: Pfuhl ist zwei Tage später vor die Mitarbeiter des Rowohlt Verlags in Reinbek getreten und hat Florian Illies, der sich als Feuilletonist und Bestseller - autor einen Namen gemacht hat, als Ihren Nachfolger vorgestellt. Waren Sie mit einer Vorahnung nach Stuttgart gefahren?

Laugwitz: Eine Vorahnung von meiner Kündigung? Nein. Rowohlt stand ja ausgezeichnet da. Im Nachhinein erkenne ich jedoch Anzeichen, die ich falsch gedeutet habe.
SPIEGEL: Welche Anzeichen?
Laugwitz: Seit Ende 2017 hatte ich das Gefühl, dass mir immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden. Verträge auch mit langjährigen Rowohlt-Autoren abzuschließen wurde manchmal schwierig. Als ich »Feuer und Zorn« von Michael Wolff einkaufen wollte, wurde ein Veto eingelegt. Ich begriff die Welt nicht mehr. Als ich später das Buch »Furcht« des legendären amerikanischen Journalisten Bob Woodward einkaufte, reagierte man verärgert.
SPIEGEL: Zwei Bücher über Trumps Präsidentschaft.
Laugwitz: Beide ließ ich in jeweils vier Wochen übersetzen, nach sechs Wochen waren die Bücher schon im Handel. Und beide wurden Nummer eins auf der Bestsellerliste. Heute glaube ich: Rowohlt sollte unter mir keine ungeplanten Erfolge mehr haben. Herr Pfuhl wollte wohl behaupten können, was er nach meiner Kündigung auf einer Betriebsversammlung dann auch wirklich behauptete, nämlich dass Rowohlt eines der schlechtesten Jahre seit 20 Jahren gehabt habe. Dabei steckte der Verlag vor 20 Jahren tief in den roten Zahlen, McKinsey war im Haus. Solange ich Verlegerin war, gab es dagegen jedes Jahr Millionengewinne – ich weiß, das klingt unbescheiden, aber wenn ich schon über diese Dinge rede, muss ich das jetzt sagen.
SPIEGEL: Aber warum sollte das im Interesse der Verlagsgruppe gelegen haben?
Laugwitz: Es pfeifen ja die Spatzen von den Dächern, dass meine Kündigung schon im Herbst 2017 beschlossen war.
SPIEGEL: Was genau pfeifen die Spatzen?
Laugwitz: Dass Florian Illies seinen Vertrag als Verleger von Rowohlt schon im Herbst 2017 unterschrieben hat.
SPIEGEL: Angenommen, es war so, warum hat man Ihnen dann nicht früher ge kündigt?
Laugwitz: Da kann ich nur spekulieren. Vielleicht, weil Illies noch nicht frei war. Vielleicht auch, damit ein Buch, für das ich gebraucht wurde, noch fertig werden konnte, »Die bessere Hälfte« von Eckart von Hirschhausen und Tobias Esch. Kurz nachdem das in den Druck ging, kam jedenfalls die Einladung nach Stuttgart.
SPIEGEL: Man wollte bei Holtzbrinck als Verleger von Rowohlt offenbar lieber Florian Illies einsetzen, als Sie zu behalten, obwohl Ihre Zahlen nicht schlecht waren. Warum das?

Holtzbrinck-Manager Pfuhl »Immer wieder Steine in den Weg gelegt«


JAKOB BÖRNER / DER SPIEGEL

Laugwitz: Da müssen Sie Stefan von Holtzbrinck fragen.
SPIEGEL: War es denn rechtlich möglich, Sie ohne Vorwarnung zu entlassen?
Laugwitz: Bei einem Geschäftsführer - vertrag ist kein Grund erforderlich. Natürlich sind Kündigungen nicht dazu da, einem Freude zu machen, aber dies hier war schon sehr, sehr deprimierend und würdelos. Die sofortige Freistellung, der Ton, die Kürze, die nachträglichen Behauptungen. Mein Mailaccount war nach 20 Minuten abgeschaltet, mir wurde eine Kontakt sperre gegenüber den Autoren und Mitarbeitern auferlegt. Die Räume des Rowohlt Verlags hätte ich nur noch unter der Aufsicht von Joerg Pfuhl betreten dürfen, selbst zur Verabschiedung von den Kollegen. Also verzichtete ich. Damals dachte ich, sicher übertrieben: Mein Ruf sollte beschädigt werden. Oder vielleicht doch nicht übertrieben?
SPIEGEL: Ihnen wurde kein Grund genannt?
Laugwitz: Doch, dass ich ein schwieriges Verhältnis zu Mitarbeitern hätte, ein Großteil kündigen wollte. Aber das stimmte einfach nicht, wie sich dann am Widerstand vieler Mitarbeiter zeigte.
SPIEGEL: Zahlreiche Schriftsteller des Rowohlt Verlags haben damals in einem offenen Brief gegen die Art und Weise Ihrer Kündigung protestiert. Auch Autoren wie Daniel Kehlmann und Elfriede Jelinek, Jonathan Franzen und Siri Hustvedt sprangen Ihnen bei.
Laugwitz: Die haben durch diesen Einsatz mein Ansehen, überhaupt meine Zukunft gerettet. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein.
SPIEGEL: Waren Sie am Entstehen des Briefs beteiligt?
Laugwitz: Nein. Ich wusste von diesem Brief überhaupt nichts.
SPIEGEL: Wie ging es Ihnen, als Sie das lasen?
Laugwitz: Ich war bewegt.
SPIEGEL: Sie sagten, es sei vonseiten Holtzbrincks ein Veto eingelegt worden gegen den Kauf des Manuskripts von Michael Wolffs »Feuer und Zorn«. Sie haben es aber trotzdem gekauft, denn es erschien ja im Rowohlt Verlag.
Laugwitz: Nein, nicht von Holtzbrinck. Sondern seitens meines Geschäftsführerkollegen Kraus vom Cleff. Das Veto war aber ein mündliches, und als ich um schriftliche Bestätigung bat, kam nichts mehr.
SPIEGEL: Sie haben das Veto nicht akzeptiert?
Laugwitz: Nein.
SPIEGEL: Es klingt etwas irre, dass man bei Holtzbrinck den Erfolg des eigenen Verlags habe verhindern wollen. Jedenfalls kann man sich leicht vorstellen, dass es zwischen Pfuhl und Ihnen daraufhin nicht mehr zum Besten stand. Sie vermeiden Konflikte nicht unbedingt, richtig?
Laugwitz: Ich bin eine Problemlöserin und gehe vor allem auf Probleme zu. Mit mir zu arbeiten ist darum nicht immer leicht. Das ist eine Schwäche, könnte man sagen. Außerdem arbeite ich viel, und ohne es zu merken, erwartet man das Gleiche dann oft auch von anderen, und ja, ich sollte darin nicht ganz so unnachgiebig sein, ganz bestimmt.
SPIEGEL: Hat dieses Ende bei Rowohlt Sie verändert?
Laugwitz: Ich habe mir die Frage gestellt, die sich jeder stellen würde: Was hätte ich anders machen müssen? Dass ich Konflikten ruhig auch mal aus dem Weg gehen sollte – nicht allen natürlich –, ist schon eine meiner Schlussfolgerungen.
SPIEGEL: Als Sie bei Rowohlt rausgeflogen sind, schrieb die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek: »Jetzt ist schon wieder eine Frau rausgekippt worden wie Abfall.« Damit wurde aus Ihrem Abgang auch eine Geschlechterfrage. Hat Jelinek Sie in die Rolle des Opfers gedrängt?
Laugwitz: Ich bin Frau Jelinek dankbar, dass sie den Protest gegen meine Absetzung unterstützt hat, und das mit so einem fulminanten Satz. Es stimmt jedenfalls, in der Verlagswelt arbeiten größtenteils Frauen, trotzdem hatte ich immer männliche Vorgesetzte. Sie haben mich allerdings sehr unterstützt, gefördert, vorangebracht.

SPIEGEL: Haben Sie Ihren Job bei Rowohlt verloren, weil Sie eine Frau sind?
Laugwitz: Das wäre ein bisschen einfach. Aber es waren ausschließlich Männer an meiner Kündigung beteiligt, das schon. Komisch, ich habe mich vorher eigentlich nie als Frau in der Verlagswelt gesehen, jetzt tue ich es.
SPIEGEL: Gehören Tiefschläge auf der obersten Karrierestufe nicht dazu? Unabhängig davon, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist?
Laugwitz: Bestimmt, aber ich habe darüber nie nachgedacht. Ich habe meine Arbeit gemacht, ich habe sie irrsinnig gern gemacht, ich wollte, seitdem ich im Verlag bin, keine Sekunde mehr etwas anderes tun. Das war es.
SPIEGEL: Sie sagen, Männer haben Sie gefördert und vorangebracht. Gab es auch Frauen, die wichtig waren?
Laugwitz: Nicht im Beruf – die Vorgesetzten waren immer Männer –, sonst natürlich tausendfach. Ein Beispiel dafür aus diesem Jahr, das mir viel bedeutet hat: Meine Autorin Anika Decker, deren Buch ich hier bei Ullstein als Erstes betreut habe, ist mir in der schwierigen Zeit nach der Kündigung immer wieder zur Seite gestanden. Sie hat mich auch einmal zu einem Frauenabend eingeladen, mit sehr interessanten Frauen, was ich ganz phänomenal fand.
SPIEGEL: Warum?
Laugwitz: Weil ich sofort sah, wie wohl ich mich in diesem Kreis fühlte, wie gut mit mir umgegangen wurde. Früher hätte mich das nicht groß gekümmert, heute achte ich darauf. Auf die Erfahrung, die ich brauchte, um das zu begreifen, hätte ich auch verzichten können, aber jetzt, wo ich sie gemacht habe, ist es gut.
SPIEGEL: Seit 1. März sind Sie Verlegerin bei Ullstein. Gibt es andere Autoren, die mit Ihnen zu Ullstein kommen?
Laugwitz: Es sind inzwischen über zehn. Aber an sich ist das nicht ungewöhnlich, es bestehen ja Vertrauensverhältnisse miteinander. Und natürlich freue ich mich, dass die Autoren mir dieses Zeichen gegeben haben.
SPIEGEL: Wer gehört dazu?
Laugwitz: Im November wird Vincent Klink bei Ullstein herauskommen, Anfang nächsten Jahres David Nicholls, den ich jahrelang für Rowohlt gewinnen wollte. Und ich bin glücklich, dass Katharina Thalbach mitgekommen ist. Wir sind ja ein Urberliner Verlag, tief verwurzelt in der Stadt, und berlinerischer als Katharina Thalbach geht’s ja fast gar nicht. Ich habe sie oft besucht und dabei erfahren, dass sie ihr ganzes Leben mit sämtlichen Erinnerungsstücken und Dokumenten in Koffern sortiert hat. Aus diesen Koffern wird das Buch entstehen.

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DANIEL MÜLLER / AGENTUR FOCUS

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NADJA WOHLLEBEN / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Ullstein hat in den vergangenen Jahren einzelne erfolgreiche Titel gehabt, aber als Verlag keine klare Linie. Wie wollen Sie Ullstein positionieren?
Laugwitz: Profile von Verlagen sind rückblickend immer einfacher zu erkennen. Rückblickend ist Rowohlt der Verlag von Hemingway und Pynchon, Sartre und Camus. Aber in den Sechzigerjahren erschien dort auch ein Buch wie »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung« und brachte viel Geld ins Haus. Vielleicht sagt man in 20 Jahren ja, ach, Ullstein hatte ja doch ein klares Profil. Für mich ist es einer der großen Unterhaltungsverlage, und es ist ein Verlag in Berlin, seit mehr als hundert Jah ren, weshalb er in allen Facetten spiegelt, was diese Stadt ausmacht. Gleichzeitig gehören zu Ullstein viele Verlage, also viele Ideen, so wie Berlin ein Topf voller Ideen ist. Aus diesem Grund haben wir jetzt auch den Claassen Verlag wieder neu eröffnet – früher ein wichtiges Haus für die Literatur –, einfach weil man sich einen großen Verlag in Berlin nicht ohne Literatur vorstellen kann.
SPIEGEL: Ihre Ankunft bei Ullstein ist allerdings auch mit Abschieden verbunden. Für Sie wurde der Job der Verlagsdirektorin geschaffen, geschäftsführender Verleger war Gunnar Cynybulk. Nachdem Sie wenige Monate bei Ullstein gewesen waren, ist er gegangen.
Laugwitz: Es war ein freundschaftlicher Abschied. Seine Entscheidung ist jenseits von mir passiert, und darüber bin ich froh. Er hat mich hier offen und herzlich aufgenommen, wir haben gut zusammengearbeitet. Wir waren nicht in jeder Einzelheit einer Meinung, aber das konnte auch nicht sein, wir kommen ja von den verschiedenen Enden der Buchbranche, er von der Literatur, ich von der Unterhaltung.
SPIEGEL: Sind Verleger heute wie Fußballtrainer, die für Erfolge geholt und rasch abgelöst werden, wenn die sich nicht einstellen? Sind Sie zu Ullstein geholt worden, um den Verlag unterhaltsamer und umsatzstärker zu machen?
Laugwitz: Ullstein ist schon seit Jahren ein äußerst erfolgreicher Verlag. Und zu Ihrer ersten Frage: Das wird behauptet, und es wird ja auch behauptet, dass es der Branche schlecht gehe. Immer wieder wird die Studie des Börsenvereins zitiert, nach der in vier Jahren mehr als sechs Millionen Buchkäufer verschwunden sind. Aber ich bin jetzt über 20 Jahre in der Verlagswelt und habe eigentlich noch nie gehört, dass es der Branche gut geht, immer gab es irgendeine Krise. So wird es wahrscheinlich bleiben, und trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass das Buch widerstandsfähig ist. Es wird überleben. Nur dürfen die Verlage als Qualitätsverstärker nicht die Freude und Risikobereitschaft ver - lieren, gute Bücher zu entdecken und herauszubringen.
SPIEGEL: Woran erkennen Sie ein gutes Manuskript?
Laugwitz: Bei jedem Buch gibt es 20 Gründe, es nicht zu verlegen, aber wenn ich den einen Grund gefunden habe, der mich überrascht und überzeugt, dann ist es für mich ein gutes Manuskript. Ich lese es nur bis zu dem Punkt, an dem ich diesen Grund gefunden habe. Ich bin eigentlich, ehrlich gesagt, keine so fleißige Leserin, ich brauche die Zeit, um etwas für die Bücher zu tun. Vorher stelle ich mir die Frage: Wie will ich das Buch herausbringen? Welcher Ladenpreis? Welcher Erscheinungsmonat? Ist es ein Taschenbuch, ein Hardcover, eine Klappenbroschur? Für die Beantwortung von jeder dieser Fragen gibt es viele entscheidende Gesichtspunkte, und man muss die richtigen erkennen und ein sicheres Gefühl für sie haben, dann ist es ganz leicht. Ich weiß dann einfach, da draußen gibt’s Leute, die das interessiert, die das kaufen. Ich sehe sie förmlich vor mir.

SPIEGEL: Sie haben Altphilologie in Oxford studiert. Passt das zusammen?
Laugwitz: Warum, bitte, soll das ein Gegensatz sein? Auch die Griechen und die Römer haben Unterhaltungsliteratur herausgegeben, Homers »Ilias« zum Beispiel oder Ovids Sachbuchbestseller »Liebeskunst «. Außerdem habe ich mir das Geld für mein Studium zum Teil an der Kasse eines Heimwerkermarkts verdient und dort erlebt, dass es Leser an Orten gibt, an denen Verlagsmenschen sie erst mal nicht vermuten.
SPIEGEL: Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?
Laugwitz: Als Erstes rauche ich eine Zigarette.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie am Tag zwei Schachteln schaffen?
Laugwitz: Solange ich arbeite, rauche ich. Beides mache ich mit großer Freude.
SPIEGEL: Es wird nun Ihre erste Frankfurter Buchmesse als Ullstein-Verlegerin sein.
Laugwitz: Die Messe im vergangenen Jahr war die erste seit über 20 Jahren, auf der ich nicht war. Irgendwo stand geschrieben, dass viele mittelgroße, blonde, ungeschminkte, rauchende Frauen für Barbara Laugwitz gehalten wurden. Man hatte inzwischen von mir gelesen, wusste aber immer noch nicht genau, wie ich aussah. Ich war ja krankhaft schüchtern und habe mich nur selten in der Öffentlichkeit gezeigt, ich meinte auch: Die Bühne der Öffentlichkeit muss den Autoren gehören.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich »Genera - tion Golf« von Florian Illies gelesen?
Laugwitz: Nein, aber natürlich habe ich viel darüber gehört. Und es kann ja nur deshalb dieser große Erfolg gewesen sein, weil Herr Illies die Jugenderfahrung von vielen, vielen Menschen in dem Buch eingefangen hat. Ich kenne ihn übrigens nicht, höre aber nur Gutes von ihm.
SPIEGEL: Kein Groll?
Laugwitz: Nein. Mir geht es gut, mein Leben ist kurze Zeit durcheinander gewesen, und jetzt bin ich zu dem Verlag zurückgekehrt, bei dem ich begonnen habe. Und andererseits: Herr Illies wusste ja gar nicht, was mir passierte, und hätte es, glaube ich – wie soll ich das sagen –, auf diese Art bestimmt auch nicht gewollt.
SPIEGEL: Frau Laugwitz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit Redakteurin Claudia Voigt in Laugwitz’ Büro in Berlin.