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ICH BIN KEIN NOSTALGIKER“


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 25.07.2019

In seinem neunten und vielleicht letzten Film zeigtQuentin Tarantino die letzten unschuldigen Tage des alten Hollywood, bevor die Manson- Morde alles veränderten


Artikelbild für den Artikel "ICH BIN KEIN NOSTALGIKER“" aus der Ausgabe 8/2019 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 8/2019

Tarantino am Set von „Once Upon A Time In Hollywood“


FOTOS VON ART STREIBER

Alles unter Kontrolle: Tarantino beim Dreh zu „Once Upon A Time In Hollywood“


QUENTIN TARANTINO

Um im Kino heutzutage für Aufregung, Vorfreude und echten Hype zu sorgen, braucht es eigentlich schon ein paar Superhelden. Dieser Eindruck entsteht zumindest schnell, wenn man sich mal unter Filmfans auf Twitter umhört oder feststellt, mit wie viel Abstand „Avengers: Endgame“ ...

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... und „Captain Marvel“ die Kinocharts des laufenden Jahres anführen. Doch bei den Filmfestspielen in Cannes ließ sich kürzlich beobachten, dass es doch nach wie vor auch anders geht: Der Trubel, den die Weltpremiere von Quentin Tarantinos „Once Upon A Time In Hollywood“ dort – exakt 25 Jahre nach dem großen Durchbruch samt Goldener Palme für „Pulp Fiction“ – auslöste, suchte jedenfalls seinesgleichen. Bis kurz vor Festivalbeginn hatte Tarantino die Spannung gesteigert, weil unklar war, ob er den Film überhaupt rechtzeitig würde fertigstellen können. Vor Ort gab es dann kein Screening, vor dem sich nicht längere Schlangen bildeten: Zwei Stunden vor Beginn reihten sich bereits erste Filmkritiker für den Einlass auf, während Fans mit teilweise elaborierten, selbst gebastelten Plakaten um Tickets für die Gala-Premiere bettelten. Ein Interview mit dem Meister selbst zu bekommen erwies sich als Herausforderung des Jahres.

„Ins Kino gehen heißt heute vor allem, Science-Fiction-, Superheldenund Monsterfilme gucken“, meint auch Tarantino – und schiebt gleich hinterher: „Ich will diese Filme gar nicht abtun. Hätte es die Marvel- Filme gegeben, als ich 27 Jahre alt war, wären sie für mich sicherlich das Größte gewesen! Mit 55 entfalten sie heute allerdings eben nicht ganz die gleiche Wirkung auf mich.“ Aus der Freude über das Aufsehen, das sein neunter Spielfilm in einer von Comic-Verfilmungen und Sequels dominierten Kinolandschaft noch erregen kann, macht er jedenfalls keinen Hehl: „Ich setze darauf, dass es doch noch genug Menschen gibt, die auch diese Art von Kino sehen wollen, einen echten Film eben, nicht bloß ein Event. Aber natürlich ist ‚Once Upon A Time In Hollywood‘ ein Risiko. Zumal es ja noch nicht mal besonders viel Handlung gibt und wir eigentlich bloß ein paar Tage im Leben dreier Figuren zeigen. Zunächst hatte ich überlegt, einen richtigen Plot für meine beiden Protagonisten zu entwickeln, aber das erschien mir zu melodramatisch. Ich wusste einfach, dass ich diese Figuren unglaublich mochte – und mit denen abzuhängen und Zeit zu verbringen genug Stoff für einen Film wäre.“

Das mit der Handlung ist in diesem Fall ohnehin so eine Sache. Eindringlich und immer wieder bat Tarantino in Cannes die Presse darum, so wenig wie möglich über den Inhalt von „Once Upon a Time In Hollywood“ zu schreiben, um niemandem den Spaß am späteren Kinobesuch zu verderben. Deswegen an dieser Stelle nur so viel: Es geht in den im Los Angeles des Jahres 1969 spielenden 165 Minuten vor allem um den (fiktiven) Schauspieler Rick Dalton (Leonardo Di- Caprio), der mit Westernserien berühmt wurde und inzwischen sein Talent vor allem in TV-Gastrollen verschwendet, und seinen besten Freund Cliff Booth (Brad Pitt), der für ihn gleichermaßen Stuntman, Assistent und Handwerker ist. Die seit einem Jahr verbreitete Meldung, der Film handle von Charles Manson, seiner sektenartigen Hippie- Anhängerschaft und den von deren Mitgliedern begangenen Morden, ist aber trotzdem nicht so ganz falsch.

Die reale, damals hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), die zu den Opfern gehörte, ist ebenfalls eine zentrale Figur in „Once Upon A Time In Hollywood“. Sie ist die direkte, eher aus der Ferne bewunderte Nachbarin von Rick Dalton; auch ihr Ehemann, Roman Polanski, taucht im Film auf. Und am Ende, so viel ahnt man als Tarantino- Kenner von Anfang an, wird es in dieser Geschichte mal wieder weniger um die historisch korrekte Darstellung realer Ereignisse gehen als um eine spektakuläre Umschreibung.

Dass Tarantino gern mal mit viel Freude (und jeder Menge Blutvergießen) die Geschichtsbücher umschreibt, ist nichts Neues (siehe „Inglourious Basterds“ oder „Django Unchained“). Auch sonst ist der neue ein echter Tarantino mit jeder Menge Elementen, die man aus früheren Werken kennt: von seinem hier endgültig nicht mehr zu übersehenden Fußfetisch über bekannte Schauspieler in kleinen Rollen (hier etwa Tarantino- Veteranen wie Kurt Russell oder Bruce Dern genauso wie Lena Dunham, Al Pacino oder auch der jüngst verstorbene Luke Perry) bis hin zu endlosen Anspielungen auf und Verneigungen vor all den Filmen, Serien und Genres, die den bekennenden Dauerglotzer und Ex-Videothekar über die Jahre geprägt haben. Und über dem Ganzen schwebt vor allem eine nostalgisch geprägte und in „Once Upon A Time In Hollywood“ wirklich bemerkenswert umgesetzte Liebe zu seiner Heimatstadt Los Angeles in den Sechzigern. „Ich werde ständig gefragt, warum ich diese große Nostalgie für das Hollywood der Sechziger empfinde“, so der 56-Jährige, der selbst bei knapp bemessener Zeit im Interview zu ausufernden Antworten neigt. „Aber eigentlich glaube ich nicht, dass es das wirklich trifft. Denn damals war ich ja noch nicht dabei – und um nostalgisch zu sein, ist das doch eigentlich Grundvoraussetzung, oder? Wo der Begriff schon eher passt, ist bei meiner Erinnerung an Los Angeles allgemein.

1969 war ich sechs Jahre alt, und natürlich erinnere ich mich noch an vieles von damals. In diesem Sinne ist ‚Once Upon A Time In Hollywood‘ für mich durchaus eine Verarbeitung von Erinnerungen, so wie es zuletzt ‚Roma‘ für dessen Regisseur, Alfonso Cuarón, war.“ „Ich erzähle zwar nicht meine persönliche Geschichte, aber ich habe mich gedanklich in meine Kindheit zurückversetzt“, fährt er fort. „Welche Poster damals überall hingen oder wie die Bushaltestellen aussahen, das weiß ich schließlich noch. Ich hatte keine älteren Schwestern, aber die Freundinnen meiner Mutter hatten Töchter, die meine Babysitterinnen waren. Deswegen war ich durchaus auch von Hippiemädchen umgeben, die bei uns auf dem Sofa abhingen und Joints rauchten. Ich weiß noch, dass ich sie manchmal verpetzt habe.(Lacht) “ Besonders sei ihm ein Mädchen namens Karen in Erinnerung geblieben, das lässiger gewesen sei als die anderen und ihn manchmal von der Schule abgeholt habe. „Wenn ein Polizeiauto vorbeifuhr, rief sie: ‚Fickt euch, ihr verfififickten Schweine!‘(Lacht) Für mich als kleinen Sechsjährigen, der vor Polizisten größten Respekt hatte, war sie eine echte Radikale! Und wer weiß, ob ich damals nicht sogar mal auf der Spahn Ranch von Charles Manson war. Meine Mutter ging mit mir manchmal zum Reiten, das wurde dort ja angeboten. Ich stelle mir gern vor, dass mir damals jemand von Mansons Leuten aufs Pferd geholfen hat.“

Mehr als zwei Drittel des Films widmet er tatsächlich einem episodischen und sicherlich auch verklärten Blick auf seine Stadt und seine Branche. Mal sieht man Sharon Tate beim Kinobesuch (auf der Leinwand läuft ihr eigener Film „Rollkommando“), mal bei einer Party in der Playboy-Villa. Dalton diskutiert mal mit seinem Agenten Spaghettiwestern- Angebote aus Italien, dann wieder packt ihn am Set einer weiteren Serie die geballte Schauspielerverunsicherung. Und Booth flirtet abwechselnd mit Hippietramperinnen, füttert seinen American Pitbull (dem später noch eine Schlüsselrolle zukommen wird) oder prügelt sich mit niemand Geringerem als Bruce Lee. Das schürft nicht immer tief und ist manchmal ein wenig lang ausgewalzt. Doch fast immer springt der Spaß, den Tarantino und seine fan-tastisch aufgelegten Stars haben, wenn sie dieses sonnendurchflutete, damals noch unschuldige Hollywood wieder aufleben lassen, auf das Publikum über.


„VIELLEICHT WAR ICH ALS KIND MAL AUF DER RANCH VON CHARLES MANSON“


„Es ist einfach unglaublich spannend, wessen Wege das befreundete Trio Sharon Tate, Roman Polanski und Jay Sebring(der ebenfalls zu den Manson-Opfern gehörte) damals alles kreuzten“, beschreibt Tarantino in einem weiteren Exkurs seine Faszination für die Sixties-Popkultur. „Jay beispielsweise ist es letztlich zu verdanken, dass Bruce Lee die Rolle des Kato in der Serie ‚The Green Hornet‘ bekam. Beziehungsweise letztlich sogar Sharon, denn die lernte Bruce zuerst kennen, als er ihren Kampf in ‚Rollkommando‘ choreografierte. Sie mochten sich, und weil sie damals noch mit Jay verlobt war, gab Bruce bald auch ihm Unterricht. Eines Tages schnitt Jay, der ja Friseur war, dem ‚Batman‘-Produzenten William Dozier, der für sein neues Projekt ‚The Green Hornet‘ einen asiatischstämmigen Darsteller mit Martial- Arts-Fähigkeiten suchte, die Haare. Jay schlug seinen Trainer vor, also Bruce, der früher in Hongkong Kinderdarsteller gewesen war. Ist doch kein Wunder, dass ich eine Szene mit Bruce Lee in meinen Film einbauen musste, oder?“ Nein, natürlich nicht. „Außerdem erfüllt die Szene zwischen ihm und Cliff selbstverständlich auch den Zweck zu zeigen, wie unkaputtbar Letzterer letztlich ist. Wenn man vermitteln will, dass jemand ein echter Badass ist, dann sollte er gegen jemanden wie Bruce Lee kämpfen, so einfach ist das.“ Er habe sich eine Zeit lang viele Westernserien aus den Sechzigern angeschaut und sei erstaunt gewesen, wie gut die Geschichten gewesen seien, die da erzählt wurden, fährt er schwärmerisch mit Blick auf einen anderen Aspekt des Films fort. „Was da in 47 Minuten alles passierte, war der Wahnsinn! Ganz zu schweigen von so halbstündigen Westernserien wie ‚Westlich von Santa Fé‘ oder ‚Josh – Der Kopfgeldjäger‘. Als Drehbuchautor bin ich wirklich überwältigt, wie meisterhaft die Kollegen damals Geschichten in 24 Minuten erzählen konnten.“ Und einen Seitenhieb auf den heutigen Serien-Hype schiebt der Regisseur, der bis heute nur auf Zelluloid drehen mag und auch von Smartphones nichts hält, gleich noch hinterher: „Alle sprechen ja seit einiger Zeit darüber, wie toll das Fernsehen heutzutage ist – und da mag auch was dran sein. Mich ermüden nur diese groß angelegten, komplexen Erzählungen ein bisschen, in denen alles wie so in einer Seifenoper zusammenhängt. Ich finde eher nicht, dass es eine Serie auszeichnet, wenn man ihr nicht folgen kann, weil man die erste Folge verpasst hat. Für mich macht eine erfolgreiche Serie aus, dass ich auch erst in der vierten Folge einschalten kann und zwar vielleicht einige Nuancen nicht mitkriege, aber trotzdem auf Anhieb gepackt bin.“

Zunehmend spürbar schiebt sich im Laufe des Films der dunkle Schatten der bevorstehenden grauenvollen Taten über die golden leuchtende Hommage auf eine längst vergangene Ära. Einen Versuch, das in der Realität Geschehene zu erklären, unternimmt Tarantino allerdings nicht – nicht zuletzt weil er das für ein wenig ergiebiges Unterfangen hält: „Ich habe unglaublich viel recherchiert, aber trotzdem begreife ich bis heute nicht so wirklich, wie es Manson eigentlich gelungen ist, dass all diese jungen Frauen und auch die Männer sich ihm so unterworfen haben. Die Sache wird seltsamerweise nicht klarer, je mehr Informationen man über diesen Mann hat. Im Gegenteil wird der Fall immer obskurer, je mehr man darüber weiß. Und diese Unmöglichkeit, ihn wirklich zu verstehen, macht einen Großteil der Faszination aus.“ Schmallippig wird der so eloquente Tarantino nur, wenn man nach dem berühmten noch lebenden Kollegen fragt, der damals seine Frau und sein ungeborenes Baby verlor. „Ich kenne Roman ein wenig und bin ein riesiger Fan vor allem von ‚Rosemaries Baby‘. Gesehen haben wir uns aber schon seit einigen Jahren nicht mehr“, gibt er, auf Polanski angesprochen, zu Protokoll. „Ich habe nicht vorab mit ihm darüber gesprochen, dass es in meinem Film auch um ihn und vor allem um Sharon gehen wird, denn ich wollte nicht in ein Wespennest stechen. Wer weiß, ob er negativ reagiert hätte, also habe ich lieber gar nicht erst gefragt.(Lacht)

Tatsächlich meldete sich wenige Tage nach der Weltpremiere von „Once Upon A Time In Hollywood“ Polanskis heutige Ehefrau, Emmanuelle Seigner, mit scharfer Kritik zu Wort und warf Tarantino vor, das tragische Leben ihres Mannes für seinen Profififit auszuschlachten. Stören dürften ihn solche Reaktionen allerdings kaum. Denn wenn sich eines in Hollywood bis heute nicht geändert hat, dann, dass zu einem echten Kino- Hype auch immer ein kleiner Skandal gehört. Dass der Regisseur Spekulationen anheizt, der Film könne sein letzter sein, obwohl er ursprünglich noch einen zehnten hatte drehen wollen, passt da ins Bild.