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Ich habe, also bin ich


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 9/2018 vom 03.08.2018

BESITZ Warum spüren wir oft eine tiefe Verbundenheit zu materiellen Dingen?


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 9/2018

GETTY IMAGES / ZERO CREATIVES

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Auf einen Blick: Besitz schafft Sicherheit

1 Menschen sind soziale Wesen. Um uns emotional sicher zu fühlen, benötigen wir Bindungen zu anderen Personen. Fehlen diese, füllen wir die Lücke unter Umständen mit materiellen Besitztümern.

2 Wir nehmen instinktiv an, unsere Sachen seien von unserem Wesen durchdrungen. Bei physischem Kontakt mit den Besitztümern anderer haben wir das Gefühl, wir berührten damit auch einen Teil ihrer Essenz.

3 Ein gewisses Maß an ...

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... Anthropomorphismus, also eine Vermenschlichung von lieb gewonnenen Dingen, ist normal. Bei einigen Menschen kann sich daraus jedoch eine Störung in Form des pathologischen Hortens entwickeln.

Im bunt dekorierten Klassenzimmer fragt ein Forscher einen Fünfjährigen, welche seiner Sachen er am allerliebsten mag. Der Junge überlegt kurz und erzählt dann von seinem Dinosaurier-T-Shirt, das er am Morgen seinen Eltern zum Waschen geben musste. Anschließend darf der Kleine zwei einfache Computerspiele spielen. Was er nicht weiß: Das Team um Studienleiter Gil Diesendruck von der Bar-Ilan-Universität in Israel hat die Spiele so programmiert, dass der Junge – wie auch die anderen Kinder, die an dieser Studie teilnehmen – ein Spiel gewinnen und das nächste verlieren wird.

Nach jeder Runde fragt der Erwachsene ihn, ob er sich vorstellen könnte, sein Lieblingsshirt einem anderen Kind für eine Nacht zu leihen. Die Antworten fallen durchaus unterschiedlich aus: Nach der ersten, erfolgreichen Runde stimmen er und die meisten anderen Teilnehmer noch zu, die Lieblingssachen zu teilen. Nach der Niederlage sind nur noch etwa die Hälfte von ihnen dazu bereit. Der Junge zum Beispiel lehnt ab. Sollen die Kleinen Dinge teilen, die ihnen weniger wichtig sind, beobachten die Forscher keinen derartigen Unterschied.

Experimente wie das gerade beschriebene von 2015 sollen beleuchten, wie stark Menschen sich an ihre materiellen Besitztümer binden – und wie sich das auf ihr Sicherheitsempfinden auswirkt. Ein Großteil des relativ neuen Forschungsgebiets baut auf Erkenntnissen der Psychologen John Bowlby, Mary Ainsworth und Donald Winnicott auf. Von diesen Forschern stammt auch die kontroverse Theorie, wonach die Bindung eines Kleinkindes zur Mutter zukünftige Beziehungen maßgeblich beeinflusst. In einer weiteren These postulierte Winnicott, dass ein Kind, das sich gerade von seiner Mutter abnabelt, oft ein »Übergangsobjekt« als Mutterersatz auswählt. Selbst im Erwachsenenalter finden wir weiterhin Trost und Geborgenheit in unseren materiellen Dingen – das belegen mittlerweile zahlreiche Studien. Manchmal verhalten wir uns gar so, als wäre ein Teil unseres Wesens an einen geliebten Gegenstand gebunden. Nimmt dieser Schaden oder geht er verloren, fühlen wir uns selbst auch beschädigt oder verloren.

Die enge Beziehung, die wir zu Besitz aufbauen, mag vielleicht etwas schrullig erscheinen. Und doch ist sie vollkommen normal. »Jeder von uns hält an Dingen fest und fühlt sich dank ihnen geborgen«, erklärt der Evolutionspsychologe Nick Neave von der Northumbria University in England. »Das ist Teil unseres evolutionsgeschichtlichen Erbes.« Schon unsere Urahnen legten Essensvorräte an – vor allem dann, wenn sie nur schwer an Nahrung kamen. Diese Art von Horten war und ist ein äußerst bedeutsamer Überlebensmechanismus, so Neave. Dasselbe gilt für Waffen und Werkzeuge. »Entlässt man Menschen ohne jegliche Hilfsgegenstände in die Welt«, sagt er, »fühlen sie sich schutzlos. Sie brauchen ihre Besitztümer, um überleben zu können.«

Pyramide der Bedürfnisse

Menschen sind, wie wir wissen, soziale Wesen. Um uns wohl zu fühlen, brauchen wir mehr als Materielles, das unser Überleben sichern soll. Der Psychologe Abraham Maslow hat die menschlichen Bedürfnisse 1943 hierarchisch gegliedert und in einer heute berühmten »Bedürfnispyramide « dargestellt. Die Basis bilden physiologische Grundbedürfnisse nach Nahrung, Luft und Wasser, die jeder Mensch zum Überleben braucht. Darauf aufbauend gibt es eine Ebene der körperlichen Sicherheit, gefolgt von einer von Liebe und Zugehörigkeit sowie, nahe der Spitze, der von Wertschätzung (Ego-Stärke). Ganz oben steht die Selbstverwirklichung, die einer Person die optimale emotionale Gesundheit bietet und es ihr ermöglicht, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Besitz kann, vielleicht mit Ausnahme der Selbstverwirklichung, in all diesen Bereichen Sicherheit vermitteln.

In der psychoanalytischen Literatur unterscheidet man zwischen vier Haupttypen von Bindungen. Einen sicheren Bindungsstil haben vor allem Menschen entwickelt, die in früher Kindheit eine enge Beziehung zu einer zuverlässigen Bezugsperson hatten und sich in dieser sicher und geborgen fühlten. Wer in kritischen Situationen von seiner Bezugsperson abgewiesen wurde, hat sich vermutlich einen unsicher-vermeidenden Bindungsstil angeeignet. Solche Menschen erscheinen möglicherweise unabhängig und unnahbar. Sie empfinden diesen »Panzer« als emotionalen Schutzschild. Hat jemand die Bezugsperson als wechselnd besorgt und gleichgültig wahrgenommen, entwickelt er mitunter einen unsicher-ambivalenten Bindungsstil. Hierfür charakteristisch ist, sich an Personen im engsten Kreis zu klammern oder sie ständig zu beobachten, um sich ihrer Nähe zu vergewissern. Zuletzt gibt es auch Menschen, deren Bezugspersonen ihnen in früher Kindheit auf irgendeine Weise Schaden zugefügt haben. Sie entwickeln einen ängstlich-vermeidenden Bindungsstil und fürchten sich im Erwachsenenalter eventuell sogar davor, Beziehungen einzugehen. Im Jahr 1987 inserierten die Wissenschaftler Cindy Hazan und Phillip Shaver, damals beide an der University of Denver tätig, ein »Liebesquiz« in einer Lokalzeitung. Sie analysierten mehr als 600 der eingesandten Antworten und ordneten 56 Prozent ihrer Probanden dem sicheren Bindungstyp zu. Ein Fünftel befanden sie für eher ambivalent, und knapp ein Viertel zeigte sich unsicherbeziehungsweise ängstlich-vermeidend.

UNSERE AUTORIN
Francine Russo ist Journalistin und Buchautorin auf den Gebieten der Psychologie und Verhaltensforschung.


In den letzten Jahrzehnten beobachteten Forscher eine scheinbare Zunahme von ambivalenten und anderen unsicheren Bindungstypen. Einer im Jahr 2014 durchgeführten Studie mit amerikanischen College-Studenten zufolge sank der Anteil an Studenten mit einem sicheren Bindungsstil in den Jahren 1988 bis 2011 von 49 Prozent auf 42 Prozent. Die Studienautoren spekulierten über eine Reihe möglicher Erklärungen oder Korrelationen, etwa einen Zusammenhang mit einem Anstieg an Individualismus, Narzissmus und Materialismus.

Das machen sich nun auch andere Forscher zu Nutze. Aufbauend auf die Metastudie untersuchen sie, ob die Bindungsmuster zudem unsere Beziehungen zu leblosen Dingen prägen. Mit der Zunahme von unsicheren Bindungstypen, so vermuten sie, steigt nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass betroffene Personen Trost in materiellen Objekten suchen. Laut einer 2012 veröffentlichten Studie des Psychologen Lucas A. Keefer, mittlerweile an der University of Southern Mississippi, und seiner Kollegen klammern sich Menschen stärker an ihren Besitz, wenn sie weniger Vertrauen in ihre zwischenmenschlichen Beziehungen haben.

Für die Untersuchung baten die Forscher die Hälfte der Studienteilnehmer, drei kürzlich stattgefundene Ereignisse zu beschreiben, bei denen eine Bezugsperson sie enttäuscht hatte. Die restlichen Probanden sollten drei Vorfälle schildern, bei denen sie von einer fremden Person oder sich selbst enttäuscht worden waren. Nur Mitglieder der ersten Gruppe, die zuvor Konflikte mit engen Freunden oder ihren Partnern geschildert hatten, zweifelten im Anschluss stärker daran, ob sie sich auf andere verlassen können. Zudem berichteten diese Menschen auch über stärkere Bindungen zu persönlichen Objekten.

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Mehr über Besitz und Erfüllung lesen Sie in unseremGehirn&Geist-Dossier »Lust, Glück, Sinn«

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In einem weiteren Experiment teilten die Wissenschaftler die Studienteilnehmer wieder in zwei Gruppen. Die eine sollte ein paar Zeilen über Unsicherheit in Bezug auf ihre fachliche Kompetenz schreiben, die andere über Unsicherheiten in Bezug auf ihre Beziehungen. Anschließend sammelte der Versuchsleiter alle Mobiltelefone der Probanden ein. Diese würden sie zurückerhalten, sobald sie eine zeitlich unbegrenzte Schreibaufgabe erledigt hätten, erklärte er ihnen. Hier beobachteten die Forscher, dass Personen stärker unter der Trennung von ihrem Mobiltelefon zu leiden schienen, wenn sie zuvor über Beziehungsprobleme berichtet hatten. Sie zeigten auch ein größeres Bedürfnis, das Gerät wieder zurückzubekommen.

Weshalb greifen wir überhaupt nach Gegenständen, wenn uns wichtige Menschen im Stich lassen? Das getragene Sweatshirt äußert uns gegenüber kein Mitgefühl, ebenso wenig wie ein Teddybär oder eine Kaffeetasse. Jedoch sind diese Dinge vor allem eines: verlässlich. Sie sind immer da und unter unserer Kontrolle. Wir können auf sie zählen.

Beste Kameradschaft mit meinem Auto

Es gibt umfassende Forschungsliteratur dazu, wie und weshalb wir Dinge wie Besitztümer, Werkzeuge, Maschinen, aber auch Tiere vermenschlichen. Dem zu Grunde liegt vor allem unser Bedürfnis nach persönlichen Beziehungen. Selbst wenn keine anderen Menschen in der Nähe sind, finden wir Wege, diesen Drang zu stillen – dann muss eben das Auto oder der Teddy als Kamerad herhalten. Es fällt vielen deshalb auch nicht schwer, sich mit Tom Hanks’ Charakter im Film »Cast Away« zu identifizieren. Als dieser allein auf einer einsamen Insel strandet, findet er immer wieder Trost in einem angeschwemmten Volleyball, auf den er mit seinem eigenen Blut ein Gesicht gemalt hat.

Unseren Drang nach Bindung nutzten Wissenschaftler der McGill University in Montreal für ein Experiment: Sie baten eine Gruppe von Probanden, an jemanden zu denken, dem sie nahestanden und vertrauten. Dann sollten sie sich vorstellen, wie es wäre, in diesem Moment bei diesem Menschen zu sein. Im Anschluss sollten sie ein paar Sätze über ihre Fantasien schreiben. Eine weitere Gruppe sollte das Gleiche tun, nur wiesen die Forscher sie an, statt an einen engen Freund an einen entfernten Bekannten zu denken.

Sämtliche Teilnehmer bewerteten im Anschluss vier Objekte hinsichtlich ihrer »menschlichen Attribute«, zum Beispiel einen Wecker, der beim Klingeln wegrollt. Versuchspersonen, die sich den Bekannten vorgestellt hatten, schrieben ihnen häufiger soziale Merkmale zu. Ähnliches traf auf Probanden zu, die laut Testergebnissen einen eher ambivalenten Bindungsstil hatten. Personen, die an jemand Nahestehenden gedacht hatten, vermenschlichten die Objekte im Schnitt seltener als die Vergleichsgruppe. »Es hat uns etwas überrascht«, berichtet die an der Studie beteiligte Forscherin Jennifer Bartz, »dass eine vergleichsweise kleine Manipulation – an eine nahestehende Person, der man vertrauen kann, zu denken und sie zu visualisieren – derart große Auswirkungen haben kann.« Ihre Ergebnisse veröffentlichte Bartz 2016 zusammen mit den Psychologen Kristina Tchalova und Can Fenerci. Die Resultate stimmen mit früheren Erkenntnissen überein, wonach Menschen ihr Gefühl für soziale Bindung verstärken, indem sie Gegenständen menschliche Eigenschaften zuschreiben.


Roboter und digitale Assistenten könnten uns noch mehr emotionale Sicherheit bieten


Eine neuere Untersuchung von Lucas Keefer ergab, dass manche Personen unabhängig von der Situation eher dazu neigen, Dinge zu vermenschlichen. Bei ihnen fungiert die Erinnerung an einen Lieblingsgegenstand – wie auch eine verlässliche Bezugsperson in der Kindheit – unter Umständen als sichere Basis, von der aus sie Neues erproben und Risiken eingehen. Unser liebster Besitz, so Keefer, gleicht also nicht nur einen Mangel aus. Er hilft uns auch, als Person zu wachsen. Der Wissenschaftler vertritt die These, menschenähnliche Apparate wie Roboter und digitale persönliche Assistenten (etwa Siri oder Alexa) könnten eine zusätzliche Quelle für emotionale Sicherheit darstellen.

Das anfangs beschriebene Experiment, in dem der kleine Junge das Spiel in der zweiten Runde verloren hat, zeigt: Nachdem sein Selbstvertrauen durch die Niederlage einen Knacks bekommen hatte, brauchte er die Gewissheit, dass sein T-Shirt ausschließlich ihm gehört. Umfassende wissenschaftliche Literatur legt nahe, dass es Erwachsenen nicht anders geht: Auch wir nutzen unsere »Spielsachen« in Momenten der Unsicherheit, um negative Gefühle zu kompensieren. In einer 2017 veröffentlichten Studie von Naomi Mandel, Marketingprofessorin an der Arizona State University, beschreiben sie und ihre Kollegen, wie Objekte uns als »psychologischer Balsam« dienen können. Symbolisch nehmen greifbare Gegenstände die Rolle der Gewissheit und des Zuspruchs ein. Das tröstet uns besonders dann, wenn uns genau diese Aspekte fehlen. Ein klassisches Beispiel dafür lieferte eine 1982 von den Psychologen Robert A. Wicklund und Peter M. Gollwitzer durchgeführte Studie. BWL-Studenten, die weniger Stellenangebote und schlechtere Noten als ihre Kommilitonen bekommen hatten, stellten mit höherer Wahrscheinlichkeit Statussymbole wie teure Anzüge und Armbanduhren zur Schau. Wahrscheinlich wollten sie mit diesen Objekten auf ihren vermeintlichen unternehmerischen Erfolg hinweisen.

Der Sozialpsychologe Ian Norris ist ebenso davon überzeugt, dass zwischenmenschliche Angst das Verlangen nach Konsumgütern nährt. In einem 2012 unter der Überschrift »Can’t Buy Me Love? Anxious Attachment and Materialistic Values« erschienenen Fachartikel argumentiert er, Menschen mit einem ambivalenten Bindungstyp nutzen Beziehungen zu Objekten möglicherweise als Ersatz für Beziehungen zu anderen Menschen, wenn sie sich einsam fühlen – also wenn sie eine Diskrepanz wahrnehmen zwischen der Nähe, die sie zu anderen haben wollen, und der Nähe, die sie tatsächlich erfahren. Laut Norris wirken solche Bindungen ebenfalls auf das Selbst: »Das ›Selbst‹ ist größtenteils ein soziales Konstrukt: Meine Beziehung zu anderen trägt erheblich zu meinem Selbstverständnis bei. Sind diese Beziehungen nicht stabil oder erfüllend, fehlt mir unter Umständen die Bindung, die ich brauche. Dann weise ich Produkten eine Bedeutung zu, um diese Lücke zu füllen.«

Teil des erweiterten Selbst

Ob bewusst oder unbewusst, die meisten Menschen halten ihren Besitz für einen Bestandteil ihres erweiterten Selbst. Mehr noch, wir agieren manchmal fast so, als könne das Wesen einer Person einen Gegenstand prägen, den sie berührt. Anthropologen hatten diesen Glauben bereits Ende des 19. Jahrhunderts bei indigenen Völkern beobachtet.

Umfangreiche Forschungsarbeiten belegen mittlerweile, dass solche »Ansteckungsüberzeugungen« auch in amerikanischen und europäischen Kulturen vorkommen. Das erläutert Olga Stavrova, Sozialpsychologin an der Universität Tilburg in den Niederlanden, in einem 2016 erschienenen Fachartikel. Beispielsweise sei immer wieder wissenschaftlich belegt worden, dass Menschen Ekel verspüren, wenn sie sich vorstellen, Gegenstände wie den getragenen Pullover eines Serienmörders oder die Offiziersmütze eines Nazis anzufassen. Vergleichbare Gefühle beobachteten die Autoren auch bei Kunst und Musik. »Menschen scheinen indirekt zu glauben, Musik sei vom Wesen des Komponisten erfüllt«, erläutert Stavrova. Handelt es sich bei jenem um eine unmoralische oder zwielichtige Person, vermeiden sie es vielleicht sogar, seine Stücke zu hören.

Aufnahmen mittels funktioneller Magnetresonanztomografie untermauerten die ungewöhnlich These des erweiterten Selbst. In einem 2013 veröffentlichten Experiment konnten die Psychologinnen Kyungmi Kim und Marcia Johnson, damals beide an der Yale University, neuronale Reaktionen auf persönliche Objekte dokumentieren. Der Kontakt zu Besitztümern aktivierte bei den Probanden dieselben Hirnregionen wie ein direkter Bezug auf das Selbst der jeweiligen Person.

Der Glaube an Wesensübertragung existiert schon bei Kindern. Dabei kommt noch ein anderer Aspekt zum Tragen. Als Diesendruck und seine Kollegen untersuchten, wie bereitwillig die Kleinen ihren liebsten Besitz teilen, führten sie noch ein weiteres Experiment durch: Ein Erwachsener zeigte einem Mädchen ein Foto von einem anderen Kind desselben Alters und Geschlechts. Das Kind auf dem Foto, so erzählte er dem Mädchen, ist gemein. Es haut seine Freunde und hört nicht auf seine Eltern und Lehrer. »Würdest du diesem Mädchen dein Lieblingsoberteil geben?« Die kleine Probandin antwortete eisern: nein, nein, nein. »Und was wäre, wenn wir das Oberteil davor ganz gründlich waschen?«, fragte der Erwachsene. »Na ja … dann vielleicht. «

Diese Unterhaltung haben Forscher wiederholt mit Kindern geführt, und dabei wurde klar: Die Kleinen glauben instinktiv, ihre Besitztümer enthielten – und behielten – einen Teil von ihnen. Wird dieser Wesensteil von dem Objekt »entfernt«, indem man es beispielsweise wäscht, können sie besser tolerieren, wenn es mit einer »bösen« Person in Kontakt kommt. Das Beispiel für »umgekehrte Ansteckung« ist laut Diesendruck besonders interessant: Es passt nämlich nicht zu unserem Verständnis von biologischer Ansteckung.

Infizierte Objekte

Ebenso beeindruckend, fügt der Forscher hinzu, ist die Tatsache, dass Kinder glauben, der indirekte Kontakt zu einem Objekt könnte dieses »infizieren«, und umgekehrt, ein indirekt kontaminierter Gegenstand könne sie anstecken. Diesendruck erklärt dieses Konzept anhand einer Schnur, an deren einem Ende sich ein Kind und an deren anderem Ende sich das Objekt befindet. Die Kleinen denken anscheinend, ihre Essenz würde sich über die Schnur bis zum Objekt bewegen und in ihm festsetzen. Berührt nun eine »böse« Person den Gegenstand, kann ihr Wesen über die Schnur zum Kind wandern.

Meiner!
Besonders Kinder haben oft ein sehr inniges Verhältnis zu ihren Besitztümern. So dient ein Plüschtier nicht selten als »Übergangsobjekt«, wenn sich die Kleinen von der Mutter abnabeln.


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Menschen, die Dinge zwanghaft horten, fühlen sich ungewöhnlich eng an diese gebunden


Die meisten Menschen bewahren Gegenstände mit ideellem Wert auf. Wer einen ambivalenten Bindungsstil hat, tendiert zudem stärker dazu, seinem Besitz menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Das macht ihn wahrscheinlich auch anfälliger für zwanghaftes Horten. Bei dieser klinischen Störung, von der bis zu fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen sein sollen, schafft eine Person sich immer mehr Dinge an. Gleichzeitig will sie sich aber auch von nichts trennen, unabhängig davon, wie wertvoll oder nützlich der Gegenstand ist. Sie hält an ihren Besitztümern selbst dann fest, wenn dadurch Gesundheit, Leben und Beziehungen bedroht sind.

Im Jahr 2013 wurde das zwanghafte Horten als ein eigenständiges, komplexes Krankheitsbild von der WHO anerkannt. Forscher versuchen jedoch schon seit Jahrzehnten, die Ursachen der Störung zu finden. Menschen, die Dinge zwanghaft horten, fühlen sich ungewöhnlich eng an diese gebunden. Manche Betroffene berichten davon, »sterben zu wollen«, wenn sie sich von einem für sie wertvollen Objekt trennen sollen, oder vergleichen diese Erfahrung damit, »einen Teil von sich selbst aufzugeben«. Obwohl ein Großteil der Arbeit zum Horten in den USA und in Europa durchgeführt wurde, gibt es auch Hinweise auf Vorkommen in anderen Kulturkreisen.

Eine Festung aus Besitztümern

Im Jahr 2007 stellten Randy Frost vom Smith College und Gail Steketee von der Boston University ein Behandlungsmodell für zwanghaftes Horten vor, das bis heute anerkannt ist. Ihre Methode basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie, einem Verfahren, das darauf abzielt, krankhafte Denkmuster der Betroffenen zu durchbrechen und zu verändern. Darüber hinaus beschäftigten sich die Forscher in ihrer Arbeit mit den Ursachen der Erkrankung.

Frost und Steketee führen das »Hoarding« auf drei grundlegende Faktoren zurück. Einerseits nennen sie psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen, auf Grund derer die Betroffenen emotional labiler werden. Denn Menschen, die zwanghaft Dinge horten, tun dies unter anderem, um ihre Ängste zu lindern und um mit ihren Besitztümern Festungen zu errichten, die ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, schreiben die beiden Wissenschaftler.

Zudem sprechen Betroffene ihrem Hausrat Eigenschaften und Fertigkeiten zu, die über den tatsächlichen Wert hinausgehen. Ein Beispiel dafür ist die Sorge der Hoarding-Kranken, ihren Sachen könne Unrecht widerfahren. Sie benehmen sich teils fast so, als handle es sich bei den Objekten um Lebewesen. Oder sie sind davon überzeugt, Stapel an Prospekten und uralten Zeitungen enthielten möglicherweise wichtige Informationen, die sie eines Tages noch benötigen und auf die sie nicht verzichten können. Darüber hinaus durchleben betroffene Menschen extreme Emotionen, wenn sie sich Dinge anschaffen – und wenn sie sich von ihnen trennen. Sie sind stolz und ekstatisch, wenn sie etwas Neues kaufen, und fühlen sich schuldig, ängstlich oder traurig, wenn sie versuchen, etwas zu entsorgen.

Eine emotionale Verbindung zu Gegenständen aufzubauen, ist allerdings nur in solch extremen Ausprägungen krankhaft. »Ein sentimentaler Bezug ist normal und kann sogar gut sein«, erklärt Russell Belk. Der Konsumforscher und Psychologe von der York University in Toronto hat in den späten 1980er Jahren Grundlagenforschung dazu betrieben, wie Besitz zu einem Teil unseres erweiterten Selbst wird. Er dokumentierte unter anderem, dass sich Opfer von Naturkatastrophen zutiefst verletzt fühlten, weil sie den Großteil ihres Hab und Guts verloren haben. Wenn so jemand in Tränen ausbricht, weil das Hochzeitsfoto der Eltern, das Jugendtagebuch oder die Perlenohrringe der Großmutter nun unwiderruflich verloren sind, fällt es uns in der Regel leicht, mitzufühlen. Denn wir alle besitzen Dinge, die uns selbst, unsere Geschichte und geliebte Menschen symbolisieren. Sie zu verlieren, tut weh.

QUELLEN

Diesendruck, G., Perez, R.: Toys Are Me: Children’s Extension of Self to Objects.In: Cognition 134, S. 11–20, 2015

Keefer, L. A. et al.: Attachment to Objects as Compensation for Close Others
’ Perceived Unreliability.In: Journal of Experimental Social Psychology 48, S. 912–917, 2012

Neave, N. et al.: The Role of Attachment Style and Anthropomorphism in Predicting Hoarding Behaviours
in a Non-Clinical Sample.In: Personality and Individual Differences 99, S. 33–37, 2016

Phung, P. J. et al.: Emotional Regulation, Attachment to Possessions and Hoarding Symptoms.
In: Scandinavian Journal of Psychology 56, S. 573–581, 2015

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1576110