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ICH FÜHLE WAS …: …WAS DU NICHT SIEHST!


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 32/2018 vom 07.12.2018
Artikelbild für den Artikel "ICH FÜHLE WAS …: …WAS DU NICHT SIEHST!" aus der Ausgabe 32/2018 von Feine Hilfen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

(Foto: Agnes Trosse)

Hand aufs Herz – erkennen Sie die Gemütsäußerungen Ihres Pferdes, die es über die Mimik transportiert, und nehmen Sie diese auch ernst? Wie wertvoll ist z. B. ein Lernerfolg, wenn er von einem verkniffenen Gesicht begleitet wird? Sind wir in der Lage, den Blick zu erkennen, der Bände spricht, und auch willens, die Konsequenzen zu tragen?

Jeder, der seine Zeit mit Pferden verbringt, muss früher oder später darüber nachdenken, was uns unsere Vierbeiner mitteilen wollen. Nicht auf einer spirituellen, seelenspiegelnden Ebene, sondern ganz pragmatisch: Wenn ich mein Pferd nicht verstehe, ...

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Jeder, der seine Zeit mit Pferden verbringt, muss früher oder später darüber nachdenken, was uns unsere Vierbeiner mitteilen wollen. Nicht auf einer spirituellen, seelenspiegelnden Ebene, sondern ganz pragmatisch: Wenn ich mein Pferd nicht verstehe, nicht in der Lage bin, seine Äußerungen, seine Stimmungslage zu deuten, wird die gemeinsame Zeit für keinen von uns besonders schön. Damit Verständigung gelingen kann, ist es für uns unumgänglich, die Sprache der Pferde zu erlernen.
Das allerdings ist viel leichter gesagt als getan, immerhin könnten Möglichkeiten und Formen der Kommunikation bei Pferd und Mensch im Vergleich kaum unterschiedlicher sein. Wenn es um die Verständigung geht, sollte man meinen, dass wir Menschen, durch unsere Fähigkeit zu sprechen, die am weitesten entwickelte Spezies und dadurch ganz klar im Vorteil sind. Doch obwohl kein anderes Lebewesen der Welt eine so ausgereifte Sprachverständigung entwickelt hat, findet auch bei uns zwischen 60 % und 90 % der Kommunikation nonverbal statt. Durch Körpersprache. Leider haben wir in vielen Jahren der Zivilisation einen großen Teil dieser Fähigkeit des Körpersprache-Lesens verloren und sind eher unempfindlich gegenüber feinsten und kleinsten körperlichen Äußerungen geworden.
Wenn Ihnen jemand ein fröhliches „Schön, dich zu sehen“ entgegenschmettert, dabei aber die Arme vor der Brust verschränkt und einen Schritt zurücktritt, so entlarvt seine Körpersprache ganz klar, dass er so gar nicht erfreut ist, Sie zu sehen, ganz gleich, was sein Mund verkündet. Diese Unempfindlichkeit kann spätestens dann zum Problem werden, wenn wir mit Lebewesen kommunizieren möchten, die sich ausschließlich mithilfe ihres Körpers ausdrücken – wie z. B. unsere Pferde.
Gefühlsäußerungen werden von ihnen über Körpersignale an die Umwelt übermittelt. Diese Äußerungen können ganz klar und für jeden verständlich sein, wie z. B. die flach angelegten Ohren eines drohenden Pferdes oder der Kopf, der sich vertrauensvoll an seinen Menschen schmiegt. Sie können sich aber auch sehr fein und kaum erkennbar darstellen, wie die gekräuselte Lippenund Nüsternpartie, die Missmut ausdrückt, oder die angehobene und zusammengezogene Partie über den Augen eines ängstlichen Pferdes. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die großen Gesten für die meisten von uns kein Problem darstellen, das richtige Deuten mimischer Ausdrücke hingegen ist für die meisten eine echte Herausforderung.

Was genau ist Mimik?

Die Mimik ist ein Teilbereich der Körpersprache und bezeichnet die sichtbaren Bewegungen der Gesichtsoberfläche. Gemeinsam mit der Gestik (den Bewegungszeichen insbesondere des Kopfes und der Gliedmaßen) und der Körperhaltung (das körperliche Erscheinungsbild, das mithilfe von Muskeln, Sehnen, Bändern und Knochen entsteht) entwickelt sich so die Verständigung mithilfe des eigenen Körpers.
Obwohl ein körpersprachlicher Ausdruck fast immer aus einem Zusammenspiel der einzelnen Teilbereiche besteht, sind diese Bereiche speziengebunden jedoch unterschiedlich stark ausgeprägt, und so dominiert je nach Lebewesen mal die Expression über die Gestik, ein anderes Mal über die Mimik oder die Körperhaltung. Die Mimik eines Hundes ist z. B. deutlich differenzierter als die eines Wellensittichs, und eine Raubkatze verfügt sicher über mehr Möglichkeiten, die Körperhaltung der jeweiligen Stimmung anzupassen als ein Seehund.
Grund dafür sind stets die körperlichen Voraussetzungen, wie etwa die Anzahl der Gliedmaßen, der Gelenke, der Muskeln im Körper, die Körpergröße, die Beweglichkeit etc. Wer über Beine verfügt, kann damit stampfen oder scharren, eine Rute kann freudig wedeln, Wale schlagen mit ihren Flossen auf die Wasseroberfläche, einige Frösche blasen ihre Backen auf, und Tiere mit beweglichen Ohren setzen diese oft hervorragend als Stimmungsanzeiger ein, so wie unsere Pferde. Jeder setzt das für sich am geschicktesten ein, was er hat.
Unsere Pferde verfügen über deutliche Gesten (wie z. B. das drohende Heben eines Hinterbeines) und können ihre Körperhaltung ausdrucksstark einsetzen. Wie aber sieht es mit ihrer Mimik aus?
Welchen Stellenwert hat sie bei der Verständigung, und wie deutlich oder auch schwach ist sie ausgeprägt?
Im Vergleich zur Körperhaltung und Gestik spielt die Mimik, sehen wir einmal vom regen Ohrenspiel ab, eine eher untergeordnete Rolle. Das liegt auch an der Tatsache, dass Pferde als Flucht und Beutetiere z. B. ihren Schmerz nicht deutlich zu Tage tragen. Sie leiden still, um ihre vermeintliche Schwäche nicht zu zeigen und sich für Jäger nicht noch angreifbarer zu machen. Wenn wir die Stimmung unserer Pferde also erkennen möchten, so müssen wir schon recht genau hinsehen.

(Fotos: Christine Hlauscheck)

Ein Pferd, verschiedene Stimmungen.
Ein Mimik-Tagebuch kann helfen, das eigene Pferd noch besser einschätzen zu lernen.

Eine Skala für den Schmerz

Um zumindest die Schmerzmimik unserer Pferde besser verstehen und beurteilen zu können, wurde der Horse Grimace Scale entwickelt. Die Gesichtsregungen der Pferde werden dort in sechs Kategorien eingeteilt und je nach Intensität einem Schmerzzustand zugeordnet. Beurteilt werden dabei
a.die nach rückwärts geneigte Stellung der Ohren,
b.die Öffnung des Augenlids,
c.die Spannung über den Augen,
d.das Hervortreten der Kaumuskeln,
e.die Form und Spannung der Lippen und des Kinns,
f.die Anspannung und Form der Nüstern, das Abflachen des Nüsternprofils.


Die drei Stufen der Beurteilung sind:
0-nicht vorhanden
1-leicht vorhanden
2-deutlich vorhanden
So würde beispielsweise das Schmerzgesicht des auf Seite 69 gezeigten Pferdes wie folgt analysiert werden können:
a. Ohren: 1 Punkt
b. Öffnung des Augenlids: 2 Punkte
c. Spannung über den Augen: 1 Punkt
d. Hervortreten der Kaumuskeln: 0 Punkte
e. Form und Spannung der Lippen und des Kinns: 0 Punkte*
f. Anspannung und Form der Nüstern, das Abflachen des Nüsternprofils:
2 Punkte

Auf einer Skala von möglichen 0 bis 12 Punkten würde der Schmerzzustand des Pferdes also im mittleren Bereich liegen, wobei *es sich bei der Operation des Pferdes um eine schwierige Zahnextraktion handelte und die Betäubung der Maulregion zur völligen Entspannung und Regungslosigkeit der Lippen und des Kinns führte. Die Beurteilung dieses Punktes war also nicht möglich, und der tatsächliche „Schmerzwert“ ist vermutlich etwas höher anzusiedeln.
Diese zunächst recht nüchtern anmutende Einteilung und Beurteilung soll bei der objektiven Einschätzung eines Schmerzzustandes anhand der Mimik helfen. Damit Mimik überhaupt erst möglich wird, müssen Muskeln vorhanden sein, die das Gesicht je nach Stimmungslage „verformen“. Die Medizin unterteilt die Fascialismuskulatur der Pferde in drei Muskelgruppen:

• Lippen und Wangenmuskulatur
• Muskeln der Augenlider und Nase
• Ohrmuschelmuskeln

So verfügen Pferde über neun Ohrmuschelmuskeln, mit denen sie ihre Ohren sehr differenziert ansteuern können. Wir Menschen besitzen übrigens lediglich drei, die auch noch wenig ausgebildet und nahezu bedeutungslos sind. Was das Ohrenspiel angeht, sind unsere Pferde also ganz klar im Vorteil.
Den Muskeln im Bereich der Augenlider fällt hingegen eine viel geringere Bedeutung zu. Es sind nur wenige und diese sind auch nur schwach ausgebildete. Ein Hund kann diesbezüglich deutlich vielseitiger kommunizieren als ein Pferd. Der Bereich um Maul und Nüstern hingegen ist wieder komplexer bemuskelt. Gerade die Lippen eines Pferdes sind extrem beweglich und auch empfindsam, was man auch daran erkennen kann, mit welcher Präzision sie die leckeren Blüten aus den dornigsten Disteln herauspuzzeln können. Legt man diese unterschiedliche Bemuskelung zugrunde, so kann man daraus ableiten, dass die Mimik von Pferden maßgeblich durch das Ohrenspiel bestimmt wird, gefolgt von der Maul- und Nüsternpartie, während die Augen eher dezent ausdrucksfähig sind. Theoretisch und wissenschaftlich sind wir nun auf dem Laufenden. Was aber fangen wir mit diesen ganzen Informationen an? Wenn wir unsere Pferde richtig lesen können, sind wir dann auch bereit, deren Äußerungen ernst zu nehmen und entsprechend zu reagieren? Besonders dann, wenn es für uns unbequem wird? Denn das ist doch die entscheidende Frage!

Ein Beispiel

Sicher hat bei folgendem Beispiel, jeder sofort ein Mensch-Pferd-Paar vor Augen, oder vielleicht erkennt jemand sogar sich selbst wieder?
Es wird gesattelt. Das Pferd legt dabei die Ohren an, knirscht mit den Zähnen, schnappt nach dem Gurt oder tritt nervös auf der Stelle. Der Mensch kommentiert das Ganze mal mehr, mal weniger freundlich: „Hör auf dich so anzustellen.“ „Es passiert doch gar nix Schlimmes.“ „Ich verspreche dir, ich zieh ganz langsam fest.“ „Halt endlich still!
Jeden Tag derselbe Fackelzug!“ „Jaaaa, wir satteln jetzt, ob du willst oder nicht.“
Eine solche oder ähnliche Situation hat jeder sicher schon einmal miterlebt. Ein gutes Beispiel dafür, wie sehr ein Mensch die Körpersprache seines Pferdes ignorieren kann. Wer nur das hört, was er möchte, wird vermutlich auch immer falsche Antworten geben und damit seine eigene Glaubwürdigkeit und damit das Vertrauen seines Pferdes aufs Spiel setzen.

Nicht ganz so einfach wie gedacht!

Doch wie verlässlich ist eine Einteilung der Gesichtsausdrücke mithilfe von Werten und Zahlen? Und stehen die genannten Kriterien ausschließlich für Schmerz? Was unterscheidet ein Schmerzgesicht von einem vollkonzentrierten Anstrengungsgesicht? Sind wir mal ehrlich: Richtig interessant wird es doch, wenn es um die negativen Äußerungen der Pferde geht. Freude und Neugier z. B. sind in ihrer Fehlinterpretation weitaus weniger gravierend als Schmerz, Verzweiflung, Langeweile oder Not. Denn das Erkennen dieser Zustände beim eigenen Pferd fordert oft ein Umdenken, ein Verlassen des bekannten Weges, eine möglicherweise drastische Umstellung des Bisherigen. Sind wir dazu bereit?
Auch hier ein Beispiel, das vielleicht der eine oder andere kennt:
Es ist Sonntagabend, das Turnierwochenende neigt sich dem Ende, und bei Facebook häufen sich die Posts von glücklichen Siegern und Platzierten.
Bilder von Mensch-Pferd-Paaren mit Schleifen und Pokalen. Glückliche Teams. Wirklich? Während die Reiter auf ihren Pferden im Kreis strahlen, zeigt ein Blick ins Pferdegesicht oft eine andere Emotion. Gestresst, müde und erschöpft oder ergeben. Zurück bleibt bei dem, der es erkennt, ein fader Beigeschmack. In einem glücklichen Team sollten doch beide strahlen, oder nicht? Spinnen wir den Faden weiter und bleiben beim Sport. Ist jedes Pferd mit nach hinten weisenden Ohren ein wütendes? Ein Getrieztes? Oder ist es möglicherweise hochkonzentriert und voll bei seinem Reiter? Zeigt eine Anspannung des Gesichts immer Schmerz, oder kann es auch sein, dass die Anstrengung der zu erbringenden Lektion das Pferdegesicht härter erscheinen lässt? Wenn ich an einen Gewichtheber denke, der gerade 150 kg in die Luft stemmt, dann geschieht das auch selten mit einem leichten Lächeln auf seinem Gesicht.
Fragen über Fragen und keine wirklich zufriedenstellenden Antworten. Warum nicht? Weil wir vielleicht einfach noch nicht so weit sind. Unsere Ansätze sind gut, aber der Weg, bis wir tatsächlich verstehen, was uns unsere Pferde mit ihren Gesichtern sagen, ist noch lang. Gerade die Deutung von Fotos ist, was das angeht, anspruchsvoll. Ohne Kontext des Davor und des Danach ist es schwer, eine solide Aussage über den Zustand des Pferdes zu treffen. Dennoch sollten wir alle unsere Antennen ausfahren und aufhorchen, denn auch die vielbeschworene Momentaufnahme kommt nicht von ungefähr – so wie in jedem Witz auch ein Körnchen Wahrheit steckt. Auch wenn wir keine Liste haben, die wir abhaken und anhand derer wir dann den passenden Gemütszustand ermitteln können, so können wir doch eins tun: wach und aufmerksam bleiben und zwischen den Zeilen lesen – oder besser, zwischen Ohren und Nüstern. Lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.

Ein Fototagebuch

Und vielleicht hilft auch ein privates Fototagebuch, in dem wir die unterschiedlichen Gesichtsausdrücke unserer Pferde festhalten und so miteinander vergleichen können. Dies kann dabei helfen, Frust von Wut, Angst von Unsicherheit, Langeweile von Genervtheit und echte Freude von purem Schabernack zu unterscheiden. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert, auch wenn es bei manchen Emotionen schwierig werden kann. Um nicht den Überblick zu verlieren, würde ich empfehlen, eine Aufstellung der wichtigsten Emotionen für das eigene Pferd zu machen. Diese kann sehr individuell sein und Gefühle, die für ein Pferd von großer Bedeutung sind, spielen bei einem anderen eine nur untergeordnete Rolle. Diese Aufstellung könnte wie folgt aussehen:
• Entspannung
• Langeweile
• Unsicherheit
• Furcht
• Vorfreude
• Panik
• Neugier
• Trotz
Nun beginnt man mit dem vermeintlich einfachsten und überlegt sich, wann dieses Gefühl am wahrscheinlichsten auftritt. In den allermeisten Fällen ist es eine positive Emotion wie Entspannung oder Vorfreude. Entspannung kann beim Putzen entstehen, Vorfreude vor der Fütterung oder wenn es auf die Weide geht. Ob die Situationen natürlich entstehen oder ob man sie künstlich herbeiführt, spielt dabei keine Rolle. Und dann fotografiert man einfach drauflos.
Bei der Durchsicht der Bilder werden Sie unter Umständen erstaunt sein, was Sie zu sehen bekommen und wie vielschichtig ein einziger Gefühlszustand tatsächlich sein kann. Auch werden Sie möglicherweise feststellen, dass das, was Sie glaubten zu kennen, sich in der tatsächlichen Detailaufnahme eines Fotos nochmal anders darstellt. Sie bekommen einen viel differenzierteren Blick für die feinen, mimischen Äußerungen Ihres Pferdes. Es kann zum Beispiel sehr aufschlussreich sein, Pferden beim Verladen genau ins Gesicht zu schauen.
Allzu oft wird ein „Nicht-einsteigen-Wollen“ mit „Der ist ja so stur“ kommentiert. Schaut man jedoch ganz genau hin, so sieht man gar keine Sturheit, sondern Unsicherheit, Skepsis oder Angst. Eine, wie ich finde, sehr schöne Methode, um Pferden Emotionen zu entlocken, ist es, sie mit einem unbekannten Gegenstand zu konfrontieren.

Das Pferd als Entdecker

Damit meine ich natürlich keine sicherheitsgefährdenden Experimente wie zum Beispiel das Werfen von Bällen. Eine solche Vorgehensweise fördert zwar unter Umständen extreme mimische Ergebnisse zu Tage, wäre aber verheerend für das Vertrauensverhältnis und zudem gefährlich. Stattdessen sollten Sie einen für Ihr Pferd unbekannten Gegenstand so platzieren, dass Ihr Pferd selbst entscheiden kann, wann, wie und ob es sich ihm nähern möchte. Dafür brauchen Sie ausreichend Platz, damit Ihr Pferd auch genügend Raum zwischen sich und den Gegenstand bringen kann, um sich sicher zu fühlen. Und nun brauchen Sie Geduld. Welche Strategie verfolgt Ihr Pferd? Wird es mutig und selbstbewusst darauf zugehen und neugierig schnuppern? Oder steht es in weiter Entfernung und prustet den Gegenstand empört an? Macht es den Anschein, als ob Ihr Pferd den Gegenstand ignoriert, um sich dann „klammheimlich“ zu nähern und dabei Übersprungshandlungen wie Jucken oder Scharren zu zeigen? Dann ist es unsicher! Wird es den Gegenstand sanft berühren, mit langem Hals und immer in Fluchtbereitschaft, oder stupst es mutig dagegen, weil die Neugier größer ist als die Furcht? All diese Reaktionen spiegeln sich im Gesicht Ihres Pferdes wider. Ich verspreche Ihnen, Sie werden erstaunt und begeistert sein, wie vielfältig die mimische Ausdrucksfähigkeit der Pferde ist, wenn man nur genau hinschaut.
Zugegebenermaßen gibt es Situationen, in denen es schwierig werden kann. Meist hat man dann alle Hände voll zu tun, eben diese Reaktionen zu kontrollieren, auch ohne Kamera in der Hand. Aber auch solche Situationen können wir in wertvolle Lernmomente umwandeln. Denn bevor sich das Pferd zum Beispiel aus Angst entscheidet, rückwärts zu stürmen oder sich loszureißen, hat lange vorher eine Veränderung der Körpersprache, der Körperspannung und natürlich auch der Mimik begonnen.

Mimik rechtzeitig erkennen

Das Pferd zeigt seine Angst nicht erst in dem Moment, wo es grob widersetzlich wird, sondern schon viel früher. Und exakt dieser Moment wäre genau der richtige, um mit dem Deeskalationsprogramm zu beginnen. Zu einem Zeitpunkt, wo noch nicht „alle Schotten dicht“ sind und das Pferd noch aufnahme- und lernfähig ist. Ein Blick ins Gesicht unserer Pferde kann also ganz entscheidend zu einem positiven und erfolgreichen Lernen und einer Entwicklung des Pferdes führen.

Auch wenn man letztendlich nicht alle Emotionen auf seiner Liste im Bild einfangen kann, so erhält man doch einen Überblick über die unterschiedlichen mimischen Ausdrücke des eigenen Pferdes und kann in Zukunft seine Stimmungslagen besser erkennen und deuten und somit zu einem verlässlichen und vertrauenswürdigen Partner für sein Pferd werden. Die Auseinandersetzung mit den mimischen Emotionen der Pferde kann eine faszinierende Reise sein, auf der man viel lernen kann – über sein Pferd und auch über sich selbst, denn vielleicht drückt man seinem Pferd in manchen Situationen auch einen Stempel auf, um sich mit dem wahren Problem dahinter nicht auseinandersetzen zu müssen. Wer aber bereit ist, das, was sein Pferd zu sagen hat, auch im Kleinen hören und verstehen zu wollen, der macht aus einem Miteinander ein Füreinander – die, wie ich finde, schönste Stufe der Kommunikation.

Das Schmerzgesicht eines Pferdes unmittelbar nach einer sehr komplizierten Zahnextraktion.


(Foto: Christine Hlauscheck)

CHRISTINE HLAUSCHECK

Die Pferdewirtschaftsmeisterin und Fachbuchautorin ist sich sicher: „Wer sich in Biomechanik und Reitlehre auskennt, kann jedes Reitproblem sinnvoll, nachhaltig und gewaltfrei lösen.“ In ihrer Trainingsgestaltung sowie mit ihren Veröffentlichungen „Steile Schulter, kurzer Rücken und Co.“ (FN-Verlag) und „Das Kreis-Meister-Konzept“ geht sie kreative und innovative Wege.
Weitere Infos: www.bewegungs-freiheit.de
www.kreismeisterkonzept.de