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„Ich habe viel Zeit gebraucht, Bach für mich zu entdecken“


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 13.01.2021

Sollte man das Muster bild des aufrichtigen, bescheidenen, allen Markt-Einflüsterungen abholden Künstler-Individualismus suchen, es fiele einem kaum ein besserer Kandidat als Piotr Anderszewski ein. Unbeirrt, ein fast mönchisch-asketisches Leben führend, folgt er seinem ästhetischen Kompass. Wie auch seine neueste Aufnahme bezeugt.


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Foto: Ari Rossner / Warner Classics

Sie legen uns hier ein sehr unkonventionelles Bach-Programm vor. Wie kam es dazu?

Das ist eine lange Geschichte. Mit dem Wohltemperierten Klavier begann ich vor ungefähr 18 Jahren, und ich wollte es eigentlich vollständig einstudieren. Ich ...

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... fing mit dem zweiten Teil an, aber als ich vielleicht acht Präludien und Fugen erarbeitet hatte, spürte ich, dass ich diese Musik im Konzert nicht in der vorgegebenen Reihenfolge würde spielen können. Für mich waren es von Anfang an sozusagen separate Werke. Und so ließ ich das Ganze erst einmal liegen. Aber ich hatte einen Mitschnitt gemacht. Vor drei Jahren kam ich auf die Idee, einmal hineinzuhören – das tue ich eigentlich niemals – und fühlte, ich darf das Projekt nicht aufgeben. In meinem Spiel war etwas, das es wert war, vertieft zu werden. Aber warum mich mit allen 24 abgeben? Warum nicht zwölf aussuchen, diejenigen, die ich am meisten mag, und versuchen, daraus einen kleinen dramatischen Zyklus zu machen? Es kostete mich nahezu drei Jahre, zu entscheiden, welche Stücke ich aufnehmen soll und in welche Reihenfolge ich sie bringe.

Ein derart freier Umgang mit Bachs Werk dürfte manchen Puristen missfallen.

Ich bin selber ein ausgesprochener Purist! Manchmal sogar zu sehr. Bei den meisten Chopin-Mazurken zum Beispiel spiele ich immer das ganze Opus. Es gibt Werke mit einer Anordnung, von der man spürt, so und nicht anders muss es gespielt werden. Hier ist das anders. Generell hat man den Eindruck, diese Stücke sind keineswegs für einen öffentlichen Vortrag geschaffen, und ich denke auch nicht, dass dieser zweite Teil angelegt ist, von C-Dur nach h-Moll durchgespielt zu werden. Ich sehe keine Evolution, sei es bei der Dramaturgie oder der Schwierigkeit. Die Anordnung erscheint mir als pure Zufälligkeit oder Formalität. Warum soll ich sie dann so spielen? Das ist meine ganz persönliche Sicht. Natürlich kann ich falsch liegen. Ich habe mir diese Freiheit genommen, und ja, es mag Leute geben, die nicht meiner Meinung sind.

Der zweite Teil ist ohnehin viel heterogener, die Stücke liegen chronologisch weiter auseinander.

Ein wichtiger Aspekt. Im Gegensatz zum ersten Teil kennen wir die Genese des zweiten nicht so genau. Manche Stücke, wie das G-Dur-Präludium, sind vermutlich sehr früh entstanden, einige der komplexesten wie die Präludien und Fugen in cis- und b-Moll sicherlich Spätwerke. Jedenfalls ist das Ganze wesentlich weniger homogen als der erste Teil.

Sind Sie bei Ihrer Annäherung ähnlich frei, was den Stil angeht? Ich denke, dass die Musizierpraxis des 19. Jahrhunderts noch immer großen Einfluss auf das Bach-Spiel auf dem modernen Flügel hat, auch wenn das nicht jedem Spieler bewusst ist.

Wie gesagt, ich bin ein Purist, auch was das angeht. Natürlich besteht eine Schwierigkeit darin, dass der Notentext so unbezeichnet ist. Es gibt nur sehr wenige Stücke, wo Bach etwas schreibt – im g-Moll-Präludium einmal „Largo,“ und das ist ausgesprochen ungewöhnlich. Tempo, Artikulation und Charakter hat man intuitiv zu erspüren, und es ist eine sehr subjektive Entscheidung. Manche Fugen kann man sehr schnell spielen, andere langsam. Es bedarf der Intuition und einer guten Repertoirekenntnis, aber ebenso des sicheren Stilempfindens. Die letzte Fuge in h-Moll zum Beispiel ist eindeutig ein Passepied, ein Tanz also. Und der Passepied hat für mich ein bestimmtes Tempo und einen ebenso bestimmten Charakter. Nimmt man die F-Dur-Fuge, hat man eindeutig eine Gigue vor sich, und das Präludium ist sichtlich ein Orgelstück, mit langen Pedalnoten. Es gibt Stücke wie die E-Dur-Fuge, die mit Sicherheit chorisch gedacht sind und aus einer Kantate stammen könnten. Andere wie das dazugehörende Präludium gleichen Triosonaten. Auch kontrapunktische Übungen sind darunter. Musik, die wirkt, als solle man sie mit Freunden musizieren, um zu vergleichen, wie Bach die Fugen behandelt. Kurz, die Stücke sind unglaublich verschieden, was Textur oder Charakter angeht.


„Natürlich besteht eine Schwierigkeit darin, dass der Notentext so unbezeichnet ist“


Verträgt diese eher intimen Musiziersituationen zugedachte Musik Ihre etwas theatralische Präsentation als „kleiner dramatischer Zyklus“?

Das ist eine wesentlich weiterreichende Frage. Denken Sie an Chopin, ein Komponist, der es vorzog, für sehr kleine Auditorien zu spielen. Er hasste große Säle. Aber Bachs Musik ist seiner Zeit so weit voraus, so universell, dass sie sich in jeder Situation sozusagen selbst zu verteidigen scheint. Chopins Musik leidet unter Umständen viel mehr unter zu großen Sälen als diejenige Bachs, die viel abstrakter und zerebraler ist. Bei Chopin gibt es vieles, das in einer intimen Situation gesagt werden muss. Auf einem großen Steinway in der Carnegie Hall fühlt sich das oft falsch an…

Das Instrument ist ja bei Bach ohnehin ein Stichwort.

Schon allein, weil im zweiten Teil des WT dauernd an ein anderes Instrument gedacht ist. Das ist ein anderer Grund, warum ich dieses „order business“, alle 24 in der gegebenen Folge zu spielen, nicht einsehe. Die Möglichkeiten des modernen Flügels sind großartig, allein wegen dessen artikulatorischer Möglichkeiten. Und wie man die Polyfonie herausarbeiten kann, das ist unglaublich. Das funktioniert auf einem Cembalo weniger gut. Ich liebe das Cembalo übrigens. Aber Stücke wie die E-Dur-Fuge kann ich mir auf dem Cembalo kaum vorstellen. Undenkbar, dass man sie nicht Legato spielen könnte. Das heißt aber nicht, dass man nicht phrasieren sollte. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Für mich ist es extrem wichtig, die Themen der Fugen zu phrasieren und ihnen eine sehr präzise Gestalt zu geben und diese Gestalt durch das ganze Stück zu erhalten. Das schafft mehr Klarheit als ein cembalohaft es Staccato-Spiel.

Zu den Quellen des Kontrapunktes zu gehen hat etwas sehr Humanes. Es liegt so etwas Weises, Essenzielles in dieser Musik. Ich will ja keine platten Vergleiche ziehen, aber mir scheint, jede Stimme einer Fuge ist wie eine eigene Person, und in meinen zehn Fingern habe ich diese vier Personen, die Konversation treiben und interagieren. Rein technisch finde ich es sehr schwierig, diese „Konversation“ darzustellen, man kann seiner Hand keine Sekunde Ruhe lassen, es ist wie ein Laufen auf Porzellan. Darum war es wohl meine schwierigste CD-Produktion, so sehr habe ich jedes Detail ausgefeilt. Viele Jahre habe ich eingesetzt, damit es in keiner Weise akademisch klingt, sondern so menschlich und natürlich, wie es nur möglich ist. Was ich erreichen wollte ist, diese Präludien und Fugen als Charakterstücke zu hören, nicht als akademische Arbeiten oder Kontrapunktübungen. Und sie natürlich in keiner Weise im Sinne des 19. Jahrhunderts zu „verzieren“, sondern einen barock bachschen Charakter zu finden.

War es ein langer Weg zu Bach für Sie?

Ja, als Heranwachsender mochte ich diese Musik nicht besonders, sie war mir zu akademisch, und man musste jede Stimme so deutlich hören. Und keiner hat einem erzählt, dass diese Musik auch lyrisch ist, spricht, voller Drama und Emotionen ist. Ich hasste sie geradezu (lacht). Ich habe viel Zeit gebraucht, Bach für mich zu entdecken. Bis ich vielleicht 20 war.

Ihre Aufnahme entstand in einer sehr ungewöhnlichen Zeit. Hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Die ersten sechs Präludien und Fugen habe ich schon im Dezember 2019 eingespielt und konnte sie noch im Konzert erproben. Die anderen sechs im Sommer letzten Jahres. Und da hatte ich tatsächlich unglaublich viel Zeit zu üben, nachzudenken und erneut meine Meinung zu ändern – ich tauschte noch einmal zwei Stücke aus.

Wie haben Sie die Situation im letzten Frühjahr erlebt?

Als es begann, war es ein Schock. Und ja, ich muss zugeben, ich habe es auch genossen. Ich lief eine Menge zu Fuß durch Paris, die Luft war wunderbar, die alltägliche Aggressivität hörte völlig auf, keine Autos, ich konnte mitten auf meiner sonst so belebten Straße laufen. Und die Natur war so glücklich, dass wir einmal nicht so viel stören. Ich kaufte einfaches Essen, kochte, machte mein Appartement sauber, übte Bach – in gewisser Weise war es das Paradies. Ich habe keinen Menschen gesehen für zwei Monate, aber ich habe mit vielen Freunden geskypt oder telefoniert, die ich seit Jahren nicht gesprochen hatte. Dieses Gefühl, nicht zu wissen, was kommen wird, hat, glaube ich, vielen Leuten etwas Wahres enthüllt, das wir verloren haben.

Als sie dann angefangen haben zu lockern, im Mai, kam die Aggression zurück, die Leute betranken sich zu lauter Musik am Seineufer und schmissen die Flaschen ins Wasser, es wurde geschrien. Ich dachte nur, oh mein Gott! Ich fand es monströs. Und jetzt ist es so etwas wie ein Dasein im Limbus. Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Gewöhnlich ist man so abhängig von einem Kalender, man weiß, dann und dann ist dieses Mozart-Konzert dran usw. Das schafft einen inneren Druck, und genau der fehlt. Es ist interessant zu fragen: Wo ist meine Motivation? Wie sehr brauche ich ein Konzert? Ich stelle fest, ich übe nicht so viel. Ich könnte diese Zeit nutzen, neue Stücke zu lernen. Aber nachdem ich diese Bach-CD beendet hatte, habe ich begonnen, kleine essayistische Texte zu schreiben. Ich habe eine kleine Idee für ein Buch im Hinterkopf.

Und was denken Sie von den Internet-Auftritten von daheim, wie sie mache Künstler momentan pflegen?

Ich mag so etwas nicht. Aus verschiedenen Gründen. Wenn der Konzertsaal zu ist, ist er zu. Du sitzt zu Hause und das ist dann eben Deine häusliche Zeit, Zeit die man auf verschiedenste Weise nutzen kann. Es ist eine Chance. Aber verzweifelt von zu Hause mit schrecklicher Tonqualität Musik zu machen, das lehne ich ab. Man hat es mir vorschlagen, aber es kam für mich nicht in Frage.

Viele Musiker behaupten, den Hörern damit Trost oder Freude zu spenden.

Nur sich selber! Eine Sache ist mir jedenfalls klar geworden, als ich diesen Bach übte, während alle Konzerte abgesagt waren: Ich muss es zu einem Abschluss bringen, weil ich wirklich das Bedürfnis habe, meine Sicht dieser Musik mitzuteilen. Es wäre eine Schande, das nicht zu tun und Bach nur zu meinem Vergnügen zu spielen. Ich will das teilen, aber nicht übers Internet oder aus dem Wohnzimmer!

Skrupulöser Pianist mit eigenem Standpunkt: Pjotr Anderszewski


Foto: Simon Fowler

Aktuelle CD

Bach: Das Wohltemperierte Klavier 2 – Auszüge;

Piotr Anderszewski (2019/2020); Warner