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ICH BIN SO FREI


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 202/2022 vom 26.07.2022

KUNST UND FAHRRAD

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 202/2022

Amy Sheralds Gemälde »A Midsummer Afternoon Dream« (2020) demonstriert black privacy. Aktuell in der Schau »Women Painting Women«, The Modern of Fort Worth

Seit Menschengedenken hat das vermeintlich einfachste und robusteste Fortbewegungsmittel am längsten auf sich warten lassen. Sogar das Fluggerät auf den Zeichenblättern Leonardo da Vincis existierte seit der Renaissance schon als Idee, während das Leonardo-Fahrrad als Fälschung entlarvt wurde. Man macht sich viel zu selten Gedanken darüber, wie viel Genialität für die Erfindung des Fahrrads erforderlich war und warum es daher so auffällig spät in die Welt rollte.

Der aufrechte Gang war die erste lebenswichtige Balancetechnik des Menschen, mit ihm hat er Überblick über die Steppe gewonnen – auf zwei Beinen nahm die Eroberung der Welt ihren Lauf. Danach trieb die Trägheit den Menschen schnell auf den Hintern und in die Pferdekutsche hinein.

Selbst eine Ewigkeit nach der Entdeckung der Gehbalance und der Erfindung des Rades ist noch kein Wesen auf die Rollbalance gekommen, obgleich ...

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... alle Einzelteile dafür vorhanden waren. Erst in den napoleonischen Kriegen rollte Karl von Drais auf der ersten Laufmaschine: Seine lenkbare Draisine von 1817 versicherte sich indes noch der Füße auf dem Boden.

Und als das erste veritable Fahrrad Mitte der 1860er-Jahre endlich von Pierre Lallement vorgestellt wurde, flogen die Pedalnovizen aus der Upperclass bereits über ihre Lenker. So jedenfalls stellt es Samuel Henry Alken in einem Gemälde witzig und eindrucksvoll dar. Kaum war das Fahrrad geboren, stürzte sich auch schon die Kunst auf dieses Sujet, das so viel Spaß und Freiheit und Rasanz versprach. Bis heute ist ihre Lust an diesem Thema ungebrochen. Unsere Tour durch die Geschichte dieses Freiluftvergnügens, die ich mit meiner eigenen Fahrradbiografie verwoben habe, streift deshalb hier und dort auch die Kunst.

Wenn man heute eine Zweijährige sieht, die akrobatisch auf einem Laufrad dahinsaust, kann man sich schwer vorstellen, dass das Fahrradfahren in seinen Anfängen vor allem Erwachsenen vorbehalten war. Die historische Kindheit des Fahrrads kam ohne Kinder aus. Und es ist rührend, zu lesen, wie in der ersten Hochzeit des Fahrradfahrens um die Jahrhundertwende Männer und Frauen in reifem Alter das Fahrradfahren lernten.

Leo Tolstoi etwa stieg mit 68 Jahren erstmals auf. Hugo von Hofmannsthal wird im besten Alter von einem Schriftstellerkollegen empfohlen: »Es genügt nicht, dass der Mensch den Tod Tizians schreibe, er muss auch Bicycle fahren können. Ersteres haben Sie getan, das Zweite bleibt Ihnen noch.«

Heute werden diese Fertigkeiten in der frühesten Kindheit erworben, vom Laufrad zum Fahrrad. Es ist in allem so, man kann nichts überspringen; wie wir im Mutterleib das Kiemenstadium immer wieder durchmachen müssen, um als Lungenatmende geboren zu werden, fahren wir Laufrad, um hernach zum Fahrrad zu wechseln. Aber seien wir ehrlich, weder der Fisch noch das Laufrad waren schon der große Spaß.

Auch das Hochrad hatte seine Tücken, es ist nicht wirklich überzeugend, obgleich die dynamischen Studien des genialen Adolph Menzel, die man als die ersten Hochgeschwindigkeitszeichnungen betrachten könnte, zeigen, dass Hochräder schon ein erhebliches Tempo erreichten. Mit 15 bis 20 Stundenkilometern raste der Abenteurer Thomas Stevens 1885 als erster Mensch um die Welt. Die Tretkurbel von 1851 macht indessen den Unterschied: Nur beim kurbelangetriebenen Niederrad wird eine geometrisch perfekte Transformation von Muskelkraft in Fortbewegung erzielt.

Zwei gebückte Personen fliegen jubelnd auf einem Knochengerüst aus reiner Geometrie durch die Welt.

An den Rausch des ersten aufrechten Gangs in der eigenen Ontogenese kann sich niemand erinnern. Auch in der Phylogenese liegt die Entstehung des aufrechten Gangs mit einem Plusminus von 500 000 Jahren unsicher in tiefem Dunkel verborgen. Meine Generation wird nie ihre ersten Meter ohne Stützräder vergessen, wenn Körper und Maschine plötzlich miteinander verschmelzen und das unendliche, selbst erzeugte Rollen verwirklicht wird.

Seit einigen Jahren werden aber noch frühere Formen eines nomadischen Rolllebens eingeübt. Meine jüngste Tochter ist das erste Mal mit drei Wochen auf dem Rad mitgefahren. Ich habe sie in ein Tuch gebunden und bin durch die Straßen geglitten.

Seit sie ein Jahr alt ist, sitzt sie im Fahrtwind vor mir, zuerst in einen kleinen Sitz geschnallt, später auf dem Stangensattel, den man in Holland bestellen muss, da er in Deutschland offiziell verboten ist, jedoch geduldet wird. Für eine ganz andere Sitzordnung entschied sich Fernand Léger in einem seiner Bilder: Den Sohn platziert der Maler hinter der Mutter im Damensitz auf den Sattel. Bequem sieht das nicht aus.

Dagegen haben wir sehr gemütlich ganz Berlin erkundet. Für meine Tochter ist Berlin eine reine Fahrradstadt. Wir schauen nach vorne und erzählen uns seit fünf Jahren und zirka 5000 Kilometern die Welt. Denn was kann man auf einem Rad schon anderes tun als meditieren oder, ist man zu zweit, erzählen? Wenn meine Tochter ins Auto steigt, verstummt sie übrigens sofort.

Was ist das Fahrrad? Schauen wir bei der Philosophie nach, bei Martin Heidegger, diesem seltsamen Fachmann des Seins aus dem Schwarzwald, der die Nabelschnur zwischen der Technik und dem Menschen irgendwie abwertend Gestell nannte. Er war offenbar ein Denker, der Wandersocken auf seinen Holzwegen bevorzugte. Die Geschwindigkeit eines Rades war ihm nicht geheuer. Dabei ist das Fahrrad ein ontisch, ontologisch und metaphysisch et cetera faszinierendes Zwischenwesen.

Meine Fahr-Gestell-Benutzung unterscheidet sich nicht nur ontologisch vom Gehen, sondern auch von allen anderen Fortbewegungsarten. Das Fahrrad ist nämlich kein Behälter, wie die Kutsche es war, wie das Auto es ist und auch das Flugzeug immer sein wird. Rein ideengeschichtlich ist das Auto zum Beispiel ein Langweiler. Kotflügel und Pferdestärken erinnern an die Kutsche, die schon Jahrtausende existiert. Seit der Antike geht es nur um Motorisierung, beim Fahrradfahren geht es genau um das Gegenteil. Das Fahrrad ist ein Skelett, das in die Muskulatur direkt und effektiv eingreift. Aus diesem Grund sind mir E-Bikes, diese verlogenen Scheinfahrräder, suspekt.

Wie sonderbar ist das Bild des langen Schattens, den man in der tief stehenden Sonne auf dem Straßenpflaster sieht. Zwei synchron gegen den Wind gebückte Personen, die Speichen nicht sichtbar im Schatten, fliegen jubelnd auf einem Knochengerüst aus reiner Geometrie durch die Welt. Meine Tochter würde am liebsten nie in ein Auto steigen, nicht im Winter, nicht im Sommer, nicht bei Regen oder Wind. Es ist ihr einfach viel zu langsam.

Wenn man davon ausgeht, dass Geschwindigkeit nicht alleine die in einer bestimmten Zeit zurückgelegte Strecke im Raum bezeichnet – was nur objektiv etwas aussagt –, ist das Fahrrad das schnellste Fahrzeug. Es besitzt eine intrinsische Geschwindigkeit, erzeugt aus Wahrnehmung, Aufregung, Natur und Körper, die gerade noch beherrschbar ist. Was uns im Auto als Schleichtempo erscheint, wird auf dem Fahrrad eine rauschhafte Naturerfahrung.

Im Vergleich zu Auto, Flugzeug und sogar Motorrad hat es mit dem Fahrrad noch etwas anderes auf sich. Wenn sich das Zweirad mit dem Menschen verbindet, entsteht ein neues Wesen. Geschwindigkeit auf einem von Muskelkraft angetriebenem Fahrrad zu gewinnen erweitert die Eigengeschwindigkeit des Menschen.

Mich wundert nicht, dass die moderne Kunst mit einem Fahrradrad auf einem Hocker beginnt. Das Fahrrad spielt im pathetisch-ironischen Werk Duchamps – vom ersten Readymade »Fahrrad-Rad« bis zum »Großen Glas« – eine besondere Rolle. Nach Dampfmaschine und Auto kam der nächste begeisternde Schock der Motorisierung: Auf einer Pariser Flugausstellung im Jahr 1913 sah Duchamp einen Propeller und meinte zu Constantin Brâncuși, jetzt wäre mal Schluss mit der Kunst. Er wendete sich von der klassischen Kunst ab und dem Fahrrad-Rad zu.

»Das Rad zu drehen war sehr wohltuend, sehr beruhigend, eher eine Art Öffnung von Wegen zu anderen Dingen als das materielle Leben jeden Tag. Mir gefiel die Idee, ein Fahrrad-Rad in meinem Atelier zu haben. Ich schaute gerne darauf, genauso wie ich es mag, die tanzenden Flammen in einem Kamin zu betrachten.«

Energetisch war das geradezu prophetisch, auch barg es eine Sakralisierung des Fahrrads, die heute aktueller ist denn je. Das Sonnenrad, das Feuerrad, Feuer. Marcel Duchamp hat den Göttern mit dem Fahrrad die Kunst gestohlen.

Sein »Fahrrad-Rad« sieht übrigens aus wie ein Radzentrierer in einer Werkstatt. Die Objektkunst verweist damit auch auf eine bedeutende Eigenschaft des Fahrrads: Selbst wer nicht besonders handwerklich begabt scheint, ist seinem Wartungs- und Reparaturbedarf gewachsen. Als Purist meine ich: Man sollte die Geschwindigkeit selbst hervorbringen und Reparaturen eigenhändig ausführen. Ich habe schon Radlager ausgebaut, Kugellager geschmiert und bin fest davon überzeugt, dass man erst vollständig in die paradoxe und spannungsreiche Mystik des Fahrrads eingeweiht ist, wenn man wenigstens einmal versucht hat, mit einem Speichenspanner eine Acht aus dem Rad zu ziehen. Erst dann erkennt man, dass man auf einem rein physikalischen Zug-Gegenzug von beinahe nur drahtdünnen Stangen fährt, fast in der Luft. Ach, Duchamp.

Das Fahrradfahren bleibt, auch wenn es eine Massenbewegung ist, eine einsame, vielleicht zweisame Daseinsform. Meine Tochter werde ich mit dem Fahrrad tragen, bis sie selbst auf eins steigen kann. Bis dahin habe ich ihr eine nahezu unendliche Geschichte erzählt. Dann werde ich wieder alleine fahren und mir selbst Geschichten erzählen. Das Fahrrad hat meiner Meinung nach viel mit Prosa zu tun.

Was uns im Auto als Schleichtempo erscheint, wird auf dem Fahrrad eine rauschhafte Naturerfahrung.

Die modernste Form der Odyssee ist die Tour de France. Ein Held bricht auf mit Gefährten, um ein ganzes Land zu bezwingen – am Ende wird er wieder zu Hause angekommen sein. Während die Tour de France daher am ehesten einem großen Roman gleicht, begeisterten sich die Kurzprosaartisten Egon Erwin Kisch und Alfred Polgar an der Geschwindigkeit des Velodroms. Diese Sechstagerennen sind sonderbare, symbolische, wirklichkeitsvergessene Volksfeste.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sie 1899 in New York das erste Mal stattfanden, als die Angst vor einem Weltuntergang zur Jahrhundertwende wieder einmal gegenwärtig war. Die kreiselnden Gladiatoren durchqueren in den sechs Weltschöpfungstagen streckenmäßig ganz Europa und kommen dabei natürlich nicht vorwärts. Nicht einmal einen riesigen Vorsprung erkennt man auf der Radrennbahn.

Anders als die Prosa ist die Lyrik eher eine Sache des Gehens. Beim Radfahren dagegen entsprechen Wahrnehmungstempo und Übersicht dem Horizont eines Epikers.

Ich spinne auf dem Rad nun seit fünf Jahren für meine Tochter eine Geschichte, die immer weitergeht. Sie ist im Moment am Rande Afrikas angekommen. Das ist ungefähr die Strecke, die wir in dieser Zeit auf dem Fahrrad in Summe zurückgelegt haben. Wir umrundeten ein Viertel der Welt. Nur mit dem Frühstück in Bauch. Manche frühen Radfahrautoren behaupten, Gehen verhalte sich zum Radfahren wie das Schreiben mit der Hand zum Maschineschreiben.

Evolutionär dürfte das Fahrrad das energieeffizienteste Fortbewegungsmittel aller Zeiten sein. Der Philosoph Ivan Illich rechnete 1974 aus, dass das Fahrrad tatsächlich schneller ist als das Auto. Man muss nur einmal die Arbeitszeit, die man für Anschaffung, Unterhalt, Tanken und so weiter aufwendet, auf die Fahrzeit addieren.

Bei all den Superkräften des Fahrrads wundert man sich, warum Gott es nicht erfunden hat. Aber vielleicht ging es Gott einfach nie um Fortbewegung. Jetzt können wir an ihm zweifeln oder seine Güte bewundern, die uns die Freiheit lässt, das absolut Gute zu erfinden oder das Böse zu tun.

Man kann mit dem Fahrrad verbotene Wege fahren, es ist in keiner Weise in den bürokratischen Melde- und Ordnungsapparat eingespeist. Es fährt schnell und trägt einen weit, aber niemanden geht es etwas an – das Fahrrad ist immer irgendwie im Hintergrund. Und so nebenbei hat es die Welt ohne Kriege erobert. Der Soziologe Roland Girtler sagte einmal, wer Auto fährt, glaubt in der Mitte zu sein, doch in Wahrheit sind wir alle am Rand. Das ist eine Weisheit, die niemand früh genug lernen kann.

Seit seiner Erfindung steht das Fahrrad immer kurz vor dem Durchbruch. In der Geschichte des Fahrrads wird das Jahr 1900, bevor das Auto seinen Siegeszug begann, oft als ein Meilenstein bezeichnet. Ich denke, es hat Dauerkonjunktur. Das Fahrrad breitete sich nach Indien, Asien und nach Afrika aus und ist unauffälliger, aber zahlenbezogen präsenter und notwendiger als das Auto.

Manchmal habe ich mich gefragt, wie mein Leben ausgesehen hätte, gäbe es kein Fahrrad. Als Kind hätte ich eine kleinere Welt erlebt, ich wäre nicht so schnell weggekommen. Überhaupt das Wegfahren, das Wegfahren von der Familie, die Möglichkeit früher Autonomie.

Noch einmal zurück zu Fernand Léger, der gemeinsam mit Marcel Duchamp auf der Pariser Luftfahrtausstellung 1913 war: Er malte die zuversichtlichsten Fahrradbilder und bettet sein Sujet in die Landschaft ein. Bei ihm wird die optimistischste Rückeroberung der Natur beschworen, das Eisengestell folgt der Rousseau’schen Devise. Tja, Fahrradfahrende befinden sich immer auf dem Weg zurück zur Natur mit den Mitteln einer sensationellen Technik, die knapp an die barocke Utopie des Perpetuum mobile heranreicht.

Das macht das Fahrradfahren so paradox und aufregend. Kein Wunder, dass auch die Kunst an diesem Gegenstand hängt. ×