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„Ich finde das lächerlich “


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 20/2022 vom 28.09.2022

Berlin Storys Interview

Artikelbild für den Artikel "„Ich finde das lächerlich “" aus der Ausgabe 20/2022 von tip Berlin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Der Kiez um die Gethsemanekirche wehrte sich im Frühjahr 2022 gegen Corona-Maßnahmen-Gegner:innen

Herr Kowalczuk, hat Sie denn jemand gefragt, ob Sie RBB-Intendant werden wollen?

Leider waren meine Gehaltsvorstellungen nicht mit den Möglichkeiten des RBB vereinbar.

Ich frage,da nach dem Rauswurf von Patricia Schlesinger manche einen Ostdeutschen oder eine Ostdeutsche an der RBB-Spitze sehen wollten. Sie waren DDR-Bürger.

Wir haben ein Repräsentationsproblem in Deutschland auf allen Ebenen, und zwar nicht nur mit Ostdeutschen, sondern auch mit Frauen, mit POCs (People of Color, Anm. d. Red.). Und immer wenn es konkret wird, sieht es leider gerade ganz schlecht aus.

Interimsintendantin des RBB wurde dann auch keine Ostdeutsche, sondern die WDR-Verwaltungsdirektorin KatrinVernau.

Man will im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufräumen. Dass ausgerechnet eine Vertraute von Tom Buhrow Interimsintendantin ohne Gegenkandidaten und auch erst im zweiten Wahlgang gewählt wurde, ist ...

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... absurd. Was mich aber auch aufregt: dass neulich parallel vier öffentlich-rechtliche Sender Live-Übertragungen von der Beerdigung der Queen brachten. Eigentlich bin ich gern Gebührenzahler, weil ich großer Fan von Informationskanälen bin! Aber wir brauchen hier dringend eine Reform von außen.

Hätten Sie gedacht, dass wir uns zum 32. Jahrestag der Deutschen Einheit immer noch fragen, wann die Einheit vollendet ist?

Ich bin ja der Meinung, die Einheit ist längst vollendet. Wir müssen akzeptieren, dass es eine Vielheit in der Einheit gibt. Etwas an- deres sind die politischen Differenzen, die wir jetzt während des Krieges der Russen gegen die Ukrainer sehen. Dass es in Ostdeutschland eine andere Stimmungslage als in Nord- oder Süddeutschland gibt. Meines Erachtens hat das aber weniger mit einer gescheiterten Einheit zu tun, sondern mit einer verfehlten Gegenwartspolitik. Von den steigenden Gas- und Energiepreisen sind Ostdeutsche weitaus stärker betroffen.

Warum? Weil Gas in Ostdeutschland flächendeckender verbreitet ist als im Westen. Was aber viel dramatischer ist, und deswegen gibt es so eine große Unruhe beim schwachen Mittelstand im Osten: Die haben keine Rücklagen! Rücklagen, die im Westen ganz normal sind. Und das sind strukturelle Probleme, die die Politik einfach nicht angeht.

Bei Protesten gegen die Russland-Sanktionen hört man jetzt wieder den Ruf „Wir sind das Volk“.Wie sich überhaupt manche Proteste im Osten als Referenz auf die friedliche Revolution von 1989 beziehen.

Das ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Die meisten von denen haben damals hinter Foto: Ekko von Schwichow / der Gardine gestanden und gebangt, wie es ausgeht. Das ist Gerede, das ist Folklore, geschenkt! Was mich aber wirklich ärgerlich macht: Diese Leute setzen eine offene Gesellschaft, eine Demokratie, wie wir sie, mit allen Mängeln, heute haben, mit einer knallharten Diktatur gleich.

Der Ostbeauftragte der Partei Die Linke, Sören Pellmann, wünscht sich Montagsdemonstrationen gegen die Gasumlage.

Ich habe eigentlich keine Lust mehr, über die Sektierer von der Linkspartei zu reden. Die haben sich jetzt erneut als außenpolitisches Sprachrohr des Kremls betätigt, was ja auch zu einer Unruhe in der Linkspartei selbst geführt hat. Wir reden unentwegt über eine Partei, die es nur wegen dreier Direktmandate überhaupt noch in den Bundestag geschafft hat! Die Linken werden in den Medien immer noch als Stimme des Ostens verkauft. Die waren’s nie, die sind’s nicht, die werden es auch nie werden.

Haben Sie als Historiker Freude daran, wenn jetzt Ihre Forschungsobjekte sozusagen als Farce zurück kommen? Montagsdemos, „NVA-Feldsuppe“ aus der Dose bei Rewe. Oder die Accessoires mit DDR-Emblem in einem Museumsshop am BER, die Sie auf Facebook angeprangert haben.

Ich werde halt dafür bezahlt, dass ich mich den ganzen Tag mit Diktaturen beschäftige. Dann schaue ich natürlich auch: Was passiert so in meiner Gegenwart um mich herum? Aber in meinem Kopf spielt das keine große Rolle. Ich finde das alles lächerlich.

Aber schon bizarr, dass gerade die Linke „Montagsdemos“ ausruft, deren Original ihre Vorgängerpartei SED mit gestürzt hat.

Da bin ich, anders als viele meiner politischen Freunde, total nüchtern. Lass sie doch! Wer meint, am Montag demonstrieren zu wollen, unter Berufung auf welche Montagsdemos auch immer, ob auf die von 2014, 2008 oder 1989, soll das machen. Die Gesellschaft muss die entsprechende Antwort geben. Am 5. September hat sie das getan.

Sie meinen den Auftakt der Linken für einen „heißen Herbst“ in Leipzig. Wo Rechte von der AfD nebenan für die Öffnung von Nord Stream 2 demonstrierten.

Da standen ein paar versprengte Radikale herum, man konnte nicht so recht unterscheiden, ob Linke oder Rechte. Das ist die richtige Antwort: nicht durch mediale Überhöhung die erst groß zu machen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Pegida erst in dem Moment so groß wurde, als Sender anfingen, von dort Live-Schaltungen zu machen. Kameras ziehen die Verrückten dieser Welt an.

Dann doch lieber vier parallele Live-Sendungen über die Queen-Beerdigung?

Na ja (lacht). Ich bin schon überrascht, wie kritiklos die Mehrheit dieser Gesellschaft offenbar gegenüber einem Königshaus steht, das Milliarden über Jahrhunderte zusammengeraubt hat, mit Mord und Terror. Ganz ehrlich: Mir kommt da das Kotzen.

Wie verhindert man, dass berechtigte Protestdemos von Rechten okkupiert werden?

Das ist relativ einfach. Indem ich knallharte Losungen gegen die Rechten habe. Gegen Nationalismus, gegen Rassismus, gegen Faschismus. Das sollte doch wohl den Linken nicht so schwerfallen. Mich beunruhigt aber weniger die Putin-Anbeterei von Rechten und Linken. Mich beunruhigt vielmehr, was viele daran übersehen, dass das nur ein Bild ist, um die Gegnerschaft zur westlichen Demokratie zum Ausdruck zu bringen.

Inwiefern?

Das Motto ist: Ich verbünde mich mit dem größten Feind meines Feindes, um diesen zu ärgern. Wir haben das bei Trump gesehen, wir sehen es bei Orban, bei Erdogan. Und das sehen wir auch bei den Bäckermeistern, Handwerksmeistern und sonstigen AfD- wie Linkepartei-Gängern, die sich auf den Straßen artikulieren oder offene Briefe schreiben. Im Kern ist denen die Ukraine scheißegal, und denen ist Russland scheißegal. Denen geht es darum, dass sie ein anderes, ein autoritäres, weißes, christliches System in Deutschland anstreben, in dem Rassismus an der Tagesordnung ist, und in dem vor allem alles so bleibt, wie es ihrer Meinung nach in den 70er- und 80er-Jahren mal gewesen ist.

Diese Leute sind aber auch kaum noch für rationale Argumente erreichbar.

Viele sagen ja immer: politische Bildung, politische Bildung, politische Bildung! Gerade im Osten aber haben wir bestimmte Generationen praktisch verloren. Leute über 50, die so eine verfestigte Meinung haben, die wird man nicht mehr von etwas anderem überzeugen. Da kann man nur froh sein, dass das in aller Regel irgendwelche Spießer sind, die zu feige sind, die Waffe in die Hand zu nehmen. Wenigstens geht von denen keine Gefahr für einen Bürgerkrieg aus.

Wie beruhigend.

Man sollte sich vor allem auf die jüngere Generation konzentrieren. Hier scheint mir ein wesentlicher Punkt zu sein: dass endlich in den Schulen, und zwar von der ersten Klasse an, Medienkompetenz gelehrt wird!

Wie laut wird der deutsche Protestwinter?

Natürlich ist der soziale Protest absolut berechtigt, als Korrektiv zur Politik, das ist gar keine Frage. Die Energiepolitik in den letzten Jahrzehnten war eine Katastrophe, das haben alle Parteien außer den Grünen gemeinsam verbockt, und zwar sehenden Auges. Und wie jetzt mit den steigenden Preisen umgegangen wird, wie man viele Leute im Regen stehen lässt, das ist ein Skandal. Aber viele Demokraten werden es sich dreimal überlegen, ob sie auf Demonstrationen gehen, bei denen sie auf Extremisten treffen, die das für sich okkupieren.

An der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg haben Kiezinitiativen montägliche Demonstrationen von Corona-Leugner:innen durch eigene Demonstrationen an diesen Montagen an den Rand gedrängt.

Ich wohne in dem Kiez, die Gethsemane-Gemeinde ist auch meine Gemeinde. Und ich fand das doch einigermaßen überzogen.

Warum?

Man hat diese Spinner, die da montags ihre bekloppten Reden hielten, damit erst groß gemacht. Ich habe da eher ein amerikanisches als ein deutsches Freiheitsverständnis. Jeder hat das Recht, seinen Quatsch auf der Straße vor sich herzutragen. Natürlich soll auch die Zivilgesellschaft darauf reagieren. Aber wir haben verlernt, Kontroversen auszuhalten. Diese heutige Sehnsucht nach einem Konsens, da bin ich vielleicht zu sehr DDR-geprägt: Die kotzt mich auch an.

Zur Person

Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur und mit der friedlichen Revolution von 1989. Er wurde 1967 in Friedrichshagen geboren und schaltet sich oft in öffentliche Debatten ein, derzeit etwa zum russischen Krieg gegen die Ukraine.