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Ich gelte, also bin ich


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 06.05.2022
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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 6/2022

DIE WELT ZU FÜSSEN | Kaum etwas befriedigt uns so sehr, wie Bewunderung, Respekt und Ansehen zu genießen.

Grimmig stehen sich zwei Gestalten gegenüber. Sie stoßen zusammen, taumeln zurück, drängeln erfolglos. Auf einmal verbeugt sich die eine und lässt der anderen den Vortritt. Die Beobachter der Szene dürfen anschließend entscheiden, mit welcher der beiden Figuren sie spielen wollen. Auf wen fällt die Wahl? 20 von 23 Probanden bevorzugen den, der sich beim Gerangel durchsetzte. Allerdings nur, wenn der Unterlegene von sich aus Platz machte – stieß ihn der »Sieger« einfach um, ist das Opfer beliebter.

Dies ist keine Szene aus einem Fernsehspiel, sondern eine Art Kasperletheater in Dienst der Wissenschaft. Die Probanden waren Zweijährige, die beiden Kontrahenten kleine puppenartige Figuren. Mit ihrer Studie von 2018 bestätigten Psychologen um Ashley Thomas von der University of California in Irvine, dass bereits Kleinkinder ein feines Gespür für sozialen Status besitzen und denjenigen zuneigen, die ...

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... offenbar Respekt genießen. Augenscheinlich ordnete sich die ausweichende Puppe der anderen unter, sonst hätte sie kaum freiwillig das Feld geräumt. Weitere Forschungsarbeiten der letzten Jahre bestätigen, dass auch ältere Kinder eher solche Spielkameraden suchen, denen die Bewunderung und Anerkennung anderer sicher ist.

Sozialpsychologen erklären diese frühe Statusorientierung so: Zu wissen, wer in einer Gruppe hoch angesehen ist und denjenigen selbst möglichst nah oder ähnlich zu sein, erhöht die Chance, sich in ihrem Glanz zu sonnen und ebenfalls respektiert zu werden. Dahinter steht vermutlich eine tiefe evolutionäre Prägung des Menschen. Von Geburt an sind wir auf Fürsorge und Unterstützung angewiesen; ohne die Kompetenz und das Wohlwollen anderer Mitglieder der eigenen Gruppe wären wir verloren. Folglich interessieren sich schon Zeichen der Anerkennung für diesen Artikel nimmt er gerne entgegen. die Kleinsten brennend für Signale, die den sozialen Status ihrer Nächsten anzeigen.

UNSER AUTOR

Steve Ayan ist Psychologe und »Gehirn& Geist«-Redakteur.

Menschliche Gemeinschaften sind bekanntlich nicht homogen. In ihnen gibt es vielfältige Rangordnungen und Hierarchien, Anführer und Gefolgsleute sowie Spezialisten für verschiedene Aufgaben, von der Nahrungsbeschaffung bis zur Kinderpflege. Für das eigene Gedeihen ist es unter solchen Bedingungen essenziell, den sozialen Rang von anderen zu erkennen und den eigenen möglichst zu erhöhen.

Wie das Puppen-Experiment zeigt, macht es dabei einen bedeutenden Unterschied, worauf der soziale Status genau gründet – ob auf Dominanz oder auf Prestige. Dominante Personen setzen auf Einschüchterung und Angst, indem sie denen, die sich ihnen nicht fügen, Sanktionen bis hin zu offener Gewalt androhen. Sie zwingen anderen den eigenen Willen auf, oft gegen Widerstände. Personen mit hohem Prestige haben das dagegen kaum nötig: Man vertraut auf ihr Können und Engagement, weist ihnen also von sich aus eine herausgehobene Stellung zu.

Ein universelles Motiv

Mit einer großen Literaturübersicht untermauerte ein Team um den Psychologen Cameron Anderson von der University of California in Berkeley 2015 die so genannte »Status-Hypothese«. Demnach ist das Streben nach Anerkennung ein universell menschliches Motiv, das zahlreiche unserer Denk-und Verhaltensweisen leitet.

Status setzt sich psychologisch betrachtet aus drei Elementen zusammen: erstens Respekt und Bewunderung seitens anderer, zweitens deren freiwillige Unterordnung sowie drittens ein hoher Rang innerhalb der Gruppenhierarchie.

Mittels dieser Dimensionen lässt sich sozialer Status von verwandten Konzepten abgrenzen, etwa vom sozioökonomischen Status, der den relativen Wohlstand einer Person beschreibt – also Einkommen, Bildung und Berufsstand. Das hat mit Status, wie Psychologen ihn verstehen, nicht unbedingt viel zu tun. So können Menschen durchaus wenig Geld und Einfluss, aber umso mehr Ansehen besitzen – Künstler etwa, Gelehrte oder auch Mönche.

Das zeigt zugleich: Den einen Status einer Person gibt es nicht. Er variiert zum Beispiel je nach Bezugsgruppe und Kompetenzbereich. Jemand kann unter seinen Kollegen eher wenig, in der Familie dagegen sehr hoch angesehen sein. Ein anderer ist vielleicht als Ratgeber bei Konflikten gefragt, nicht jedoch in technischen oder finanziellen Fragen.

Trotz aller Mehrdeutigkeit schreiben Menschen einander meist schnell und automatisch einen bestimmten Status zu und schließen diesen aus einer Fülle von Indizien. Eine Möglichkeit, das in Experimenten zu messen, bietet der einfache »Leiter-Test«. Dabei legt man Probanden das Bild einer Leiter mit zehn Sprossen vor und erklärt ihnen, jede Gemeinschaft umfasse eine Hierarchie aus höher und geringer angesehenen Personen. Die entscheidende Frage: »Auf welcher Sprosse siedeln Sie Ihren Status (beziehungsweise den von Person x) an?« Gibt man dabei keine spezielle Gruppe vor, legen Probanden meist ihr privates Umfeld – Familie, Freunde, Nachbarn – zu Grunde.

Nun könnte man vermuteten, dass die so Befragten ihr eigenes Ansehen regelmäßig höher einschätzen, als andere dies tun oder als sie selbst eigentlich realistisch finden. Das ist erstaunlicherweise kaum der Fall: Selbstund Fremdeinschätzung in Sachen Status stimmen meist gut überein. In einer Studie von Psychologen um Dacher Keltner, ebenfalls von der University of California in Berkeley, betrug die Korrelation, also das Maß für den statistischen Zusammenhang zwischen zwei Werten, rund 0,5. Das ist für psychologische Parameter ziemlich hoch.

Menschen überschätzen oft ihre Intelligenz oder Offenheit – ihren sozialen Status dagegen kennen sie gut

Die große Kongruenz der Fremd-und Selbsturteile hat vermutlich damit zu tun, dass Fehleinschätzungen des eigenen Status für die Betreffenden besonders nachteilig sind. Stellen Sie sich vor, Sie würden Ihren Kollegen oder Kommilitonen oder anderen Mitgliedern im Sportverein zu verstehen geben, Sie selbst seien ja wohl viel angesehener und wichtiger als der Rest. So macht man sich auf schnellstem Wege unbeliebt! Folglich überschätzen Menschen zwar durchaus oft ihre Intelligenz, Offenheit oder Großzügigkeit; ihren sozialen Rang dagegen kennen und berücksichtigen sie meist gut (mit Ausnahme von pathologischen Narzissten).

Vom Nutzen eines rosigen Selbstbilds

Kann ein allzu rosiges Bild der eigenen Fähigkeiten vielleicht sogar helfen, in den Augen anderer mehr Status zu erlangen? Diesem Verdacht gingen Forscher um Cameron Anderson und Jessica Kennedy 2012 nach. Bei ihren Experimenten verwendeten sie unterschiedliche Aufgaben: Mal sollten die Teilnehmer die Position wichtiger Großstädte auf einer leeren Umrisskarte der USA einzeichnen, mal galt es, das Körpergewicht von Personen auf Fotos zu schätzen oder den Mittelwert einer Zahlenreihe zu bestimmen. Danach wurde den Probanden entweder ihre wahre Leistung zurückgemeldet, oder sie bekamen ein geschöntes Feedback. Ein weiterer trickreicher Test war ein Fragebogen aus 60 mehr oder weniger berühmten Namen, Ereignissen und Marken, für die man jeweils angeben sollte, wie gut man sie kannte – von »nie gehört« bis »sehr vertraut«. Der Clou: Jeder fünfte Eintrag war frei erfunden. Je öfter jemand diese Fakes mit »kenne ich« beantwortete, desto mehr überschätzte er offenbar sein Wissen.

Andere Probanden, die mit den Getesteten teils über Wochen an einem Studienprojekt arbeiteten, gaben parallel Auskunft, wie angesehen diejenigen in ihrer Gruppe waren und wie sehr sie die gemeinsame Arbeit beeinflussten. Ergebnis: Selbstüberschätzung – ob durch falsches Feedback ausgelöst oder nicht – ging tendenziell mit höherem Status einher. Wie Nachbefragungen zeigten, traten die von sich Überzeugten besonders ruhig und besonnen, engagiert und selbstsicher auf. Dies war auch dann zu verzeichnen, wenn sich die Probanden nur an eine frühere Glanzleistung erinnerten, weshalb sie ihre Kompetenz im Schnitt höher ansetzten.

Fazit: Wir überschätzen unserer Fähigkeiten, was dabei hilft, andere zu beeindrucken. Das gelingt Menschen mit echter Kompetenz vergleichsweise schlechter, so die Studienautoren: »Selbstüberschätzer legen ein Verhalten an den Tag, mit dem sie andere eher von ihrer Kompetenz überzeugen als Menschen, die wirklich kompetent sind.«

Und wozu das alles? Was haben wir davon, wenn man uns hofiert? Der soziale Status hängt laut zahlreichen Befunden eng mit einer Reihe wünschenswerter Eigenschaften zusammen. Anders als Einkommen oder beruflicher Erfolg fördert hoher Status zum Beispiel sehr stabil das Wohlbefinden, wie Andersons Metaanalyse ergab. Und es stärkt die Gesundheit: In einer Arbeit von 1999 infizierten Forscher mehr als 100 Versuchsteilnehmer mit einem Erkältungsvirus und beobachteten sie danach während einer fünftägigen Quarantäne. Menschen mit niedrigem Status bekamen eher einen Schnupfen, und ihre Symptome fielen stärker aus. Dass mangelnde soziale Anerkennung zudem das Risiko für körperliche und seelische Erkrankungen erhöht, wissen Epidemiologen seit Langem.

Was Gesten und Gefühle offenbaren

Da verwundert es kaum, wie sensibel wir den Status einer Person aus verschiedenen Signalen ableiten. Dazu zählen nicht nur Besitztümer wie Haus, Auto und Jacht, sondern auch kleine Gesten, Auftreten, Körperhaltung, Sprechweise, Titel, Kleidungsstil, bevorzugte Speisen und etliches mehr. Selbst Gefühle offenbaren Status: Wer gut gelaunt und stolz erscheint, dem attestieren Testpersonen im Schnitt höheren Status als etwa Leuten, die Scham zeigen.

Ein weiteres Kennzeichen: Fairness. Gehen andere auf Wünsche und Bedürfnisse einer Person ein und achten ihr gegenüber auf gerechtes Geben und Nehmen, spricht das für deren hohes Ansehen. Vermutlich sind wir deshalb auch so erpicht darauf, Ungerechtigkeit zu geißeln: Mehr noch als die konkreten Folgen fürchten wir oft, was es über unseren Status sagt, wenn andere uns kränken oder hintergehen.

Aus dem gleichen Kalkül meiden wir häufig Verhaltensweisen, die mit niedrigem Status assoziiert sind. Sich entschuldigen, um Hilfe bitten, Unwissen zugeben oder Verständnisfragen stellen – das verkneifen wir uns gern, wenn sonst der Eindruck entsteht, wir könnten uns nicht selbst helfen oder wüssten nicht Bescheid. Auch anderen Respekt zu bekunden, kann so wirken, als stünde man auf der Statusleiter unter ihnen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob das wirklich sein muss. Zeugt es nicht von Größe, wenn man Fehler und Schwächen zugibt? Muss man andere stets beeindrucken, statt ehrlich und »auf dem Teppich« zu bleiben? Sicher gibt es Kontexte, etwa in der Familie oder in engen Zweierbeziehungen, wo das möglich, ja sogar gewünscht ist. Allerdings steht die verbreitete Idee, man solle im Miteinander stets bescheiden und echt sein, in auffälligem Kontrast zu dem, was psychologische Studien recht unisono belegen: Status ist Trumpf ! Warum weisen wir die eigene Ruhmsucht dennoch so weit von uns?

Der US-amerikanische Wissenschaftsautor Will Storr gibt in seinem Buch »The Status Game« eine interessante Erklärung: Das Spiel um Anerkennung funktioniert nur, wenn wir es voreinander verbergen. Würden wir uns gegenseitig zugestehen, dass jeder nach Status strebt, hätte genau dies kaum Aussicht auf Erfolg. Denn Status ist nicht einfach da, sondern wir weisen ihn uns gegenseitig zu. Offensichtliche Angeber kann man jedoch nicht als kompetent oder vertrauenswürdig ansehen. Folglich müssen wir Echtheit simulieren, um vom Eindruckschinden zu profitieren.

Obwohl die meisten Menschen soziale Gleichheit betonen, tun sie zugleich viel dafür, nicht so zu sein wie alle anderen. Anderson und sein Kollege John Hildreth von der Cornell University fragten sich, warum egalitäre Gesellschaften so wenig verbreitet sind und selbst dort, wo sie in der Geschichte einmal aufkamen, nur von kurzer Dauer waren. Ihrer Ansicht nach liegt das an der kompetitiven Natur des Statusstrebens: Wir wollen nicht bloß hohen Status, sondern höheren als andere.

Die beiden Forscher teilten mehr als 220 Probanden in Fünfer-Teams auf. Zunächst bearbeiteten die Teilnehmer eine Batterie von Fragebögen, die ihre Persönlichkeit und emotionale Intelligenz betrafen. Nach einer Pause erklärte man jedem, die Mitglieder seiner Gruppe hätten einen Gesamtwert erzielt, der ihren sozialen Status widerspiegle. In Wirklichkeit war dieser rein fiktiv. Ein Teil der Probanden erhielt auf der Statusskala von 1 bis 7 eine 4 als Gruppenwert; andere dagegen eine 6. Die Pointe: Der Status des Betreffenden selbst wurde unabhängig von der Bewertung ihrer Gruppe ebenfalls entweder mit 4 angegeben, also identisch oder niedriger als das Gruppenmittel, oder aber mit 6 (höher oder auf dem gleichen Niveau wie die anderen).

Selbst kleine Gesten wie ein Fingerzeig offenbaren sozialen Status. Deshalb setzen viele sie strategisch ein

Gleicher Status für alle?!

Wie sich zeigte, war das Wohlbefinden der Personen mit hohem Status besonders groß, wenn die Gruppe im Verhältnis zu ihnen schlechter abschnitt. Eigener hoher Status unter lauter Leuten mit ebenso viel Ansehen befriedigte die Probanden hingegen viel weniger (siehe »Hoch allein reicht nicht«).

In einem zweiten Experiment legten Anderson und Hildreth fast 800 Teilnehmern weitere Szenarios mit anderen Einzelwerten vor und fragten, mit welchem sie sich wohler fühlten. Beliebter waren durchweg solche, in denen man selbst höher rangiert als die Gruppe, auch wenn der absolute Wert niedrig ausfiel: Lag man persönlich nur bei 4,08, das Mittel aber bei 4, fühlte sich das deutlich besser an als ein Status von 5, wenn die anderen im Schnitt 6 erzielten. Fazit: Status heißt Konkurrenz. Es geht darum, besser zu sein als andere; dass alle gleich gut dastehen, ist nicht attraktiv – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Laut den Forschern erklärt dies, warum egalitäre Ansätze oft wenig echte Unterstützung finden. Wenn alle gleich viel Status besitzen, leidet darunter der eigene.

Um die gefühlte Differenz zwischen eigenem und fremdem Status zu erhöhen, muss man sich jedoch gar nicht selbst positiv hervortun (was oft mühsam und von unsicherem Erfolg ist). Man kann auch umgekehrt den Status anderer herabsetzen oder dafür sorgen, dass er niedrig bleibt. Genau das tun Menschen – mit Verlaub – regelmäßig: Sie werten andere ab, um sich selbst besser zu fühlen.

Eine 2021 erschienene Arbeit eines Teams um Alexandra Fleischmann von der Universität Köln zeigte in zwölf Experimenten mit mehr als 5500 Teilnehmern: Vergleiche »nach unten« sind besonders auf moralischem Gebiet verbreitet. Anders als in Sachen Sportlichkeit, Schönheit oder Erfolg – Felder, auf denen wir durchaus oft zu anderen aufblicken, ob aus Neid oder aus Bewunderung – vergleichen wir unsere Ehrlichkeit oder Hilfsbereitschaft lieber mit vermeintlich Unterlegenen.

In ihrer Arbeit befragten die Forscher Probanden zum Beispiel mehrmals am Tag dazu, mit wem und in welcher Hinsicht sie sich zuletzt verglichen hatten. Ging es um moralische Urteile, war der Blick öfter auf die Mängel statt auf die Vorzüge von anderen gerichtet (siehe »Ich und die anderen«). Viele verzichteten selbst auf Lotterielose oder Geld, um nicht an moralischen Vorbildern gemessen zu werden. Nach Ansicht der Psychologen wirken moralische Vergleiche schneller bedrohlich, weil wir sie intuitiv eng mit dem eigenen Ich verknüpfen. Mäßige Noten oder ein paar Pfund zu viel auf den Rippen zu haben, bereitet meist weniger Unbehagen als der Gedanke, man könnte ungerecht oder egoistisch sein.

Bei aller Konkurrenz im Statusdenken darf man eines nicht vergessen: Andere nötigen uns in der Regel nur dann Respekt ab, wenn sie sich zum Wohl aller einsetzen. Neben Kompetenz gilt das als eines von zwei wesentlichen Merkmalen, nach denen wir bei unseren Nächsten Ausschau halten: Kann derjenige etwas? Und meint er es gut? Trifft beides zu, ist ihm Anerkennung sicher.

Die Kehrseite der Medaille

Das Statusstreben hat allerdings auch eine bittere Kehrseite. Weil es für uns so wichtig ist, anerkannt und respektiert zu sein, hat es häufig dramatische Folgen, wenn man Menschen dieses Gefühl vorenthält. Kriminologen sehen eine der häufigsten Ursachen von Straffälligkeit bis hin zu Mord darin, dass den Tätern schon früh und systematisch Status verwehrt wurde – etwa durch dauernde Herabsetzung und Missbrauch in der Kindheit. Laut einer Untersuchung von Amokläufen an US-amerikanischen Schulen in der Zeit von 1985 bis 2003 wurden 87 Prozent der Taten durch akute oder chronische soziale Ablehnung ausgelöst. Nach Ansicht des palästinensischen Psychiaters Eyad El-Sarraj sind islamistische Selbstmordattentäter meist ebenfalls getrieben von einer langen Geschichte der Demütigung und dem Wunsch nach Rache. Seine deutsch-norwegische Kollegin Evelin Lindner stellte in einem Artikel von 2009 lapidar fest: »Die gefährlichste Massenvernichtungswaffe ist die erniedrigte Psyche.«

Aber auch bei behütet aufgewachsenen, gefestigten Personen löst drohender Statusverlust starken Stress aus und fördert Aggressionen. In einer Arbeit von Vlad Griskevicius von der University of Minnesota und seinen Kollegen erklärten fast die Hälfte der Probanden auf die Frage, wann sie das letzte Mal physische Gewalt ausgeübt hatten: als sie sich ihrem Status bedroht fühlten, etwa durch Beleidigung oder herablassendes Verhalten von anderen. Dies war bei 48 Prozent der Männer und 45 Prozent der Frauen der meistgenannte Grund. Eine weitere Studie ergab, dass knapp zwei Drittel der Männer (59 Prozent) und jede zweite Frau in Reaktion auf persönliche Erniedrigung schon einmal Mordfantasien hatten.

Ein drohender Statusverlust löst Stress aus und fördert Aggressionen – bei Einzelnen ebenso wie in Gruppen

Laut Konfliktforschern lässt sich das, was für Individuen gilt, zudem auf das Gebaren ganzer Staaten übertragen. In ihrem Buch »Virtous Violence« (»Tugendhafte Gewalt«) präsentierten die Anthropologen Alan Page Fiske und Tage Shakti Rai eine Auswertung von 94 Kriegen weltweit seit 1648. Zirka zwei Drittel der Waffengänge galten demnach einem Prestige-und Rachestreben; Sicherheits-oder Handelsinteressen waren demgegenüber meist zweitrangig.

Häufig gehen gewaltsamen Konflikten Phasen der Depression oder einer gefühlten Herabsetzung voraus. Wird die staatliche Souveränität oder der Stellenwert einer Nation, sei es durch Besetzung, Ausbeutung oder Unterdrückung, in Frage gestellt, kommt es oft zu einer Gegenbewegung: Nationalismus und Hass erblühen.

Kompensation für erlittene Demütigung

Der 1932 geborene Politikwissenschaftler und Historiker Robert Paxton, Emeritus der Columbia University in New York, hat sich intensiv mit der Entstehung faschistischer und anderer totalitärer Systeme beschäftigt. Nach seiner Definition sind sie gekennzeichnet durch eine »obsessive Beschäftigung mit dem Niedergang der eigenen Gemeinschaft, ihrer Demütigung oder Opferrolle sowie kompensatorische Kulte von Einheit, Stärke und Reinheit«. Ein Beispiel dafür war Deutschland in den 1930er Jahren. Die Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg sowie die nachfolgenden Reparationen nährten damals Legenden wie die vom »Dolchstoß« sowie Herrschaftsfantasien, die letztlich zur Machtergreifung der Nazis und zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs führten. Obwohl die Siegermächte nach 1945 noch viel mehr Grund dazu gehabt hätten, setzten sie anders als 1918/19 nicht auf die Niederwerfung der Besiegten, sondern auf Wiederaufbau und Integration Deutschlands in die internationale Gemeinschaft – eine psychologisch weitsichtige Entscheidung.

Auch im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 betonen Experten immer wieder, welches Trauma der Niedergang der Sowjetunion für viele Russen einschließlich ihres autokratischen Präsidenten bedeutete. Der Drang, sich auf der Weltbühne wieder Geltung zu verschaffen, mag nicht der primäre Auslöser für den Krieg gewesen sein. Gewiss lieferte die Kompensation des russischen Minderwertigkeitsgefühls Putin jedoch eine willkommene Chance, um sich als Retter seiner »verratenen« Nation zu inszenieren. Man ist wieder wer – und nimmt dafür in Kauf, die eigene Reputation auf Jahre hinaus zu zerstören.

Hierin zeigt sich eine tiefe Tragik des menschlichen Statusstrebens: Ob Puppe oder Potentat – wer sich nicht durch Prestige, sondern mit Gewalt Respekt verschaffen will, erreicht damit häufig das Gegenteil. Andere davon zu überzeugen, dass man kompetent, wohlgesinnt und vertrauenswürdig ist, bietet auf lange Sicht viel mehr Vorteile.

Auf einen Blick: Was wir tun, um Respekt zu ernten

1Von klein auf sind Menschen sensibel für sozialen Status. Sie weisen ihn einander automatisch zu und wollen den eigenen Wert in der Gruppe erhöhen, um Ansehen, Respekt und Vertrauen zu genießen.

2 Status kann auf Dominanz oder auf Prestige gründen. Letzteres hat den Vorteil, dass sich andere freiwillig unterordnen. Unser Statusstreben ist zudem kompetitiv, denn wir wollen uns anderen gern überlegen fühlen.

3 Bedrohter Status und Erniedrigung sind oft eine Quelle von psychischen Problemen, Misstrauen und Gewalt. Ganze Nationen neigen dann zur »kompensatorischen« Selbstüberhöhung mit teils katastrophalen Folgen.

Ich und die anderen

Eine Gruppe Kölner Psychologen fragte Probanden regelmäßig per Handy, mit wem sie sich kürzlich verglichen hatten. Vergleiche »nach oben«, also mit überlegenen Personen, betrafen oft die Sportlichkeit, das Aussehen oder den Erfolg. In Sachen Moral verglich man sich dagegen meist »nach unten«. Sozialer Status ist besonders eng mit dieser Dimension verbunden.

Hoch allein reicht nicht

In Experimenten gab man Menschen fiktives Feedback über ihren Status sowie den von anderen Mitgliedern ihrer Gruppe. Teilnehmer mit vermeintlich hohen Werten (dunkle Balken) fühlten sich in einem Umfeld, in dem andere ebenso hoch rangierten (rechts), weniger wohl, als wenn die Gruppe insgesamt schlechter als sie dastand (links). Forscher schlussfolgern daraus, dass das Statusstreben kompetitiv ist: Wir wollen nicht nur hohen Status besitzen, sondern einen höheren als andere.

11 Min uten mit Gehirn&Geist

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LITERATURTIPP

Storr, W.: The status game. On social position and how we use it. William Collins Books 2021 Lesenswertes Sachbuch zur Psychologie, Soziologie und Geschichte des Statusmotivs

QUELLEN

Anderson, C., Hildreth, J. A. D.: Striving for superiority: The human desire for status. IRLE Working Paper 115-16, 2016

Anderson, C. et al.: Is the desire for status a fundamental human motive? A review of the empirical literature. Psychological Bulletin 141, 2015

Fleischmann, A. et al.: More threatening and more diagnostic: How moral comparisons differ from social comparisons. Journal of Personality and Social Psychology: Interpersonal Relations and Group Processes 121, 2021

Griskevicius, V. et al.: Aggress to impress: Hostility as an evolved context-dependent strategy. Journal of Personality and Social Psychology 96, 2009

Thomas, A. J. et al.: Toddlers prefer those who win but not when they win by force. Nature Human Behavior 2, 2018

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2006245