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„ICH HABE MEINEN PLATZ GEFUNDEN“


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 22.12.2022
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Springsteen vor einem seiner Autos in New Jersey

SPRINGSTEEN MACHT EINE PLATTE MIT DER E Street Band, um wieder auf Tournee gehen zu können: Dieses tröstliche Narrativ hörte man in den zweieinhalb Jahren der Pandemie. Die Platte mit der E Street Band hatte er 2019 herausgebracht, „Letter To You“, einen Film dazu. Es brauchte nur vier Tage und genauso viele Schnäpse für jeden, um die Stücke aufzunehmen. Nun geht die E Street Band auf Tournee, im nächsten Sommer auch in Europa – aber ohne eine neue Platte der E Street Band.

In der Zwischenzeit hat Bruce Springsteen mit dem Produzenten Ron Aniello und einem großen Ensemble eine Platte gemacht, die er schon lange im Sinn hatte: zumeist apokryphe (aber nicht nur) Soul-Songs (aber nicht nur) der Sechziger und Siebziger (aber nicht nur), das Erbe grandioser Sänger, Autoren und Produzenten der Labels Stax, Motown, Atlantic. Die Great American Jukebox. Auf „Only The Strong Survive“ hat ...

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... Springsteen nur – und zwar Songs, die von besseren, den besten Sängern interpretiert wurden, was ihm vollkommen bewusst war. Unter 40 Songs hat er ausgewählt, und zwar vor allem nach dem Kriterium, ob er die Lieder überzeugend singen könnte. Man hätte es bei „Nightshift“ nicht vermutet. Man hätte es bei „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ nicht vermutet. Und auch bei „Turn Back The Hands Of Time“ nicht.

Aber „Only The Strong Survive“ ist die überschwänglichste, die glücklichste Springsteen- Platte seit den „Seeger Sessions“ 2006. Als wäre die Last der Bedeutsamkeit von ihm genommen worden. Springsteen singt Songs aus der Zeit, als er sechzehn oder achtzehn war, die er im Radio hörte, als Single kaufte. Er singt Lieder von Jerry Butler, den Four Tops, den Temptations, von Sam & Dave. Immer mal wieder hat er sie gepriesen; Sam Moore und Smokey Robinson gehörten stets zu seinen Lieblingssängern. Doch die Soul- Sänger sind so weit außerhalb seines Registers wie Elvis Presley und Roy Orbison.

Bruce Springsteen war immer ein neugieriger Hörer dessen, was auf allen Sendern im Radio läuft. Er hörte Transistorradios und Autoradios, er liebte die Drei-Minuten-Kleinodien der Soul Music so sehr wie die Drei-Minuten- Popsongs der britischen Bands. Sein Freund Steve Van Zandt, heute Gitarrist der E Street Band, ist ein noch größerer Liebhaber des Soul (deshalb heißt seine Band The Disciples Of Soul). Dass Springsteen mit seinen ersten Bands, The Castiles und Steel Mill, keine Soul- Stücke nachspielte, lag wohl daran, dass sie zu schwierig waren. Creedence Clearwater Revival war die Band der Wahl.

Aber als in einer mythischen Szene der Big Man erschien, als der schwarze Saxofonist Clarence Clemons der E Street Band beitrat, wandelte sich Springsteens Schreiben, sein Vortrag, sein Gesang. Auf der ersten Platte, „Greetings From Asbury Park, N.J.“ (1973), sang er die Songs eines fahrenden Folk-Sängers mit einer rumpeligen Band. „Blinded By The Light“ und „Spirit In The Night“ hatte er mit holprigem Swing komponiert, weil CBS-Chef Clive Davis DIE SINGLES vermisste. Manfred Mann’s Earth Band übernahm bald beide Songs.

Wenige Monate später war „The Wild, The Innocent & The E Street Shufe“ eine ganz andere Angelegenheit. Springsteen sah aus wie ein Gammler mit einer Zirkustruppe, die Songs auf der zweiten Seite sprengen jedes Format, und darunter sind drei seiner allerschönsten: „Incident On 57th Street“, „Rosalita“ und „New York City Serenade“. Diese Songs atmen SOUL. Ich würde sagen: Isaac Hayes, „Hot Buttered Soul“. Springsteen ging dann einen anderen Weg.

Natürlich ist „Jungleland“ ein Soul-Song, aber in dem Maß, wie er von Menschen erzählte, die er gut kannte, sind „Darkness On The Edge Of Town“, „The River“ und „Nebraska“ Storyteller-Platten. Zwischen den Songs von „Born To Run“ (1975) und „Darkness“ (1978) liegen drei Jahre, die Springsteen mit einem Rechtsstreit mit seinem früheren Manager Mike Appel verbrachte. In der Zeit schrieb er die Songs, die man viel später auf „The Promise“ hörte, er improvisierte mit Steve Van Zandt und der Band im Studio und schrieb Songs spontan. Diese Aufnahmen waren seine Jukebox- Sessions. „The Promise“ ist die Platte, die entkam und aus der das schwerblütige „Darkness“ wurde. Zum Jukebox-Helden mit Hits wurde Springsteen dann mit „Born In The U.S.A.“, auf der ein Soul-Stück ist, „I’m On Fire“.

„Only The Strong Survive“ nun ist eine so schöne Platte, weil Bruce Springsteen entfesselt klingt. Es ist das Album eines Liebhabers, der diese Songs bewundert, eines Songschreibers, der das Genie erkennt, eines Sängers, der die größeren Sänger bewundert. Und man merkt das auch, wenn er spricht.

Springsteen hat ein paar anstrengende Wochen hinter sich, in denen er Jimmy Iovine in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen hat, bei der jährlichen Stand-Up-for-Heroes- Spendenaktion für Veteranen in New York aufgetreten ist, nach London geflogen ist, um bei der BBC zu gastieren, dann seinen ersten Auftritt in der „Howard Stern Show“ absolvierte und an zwei Abenden die „Tonight Show Starring Jimmy Fallon“ übernahm, in der er vier Stücke mit einer großen Band spielte. Er erzählte da, wie er „Only The Strong Survive“ in seinem Heimstudio in New Jersey aufgenommen hat, um den R&B der Sechziger und Siebziger zu ehren, und erklärte, warum sein langjähriger Produzent Ron Aniello einen Großteil der Instrumentierung auf dem Album übernommen hat, sodass Springsteen sich weitgehend auf seinen Gesang konzentrieren konnte.

Wie war deine Woche bei Jimmy Fallon?

Sie hat Spaß gemacht. Sehr viel Spaß! Ich durfte mit dieser großen 20-köpfigen Band spielen, die wir zusammengestellt haben. Es war ein Mini-Orchester.

Ich fand es toll, dich wieder mit dem Original-Keyboarder der E Street Band, David Sancious, zu sehen!

Das war ein Fest! Davy ist aus Hawaii eingeflogen und war die ganze Zeit dabei. Wir hatten eine Menge Spaß zusammen.

Ich habe das beobachtet und gedacht: Was wäre, wenn David und der Schlagzeuger Ernest „Boom“ Carter in der Band geblieben wären? Wie hätten sich „Born To Run“, „Darkness“ und „The River“ angehört? Ich kann mir diese Platten ohne Roy Bittan und Max Weinberg einfach nicht vorstellen.

Boom hat eigentlich als Jazz-Drummer angefangen, aber sehr, sehr schnell seine Rock- Fähigkeiten entwickelt, weil er extrem unter Druck gesetzt wurde, als er in die Band kam. Es war so, dass (Drummer) Vini Lopez die Band verließ und wir am nächsten Abend einen Auftritt hatten. Den musste ich spielen, weil es ein Club war, der der Mafia gehörte. Sie machten ein paar unhöfliche Andeutungen in unsere Richtung, was sie tun würden, wenn wir nicht auftauchten. In dieser Nacht sagte David: „Ich habe einen Freund namens Boom.“ Und so kommt Boom vorbei und verbringt die ganze Nacht von Mitternacht bis zum Morgen damit, das gesamte Set zu lernen. Dann fuhren wir nach Fort Dix und spielten in der Satellite Lounge um 23 Uhr und dann um 2 Uhr in der Früh. Das war Booms Feuertaufe. Danach hat er immer geswingt – aber sich genügend beim Rock bedient, damit es funktioniert. Und es hätte funktioniert. Aber die Band hätte vielleicht einen etwas anderen Swing gehabt und sich mit dem Sound, den wir gestern Abend bei Fallon gespielt haben, wahrscheinlich wohler gefühlt.

Zum neuen Album: Du hast gesagt, du hättest zunächst ein ganz anderes Album aufgenommen, das du dann nicht veröffentlicht hast. Waren das auch Soul- und Motown-Songs, oder hast du mit einem anderen Genre experimentiert?

Es fing damit an, dass ich einfach sagte: „Ich habe Songs geschrieben. Ich habe Filme gemacht. Ich sitze hier in meinem Haus. Ich nehme gern auf. Lasst mich Songs aufnehmen, die ich liebe und von denen ich hoffe, dass ich sie gut aufnehmen kann.“ Ich sagte zu meinem Produzenten Ron Aniello: „Ron, ich möchte eine Platte machen, auf der ich nur singe.“ Und davon abgesehen, dass ich hier und da ein wenig Gitarre spielte und gelegentlich ein paar Keyboards aufnahm, habe ich fast nur gesungen. Ron war für das Zusammenstellen der Tracks zuständig, was er fabelhaft macht. Und wir haben die Musik in Rock- und Soul-Musik verwandelt. Ich habe im Grunde eine Rockstimme mit einem Hauch Soul. Aber wir waren auf der Suche nach Songs, die wir ein bisschen weiter in Richtung Rock schieben konnten. Und dann wollten wir natürlich Songs von großartigen Sängern, die einfach tolle Songs waren. Ich hatte vorher eine Platte gemacht, auf der ich die Songs anderer Leute gesungen habe, aber daraus ist nichts geworden. Erst als ich „Do I Love You (Indeed I Do)“ von Frank Wilson entdeckte, eine Motown-Rarität, und meine Stimme sich perfekt einfügte, wurde mir klar: Ich sollte Soul-Musik singen.

Du hast noch nie einen dieser Songs live gespielt. Kannst du mir erzählen, wie du die Lieder ausgewählt hast?

„Do I Love You“ habe ich gefunden, als ich mich mit Northern-Soul-Compilations beschäftigte, weil ich wusste, dass auf denen eine Menge verrückter Rhythm-and-Blues- und Motown-Songs zu finden sind. Ich wollte eine Platte machen, die einige Klassiker enthält, aber auch Sachen, die man vielleicht noch nicht gehört hat, damit die Platte in den Ohren der Leute frisch klingt. Und so habe ich Songs wie Dobie Grays 2001er-Single „Soul Days“ ausgewählt. „Nightshift“ war ein großer Hit, aber das war 1985. Auch all die anderen Songs waren Hits, aber vor fünfzig Jahren. Ich dachte, dass ein großer Teil meines Publikums diese Musik oder diese Künstler vielleicht nicht kennt. Ich wollte die Gelegenheit haben, diese Lieder selbst zu singen und diese Musik in die aktuelle Kultur einzubringen. Letztendlich habe ich Lieder ausgewählt, die mir gefallen und die ich gut singen kann.

Wolltest du berühmte Songs wie „My Girl“ und „Dancing In The Streets“ vermeiden, weil man sie sowieso noch überall hört?

Ich habe darüber nachgedacht, diese beiden zu machen. Ich habe „My Girl“ tatsächlich aufgenommen. Meine Haltung ist: Diesen Song kennt jeder, weil das ein großartiger, großartiger Song ist. Wenn ich den Teil herausnehmen kann, an den sich die Leute gewöhnt haben, und einfach wieder eine tolle Nummer daraus mache, werden sie den Song auf eine neue Art hören. Wenn das funktioniert, nehmen wir es auf die Platte. Wenn es nicht funktioniert, kommt der Song auf den Boden. Zum Beispiel „What Becomes Of The Brokenhearted“: Der war mehrmals ein großer Hit, aber wir hatten einfach eine wirklich gute Performance davon, also kam er auf die Platte. „I Wish It Would Rain“ – man muss verrückt sein, um zu versuchen, diesen Song zu singen, nachdem David Ruffin ihn gesungen hat. Aber ich habe meinen eigenen kleinen Platz darin gefunden, und es ist so ein schöner, schöner Song! Ich habe Schmerz und tiefste menschliche Emotion darin gefunden. Ich fühlte mich fantastisch! Der Song kam großartig raus, also haben wir ihn genommen.

Du zeigst wirklich die ganze Bandbreite des Motown- und des Gamble-und-Huff-Katalogs und all des anderen R&B von damals. Viele Menschen, die nicht in den 60er-Jahren aufgewachsen sind, haben keine Ahnung, wie viele andere großartige Songs aus dieser Zeit es gibt!

Die meisten Leute kennen wahrscheinlich nicht einmal „Only The Strong Survive“. Das war ein großer Hit. Elvis hat ihn gecovert. Und natürlich Songs wie „Soul Days“, „I Forgot To Be Your Lover“ und „Hey, Western Union Man“. Das sind Songs, die die meisten Leute nicht kennen.

Als ich das erste Mal die Credits las und sah, dass Ron Aniello die meisten Instrumente spielte, war ich ziemlich verblüfft. Ich hatte keine Ahnung, dass er im Grunde ein Ein-Mann-Funk-Brothers sein kann.

Er ist ein genialer Musiker. Er fliegt völlig unter dem Radar. Er lebt hier in der Gegend und arbeitet mit mir zusammen. Ich bin der größte Glückspilz der Welt. Ich habe ihn und (den Toningenieur) Rob Lebret um mich, der auch hier in der Nähe wohnt. Wir haben hier eine Drei-Mann-Fabrik! Wir können so ziemlich alles machen. Ich habe enorme Freiheiten, denn man kann keine Band haben, die herumsteht, während man dreißig Songs durchgeht und jeden einzelnen testet, um zu sehen, welcher wirklich funktioniert. Und wir bekommen einen wunderschönen, fast analogen Klang der Instrumente. Zum ersten Mal haben wir eine Platte hier im Haus abgemischt, was ich seit 1984 nicht mehr gemacht habe. Ich habe hier im Studio eine enorme Freiheit. Ich kann überall hingehen und jederzeit alles machen.

„DIESE SONGS SOLLTEN TEIL DES GREAT AMERICAN SONGBOOK SEIN, GENAU WIE DIE VON GEORGE GERSHWIN UND COLE PORTER. SIE SIND UN-GLAUBLICH GUT GESCHRIEBEN“

Man könnte meinen, dass du diese Art von Songs gern mit der E Street Band aufnehmen würdest. Aber ich nehme an, du würdest entgegnen, dass das mit diesem Set?up nicht funktioniert hätte.

Die E Street Band zusammenzubekommen ist im Moment ein ziemliches Unterfangen. Wir haben es für „Letter To You“ gemacht, aber das waren vier Tage. Alle haben ein eigenes Leben. Sie schauspielern, sie produzieren, sie touren auf eigene Faust. Sie haben Terminkalender. Es ist möglich, aber es ist nicht mehr ganz so einfach. Außerdem will ich heute, anders als vor dreißig Jahren, die Band nicht versammeln, wenn ich nicht genau weiß, was ich tue – das muss ich vorher herausfinden.

Sam Moore: Unfassbar, dass er auf die neunzig zugeht und immer noch so singen kann!

Ich kenne Sam schon seit dreißig Jahren. Er hat auf „Human Touch“ gesungen, bei „Real World“ und „Soul Driver“. Er ist der beste Hohe-Harmonies- und Tenorsänger, den ich je in meinem Leben gehört habe. Wenn wir bei irgendwas zusammen singen, ist es einfach unglaublich! Er ist wahrscheinlich der derzeit größte lebende Soul-Sänger.

Hat dir dieses Projekt einen noch größeren Respekt vor der Kunstfertigkeit dieser Motown-Songs vermittelt? Dadurch, dass du sie dekonstruiert und neu aufgebaut hast, hast du sie sicher auf eine ganz andere Weise gehört.

Es bringt sie einfach zurück. Diese Songs sollten Teil des American Songbook sein, genau wie die von Gershwin und Cole Porter. Sie sollten aktuell sein. Sie sind unglaublich gut geschrieben. Sie wurden für ihre Zeit erstaunlich gut aufgenommen, aber man kann die Aufnahmen heute auf eine Weise aufmotzen, wie man es 1965 oder 1970 nicht konnte. Man kann diese Arrangements mit einem vollen Sound versehen, der ihnen eine Menge Kraft verleiht. Genau das hat uns Spaß gemacht.

Ich liebe den Frankie-Valli-Song „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“. Kanntest du seine Version oder die der Walker Brothers?

Das Lustige ist, dass ich gar nicht wusste, dass Frankie Valli diesen Song gemacht hat. Es ist ein unglaublicher Song! Scott Walker singt ihn natürlich. Aber es gab eine opernhafte Seite an meiner Stimme, die ich bei „Born To Run“ und ein wenig bei „Darkness“ eingesetzt habe, aber dann legte ich ihn beiseite und sang für den Rest meines Berufslebens zum größten Teil mit einer Barkeeper-Rockstimme. Doch bei diesem Song konnte ich diese Opernstimme wieder zurückholen und wirklich mit diesem großen, runden Timbre singen, das ich so gern benutze. Ich möchte versuchen, mehr Sachen zu finden, die ich so singen kann, weil das ein ganz anderer Sound ist.

„Nightshift“ ist ein besonderer Song, denn man merkt, dass er von Leuten geschrieben wurde, die Marvin Gaye und Jackie Wilson wirklich kannten. Sie singen für einen Freund.

Das stimmt. Zunächst mal ist das ein unglaublich gut geschriebener Song, wieder einmal. Diese Jungs kannten diese ganzen Leute. Die Commodores hatten einen Riesenhit mit dem Song, gleich nachdem Lionel Richie die Band verlassen hatte. Ich liebte den Song, als er herauskam. Seitdem habe ich ihn mir Jahr für Jahr immer wieder angehört. Er trieb mir immer Tränen in die Augen. Ich dachte: Ich muss „Nightshift“ aufnehmen, denn das ist einfach ein unglaubliches Stück Musik!

Leute wie Jerry Butler und William Bell und Walter Orange von den Commodores sind noch am Leben und hätten wirklich ein größeres Rampenlicht verdient. Du gibst es ihnen hier.

Es ist schön, dass ich das kann. In den letzten sechs Monaten habe ich Jerry Butler auf eine Art und Weise kennengelernt, wie ich es nie zuvor getan hatte. Ich habe erkannt, was für ein großartiger Sänger und Stilist er ist. Aber alle diese Künstler sollten ein zweites, drittes, viertes, fünftes, sechstes Leben haben! Das sind Platten, die für immer populär sein sollten. Für mich war es einfach ein Spaß. Es war ein Projekt aus reinem Vergnügen.

Ich höre Seiten an deiner Stimme, die ich vorher nicht wirklich gehört hatte. Glaubst du, dass es deiner Stimme eine Pause verschafft hat, all die Jahre nicht vor einer lauten Rockband zu schreien, und dass du nun Neues mit deiner Stimme anstellen konntest?

Das ist sehr interessant! Ich weiß es nicht. Im Allgemeinen ist meine Stimme kräftig geblieben und hat mir jetzt seit fünfzig Jahren keine Probleme bereitet. Nur wenn ich krank bin, macht sie schlapp. Aber dass ich nicht mehr so hart singe, hat mir in dieser Pause vielleicht ein bisschen mehr Vielseitigkeit gegeben. Das ist möglich. Aber es ist auch einfach interessante Musik. Normalerweise ist sie während der Strophe so sanft, und dann, wenn der Refrain einsetzt, geben die Sängerinnen und Sänger etwas mehr Gas und bekommen ein wenig Schmutz und Schotter in ihre Stimmen, wie bei „Turn Back The Hands Of Time“. Als wir in der Fallon-Show aufgetreten sind, dachte ich: Oh mein Gott, ich gebe nicht genug Gas! Aber das tat ich. Es war nur so, dass die Musik anders gespielt und gesungen werden musste. Mir war das nicht bewusst, da ich sie noch nicht oft gesungen hatte, bis ich dort ankam und anfing, sie zu singen. Mit der großen Band bei Fallon zu singen war ein echter Lernprozess.

Du hast für Fallon eine ganze Band zusammengestellt, mit der du vorher noch nie gearbeitet hattest. Hast du irgendwann gedacht, dass du vielleicht eine ganze Show mit diesen Leuten spielen solltest?

Es ist wie bei der Seeger Sessions Band. Das ist so eine gute Band! Da sind großartige Leute dabei. Irgendwann werde ich mehr mit ihnen machen, weil es so viel Spaß gemacht hat.

Das aktuelle Projekt heißt „Covers, Vol. 1“. Da stellt sich natürlich die Frage: Wird es ein „Vol. 2“ geben?

„Vol. 2“, würde ich sagen, ist wahrscheinlich zu drei Vierteln aufgenommen.

Welchem Genre widmest du dich dabei?

Es ist sehr ähnlich. Ich habe weiter mit Soul Music gearbeitet, weil ich einfach so viel Freude daran hatte. Aber ich hatte vor, eine Reihe von Platten in verschiedenen Genres mit Songs zu machen, die ich liebe. Das liegt daran, dass ich im Moment nicht schreibe. Vielleicht schreibe ich erst mal eine Zeit lang nicht. Das ist ganz normal für mich. Ich hatte diesen großartigen Output bei „Letter To You“. Ich weiß immer, dass ich nach so was eine Weile nicht schreiben kann. Aber dieses Mal muss ich nicht herumsitzen, und die Fans müssen nicht vier Jahre warten, bis ich eine neue Platte mache. Ich habe die Möglichkeit, regelmäßig aufzunehmen, wenn ich Lust dazu habe. Wenn das Schreiben kommt, werde ich dafür bereit sein.

„ ICH HABE EINE REIHE VON ALBEN, DIE WIR VER-ÖFFENTLICHEN WERDEN. VIELES VON DEM ZEUG IST WIRKLICH SELTSAM. ICH KANN DIE REAKTIONEN DARAUF KAUM ERWARTEN“

Du wechselst vielleicht das Genre und versuchst dich an British-Invasion-Songs?

Ja. Ich würde gern Country machen. Ich würde gern eine Country-Platte aufnehmen. Ich würde gern eine Rockplatte machen. Es gibt so viele verschiedene Dinge, und alles würde sich um meine Stimme drehen, darum, wie gut ich singe. Ich möchte die Zeit, in der ich nicht schreibe, wirklich nutzen, um mich auf meinen Gesang zu konzentrieren.

Du hast seit fast sechs Jahren kein komplettes Rockkonzert mehr gespielt. Bist du schon aufgeregt, dass du im Februar wieder auf die Bühne gehen wirst?

Oh ja! Ich liebe die E Street Band, ich kann es kaum erwarten, mit ihnen auf die Bühne zu gehen! 2025 sind es fünfzig gemeinsame Jahre. Das sind meine Jungs, die beste Band, mit der ich je gespielt habe. Wir machen was, das total einzigartig ist. Ich freue mich riesig darauf, Max wieder hinter mir zu sehen und Roy am Keyboard und Garry am Bass und Steve an meiner Seite und Nils und Patti … Alle da. Es wird eine großartige, großartige Zeit werden!

Du bringst eine Bläsergruppe und Backgroundsängerinnen mit auf die Tour?

Ja, damit wir auch was von diesen Songs covern können.

Es werden also dieselben Leute sein wie 2014, mit Ed Manion und Curtis King und so weiter?

Ja, so ziemlich. Vielleicht gibt es ein paar andere, aber es sind so ziemlich dieselben.

Wirst du Songs von „Western Stars“ singen?

Vielleicht spiele ich einen, aber die E Street Band wird da sein und eine Rockshow machen. Das wollen die Leute sehen. Das will ich spielen. Und genau das wird es auch sein.

Hast du dir schon Gedanken über die Setlist gemacht? Ich weiß, dass sie sich immer ändert, aber ich meine die Grundstruktur.

Ja. Ich habe eine Setlist gemacht. Ich habe sie an die Band geschickt. Wir werden sie am ersten Probentag spielen. Sie wird sich am zweiten Tag ändern. (Lacht)

Ihr beginnt im Januar mit den Proben?

Genau. Das wird wundervoll werden! Ich freue mich sehr darauf, wieder mit der E Street Band zu spielen!

In der Fangemeinde hat es einen kleinen Aufruhr gegeben, weil einige Ticketpreise über Dynamic Pricing zustande gekommen sind und manche Tickets in den USA 5000 Dollar gekostet haben. Wusstest du von diesen Höchstpreisen und dieser Preisgestaltung. Bedauerst du das?

Was ich mache, ist ganz einfach. Ich sage meinen Leuten: „Schaut euch an, was die anderen verlangen. Lasst uns ein bisschen weniger nehmen.“ Das ist im Allgemeinen die Anweisung. Sie gehen raus und richten es ein. In den letzten 49 Jahren oder wie lange wir schon auftreten haben wir so ziemlich alles unter dem Marktwert gemacht. Ich habe das genossen. Für die Fans war das toll. Dieses Mal habe ich gesagt: „Hey, ich bin 73 Jahre alt. Die Jungs sind da. Ich will das tun, was alle anderen tun.“ Und genau das ist passiert. Das haben sie gemacht. (Lacht) Aber der Ticketkauf ist sehr verwirrend geworden, nicht nur für die Fans, sondern auch für die Künstler. Und das Entscheidende ist, dass die meisten unserer Tickets absolut bezahlbar sind. Sie liegen im bezahlbaren Bereich. Es gibt sowieso die Tickets, die irgendwo zu einem höheren Preis verkauft werden. Der Tickethändler oder jemand anderer wird sich dieses Geld nehmen. Ich denke: Hey, warum sollte dieses Geld nicht an die Leute gehen, die drei Stunden pro Nacht dafür schwitzen? Das war die Voraussetzung dafür, dass das passieren konnte. Und an diesem Punkt haben wir es ausprobiert. Ich weiß, dass das einigen Fans nicht gefallen hat. Aber wenn es auf dem Weg nach draußen irgendwelche Beschwerden gibt, bekommen sie ihr Geld zurück.

Wie du gesagt hast, waren die Fans ziemlich aufgebracht. Dem Fanzine „Backstreets“ zufolge hat sie das in eine „Glaubenskrise“ gestürzt. Sie schrieben einen Meinungsartikel, in dem sie erklärten, dieses Dynamic Pricing verletze „einen stillschweigend geschlossenen Vertrag zwischen Bruce Springsteen und seinen Fans“. Wie hast du dich bei all dem Gegenwind gefühlt, der dir entgegengeschlagen ist?

Na ja, ich bin alt. Ich nehme viele Dinge gelassen hin. (Lacht) Man möchte nicht kritisiert werden. Man will sicher nicht das Aushänge-schild für hohe Ticketpreise sein. Das ist das Letzte, was man sein möchte. Aber so ist es gelaufen. Man muss zu den Entscheidungen, die man getroffen hat, stehen und einfach weiter sein Bestes geben. Und das ist meine Meinung dazu. Ich denke, wenn die Leute zur Show kommen, werden sie eine gute Zeit haben.

Ich habe Gerüchte über eine Art „Tracks 2“-Box mit einer Reihe von unveröffentlichten Alben gelesen. Hast du das vor?

Ja. Ich habe ein Boxset mit fünf unveröffentlichten Alben, die nach 1988 entstanden sind. Die Leute schauen sich meine Arbeit in den Neunzigern an und sagen: Die Neunziger waren kein gutes Jahrzehnt für Bruce, er hat dies und das gemacht, und er war nicht in der E Street Band … Tatsächlich habe ich in dieser Zeit eine Menge Musik gemacht. Ich habe Alben gemacht. Aus dem einen oder anderen Grund – das Timing war nicht richtig oder was auch immer – habe ich sie nicht herausgebracht. Sie haben sich angesammelt. In einem der letzten Winter habe ich Zeit damit verbracht, den Archivkeller komplett auszuräumen. Ich habe eine Reihe von Alben, die wir irgendwann veröffentlichen werden. Einiges davon ist älteres Material, auf dem die Band spielt, und einiges ist neueres Material, das ich in dieser Zeit konzipiert habe. Das wird den Leuten die Möglichkeit geben, das, was ich in dieser Zeit gemacht habe, neu zu bewerten. Außerdem ist vieles von dem Zeug wirklich seltsam. Es wird Leute geben, die wirklich … Ich kann es kaum erwarten, die Reaktionen auf manches davon zu hören. (Lacht)

Ich lese schon seit Jahren von diesem mythischen Drumloop-Album.

Das wird genauso seltsam sein, wie die Leute es sich vorstellen. (Lacht) Darauf sind nur Drumloops und Synthesizer und solche Sachen. Mir selbst gefällt die Platte. Aber das Erste, was wir herausbringen werden, ist eine Reihe von Alben. Es wird sehr interessant sein, die Reaktion der Fans zu sehen, denn ich liebe sie alle.

Weißt du schon, wann es so weit sein wird?

Das kann ich nicht sagen. Ich kann kein Veröffentlichungsdatum nennen. Ich kann nur sagen, dass es in naher Zukunft sein wird.

Ich habe auch Gerüchte über ein „Born In The U.S.A.“-Boxset gehört. Arbeitest du daran ebenfalls?

Nein. (Lacht) Die meisten der großartigen Outtakes von „Born In The USA“ sind auf „Tracks“ zu finden. Wir horten keine Geheimnisse. Leider wurde die „Born In The U.S.A.“-Tour auch nicht besonders gut gefilmt. Da haben wir einfach zu wenig Material. Aber wir werden uns das anschauen. Ich glaube nicht, dass es eine große „Born In The U.S.A.“-Box geben wird.

Hast du etwas mit „Nebraska“ vor? Ich habe einige erstaunliche Bootlegs mit verschiedenen Versionen dieser Songs gehört.

„Nebraska“ hat eine Vielzahl verschiedener Outtakes. Vielleicht wird daraus was zusammengestellt. Ich habe einige Ideen. Das ist eine Möglichkeit. Es kommt bald ein „Nebraska“- Buch heraus. Ich weiß nicht, ob ich gerade jemandem die Ankündigung seines Buches vermassle. Aber ich weiß, dass jemand an einem Buch über genau dieses Album gearbeitet hat. Das liegt auch noch in der Zukunft.

Es gibt diese tollen Bootlegs von „Nebraska“, auf denen man hört, wie die Seiten in deinem Notizbuch umgeblättert werden, während du die Lieder singst. Sie sind alle ziemlich roh und haben andere Texte. Ich glaube, viele Fans würden das faszinierend finden.

Oh! Ich denke, die Leute werden einiges davon mögen. Ich selbst bin kein großer Fan von „Let me hear the song six ways to Sunday“. Ich möchte den Song so hören, wie er fertiggestellt wurde. Die Boxsets mit zehn Millionen Versionen eines Songs höre ich mir nicht an. Aber vielleicht bin ich ein anderer Typ Hörer. Ich bin sicher, dass jemand nachschaut, was es bei „Nebraska“ so gibt. Wenn etwas da ist, bringen wir es raus.

Vor 1975 gibt es da nicht viel. Hättest du etwas dagegen, wenn man etwas von Steel Mill oder der Bruce Springsteen Band oder den ganz frühen Sachen herausbringen würde?

Nicht wirklich. Wenn sie etwas aus der Zeit vor 1975 finden … Ich hätte nichts dagegen, wenn sie ein paar Steel-Mill-Shows rausbringen würden. Die werden nicht großartig klingen, aber man bekommt auf jeden Fall einen Eindruck von dem, was ich damals so getrieben habe. Ich werde mich mal darum kümmern. Wenn es ein paar gute Steel-Mill-Shows gibt, werde ich meine Leute dazu bringen, sie zu veröffentlichen.

Ein Boxset von „Human Touch“ und „Lucky Town“ wäre auch gut.

Bei „Human Touch“ und „Lucky Town“ waren es genau die Songs, die ich hatte. Vielleicht gibt es ein paar Outtakes – nicht von „Lucky Town“, aber von „Human Touch“. Diese Platten sind das, was sie sind.