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„ICH DARF DAS EIGENTLICH NICHT SAGEN…“


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 10.04.2018

… aber für The Red Bulletin tut er es doch: FREDDY LAU, 28, prägender Schauspieler seiner Generation, erzählt von seinem Leben zwischen Baukränen, Wettmafia und Filmset. Eine Begegnung in 20 Szenen.


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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 5/2018

Freddy Lau, Kino-Grenzgänger und Hobbygolfer, beim Red Bulletin-Shooting in Berlin: „Neugier ist der beste Antrieb für ein interessantes Leben.“


Dreddy Lau kann seine linke Augenbraue mit derselben Hingabe heben, mit der er seinem Filmgegner einen Backstein an den Kopf schmettert. Längst zählt der 28-jährige Berliner zu den führenden Schauspielern seiner Generation. Im preisgekrönten Kino-Experiment „Victoria“ ...

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... (einem zweistündigen Film ohne Schnitt) hetzte Lau 2015 als Bankräuber durch Berlin. Mit dem Gangster-Epos „4 Blocks“ lieferte er 2017 den Serienerfolg des Jahres. Diesen Monat kommt Laus neuer Thriller „Spielmacher“ in die Kinos. Lau spielt einen ehemaligen Fußballer in den Fängen der Wettmafia.

DemRed Bulletin hat Lau erzählt, was ihn im wirklichen Leben inspiriert. Das Porträt eines Kino-Grenzgängers – erzählt in 20 Szenen.

1 Meine prägende Kindheitserinnerung: als Jugendlicher nachts auf Baukräne klettern. In Berlin-Steglitz stand einer neben dem Botanischen Garten. Da sind wir nachts über die Mauer rein, durch das Gewächshaus, vorbei an den fleischfressenden Pflanzen. Dann rauf auf die Kranleiter, bis hoch ins Führerhäuschen. Dann sitzt du da. Blick über die leuchtende Stadt. Diese Aussicht hatte niemand sonst.

2 Auf der Kranleiter gibt’s immer so ’ne Metallklappe, die den Aufstieg versperrt. Die musst du aufmachen. Ab dann geht’s einfach.

3 Wenn ich Arbeit in eine Aufgabe investiere, möchte ich ein Erfolgserlebnis daraus ziehen. Vor der Schauspielerei war das beim Judo der Fall. Jeder Fehler kann bestraft werden. Jeder falsche Schritt kann dich aus dem Gleichgewicht bringen. Du brauchst Fokus, um zu gewinnen. Wie im richtigen Leben.

4 Mein Spezialwurf war derTomoe nage , ein Wurf, bei dem du selbst mitfällst. Ich glaube, den hat sonst keiner in Berlin gemacht. Mit zehn kämpfte ich um die Berliner Jugendmeisterschaft. Vor dem Finale rasierte ich mir den Schädel und ließ nur zwei Haarbüschel links und rechts über der Stirn stehen. Hörner, verstehst du? Ich wollte aussehen wie der Teufel.

5 Am Sonntag nach dem Wettkampf suchte ich den Turnierbericht auf der Jugendseite der „Berliner Zeitung“. Aber da war kein Bericht. Nur ein Inserat: „Wir suchen einen sportlichen 9- bis 10-jährigen Jungen für ein Casting.“ Ich ging hin, Nummer 53, ich musste einen Text vorlesen. Dem Agenten gefiel, wie ich las. Ich war zehn Jahre alt, als ich meinen ersten Film drehte.

Immer sportlich: Lau spielte in seiner Jugend Eishockey, mit zehn war er Berliner Judo-Meister. Sein aktuelles Hobby Golf? „Hat etwas Meditatives.“


PICTUREDESK.COM, SENATOR FILM VERLEIH, 2017 TURNER BROADCASTING SYSTEM EUROPE LIMITED & WIEDEMANN & BERG TELEVISION GMBH & CO, WARNER BROTHERS/GORDON TIMPEN, SMPSP

Styling SOO-HI SONG Styling-Assistenz MARINA BOLL Bomberjacke ALPHA INDUSTRIES Shirt, Jeans, Sneakers LACOSTE Golfausrüstung: Schläger, Tasche, Ball und Handschuh TAYLOR MADE

BEST OF LAU

Schüler, Bankräuber, Kicker, Polizist: vier prägende Rollen in Freddy Laus Karriere

DIE WELLE (2008)

Remake des Klassikers über politische Propaganda. Lau, damals 19, spielt den Klassen-Außenseiter Tim. Deutscher Filmpreis als bester Nebendarsteller.

VICTORIA (2015)

Ein zweistündiger Trip durch die Berliner Nacht – gedreht in einem einzigen Take. Laus Figur Sonne wird vom Partygast zum Bankräuber.

4 BLOCKS (2017)

Hip-Hop, Schutzgeld, Prügel und Gefühle: Lau als Undercover-Cop Vince, der sich in einen Verbrecher-Clan in Berlin-Neukölln schleust, erstklassiger Soundtrack inklusive.

SPIELMACHER (2018)

Die dunkle Seite des Profi-Fußballs. Lau spielt den vorbestraften Ex-Kicker Ivo, der sich um einen jungen Fußballer kümmert – und ins Visier der Wettmafia gerät.

Ziel im Fokus: Lau drehte seinen ersten Film mit zehn. „Ich bin Autodidakt“, sagt der Grimme-Preisträger. „Ich habe keinen Plan B.“



„Ich weine gern. Ich finde, Männer sollten öfter weinen. Das ist der ehrlichste Gefühlsausdruck, den es gibt.“


6 Ernsthaftigkeit ist ein guter Weg zum Erfolg. Wenn dujust for fun an eine Aufgabe rangehst, schaffst du sie ziemlich sicher nicht. Ich hatte diese Ernsthaftigkeit schon als Teenager. Wenn du deine Leistung bringst, deine Kollegen respektierst und ein wenig Talent hast, kannst du vieles schaffen.

7 Ernsthaftigkeit heißt nicht, dass man seine kindliche Seite verliert.

8 Ich bin mit sechzehn in meine erste Wohnung gezogen, Steglitz, 50 Quadratmeter, unmöbliert. Das blieb ein Jahr so. Mit siebzehn habe ich meinen ersten Filmpreis gewonnen und vom Preisgeld die Wohnung eingerichtet. Bett mit Lederbezug, schwarze Ledercouch mit weißen Würfelkissen, alles zusammengeballert vom Discounter. Sah schrecklich aus. Aber es war meines.

9 Ich kann ganz viele Sachen bis heute nicht besonders gut. Lesen. Schreiben. Zeichnen? Kannste keinem zeigen. Was ich gut kann: neue Situationen schnell analysieren. Das sagt zumindest meine Frau.

Der Schwung sitzt: Lau-Abschlag bei einer Partie Urban Golf in Berlin.


„Ich genieße auch kleine Erfolge“, sagt Lau über seine Arbeit. „Der Regisseur lächelt nach der Szene, und ich denke: ‚Yesss!‘“


10 Mit sechzehn drehte ich mit August Diehl. Da erlebte ich zum ersten Mal einen richtigen Schauspieler. Ich analysierte ihn sofort. Jeder seiner Schritte hatte ideales Timing. Jeder Atemzug drückte etwas aus. Er machte keine einzige Bewegung, die sinnlos war. August war eine große Inspiration für mich – ich hab ihm das bis heute nie gesagt.

11 Ziehe Freude 11 aus kleinen Dingen. Nach einer Szene gucke ich oft den Regisseur an. Dann gibt’s vielleicht den Daumen hoch. Oder ein kurzes Lächeln. Und du denkst dir: „Yesss! Ich bin auf dem richtigen Weg.“ Für mich sind kleine Erfolge oft viel tiefgründiger als plumpe, große Siege.

12 Das ist das Schwierigste und Wichtigste überhaupt: sich etwas zu trauen, Gefühle zuzulassen, ehrlich zu sein.

13 Ich weine gern. Und ich schaue fremden Leuten gern beim Weinen zu. Ich finde es wichtig, dass Männer öfter weinen. Denn das ist der ehrlichste Gefühlsausdruck, den es gibt. Über dem Bett meines Sohnes hängt ein Poster, auf dem „Boys Don’t Cry“ steht(ein Song der britischen Band The Cure; Anm.). Wir haben das „Don’t“ durchgestrichen.

14 „4 Blocks“ ist eine fiktionale Geschichte. Aber Kida Ramadan(der in der Krimiserie den Clanchef „Toni“ Hamady spielt; Anm.) und ich sind Berliner Kids. Wir sind nicht doof. Wir wissen, was in der Stadt abgeht. Wir fanden es wichtig, eine Serie aus der Sicht der Verbrecher zu machen und zu zeigen, wie es bei denen zu Hause in den Familien zugeht. Außerdem lieben die Zuschauer Geschichten über dunkle Geschäfte, wie bei „Der Pate“ oder „Scarface“. Die Serie war so erfolgreich, dass Kida sogar umziehen musste. Er ist ja jetzt berühmt.

15 Wenn dich der „Hollywood Reporter“ mit dem jungen Marlon Brando vergleicht, freust du dich natürlich. Aber letztendlich kannst du dir nichts dafür kaufen.

16 Mein Vater besaß einen Trödelladen, der mal besser, mal schlechter lief. Ich war ein Flohmarkt-Kind. Wir wurden belächelt, ich komme schon eher von unten. Daraus habe ich aber viel Kraft gezogen. Ich wollte es immer allen zeigen. Ich wollte dazugehören.

17 In meinem aktuellen Film „Spielmacher“ geht es um die kroatische Fußball-Wettmafia. Dafür habe ich wieder Fußballspielen gelernt. Ich war beim U17-Jugend-Pokalfinale. Ich habe mit Spielern geredet, deren Karriere gescheitert ist. Ich hab mir Trainingseinheiten von Jugendmannschaften angeguckt und selbst mittrainiert. Ich hab mir auch die Unterwelt angeguckt. Ich darf das hier eigentlich gar nicht sagen.

18 Du fragst die richtigen Leute. Die kennen wieder andere Leute. Ich habe zu einem dieser Typen gesagt: „Ich mache einen Film, kann ich mit dir abhängen?“

19 Wenn du dann dort bist, kommt es nicht so gut an, Fragen zu stellen. Also habe ich rumgesessen, habe stumm beobachtet, wie die Typen im Wettcafé sitzen, wie sie Dinge anfassen, wie sie ihren Stift halten, wenn sie Wettscheine ausfüllen. Du saugst Kleinigkeiten auf. Da kannst du irrsinnig viel mitnehmen.

20 Neugier zahlt sich immer aus. Sie ist der beste Antrieb für ein interessantes Leben. Das ist wie mit dem Baukran, auf den ich früher geklettert bin. Du kommst nur schwer hoch. Aber dafür ist die Aussicht von oben unvergleichlich.

„Spielmacher“ läuft am 12. April in den deutschen Kinos an.


Fotos DAVID FISCHER