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„Ich gehe den Menschen schon mal auf den Keks”


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Donna - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 01.06.2022

Gesellschaft

Artikelbild für den Artikel "„Ich gehe den Menschen schon mal auf den Keks”" aus der Ausgabe 7/2022 von Donna. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Donna, Ausgabe 7/2022

Marie-Agnes Strack-Zimmermann, 64, ist promovierte Geisteswissenschaftlerin, war lange Kommunalpolitikerin, ist Mutter und Großmutter, und seit 2017 ist sie für die FDP im Bundestag und inzwischen gefragte Vorsitzende des Verteidigungsausschusses

Sie ist viel unterwegs in diesen Tagen, wir erreichen Marie-Agnes Strack-Zimmermann auf dem Weg von München nach Düsseldorf. Sie spricht geradeheraus, schnell, fast zackig. Und wirkt doch fröhlich und zupackend.

Frau Strack-Zimmermann, Sie sind Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestags. Wie ist Ihr Leben gerade?

Sehr schnell, sehr ernst.

Und wie finden Sie das?

Ich war vier Jahre in der Opposition im Verteidigungsausschuss, dann kamen wir an die Regierung, ich darf seitdem den Ausschuss leiten, und ein Krieg in Europa brach aus – wenn jemand so etwas schreiben würde, würde man sagen, ist ein bisschen dick aufgetragen, so viele Zufälle.

Wie würde Ihre beste Freundin Sie beschreiben?

Erst mal würde ich mir als meine Freundin empfehlen, jeden Tag eine kurze Pause einzulegen, um in Ruhe Mittag zu essen. Und zeitig genug abends zu Bett zu gehen. Beschreiben ...

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... würde ich mich so: Das, was ich mache, mache ich sehr gern und mit einer Energie, mit der ich Menschen schon mal auf den Keks gehe.

Hatten Sie einen Masterplan?

Ich hatte nie einen Plan, das empfehle ich auch jungen Menschen. Ich bin mit großen Brüdern aufgewachsen, habe mein Abitur gemacht und mit großer Freude studiert, bin durch Zufall in der Verlagswelt gelandet, wie das halt manchmal so ist. Ich habe mich in der Kommunalpolitik engagiert, auch aus der Sicht einer Mutter von drei Kindern. Dann wurde ich Erste Bürgermeisterin, und seit 2017 bin ich Mitglied des Deutschen Bundestags. All das hatte ich nicht geplant, und das kann man auch nicht planen.

Na ja, Sie haben im Verlag gearbeitet, drei Kinder bekommen, dann noch Kommunalpolitik gemacht. Das sind doch durchaus Entscheidungen.

Ich wollte immer Kinder haben. Meine Tochter und meine Söhne wurden von meinem Mann und mir gemeinsam großgezogen. Wir waren immer ein Team. Wenn der eine nicht konnte, sprang der andere ein, das hat mir das Arbeiten ermöglicht und natürlich auch die Kommunalpolitik. Leider findet Politik oft spätabends statt, das müssen Männer erfunden haben. Mein Mann hat mich sehr entlastet und mich auch angespornt, er sagte oft, wenn du Freude daran hast, dann mach es!

„Ich hatte schon als Kind eine große Klappe”

Macht Ihr Mann sich Sorgen, wenn Sie im Kriegsgebiet unterwegs sind?

Als ich aus der Ukraine zurückkam, war er erleichtert.

Was waren Sie für ein Kind?

Temperamentvoll und wild. Ich hatte ja ältere Brüder, die haben mich nicht geschont. Wenn wir mit dem Auto fuhren, musste ich immer hinten in der Mitte sitzen, was mich geärgert hat, ich wollte nämlich aus dem eigenen Fenster schauen. Ich hab mich auch auf dem Schulhof gerauft, wenn mir ein Junge blöd kam. Obwohl ich ein zartes Kind war, gehörte ich nicht zu den Vorsichtigen.

Waren Sie selbstbewusst?

Ich hatte zumindest eine große Klappe. Es gab aber auch Schulfächer, zum Beispiel Latein, da wäre ich am liebsten gar nicht wahrgenommen worden. Aber ich konnte sehr selbstbewusst sein, vor allem dann, wenn mir das Thema zugesagt hat.

Was hat Sie zur FDP gebracht?

Ich war immer politisch, in der Hochschulpolitik allerdings nicht aktiv, das war mir zu chaotisch. Ich habe die praktische Politik entdeckt, als ich durch meine Kinder die Themen Kindergarten und Schule erlebt habe. Das war mein Einstieg in die Kommunalpolitik.

Aber warum gerade die FDP?

Hans-Dietrich Genscher, der, als die Mauer geöffnet wurde, ja noch Außenminister war, hat mich extrem beeindruckt. Als Diplomat war er brillant, weil er auch die kleinen Länder immer berücksichtigt hat. Er ist sehr viel gereist, es gibt die berühmte Karikatur, da begegnen sich zwei Flugzeuge, aus dem einen Fenster winkt Genscher, aus dem anderen auch. Genscher war überzeugter Europäer, ein großer Politiker, der Inbegriff der Freiheit für mich. Im November 1990 bin ich in die FDP eingetreten. Die CDU-Frauen-Union hatte sich seinerzeit auch um mich bemüht, aber das Frauenbild der CDU hatte nichts mit meiner Vorstellung zu tun. Meine Brüder und ich sind von unseren Eltern gleich erzogen und gefördert worden.

Was für ein Frauenbild hatten Sie denn?

Ich hatte keine Rollenvorstellungen. Ich war glücklich, in einer großen Familie aufzuwachsen. Über meine Rolle in der Gesellschaft habe ich mir nie Gedanken gemacht. An der Universität kristallisierte sich heraus, dass ich mit Sicherheit niemandes Zierpüppchen sein wollte.

Fühlten Sie sich nie benachteiligt?

Meine Mutter musste einen Vormund für uns Kinder benennen, damit im Falle des Todes meines Vaters ein Sorgeberechtigter bereitsteht. Ich fand es schon damals ausgesprochen irritierend, dass eine Frau ohne Ehemann kein Sorgerecht für ihre eigenen Kinder hat.

Welche Bedeutung hat das Motorradfahren für Sie?

Ich habe vielleicht zu oft „Easy Rider“ geguckt. Ich habe mir mit 15 mein erstes Mofa gekauft, mit 16 ein Moped, da brauchte man noch keinen Führerschein. Mit 18 habe ich meinen Motorradführerschein gemacht, erstaunlicherweise haben meine Eltern das erlaubt, meine älteren Brüder hatten dieses Glück nicht. Dann habe ich mir ein Motorrad gekauft, ich hatte jahrelang darauf gespart. Meinen Vater hat so beeindruckt, wie ich jeden Pfennig zurückgelegt habe, dass er mir geholfen hat, die Versicherung zu bezahlen. Ich habe tolle Reisen gemacht, vor allem mit einem meiner Brüder zusammen. Wir haben ganz Europa durchquert, waren häufig in den Vereinigten Staaten, haben uns eine Harley gemietet und sind durch viele Bundesstaaten gefahren, das war unheimlich schön.

Sie fahren immer noch?

Ja, aber in den letzten Monaten bin ich wenig dazu gekommen.

Stattdessen sitzen Sie in Talkshows. Machen Sie das gern?

Ich freue mich, dass man Interesse an meiner Meinung hat. Ich finde, es gibt sehr gute Formate, und es macht mir Spaß zu diskutieren.

Sie befürworten Waffenlieferungen an die Ukraine. Was macht Sie so sicher?

Ich folge meinem Kompass. Ob der funktioniert, wird die Geschichte zeigen. Ich habe ein ausgeprägtes Störgefühl, wenn Ungerechtigkeiten passieren, wenn gelogen wird, wenn Geschichte geklittert wird. Und das, was jetzt in der Ukraine passiert, ist ja nicht nur völkerrechtlich, sondern auch moralisch so unvorstellbar verwerflich, dass für mich klar ist, man kann einen Machthaber wie Putin nur mit Waffen stoppen.

„Ich weiß nicht, ob ich mal einen Fensterplatz im Himmel bekomme”

Und eine diplomatische Lösung schließen Sie aus?

Selbstverständlich müssen wir Interesse daran haben, die Diplomatie sprechen zu lassen, damit die Waffen schweigen. Aber Putin will die Ukraine auslöschen, und darum reagiere ich auch so empfindlich, wenn Leute sagen, jetzt muss mal Schluss mit den Kämpfen sein, dann verliert die Ukraine eben oder schließt einen Kompromiss. Ich bin daher ziemlich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein.

Bringt Sie das um den Schlaf?

Glücklicherweise schlafe ich wie ein Baby. Wenn ich, wie jetzt gleich, im Zug sitze, hänge ich oft meinen Gedanken nach. Das klingt pathetisch, aber ich möchte, dass auch meine Kinder, meine Schwiegerkinder und Enkelkinder in Zukunft in Frieden und Freiheit leben können, so wie ich das zeitlebens konnte. Die Lage ist sehr ernst zurzeit.

Hatten Sie schon mal eine Waffe in der Hand?

Ich habe Wehrübungen mitgemacht, unter anderem beim Heer in Hammelburg. Da wurden uns auch Waffen vorgestellt. Vor allem mit der Pistole umzugehen ist unglaublich schwer.

Was macht Ihnen Mut?

Meine Familie. Und dass es der liebe Gott bisher sehr gut mit mir gemeint hat. Jenseits des Privaten: dass wir in einem freien Land leben und gewählt wurden, auch um jetzt vernünftig zu arbeiten. Gerade weil die Zeit eine schwierige ist, müssen die Menschen von uns erwarten dürfen, dass wir alles geben.

Sie glauben an Gott?

Ich bin Christin. Ich glaube, dass es so etwas gibt wie den lieben Gott. Ich fände es schrecklich, wenn nach dem Tod so gar nichts mehr käme. Ich weiß nicht, ob ich mal einen Fensterplatz im Himmel bekomme, angesichts meiner kleinen Frechheiten, aber man sagte mir, dass die Hölle sowieso viel spaßiger ist. Für eine Rheinländerin klingt das gut.