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„Ich blicke voller Dankbarkeit zurück“


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SIMsKultur - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 10.05.2021

Es ist das Ende eine großen Ära: Nach 16 Jahren verabschiedet sich Roland Geyer von der Spitze des Theaters an der Wien. Der scheidende Intendant hat die von ihm geleitete Institution tatsächlich aus dem Nichts zu einem der international bedeutendsten Opernhäuser aufgebaut – eine beeindruckende Leistung, die man gar nicht genug würdigen kann. Im nachfolgenden Interview wirft Geyer Schlaglichter auf seine erfolgreiche Tätigkeit und erzählt, warum er sich für Ottmar Gersters Opernrarität Enoch Arden als letzte Premiere seiner Intendanz entschieden hat.

SIMsKultur: Herr Intendant, am 8. Januar 2006, es war ein Sonntag, wurde das zuvor viele Jahre als Musicalbühne geführte Theater an der Wien mit einer festlichen Inauguration als das neue Opernhaus der Stadt Wien wiedereröffnet. Auf dem Programm standen Werke der beiden „Hausgötter“ Mozart und Beethoven ebenso wie die Uraufführung von Musik für ein ...

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Bildquelle: SIMsKultur, Ausgabe 1/2022

Roland Geyer
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Die letzte Neuinszenierung Ihrer Ära ist Ottmar Gersters Enoch Arden mit dem Premierentermin 17. Mai 2022. Viele werden sich fragen, warum Sie die Entscheidung getroffen haben, diese Opernrarität sozusagen als Abschied auf den Spielplan zu setzen. Gab es dafür einen speziellen, womöglich sogar emotionalen Grund?

Ich habe seit vielen Jahren dieses Werk im Auge und mich anlässlich meiner letzten Premiere sehr bewusst für ein vergessenes Werk des 20. Jahrhunderts entschieden und dazu eine szenische Neufassung für die Kammeroper erstellt. Mein Interesse lag stets darin, mit Raritäten das Opernrepertoire zu erweitern und immer wieder unbekanntere Werke neu zu beleben.

Ottmar Gerster schuf mit Enoch Arden nach der gleichnamigen Ballade von Alfred Tennyson seine erfolgreichste Oper, die sich nach der Uraufführung 1936 in Düsseldorf kurzzeitig als eine der beliebtesten zeitgenössischen Opern etablieren konnte, ehe sie nach dem Weltkrieg schnell in Vergessenheit geriet. Bariton Markus Butter, lang jähriger und regelmäßiger Stammsänger des Theaters an der Wien, übernimmt die Titelrolle eines in tödliche Isolation geratenen Menschen. Ein Thema, das mich schon lange nachdenklich stimmt und das seit Corona brandaktuell ist.

Mit Ihrer Intendanz sind Wegbegleiter wie der unvergessene Nikolaus Harnoncourt ebenso verbunden wie die Regisseure Robert Carsen oder Christof Loy. An welche Begebenheiten mit diesen oder anderen das Haus prägenden Künstlern erinnern Sie sich besonders gern zurück?

Nikolaus Harnoncourt war einer der größten Mentoren für mich und stets engagiert, das Theater an der Wien als Opernhaus zu unterstützen und künstlerisch zu bereichern. Mit seinem unendlichen Wissen und seiner stets wachen Herangehensweise prägte er die künstlerische Linie unseres Hauses maßgeblich. In allen von ihm erarbeiteten Produktionen setzte er Standards von höchstem Niveau. In seinem letzten Projekt für das Theater an der Wien wandte er sich erneut einem von uns beiden verehrten Komponisten, einem der zwei „Hausgötter“ unseres geschichtsträchtigen Theaters, W. A. Mozart, zu: Die exemplarische Aufführung der Da­Ponte­Trilogie mit einem ausgesuchten Sängerensemble, mit seinem Concentus Musicus Wien und dem Arnold Schoenberg Chor war sicherlich ein musikalischer Meilenstein der Aufführungsgeschichte des Theaters an der Wien. Ein sehr wichtiger Partner im Regiefach war sicherlich Christof Loy, mit dem wir 2007 die erste Barockopernproduktion, Händels Giulio Cesare in Egitto, realisieren konnten. Im letzten Oktober [2021] schloss sich der Kreis mit der Wiederaufnahme seiner mit dem International Opera Award ausgezeichneten Inszenierung der Britten­Oper Peter Grimes.

Ein weiterer Meister seines Fachs ist Robert Carsen, der uns mit seinen Inszenierungen viele Publikumserfolge bescherte, von Poulencs Dialogues des Carmélites bis zu Rameaus Platée mit der grandiosen Regieidee der Glimmerwelt der französischen Haute Couture.

Was war für Sie persönlich der größte Erfolg Ihrer Intendanz?

Die Wiedereröffnung des Theaters an der Wien als Opernhaus der Stadt Wien wurde in den ersten Jahren in den Medien und in der Wiener Kulturszene durchaus sehr kritisch thematisiert – „ob Wien ein drittes Opernhaus braucht“ –, und es gab viel Unverständnis für das Stagione­System. Ich kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern als sich die Stimmung drehte, und das war rückblickend für mich ein sehr persönlicher Moment hinsichtlich unseres Erfolgs: die Uraufführung von John Neumeiers Ballett Weihnachtsoratorium im November 2009, die in Wien und nicht in Hamburg, wo Neumeier Intendant ist, stattgefunden hat und darauf folgend im Dezember Haydns Il mondo della luna, die Nikolaus Harnoncourt im Haus geleitet hat. Das waren die zwei Premieren, nach denen ich wusste, dass wir unser erstes Ziel erreicht hatten und sich das Theater an der Wien international erfolgreich als Opernhaus positionieren konnte.

Gab es ein Projekt, das Sie gern realisiert hätten, aber diverse Umstände hatten dies bedauerlicherweise nicht zugelassen?

In der Tat wollte ich noch gern Korngolds Die tote Stadt zur Diskussion stellen und hatte mit dem polnischen Regisseur Mariusz Treliński Vorgespräche geführt – als Folgeprojekt nach seiner großartigen Halka-Inszenierung mit Piotr Beczała im Theater an der Wien 2019. Corona hat dies leider verhindert.

Ihre Entscheidung, die von Ihnen geleitete Institution als Stagione-Betrieb zu führen, wurde am Anfang viel diskutiert. Im heuer zu Jahresbeginn veröffentlichten Stagione­ Magazin #3 des Theaters an der Wien wird Erwin Ortner, Leiter des mit Ihrer Ära eng verbundenen Arnold Schoenberg Chors, mit der Aussage zitiert, es wäre sein persönlicher Wunsch, „dass sich die Gesellschaft auch in Zukunft diesen Stagione-Betrieb leisten möge, weil er musikalisch und künstlerisch höchst befriedigend ist“. Worin lagen für Sie die großen Vorteile des Stagione-Systems?

Die Entscheidung, das Theater an der Wien als Stagione­Haus zu betreiben, ergab sich einerseits aus meinen konzeptionellen Überlegungen und andererseits aus ganz banalen Prämissen, die man seitens der Kritik oft übersieht. Dieses Haus ist allein aufgrund der technischen und räumlichen Möglichkeiten gar nicht in der Lage, als großes Repertoiretheater geführt zu werden. Der zweite Grund war und ist finanzieller Art: Die Stadt Wien hat im Jahr 2003 die grundsätzliche Entscheidung gefällt, dem Theater an der Wien einen jährlichen Zuschuss von 21 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, mit dem sich die Auflage, 100 Veranstaltungen pro Saison anzubieten, qualitativ nur im Stagione­Betrieb verwirklichen ließ.

Die Vorteile sind ganz klar eine hohe Anzahl von Neuproduktionen mit monatlich einer neuen Premiere, internationale Sängerensembles und orchestrale Klangkörper, die exklusiv für die Projekte und Werke gecastet und engagiert werden, sowie optimale Probenbedingungen für die Regieteams, die sie an Repertoirehäusern selten bekommen. Die hohe Qualität der Neuproduktionen spricht für sich, und viele internationale Regisseurinnen und Regisseure sowie Dirigenten und auch Sänger schätzen diese optimalen Arbeitsbedingungen sehr!

Seit September 2012 bespielt das Theater an der Wien mit einem jungen, hochtalentierten Ensemble auch die Kammeroper. Sie sind vermutlich sehr glücklich über den Erfolg dieser Dependance? Über die Arbeit mit dem Jungen Ensemble des Theaters an der Wien – aktuell ist die fünfte Generation in der Kammeroper zu erleben – bin ich sehr glücklich, weil wir seit September 2012 sehr spannende Neuproduktionen mit den aufstrebenden Talenten realisieren konnten. Als zweite Spielstätte hat die Kammeroper nicht nur den Spielplan des großen Hauses bereichert, sondern auch wichtige Akzente in der Wiener Opernlandschaft gesetzt.

Jungen Regisseurinnen und Regisseuren und Dirigenten hier eine erste Plattform in Wien zu geben ist mir sehr wichtig. Zum Beispiel hat Lotte de Beer ihre erste Operninszenierung, La Bohème, 2013 in Wien auf der Bühne der Kammeroper gezeigt oder Österreichs Starbass Günther Groissböck sein Regiedebüt, Tristan Experiment, gegeben.

Apropos jung: Ebenfalls unter Ihrer Ägide wurden Kulturvermittlungsprogramme für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen.

Wie sieht Ihr diesbezügliches Fazit aus?

In der Musiktheatervermittlung sind uns wirklich viel Neues und großartige Projekte gelungen! Wir haben bereits 2007 mit den ersten Jugendprojekten begonnen, und von Beginn an war uns der interaktive Ansatz sehr wichtig. Die Kinder und Jugendlichen sollten nicht konsumieren, sondern selbst an der Entwicklung und Kreation von Musiktheaterprojekten mitwirken. So sind unsere Jugendopern entstanden, die jedes Jahr zum Schulende auf der großen Bühne des Theaters an der Wien von den Jugendlichen selbst aufgeführt wurden, auch im Orchestergraben in Kooperation mit dem Musikgymnasium Wien. Auch während des ersten Lockdowns hat unsere Vermittlungsabteilung sofort ein Onlineprogramm gestaltet und den Kontakt mit den Jugendlichen nicht abreißen lassen. Das Konzept für die Jugendoper wurde dann kurzfristig zu einem Filmprojekt mit dem Namen NEUN x LEBEN neu konzipiert, und dafür erhielten wir 2020 den „Junge Ohren“-Preis.

Seit Beginn Ihrer Intendanz ist der Nahrungsmittelkonzern AGRANA Hauptsponsor des Theaters an der Wien. Die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen war offenbar vorbildlich?

Die Partnerschaft mit unserem Hauptsponsor AGRANA besteht seit der Wiedereröffnung 2006 und ist ein großes Geschenk und Glück für unser Opernhaus!

Kontinuität in diesem Bereich ist nichts Selbstverständliches und beruht auf Vertrauen und hoher Wertschätzung füreinander. Generaldirektor Johann Marihart, der 30 Jahre lang Vorstandsvorsitzender der AGRANA Beteiligungs-AG war, hat von Beginn an das innovative Konzept des Stagione-Systems fasziniert und unterstützt. Die Verbindung zwischen Tradition und Moderne und die Offenheit für das Neue sind ein starkes Band in der Identität beider Institutionen.

Mit „Summertime – The End“, einem ganz speziellen Abend mit dem Jungen Ensemble in der familiären Atmosphäre der Kammeroper, endet am 21. Juni 2022 Ihre eindrucksvolle Intendanz. Es gibt viele, die Ihr Abschied mit Wehmut erfüllt. Trifft dies auf Sie ebenfalls zu, und welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Ich freue mich sehr auf das finale Konzert „Summertime – The End“ mit Arien aus dem erfolgreichen Jahrzehnt des „fünffachen“ Jungen Ensembles. Rund 30 Sänger aus den Ensembles seit 2012 werden nochmals an die Kammeroper zurückkehren, und das wird ein tolles und reminiszierendes Opernsängerfest!

Mein „Abschied“ ist ja bloß physisch, denn mein Herz schlägt ja weiter für das Theater an der Wien, wo ich eine großartige künstlerische Spielfläche zur Verfügung hatte, Programme für das Wiener, österreichische und internationale Publikum zu kreieren.

Und was meine Zukunft betrifft, so arbeite ich weiter als Mathematikprofessor und Universitätsrat sowie als Aufsichtsratsmitglied bei den Wiener Symphonikern und beim Wiener Volkstheater. Bei Letzterem werde ich als Vorsitzender versuchen, tatkräftig mitzuhelfen, dass dieses gerade wunderbar renovierte Theater in eine neue Erfolgsgeschichte startet.

Informationen: www.theater-wien.at