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ICH BIN SO EIN VINYLTYP


LP Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 03.01.2020
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Bildquelle: LP Magazin, Ausgabe 2/2020

Auf Englisch hat John Curl, der legendare Entwickler dieser Phonostufe, „I’m a vinyl kinda guy“ gesagt. Immer, wenn er ernsthaft Musik horen wolle, lege er eine Platte auf. Kann man die „Curl-Qualitat“ auch bei seiner kleinsten Phono nachvollziehen?


Es ist kein Witz: Der JC 3 Jr. ist wirklich nur so breit geworden, damit der Trafo weit weg von der Schaltung arbeiten kann


John Curl, kurz JC. Nicht jeder Leser mag ihn kennen, und auch wenn man mit Legendenbildungen vorsichtig sein sollte – der Mann ist eine. Micromega- Gründer Daniel Schar hat mir in einem Gespräch einmal erzählt, dass Curl in Schaltungen ...

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... kriechen und sie verstehen könne wie kein anderer. Und Schar muss es wissen, er hat einst mit ihm zusammen für Mark Levinson gearbeitet. Womit wir gleich beim Thema sind. John Curl hat für viele Große dieser Branche entwickelt, die sich ihm gegenüber jedoch nicht immer groß(zügig) verhalten haben. Seit er 1970 ein Mischpult für Grateful Dead gebaut hat, das ihr „olles“ Röhrenmischpult in die Rente schicken sollte, wurde ihm klar, dass messtechnisch bessere Entwicklungen nicht unbedingt besser klingen oder funktionieren müssen. Denn das neue, mit ICs gespickte Board fl og ihnen um die Ohren und klang fürchterlich – das Alte wurde reaktiviert. Jahre später wusste Curl es besser und konstruierte im zweiten Anlauf für die Dead Module, die sich zu einer Art Industriestandard entwickelten und tatsächlich von Mark Levinson höchstselbst zusammengelötet wurden. Der fragte Curl, ob er nicht für seine neue Firma arbeiten wolle – der Rest ist HiFi-Geschichte, wobei Curl betont, dass er immer nur als Berater für ML tätig war. Von da an ging es weiter mit MFSL, Wilson Audio, Jeff Rowland oder Dennesen. Berühmt wurde er bald, reich nicht. Wie so oft in unser tollen und gleichzeitig traurigen Kulturgeschichte werden Idealisten, und so hat ihn der Gründer von Stereophile, J. Gordon Holt genannt („einen Idealisten erster Klasse“, um genau zu sein,) gerne über den sprichwörtlichen Tisch gezogen. 1981 gründete Curl, frustriert von den Beschränkungen bei der Arbeit für andere und deren finanzieller Unzuverlässigkeit, Vendetta Research, um seine eigenen Geräte zu produzieren. Woher die Inspiration für den Namen Vendetta (Rache) kam, war klar: „I‘ll show the bastards!“ Auch wenn die Firma mangels angemessenen Marketings nie richtig abhob, erhielt die Phonovorstufe SCP-2 1995 von Stereophile höchste Weihen und verkaufte sich sehr gut. Sie ist letztlich das Role Model für die Parasound-JC-3-Serie. Doch das Ende von Vendetta Research folgte bald, initiiert durch einen Phonostufen- Vergleichstest, bei dem sich Absolute- Sounds-„Herrscher“ Harry Pearson bemüßigt fühlte, die SCP-2 abzuwerten. Zum Glück kam Parasound auf den Plan. 1981 von Richard Schram gegründet, hat sich die Firma einen ausgezeichneten Ruf für gut klingende, bezahlbare Geräte ohne Firlefanz erarbeitet. Die Produktion findet im Übrigen seit damals bei demselben(!) Partner in Taiwan statt.

Seit der Erfahrung mit dem ersten Mischpult für die Dead misst Curl dem Hören eine zentrale Rolle in seiner Arbeit bei und hinterfragt und verfeinert Messmethoden. Seine Philosphie bringt er trocken auf den Punkt:„Man könnte ja eigentlich die Sache von Anfang an richtig machen. Ich jedenfalls baue schnelle symmetrische Verstärker mit J-Fet-Eingang und verwende Class- A-Betrieb, wo immer es geht. Ich versuche, Übertrager oder Koppelkondensatoren zu vermeiden. Um Gleichspannungsanteile aus dem Signal zu bekommen, verwende ich eine Servoregelung, wenig Gegenkopplung und eine große Bandbreite – das war’s eigentlich.“ 2016 setzten sich Schram, Curl und sein genialer Platinendesigner Carl Thompson zusammen, um ein preisgünstigeres Modell als die Parasound JC 3+ ohne echte Kompromisse zu entwickeln. Schram meinte mir gegenüber: „Die JC 3 Jr. und die JC 3+ haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Für die meisten Hörer wird die JC 3 Jr. ihre letzte Phonostufe sein.“ Der aufwendige Doppelmonoaufbau war nicht zu halten, bestimmte Bauteile mussten einfacher werden, doch die Grundzüge Curl’schen Phonodesigns blieben: direkte Kopplung mit DC-Servos und eine extrem präzise (+/- 0,2 db) RIAA-Entzerrung mit denselben REL-Kondensatoren und anderen guten Bauteilen wie in der JC 3+. Was ich jetzt sage, ist total subjektiv, hat nach meiner Erfahrung aber dennoch Substanz: Wenn eine Schaltung so schön, ästhetisch, aufgeräumt und elegant aussieht wie die des JC 3 Jr., dann kann sie was. Klar kann auch Chaos mitunter erstaunliche Ergebnisse hervorbringen, aber eine so durchdacht aufgebaute Phonovorstufe ist in aller Regel einfach die bessere. Mal davon abgesehen, dass bei so einem Layout Störungen keine Chance haben, wovon Curl eh besessen ist. Ein Geräuschspannungsabstand von maximal 94 db ist doch wohl irre gut; die harmonischen Verzerrungen liegen unter 0,02 %.

Mitspieler

Plattenspieler:

・ Garrard 401 TR

Tonarm:

・ Schick 12

Tonabnehmer:

・ SPU ATR C. 40

・ Jan Allaerts MC1 Eco MK2

・ Ikeda 9TS

Vorverstärker:

・ Air Tight ATC-1

MC-Übertrager:

・ Consolidated Audio

Endverstärker:

・ Air Tight ATM-4

Lautsprecher:

・ CSA Gaia 25 Be

Rogers LS3/5a (15 Ohm)

Gegenspieler

Phonovorverstärker:

・ Air Tight ATC-

・ Suesskind Zion

Es gibt sogar einen Netzfilter auf einer dieser Platinen, die aussehen, als wären sie extra poliert worden


Das Herz der Phono, die Schaltung. Sie arbeitet mit ultrakurzen Signalwegen und sitzt direkt an den Buchsen


Es war nicht ganz einfach, dem Puristen Curl einen Mono-Schalter abzuringen. Den Benutzer wird es freuen


Gespieltes

Joshua Redman et al.

Still Dreaming

Duke Jordan

So Nice Duke

Lee Morgen

Rumproller

Lennie Niehaus. Vol. 4

The Quintets & Strings

Beethoven

Klavierkonzert Nr.5 (Friedrich Gulda)

Beethoven

Violinkonzert (Bernstein/Stern)

Die Netzteilplatine sitzt hinter der Frontplatte. Die Spule zwischen den großen Kondensatoren sorgt für die Reinigung des ankommenden Wechselstroms. Der Netztrafo wird nur für Parasound hergestellt und ist der Grund dafür, dass das Chassis so breit ist: Er sollte so weit weg von der Schaltung sitzen wie möglich.
In der großen abgeschirmten Sektion nahe der Anschlussbuchsen findet sich die komplette Audioschaltung. Jedes Bauteil ist ideal platziert. Die Idee dahinter ist die Minimierung von Leitungslängen, damit Bauteile sich nicht stören und Leiterbahnen nicht zu Störungen empfangenden Antennen werden. Und genau an dieser Stelle kommt Carl Thompson ins Spiel, der Platinenguru, mit dem John Curl seit Vendetta-Zeiten zusammenarbeitet. Die DC-Servos, welche die Ausgänge vor Gleichspannung schützen, arbeiten mit integrierten Operationsverstärkern. Genau wie die Eingangsstufe, deren Op-Amps laut Richard Schram so exakt gemachte Transistoren enthalten, wie sie sonst nirgends zu finden sind .

Die Netzteileplatine samt Spule zur Stromreinigung. Sauberer und eleganter kann man das kaum machen


Hier sehen Sie, was ich meine: so ein wunderschön klar aufgebautes Gerät muss einfach hervorragend „spielen“


Wäre gar nicht leicht, hier einen zweiten Eingang zu platzieren. Vielleicht anstelle der XLR-Buchsen, oder?


Mit einem gleichwertigen und auch gleich gut klingenden Verstärkerzug für MM- und MC-Tonabnehmer ausgestattet, bietet der JC 3 Jr. unabhängige Schalter für die Verstärkung in drei Stufen: 40, 50 oder 60 dB für die Cincheingänge sowie 46, 56 und 66 dB für XLR. Die Impedanz für MC-Tonabnehmer lässt sich im Betrieb zwischen 50 und 550 Ohm einstellen. Damit kann man die Klangunterschiede sofort einschätzen und muss nicht an winzigen DIP-Schaltern herumfummeln, was meinem akustischen Gedächtnis definitiv nicht guttut.
Ich habe die JC 3 Jr. mit der Phonosektion meiner Air Tight ATC-1 plus Übertrager ATH-3 und der Suesskind Zion verglichen, der sie trotz total unterschiedlicher Bauweise ziemlich ähnlich ist. Eingestellt habe ich 60 db Verstärkung, 50 gingen auch beim hohen Verstärkungsfaktor der ATC- 1, aber so klang es noch besser. Praktisch alle denkbaren Tonabnehmer lassen sich optimal betreiben, mein Jan Allaerts ebenso wie das Ortofon SPU ATR C. 40. Am längsten gehört habe ich es mit meinem Ikeda 9TS; diese Kombination klingt schlicht hervorragend: extrem neutral und transparent, ohne jedes Störgeräusch, nicht zuletzt deswegen rasant dynamisch, harmonisch völlig integer, sehr gut ausgewogen, nur minimal heller und etwas weniger leuchtkräftig als die anderen Phonos. Charlie Byrd spielt fl üssig mit unaufdringlicher, straffer Dynamik. Doch wenn die Besen über Toms und Becken rasen, schlägt die JC 3 Jr. zu und wartet dann entspannt auf die nächsten Impulse. Mit ihrer wunderschönen Raumillusion macht sie zudem Lust aufs Weiterhören. Im Uptempostück „Eclipso“ von Lee Morgans Klassiker „The Rumproller“ rollt gerade der Bass so straff und sehnig mit, dass es eine Freude ist. Die den Blue-Note-Aufnahmen so eigene und auf meiner US-Pressung wunderbar nachvollziehbare Grobdynamik zeigt sich hier deutlich. Feines kann der Parasound natürlich ebenso wunderbar zelebrieren: So fängt er das romantische Genie Friedrich Guldas mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 so großartig ein, dass ich die gesamte Platte gleich zweimal höre.
Habe ich etwas zu meckern? Höchstens, dass man nur einen Tonabnehmer anschließen kann. Aber John Curl ist Purist, der nur nach einiger Überredung einen Mono-Schalter genehmigte. Er baut für Hörer, die mit einem Tonabnehmer und dem Parasound JC 3 Jr. glücklich Platten auf einem Niveau hören können, das einem die Konzentration auf die Musik ermöglicht.


Joshua Redman et al. – Still Dreaming