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„ICH BIN’S, DER SPORTROBOTER“


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 12.03.2019

Sebastian Kienle, Ironman-Hawaii-Sieger 2014 und einer der besten Triathleten der Welt, nutzt modernste Technologie, wo er nur kann. Um besser, präziser und effizienter zu werden – und manchmal auch, um sich selbst zu überlisten. Ein Gespräch von Fuß bis Kopf.


SEBASTIAN KIENLE

Artikelbild für den Artikel "„ICH BIN’S, DER SPORTROBOTER“" aus der Ausgabe 4/2019 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 4/2019

Kienle nutzt eine mobile Atemmaske von Cortex zur Ausdauerdiagnostik. Nebeneffekt: sieht richtig badass aus.


Kienle beim Radtraining auf Fuerteventura: „Was ich an meinem Sport am meisten liebe, ist die Freiheit.“


Rennmaschine: Kienle auf seinem Scott Foil


THE RED BULLETIN: Sebastian, hast du „Rocky IV“ gesehen?sebastian kienle: Klar, ...

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... ich liebe „Rocky“. Wir wollen mit dir nämlich über die technologischen Aspekte deines Trainings sprechen.

Ihr wollt wissen, ob ich wie Ivan Drago im Labor trainiert werde …

… während Rocky Holz hackt und durch den Tiefschnee joggt.

Ich stelle eine These auf: Wenn ich einen eineiigen Zwilling hätte und der würde seine Karriere ohne Technologie und Datenanalyse bestreiten – er hätte keine Chance gegen mich.

Das klingt sehr bestimmt.

Der technische Fortschritt hat viele positive Aspekte. Auch ganz praktische: Dadurch, dass ich mein Fahrrad in ein Ergometer spannen und zu Hause virtuelle Rennen fahren kann, wird Indoor-Training viel spannender. Andererseits fühle ich mich manchmal auch ein wenig ferngesteuert. Sebastian, der Sportroboter. Um das Maximum rauszuholen, muss ich sehr spezifische Vorgaben in einem extrem engen Rahmen erfüllen. Das schränkt mich ein, denn was ich an meinem Sport eigentlich am meisten schätzte, ist die Freiheit. Ich liebe es, bei tollem Wetter einfach eine super Runde auf dem Rad hinzulegen. Es gibt nichts Schöneres.

Wie schränkt dich Technologie ein?

Ich trage Wearables, die ständig Daten liefern. Wenn die Werte nach der super Runde bei tollem Wetter verraten, dass ich mit acht Watt zu wenig Leistung unterwegs war, ist es plötzlich ein Scheißtag gewesen. Das kann deprimierend sein.

Gehen wir mal deine Ausrüstung durch. Also:What’s in your tech-bag?

Definitionsfrage: Begreifen wir Technologie als Gesamtheit aller Hilfsmittel, also beispielsweise auch den Schwimmanzug?

Ja, lass es uns so definieren.

Gut, dann ist es keine Tech-Bag, sondern eher ein prall gefüllter Tech-Koffer.

Gehen wir von unten nach oben.

Dem Schuh als Kontaktpunkt zum Boden fällt eine entscheidende Rolle zu. Zur Optimierung nutze ich Sensorik, Runscribe heißt das System. Kleine Pods, die an den Schnürsenkeln befestigt werden und Werte wie Beschleunigung und Aufprallkräfte messen. Das ist für mich aktuell echt wichtig.


„MEINE AUSRÜSTUNG IST ETWAS GANZ BESONDERES, ALSO MUSS ICH ES AUCH SEIN.“


Beim Ironman 2018 zwang dich deine Achillesferse zum Aufgeben.

Genau, und bei dieser Verletzung hilft Technologie sehr konkret. Die Daten werden an meinen Ausrüster geschickt, der Parameter wie Fußstellung und Dämpfung optimiert, um ein Gleichgewicht aus Be-und Entlastung zu erreichen.

Deine Füße werden exakt vermessen: vor und nach 20 Kilometern. Wenn man es so weit gebracht hat, dass jemand von New Balance aus Boston anreist und einem die Füße scannt – ist schon auch ein bisschen geil, oder?

Natürlich! Wenn Details der Ausrüstung extra für einen angefertigt werden, hilft das auch dem Kopf. Ein Placeboeffekt: Meine Ausrüstung ist etwas ganz Besonderes – also muss ich es auch sein!

Können auch Hobbysportler von diesem Effekt profitieren?

In zunehmendem Maße, ja. Die Hersteller investieren das viele Geld ja nicht aus Jux und Tollerei. Sie wollen, dass solche Produkte den Weg zum Endkunden finden. Bald wird man etwa derartige Scans mit dem Smartphone durchführen können. Dann kommen passgenaue Einlegesohlen aus dem 3D-Drucker ins Haus geflattert.

Gutes altes Training: „Technologie hilft im Wasser wenig, hier kommt es auf die richtige Technik an.“


So was von vernetzt

Daten allein sagen erst mal wenig, auf ihre Auswertung kommt es an: Dafür lädt Kienle die seinen auf Plattformen wie Polar Flow, wo eine Software bei der Analyse hilft. Auch sein Coach hat Zugriff auf die Daten und kann ihm so von überall auf der Welt Trainingstipps geben.

Klingt teuer. Es heißt, in kaum eine Sportart kann man so viel Geld versenken wie in Triathlon.

Das stimmt. Unser Sport wird aber auch größtenteils von Menschen betrieben, die sich gute Ausrüstung leisten können und entsprechend bereit sind, zu investieren – für manchmal minimale Vorteile.

Mit anderen Worten: Zum Triathlon fühlen sich zähe, erfolgreiche Leute hingezogen, die in allen Lebensbereichen an ihre Grenze gehen möchten?

Beim Marathon gibt es Untersuchungen, die eine Korrelation zwischen Einkommen und Zeit zeigen. Beim Triathlon ist es sicher ähnlich. Man möchte diszipliniert Höchstleistung bringen und einer Elite angehören. Vielen gefällt es auch, objektiv gemessen zu werden. Anders als im Job gibt’s eine Ergebnisliste. Da steht knallhart drauf, wie gut man ist.


„TECHNIK SAGT DIR, WO DEINE WAHREN TALENTE LIEGEN.“


Kommen wir aus diesen Sphären bitte zurück zu deiner Ausrüstung.

Auch an der Fahrradkurbel benutze ich Sensorik, ein System namens Quarq. Das ist vielleicht der größte Sprung der vergangenen Jahre. Die Geschwindigkeit konnte man immer schon messen, aber sie sagt kaum etwas über die Leistung aus. Leistung ist ja Arbeit durch Zeit. Bei starkem Wind beispielsweise fährt man mit extrem hoher Leistung, jedoch recht niedriger Geschwindigkeit. Dadurch wird das Bild völlig verzerrt – diese Sensoren rücken es aber wieder zurecht.

Was stellst du mit all diesen Datenmengen an?

Diese Leistungswerte werden, wie die meisten anderen Daten, auf meine Uhr übertragen, eine Polar Vantage V, die sich wiederum mit dem iPhone und iPad synchronisiert. Einerseits analysiert mein Trainer die Daten, andererseits – und das ist der nächste große Fortschritt – bettet Software alles in einen Kontext ein. Das macht eine bessere Interpretation möglich. Das Verhältnis von Herzfrequenz zur Leistung beispielsweise konnte man noch nie so einfach messen wie heute. Oder wenn man in Übertraining gerät, sieht man das an der Schlafqualität, die sich dank einer Uhr ebenfalls so einfach messen lässt wie nie zuvor.

Arbeiten wir uns nach oben: Sind deine Schenkel technologiefrei?

Auch nicht. Ich habe immer ein System namens Normatec dabei. Das sind Beinstulpen, die ein Kompressor aufpumpt. Dadurch wird die Schenkelmuskulatur nach dem Training besser durchblutet, die Erholungszeit verkürzt sich deutlich.

Kienle weiß sehr genau, woran er hart arbeiten muss. „Auch mir ist nicht alles in die Wiege gelegt.“


INSPECTOR GADGET

Kaum ein Sport ist so technologiegetrieben wie Triathlon. Eine kleine Auswahl von Sebastian Kienles Tools.


Sieht aber etwas ulkig aus.

Mir ist ein echter Physiotherapeut auch lieber. Aber pack den mal in den Koffer.

Prozentrechnung mit Sebastian Kienle, Teil 1: Du hast einmal gesagt, beim Triathlon seien 60 Prozent Talent, 30 Prozent Arbeit und 10 Prozent der Rest. Ändert sich diese Verteilung durch Hightech?

Den Einfluss von Technologie muss man übergeordnet betrachten. Sie hilft zum Beispiel, Talent überhaupt zu erkennen. Eine hohe Sauerstoffaufnahme ist beispielsweise ein Talentfaktor. Aber bis zum Messzeitpunkt hat man keine Ahnung davon. Konkret: Meine Sauerstoffaufnahme ist sehr gut, im Zellstoffwechsel hingegen habe ich noch viel Potenzial. Ich weiß also genau, woran ich besonders hart arbeiten muss, weil das entsprechende Talent nicht in meiner Genetik verankert ist.

Kleiner Exkurs: Du arbeitest, so hört man, auch mit einem Thermometer, das man schlucken muss. Handelt es sich hierbei um ein Einmalprodukt?

Nee, das wäre zu teuer, das holt man wieder raus. Ich habe das allerdings nur ein einziges Mal im Einsatz gehabt. Wir wollten genaue Daten haben, was bei Höchstbelastung und Hitze mit meiner Körpertemperatur geschieht. Das geht in einen Bereich jenseits der 40 Grad, was extrem hohem Fieber entspricht.

Moment bitte: Was heißt, das Thermometer holt man wieder raus? Hängt einem ein Rückholfaden aus dem Mund?

Nein, das Gerät sucht sich andere Wege.

Womit wir bei der Körpermitte wären.

Für meine Arbeit auf dem Rad nutze ich Leomo Type-R Sensoren an Schuh, Oberschenkel und Hüfte. Neben Geschwindigkeit und Beschleunigung analysiert das System auch die Position. So kann man etwa live den Winkel zwischen Hüfte und Oberschenkel messen und die Rückenhaltung optimieren. Für perfekte Aerodynamik muss man sein Körpergefühl eichen, um immer in richtiger Position zu sein. Irgendwann kann man das dann auch ohne Sensor. Wie ein Musiker, der so lange mit Metronom übt, bis er nicht anders kann, als im Takt zu bleiben.


„MAN MUSS SEIN KÖRPERGEFÜHL EICHEN. WIE EIN MUSIKER, DER IM TAKT SPIELT.“


Beim Fahrradtraining bist du ganz anderen „Gegnern“ als im Rennen ausgeliefert: Autos und Lkw. Hier helfen auch keine Gadgets, oder?

Bin ich allein unterwegs, lasse ich mein Smartphone ständig die Position senden. Falls man im Straßengraben endet, ist es entscheidend, schnell gefunden zu werden. Smartphones im Allgemeinen gefährden mich allerdings eher. Weil Autofahrer daran rumfummeln. Hier könnte übrigens Technologie helfen: Smartphones „bemerken“ ja, wenn man fährt, und schalten auf Wunsch ab. Ich bin dafür, diese Funktion verpflichtend zu machen.

Prozentrechnung, Teil 2: Du sagst, du willst vor dem Rennen körperlich bei 95 Prozent sein, mental bei 110. Wie misst du denn das, bitte?

Gar nicht, dieses Körpergefühl ist Erfahrungssache. Ich möchte vermeiden, übertrainiert ins Rennen zu gehen. Ich merke das beispielsweise an meiner Stimmung vor dem Start: Fühle ich mich müde – oder bin ich heiß und aggressiv.

Wir sind am Oberkörper angelangt. Früher hast du wahrscheinlich oft so ausgesehen, als hätte dich ein Krake umarmt.

Ja, dieses ganze Verkabeln gehört aber dank Wearables zum Glück der Vergangenheit an. Und wenn’s mal ganz genau sein muss, für ein EKG etwa, reicht heute ein Brustgurt. Keine Krakenabdrücke mehr. Das ist auch toll für Hobbysportler. Die können heute exakter trainieren als viele Profis noch vor ein paar Jahren.

Prozentrechnung, Teil 3: Wie sollte der angesprochene Freizeit-Triathlet seine Investitionen auf die drei Teildisziplinen verteilen?

20 Prozent Laufen, die Schuhe sind dabei das A und O. 40 Prozent Schwimmen. Hier sollte man in einen Trainer investieren, denn im Wasser hilft Technologie wenig. Hier braucht man Technik – und die muss einem jemand beibringen. Zuletzt: 40 Prozent Fahrrad: Hier ist man mit 2000 Euro für eine gute Ausrüstung dabei. Und: bitte nicht beim Helm sparen!

Womit wir am Kopf wären.

In meinen Helm ist eine Menge Entwicklungsarbeit geflossen. Ich war viel im Windkanal, um einen optimalen Kompromiss aus Aerodynamik und Belüftung zu erreichen. Die beiden Faktoren widersprechen sich, denn in Öffnungen bilden sich unweigerlich Luftwirbel. Es ist bei Hitze aber wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren. Im wahrsten Sinne.

Mobiler Physiotherapeut

Nach dem Training ist vor dem Training. Dazwischen optimiert Kienle auch die Erholungsphase. Immer dabei: Normatec, ein System von Beinstulpen, die sich aufpumpen lassen und die Muskelregeneration beschleunigen. Ab 1495 Dollar (etwas über 1300 Euro), normatec.com

Mehr cool als kühl: deine Maske. Du siehst damit echt hart aus.

Nicht wahr? Das Gerät kommt bei vier, fünf Tests im Jahr zum Einsatz. Die Maske verringert den Atemwiderstand nicht, sondern misst nur die Atemgase. Das lässt viele Aussagen über den Stoffwechsel zu. Sehr wichtig, wenn man zum Beispiel die Fettverbrennung optimieren will. Früher gingen solche Spirometrie-Tests nur im Labor, dank neuen mobilen Modellen können wir sie unter echten Bedingungen einsetzen – etwa bei Hitze oder in der Höhe – und so unser Training noch genauer steuern.

Steigst du wie Per Mertesacker früher auch mal in die gute alte Eistonne?

Nein. Der Körper reagiert auf Überforderung damit, dass er neue Ressourcen anlegt. Wenn man ihn sofort runterkühlt, geht dieser Trainingseffekt verloren.

Setzt du für die Kopfarbeit auch mentale Techniken ein?

Manchmal lasse ich all den Technikkrempel bewusst weg und gehe wandern. Gerade in Ruhephasen. Ohne Kopfhörer, ohne Uhr, ohne Smartphone. Ich nutze auch autogenes Training, um mit einer Verletzung klarzukommen. Dafür benutze ich auch gerne immersive VR-Brillen. Wenn man einen chronischen Schmerz hat, muss man das Gehirn sozusagen neu programmieren.

Das ist er wieder, Sebastian …

… der Sportroboter.

Im Ozean, auf dem Renner, beim Laufen – auf Instagram gibt Kienle Trainings-Einblicke: @sebastiankienle