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„ICH FÜHLTE MICH SCHULDIG ! “


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Grazia - epaper ⋅ Ausgabe 32/2022 vom 04.08.2022
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Im Buch ?Endlich Papa? (Schwarzkopf & Schwarz- kopf) erzählt Christian Eigner von seiner Odyssee durch Kinderwunschpraxen

ALS UNSERE TOCHTER MARIE AUF DIE WELT KAM, genossen wir es, endlich Mama und Papa zu sein – aber wir fühlten uns auch wie Marathonläufer, die eine enorme Strecke hinter sich haben, bevor es überhaupt losgeht. Denn eigentlich hatte die Natur für uns nur ein Leben zu zweit vorgesehen, weil ich unfruchtbar bin. Auf natürlichem Wege hätte ich es nur mit sehr viel Glück geschafft, ein Kind zu zeugen.

Meine Frau und ich versuchten gleich nach unserer Hochzeit, ein Kind zu zeugen – doch 16 Monate passierte nichts. In mir kroch die Sorge hoch, dass da etwas nicht stimmte, also ließ ich mein Sperma in einem Labor analysieren. Eine Woche später teilte mir die Ärztin unverblümt mit, dass die Qualität alles andere als überragend sei. Ich hätte zu wenig Spermien, und von den wenigen könnten auch nur einige geradeaus schwimmen.

ICH HATTE MEIN GANZES HERZ AN DIE HOFFNUNG AUF EIN KIND GEHÄNGT

Durch diese Diagnose ...

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... kippte ich völlig aus den Latschen. Ich hatte das Gefühl, neben mir zu stehen und zuzuschauen, wie sich mein Leben auflöste. Wie durch einen Nebel hörte ich die Urologin fragen, ob das jetzt für mich ein Problem sei.

Problem? Ich hätte ihr am liebsten eine geklebt! Doch stattdessen krächzte ich nur verdattert: „Was soll ich jetzt tun?“ Darauf sie: „Sie können auf den Glückstreffer hoffen oder die Sache abhaken.“ Es war hart, das zu hören, denn ein Leben ohne Kinder konnte und wollte ich mir nie vorstellen.

Als ich die Praxis auf sehr wackligen Beinen verließ, konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Unfruchtbar – allein das Wort jagte mir schon einen Riesenschreck ein. Was sollte denn nun werden aus meinem Traum von einer großen Familie?

Außerdem meldete sich das schlechte Gewissen: Wie sollte ich es Isabella beibringen? Ich würde ja nun schuld daran sein, dass auch sie niemals Kinder haben würde! Dass sie mich verlassen könnte, glaubte ich keine Sekunde – doch ich begriff in diesem Moment, dass wir als Paar schweren Zeiten entgegengingen.

Aber als ich ihr alles erzählt hatte, sagte Isabella zu mir: „Mach dir keine Sorgen, Schatz. Wir werden eine Lösung finden.“

Ich bin eigentlich kein Macho, dessen Selbstbild von Männlichkeit, Zeugungskraft und Dominanz geprägt ist. Trotzdem konnte ich nicht so tun, als wäre nichts gewesen, dafür hatte die Diagnose so unwiderruflich und endgültig geklungen. Um mich irgendwie mit dem Thema auseinanderzusetzen, googelte ich Begriffe wie „Zeugungsunfähigkeit“ und „Männlichkeit“. So erfuhr ich etwa, dass die Zahl der unfruchtbaren Männer seit ungefähr 20 Jahren rasant ansteigt. Mittlerweile liegt die Ursache eines unerfüllten Kinderwunsches in 30 bis 40 Prozent der Fälle beim Mann! Etwa 1,5 bis zwei Millionen deutsche Paare haben Probleme mit dem Schwangerwerden. Aber nur wenige sprechen darüber – das Thema Kinderwunsch ist privat und tabu, vor allem, wenn er sich nicht erfüllt.

Auch Isabella und ich tauchten damals ab. Nicht mal mit unseren Eltern und engsten Freunden redeten wir zunächst über das Thema, das plötzlich unser gesamtes Leben bestimmte. Was ich erst viel später begriff: Mit jedem Anruf, den man nicht annimmt, mit jeder Party, die man schwänzt, und jedem Treffen, das man absagt, rutscht man ein Stück tiefer in die Isolation – bis auch die ersten fast unmerklich anfangen, sich zurückzuziehen.

Ich hing lange der Hoffnung nach, alles würde sich durch besagten „Glückstreffer“ von selbst lösen, deshalb dauerte es auch, bis wir den Entschluss fassten, uns von einem Arzt helfen zu lassen. Die ersten zaghaften Schritte lauteten „Sex nach Kalender“ und „künstliches Auslösen eines Eisprungs“. Das brachte nichts, also starteten wir unseren ersten Versuch einer künstlichen Befruchtung: Isabellas Eierstöcke wurden wochenlang mit Hormonspritzen stimuliert, die herangereiften Eizellen operativ entnommen und unter dem Mikroskop mit ausgewählten Spermien von mir befruchtet. Dann bekam sie zwei der winzig kleinen Embryonen wieder eingesetzt – doch der Schwangerschaftstest war negativ.

Als wir uns nach einigen Monaten halbwegs berappelt hatten, starteten wir den zweiten Versuch – in Österreich. Dort ist es Ärzten, anders als in Deutschland, erlaubt, unter den künstlich erzeugten Embryonen den oder die besten auszuwählen und der Frau nur diese(n) zu übertragen. Dafür zahlte die Krankenkasse keinen Cent, die Kosten von etwa 5000 Euro mussten wir selbst übernehmen. Doch das spielte bald keine Rolle mehr, denn Isabella wurde tatsächlich schwanger! Sollte jetzt etwa alles gut werden?

Nach wenigen Wochen kam die Ernüchterung: Isabella verlor den Embryo, noch ehe wir ihn zum ersten Mal im Ultraschall sehen konnten. Wir drohten in Trauer zu versinken. Aber nach einem weiteren halben Jahr hatten wir uns so weit aus unserer Enttäuschung herausgearbeitet, dass wir über einen dritten Versuch nachdachten. Ich hätte mir damals auch gar nicht vorstellen können, die Sache abzuhaken. Es kam mir vor wie ein gewaltiger Kampf mit dem Schicksal, den ich auf keinen Fall verlieren wollte.

Isabella sagte manchmal: „Wir können das hier nicht ewig machen. Irgendwann müssen wir anfangen, weiterzuleben.“

Ich wusste, dass sie recht hatte. Doch ich konnte nicht über eine Adoption nachdenken – geschweige denn über ein Leben ohne Kinder, dafür mit Theater-Abo und vielen Hobbys.

Es passiert leicht, dass man sich auseinanderlebt. Während die Frau ihren Körper mit Hormonen malträtiert, gerät der Mann schnell ins Abseits, weil er nichts zu tun hat, als sein Sperma abzugeben. Ich hätte meiner Frau gern mehr Qualen abgenommen. Doch leider blieben die körperlichen Strapazen an ihr hängen.

Für unseren dritten Versuch fuhren wir erneut nach Österreich. Wir tanzten durch die Wohnung, als wir die zwei Striche auf dem Teststreifen sahen! Wieder hatten wir Angst vor einer Fehlgeburt, aber die Schwangerschaft verlief normal – und nach Maries Geburt vergaßen wir die Torturen, die wir durchgemacht haben. ■