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„Ich bin nicht sehr gesprächig. Schreiben hilft mir, mich auszudrücken“


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 65/2022 vom 19.04.2022

PAOLO COGNETTI

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Bildquelle: flow, Ausgabe 65/2022

PAOLO COGNETTI (*1978, Mailand) ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Der Durchbruch gelang ihm 2016 mit dem Roman Acht Berge, der in 40 Sprachen übersetzt wurde. Für das Buch hat er mehrere Preise gewonnen, es wird derzeit verfilmt. Von Paolo Cognetti sind außerdem u. a. der Roman Sofia trägt immer Schwarz sowie der autobiografische Titel Fontane Numero 1. Ein Sommer im Gebirge erschienen. Paolo Cognettis neuestes Buch heißt Das Glück des Wolfes. Er lebt abwechselnd in Mailand und in einer Hütte in den Bergen.

VERGANGENHEIT

„ICH WAR EIN MUSTERSCHÜLER, ABER INNERLICH FÜHLTE ICH MICH WIE EIN REVOLUTIONÄR. OHNE JEMANDEM DAVON ZU ERZÄHLEN, TRÄUMTE ICH VON EINEM LEBEN ALS SCHRIFTSTELLER.“

Ich bin in Mailand geboren, aber jeden Sommer fuhren wir ins Aostatal in die Alpen, wo wir ein Haus hatten. Seit meiner Kindheit war der schönste Moment des Jahres für mich, wenn meine ...

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... Eltern, meine Schwester und ich Anfang Juli in die Berge aufbrachen. Das Auto war vollgepackt und ich fühlte eine wunderbare Vorfreude, wenn wir die Straße erreichten, die sich nach oben in den Wald hineinschlängelte. Mir kam die Fahrt endlos lang vor, obwohl wir in Wirklichkeit nur zwei Stunden unterwegs waren.

Das Leben dort oben war ganz anders: In den Bergen fühlte ich mich frei und verwandelte mich in eine Art Wildtier. Meine Mutter war auf dem Land aufgewachsen und hatte nichts dagegen, wenn ich alleine in den Wald oder an den Bach ging. Sie hielt die Straßen in Mailand für unsicher, aber nicht die Waldwege. Wenn am Ende des Sommers unweigerlich der Tag kam, an dem wir zurückfuhren, war ich jedes Mal todtraurig. Es war, als würde man mich wieder an eine Leine legen und in einen Käfig sperren. Den Rest des Jahres träumte ich von den Bergen.

Zu meinen ersten Erinnerungen gehört, wie ich auf den Schultern meines Vaters reite. So hat er mich getragen, wenn wir in den Bergen wandern waren und ich nicht mehr konnte. Von ihm habe ich viel über Willenskraft und Ausdauer gelernt, über die Tatsache, dass Grenzen vor allem mental sind und dass man immer noch diesen letzten Kilometer schafft, um ans Ziel zu kommen. Er hatte großes Vertrauen in meine Talente, aber genau aus diesem Grund war er auch sehr anspruchsvoll. Auch zu meiner Mutter hatte ich eine besondere Beziehung. Sie war eine starke, unabhängige Frau, die auf einem Bauernhof in Venetien aufgewachsen ist. Mit 35 Jahren heiratete sie meinen Vater und folgte ihm nach Mailand. Sie ging in den Gesundheitssektor und betreute Kinder in sozial schwachen Familien. Sie war der festen Überzeugung, dass man sich im Leben für andere engagieren muss, das lebte sie mir vor.

Dass meine Mutter Mailand für unsicher hielt, kam nicht von ungefähr. Ich bin in den 1980er-Jahren aufgewachsen und Mailand war eine Industriestadt. Zwei Dinge aus dieser Zeit haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt: Unsere Väter gingen zur Arbeit in die Fabrik, und auf der Straße gab es Heroin. Deswegen durften wir nicht einfach so draußen spielen, die Stadt galt als viel zu gefährlich. Dazu kam der Terror von Links-und Rechtsextremisten. Oft schaute mein Vater abends mit sorgenvollem Gesicht Nachrichten. Mal war jemand ermordet worden, mal war irgendwo eine Bombe explodiert – die politischen Spannungen hielten das Land in Atem. In den 1990er-Jahren versuchte eine Reihe von Richtern etwas gegen die Korruption zu tun, die das Land jahrelang geplagt hatte. Doch die Mafia schlug mit Bombenanschlägen zurück. Die Berliner Mauer fiel, die Sowjetunion brach auseinander und das Ende der Kommunistischen Partei war gekommen. Sie hatte in einem Arbeiterland wie Italien eine wichtige Rolle gespielt. Innerhalb weniger Jahre gab es einen politischen Erdrutsch, der einen großen Teil der Bevölkerung enttäuscht, desorientiert, verängstigt und wütend zurückließ.

Das alles habe ich als Teenager in Mailand erlebt, dem Epizentrum des Erdbebens. In mir wuchs das Bedürfnis aufzubegehren. Ich träumte von einem Leben als Schriftsteller und las die amerikanischen Rebellen, Charles Bukowski, die Beat Generation. In der Schule war ich ein Musterschüler, aber innerlich fühlte ich mich wie ein Revolutionär. Ich machte Leichtathletik und verliebte mich in die unangepasstesten Mädchen, vermutlich weil sie so rebellierten, wie ich es nicht konnte.

Nach der Schule begann ich zunächst, Mathe zu studieren, weil ich dafür Talent hatte, brach das Studium aber ab, weil ich lieber Schriftsteller sein wollte. Ich ging dann auf eine Filmhochschule, weil ich mir erhoffte, dort zu lernen, wie man gute Geschichten erzählt.

GEGENWART

„DER PREIS FÜR DIE LIEBE IST EIN STÜCKCHEN FREIHEIT, DAS WIR AUFGEBEN, UM MIT EINEM ANDEREN MENSCHEN ZUSAMMEN ZU SEIN. VIELLEICHT MACHT DAS DIE SÜSSE DES LEBENS AUS.“

Zu den ersten Lektionen, die ich beim Drehbuchschreiben lernte, gehörte, dass man die Gedanken der Figuren im Film nicht sehen kann. Es muss alles konkret sein: Ein Gefühl muss zu einer Handlung werden. Dieses Konzept gefällt mir und ich habe es in mein schriftstellerisches Werk einfließen lassen. Es fühlt sich für mich wie eine Niederlage an, aufschreiben zu müssen, was eine Figur denkt. Ich beschreibe lieber, was derjenige tut, riecht, berührt und isst.

Bis ich 40 Jahre wurde, habe ich einige Dokumentarfilme gedreht und wurde dann ein glücklicher, aber armer Schriftsteller. Ich hielt mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, war Koch, Barkeeper und gab Schreibkurse. Für mich war das in Ordnung, Hauptsache, ich kam über die Runden. Dann nahm mein Leben eine abrupte Wende. Mein Roman Acht Berge wurde ein großer Erfolg. Es passierte nicht zu früh, nicht mit zwanzig, sondern eben erst mit vierzig. Dadurch kann ich manches besonders genießen, zum Beispiel die finanzielle Sicherheit nach all den unsicheren Jahren.

Meine Bücher entstehen immer aus einer Erinnerung heraus. Im Fall meines letzten Buches Das Glück des Wolfes waren es die Erinnerungen an den Winter, in dem ich als Koch gearbeitet habe. Ich schreibe nach dem Wahrheitsprinzip, ähnlich wie Hemingway, der einmal sagte, seine Bücher entstünden, indem er einen wahren Satz nach dem anderen aufschreibe. Ich reihe also etwas, das ich weiß, und noch etwas, das ich weiß, aneinander und immer so weiter.

Es heißt oft, in meinen Büchern kämen nur selten Frauen vor, und auf einige Titel trifft das zu. Doch in Das Glück des Wolfes mache ich diesen Mangel wett. In dem Roman verliebt sich der Protagonist in eine Kellnerin in dem Restaurant, in dem er als Koch arbeitet. Und genauso ist es tatsächlich passiert: Seit fast zehn Jahren bin ich mit Frederica zusammen, in die ich mich verliebt habe, als ich als Koch arbeitete. Eine junge Frau kam allein zum Mittagessen. Ich beobachtete sie durch die Luke, durch die ich die Teller in den Speisesaal reichte. So habe ich sie kennengelernt.

Die Autorin Karen Blixen hat einmal geschrieben: „Das Beste am Schriftsteller-Dasein ist, dass man seine eigenen Erinnerungen noch einmal erleben kann, indem man sie in eine Geschichte verwandelt.“ Genauso ging es mir bei meinem neuen Buch. Es beginnt mit einer Begegnung in den Bergen, wohin es auch mich in jenem Winter zog. Genau wie im Buch hatte das mit einer Frau zu tun. Eine lange Beziehung war zu Ende gegangen, und ich zog mich wie Henry David Thoreau in die Natur zurück, in eine Berghütte in einem abgelegenen Tal im Piemont. Im Buch schreibe ich, dass ich „das Salz der Freiheit und die Bitterkeit der Einsamkeit“ gut kenne. Ich bin Koch und habe gelernt, dass Salz die wichtigste Zutat in der Küche ist. Für mich ist Freiheit das Salz des Lebens: Ohne sie ist das Leben ein Gericht, das nach nichts schmeckt. Einsamkeit ist bitter, kann aber auch köstlich sein. Ich mag bitteres Essen: Wildkräuter, Schokolade, Kaffee. Wenn man etwas Bitteres probiert, muss man einen gewissen Widerstand überwinden. Doch dann findet man allmählich Gefallen daran. Genauso geht es mir mit der Einsamkeit. Das Ringen zwischen Einsamkeit und Freiheit ist für mich ein unentschiedener Kampf – wer will schon völlig frei, aber auch völlig allein sein? Ich jedenfalls nicht. Der Preis für die Liebe ist ein Stückchen Freiheit, das wir aufgeben, um mit einem anderen Menschen zusammen zu sein. Vielleicht macht das die Süße des Lebens aus.

Gerade wird mein Roman Acht Berge verfilmt. Das Buch war in Europa sehr erfolgreich und der Regisseur wollte den Film dort drehen, wo die Geschichte tatsächlich entstanden ist. Diese Idee begeistert mich. Zu sehen, wie das Projekt Gestalt annimmt, tut mir gut. Das Buch hat mir unendlich viel eingebracht – Auszeichnungen, Lesepublikum und Reisen. Deshalb ist der Film jetzt ein zusätzliches Geschenk für mich. 

ZUKUNFT

„DIE BERGE WERDEN IN MEINEM LEBEN IMMER EINE WICHTIGE ROLLE SPIELEN. WENN ICH DORT BIN, BESCHRÄNKE ICH MICH AUF WENIGES. DARIN FINDE ICH MEIN GLÜCK.“

Dass mein Leben nach vier Jahrzehnten eine bedeutende Wendung genommen hat, fühlt sich gut an. Vielleicht hätte ich Mathematiker werden können, mit einer steilen Karriere, festen Arbeitszeiten und einem guten Gehalt. Aber ich bin Schriftsteller geworden; das war immer mein Traum. Durch meine Jobs als Koch und Barkeeper und durch die Dokumentarfilme, die ich gedreht habe, habe ich viele Erfahrungen sammeln können. Sie fließen in meine Bücher ein.

Ich bin jetzt 44, und meine Freundin ist im selben Alter. Wir haben keine Kinder, und angesichts unseres Alters ist es unwahrscheinlich, dass wir noch welche bekommen. Die Tatsache, dass ich niemanden großziehen werde, dem ich etwas beibringen kann, und dass ich nicht weiß, wie ich als Vater wäre, macht mich oft nachdenklich. In meiner Arbeit geht es häufig um Beziehungen zwischen Männern, zwischen Vater und Sohn, aber auch um Männerfreundschaften und was Männlichkeit heute bedeutet. Ich finde, dieses Thema ist bisher in der Literatur unterrepräsentiert. Natürlich schöpfe ich dabei auch aus dem Verhältnis zwischen meinem Vater und mir. Es war unvermeidlich, dass es zwischen uns irgendwann zu einem Bruch kam: Mit zwanzig habe ich rebelliert, unser Verhältnis war vorübergehend angespannt. Um erwachsen zu werden, musste ich diese Phase durchlaufen. Doch das ist lange her. Mein Vater ist jetzt 77 Jahre alt und sehr stolz auf meine Arbeit. Er hat auch eine Seite, die ich in meinen Romanen nie gezeigt habe: Er liebt es, mit Freunden zusammen zu sein, zu feiern und zu singen. Er ist ein gastfreundlicher Mann, und das ist etwas, das ich noch lernen muss.

Als ich über ihn und meine Mutter schrieb und Realität und Fantasie miteinander verknüpfte, bin ich ein Risiko eingegangen. Doch durch das Schreiben lernten mich auch meine Eltern besser kennen. Ich bin nicht sehr gesprächig; das Schreiben hilft mir, mich auszudrücken. Ich habe alles aufgeschrieben, was ich über sie weiß; alles, woran ich mich in Bezug auf unser gemeinsames Leben erinnere. Dabei konnte ich auch ausdrücken, wie sehr ich sie liebe. Das fühlt sich wie ein großes Privileg an.

Die Leute denken oft, dass ich Einzelkind bin, denn bisher ist meine vier Jahre ältere Schwester noch nie in meinen Geschichten vorgekommen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie mir nicht wichtig ist. Wir sind sehr verschieden, sie hatte schon früher ganz andere Interessen als ich. Sie mochte die Berge nicht und fuhr lieber mit Freund:innen ans Meer. Ich dagegen war ein Einzelgänger und eher schüchtern, tat mich schwer mit Freundschaften und verbrachte die meiste Zeit mit Lesen. Oder ich ging allein zum Bach, um mir meine eigenen Abenteuer auszudenken. Dort fing ich auch an, von Bruno zu träumen, der in meinem Buch Acht Berge zum ersten Mal als Romanfigur in Erscheinung tritt. Bruno war ein Junge aus den Bergen, der mein bester Freund werden sollte. Als Kind habe ich so einen Bruno leider nie kennengelernt, aber zum Glück habe ich ihn als Erwachsener getroffen; es ist mein Freund Remigio.

Die Winter verbringe ich noch immer in Mailand, die Sommer in den Bergen. Früher symbolisierten sie für mich Einsamkeit. Als der Erfolg kam, habe ich eine Berghütte gebaut, und zwar nicht nur für mich, sondern auch für andere. Von einem Rückzugsort haben sich die Berge dadurch in einen Ort verwandelt, den ich mit anderen teilen kann, einen Ort der Freundschaft. Das gefällt mir. Die Berge werden in meinem Leben immer eine wichtige Rolle spielen. Sie sind für mich auch ein Ort der Wahrheit. Mit der Postkartenromantik hat das Leben in den Bergen nicht viel zu tun. Es ist landschaftlich schön dort, aber die raue Natur, die Stille und Dunkelheit können auch unerbittlich sein. Wenn ich in den Bergen bin, beschränke ich mich auf Weniges. Darin finde ich mein Glück. Ich bin froh, dass sich mit den Jahren vieles verändert. Das Leben ist ein Abenteuer, und ich hoffe, dass es mich bis zum Ende immer wieder überraschen wird.

TEXT CLEMENTINE VAN WIJNGAARDEN