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„ICH HABICH HABE EINEN BLENDER GEKAUFT”


Auto Bild klassik - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 19.07.2019

Immer wieder fallen Oldie-Fans auf geschminkte Leichen herein – so wie Georges Kraus mit einem Fiat 500 „ohne das geringste Anzeichen von Rost”


THEMA DES MONATS Geschönte Verkaufsbeschreibungen

Ein Fall für die Tonne

Georges Kraus kann seinen Fiat 500 nicht mehr sehen. Der Luxemburger hat sich eine Rostlaube andrehen lassen

Artikelbild für den Artikel "„ICH HABICH HABE EINEN BLENDER GEKAUFT”" aus der Ausgabe 8/2019 von Auto Bild klassik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Auto Bild klassik, Ausgabe 8/2019

Es soll eine Überraschung werden. Georges Kraus entdeckt den Fiat 500 von 1969 im Internet und ist sofort Feuer und Flamme. Der kleine Italiener im Blauton Blu Turchese 419 hat 28479 Kilometer auf dem fünfstelligen Zähler, und die vielen professionellen Studioaufnahmen suggerieren: Der ...

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... Baby-Fiat ist wirklich top restauriert.

Angeboten wird er über die niederländische Auktionsplattform BVA Auctions. Der Luxemburger prüft die Bilder und studiert die Fahrzeugbeschreibung: Karosserie und Lackierung befinden sich demnach in einem „perfekten Zustand, für Rost gibt es nicht das geringste Anzeichen”. „Das Auto ist vorbereitet für Langstreckenfahrten.”

Kraus, 54, will den Fiat seiner Frau schenken, die schon einen neuzeitlichen 500 fährt. Er schätzt anhand der Beschreibung auf Zustandsnote 2 und will maximal 5000 Euro bieten. Am Ende legt der gelernte Schreiner einen Tausender drauf.

Was dann folgt, ist eine Odyssee, die – wenn auch vielleicht nicht so extrem – jedes Jahr Hunderte Oldie-Käufer erleben. Egal, ob sie von Privatleuten, Händlern oder auf Auktionen Autos kaufen und dabei Mängel übersehen oder bewusst darüber hinweggetäuscht werden. Die Geschichten sind Legende: Von Amateur die Mängel und Reparaturkosten völlig falsch einschätzen und dann beim ersten Werkstattbesuch immer längere Gesichter bekommen. Von Profis, die Menschenkenntnis über Skepsis stellen und einem vermeintlich vertrauenswürdigen Verkäufer im falschen Moment die Sorgfalt der Höflichkeit opfern. Von Schnäppchenjägern, die die alte Grundregel vergessen: Wo vierstellige oder noch höhere Beträge im Spiel sind, verlieren leider viel zu viele Menschen Anstand und gute Kinderstube.

So fing alles an

Hier ist Georges Kraus noch glücklich: Per Smartphone erhält er die Nachricht, für 6001 Euro neuer Besitzer des Fiat 500 zu sein. Dazu kommen Gebühren für die Auktionsplattform und Transportkosten

So wie beim VW T1, den sich ein DEKRA-Mitarbeiter aufschwatzen ließ. Oder beim Chevy Corvair, von dem einst ein AUTO BILD KLASSIKMitarbeiter geblendet wurde (Seite 14). Georges Kraus ist gerade mit seinem Hund Mokka im Wald unterwegs, als sein Smartphone klingelt und er die Nachricht erhält „Sie sind der Gewinner”. Ehefrau und Tochter sind begeistert, als sie den kleinen Flitzer sehen.

Für den Kaufpreis von 6001 Euro plus 1200 Euro Provision für das Auktionshaus und 450 Euro für den Transport wechselt der Fiat den Besitzer. Als der Traumwagen auf dem Hof steht, erlebt Kraus sein blaues Wunder. Oder sein braunes: Der Unterboden ist teilweise durch, ein Schraubendreher geht praktisch ohne Druck durch. Radläufe und Schweller sind schwer gezeichnet, der Lack an der Karosserie platzt ab oder blüht auf. Kraus hat Mühe, überhaupt eine Stelle zu finden, an der sein Magnet hängen bleibt. Wo kein Rostloch ist, ist Spachtel. Die verchromten Spiegelgehäuse sehen aus wie nach Schrotflintenbeschuss. Einzig die Tatsache, dass der Motor läuft, bewahrt den Kleinwagen vor der Zustandsnote 5

Schreibtisch statt Cockpit

Eigentlich wollte Georges Kraus seinen Fiat 500 auf der Straße erleben. Jetzt muss er sich mit Papierkram herumärgern

Fiat-500-Experte Matthias Knödler schätzt, dass rund 5000 Euro fällig sind, nur um den I tal i ene r durch den TÜV zu bringen. Für eine Restaurierung auf den beschriebenen Zustand würden sehr schnell 10 000 bis 15 000 Euro fällig. Unstrittig ist die Angelegenheit für den Kölner Rechtsanwalt Christian Solmecke: „Hier kann man durchaus von arglist iger T ä u - schung sprechen. Denn schließlich gibt es eindeutige Beweise. In der Anzeige stand explizit, dass sich das Auto in perfektem Zustand ohne Rost befand.” Auch die Fotos würden den Verkäufer belasten: „Da die Mängel auf den ersten Blick erkennbar waren und das Auto offensichtlich so professionell fotografiert wurde, dass sie online nicht ersichtlich waren, sind die Indizien für arglistige Täuschung erdrückend.”

Aber recht haben und Recht bekommen sind immer noch zwei Paar Schuhe. Das weiß fast jeder Käufer einer unter Beschönigungen verkauften Schrottkarre, der versucht hat, den Verkäufer haftbar zu machen. Als Georges Kraus von seinem Widerrufsrecht Gebrauch machen und sein Geld zurückholen will, reagiert das Auktionshaus zunächst gar nicht. Die zuvor höflichen und kooperativen Mitarbeiter sind erst mal abgetaucht.

Sind Sie beim Autokauf schon reingefallen? Schreiben Sie uns:

AUTO BILD KLASSIK

Brieffach 55 10, 20350 Hamburg Fax: 0 18 05-01 52 96 E-Mail: klassik@autobild.de Stichwort: Schrottkauf

BLENDER OHNE ENDE

Mit Patina nicht zu erklären – die Befestigung des Fiat-Verdecks ist einfach vergammelt


Dieser Schweller ist hinüber – und der Verkäufer hat lieber nicht darauf hingewiesen


Der Fahrzeugboden des Fiat 500 erinnert an ein Feuchtbiotop, hier leckt es überall. Beim Abladen verlor der betagte Italiener sogar Benzin


Ein perfekter Lack sieht anders aus, der hübsche Blauton ist unterwandert von braunen Blasen


Federkomfort? Der Fiat 500 wird in diesem Zustand nie mehr auf einer Straße rollen


Rechtsanwalt Solmecke rät, sich gerade in eindeutigen Fällen nicht entmutigen zu lassen. Auch wenn nicht jeder Mangel ein Anfechtungsgrund sein muss, und die Bewertungen durch Verkäufer und Käufer durch aus unterschiedlich ausfallen können: Bei arglistiger Täuschung oder gar Betrug hört der Spaß endgültig auf. Und der Käufer hat hier keineswegs einfach nur „Pech gehabt”.

Beides seien klare Anfechtungsgründe, sagt Solmecke. Daher könne der Käufer innerhalb eines Jahres, seitdem ihm die verschwiegenen Mängel bekannt waren, den Kaufvertrag anfechten. Im vorliegenden Fall sei der Wagen zudem schon deshalb eindeutig mangelhaft, weil er nicht nur massiv vom vereinbarten Zustand abweicht, sondern trotz eindeutig anderslautender Beschreibung nicht einmal verkehrstauglich ist.

Eine Reparatur sei dem Käufer nicht zuzumuten, da er offensichtlich bewusst getäuscht wurde. „Zudem würde sich das beim Zustand des Autos auch nicht lohnen. Daher sollte der Käufer vom Kaufvertrag zurücktreten und Schadensersatz verlangen.” Das ist insbesondere bei Betrug möglich. Auch die Provision und die Transportkosten kann er zurückfordern. BVA Auctions bot zunächst 1250 Euro oder den Umtausch gegen einen anderen Fiat 500 und weigerte sich, den Verkäufer zu nennen, in dessen Namen und auf dessen Rechnung der Fiat angeblich angeboten wurde. Normalerweise wäre dieser der Adressat für den Widerruf. „Das kann dann nur bedeuten, dass BVA für alle Fragen rund um Gewährleistung und Widerruf Vollmacht hat, demzufolge war der Widerruf an BVA vollkommen korrekt”, bewertet Solmecke den Fall.

„Hier liegt Betrug vor, weil der Verkäufer den Kunden bewusst über den Zustand des Fiat 500 getäuscht hat.”

Christian Solmecke, Rechtsanwalt

AUTOKAUF IM INTERNET: SO GEHEN SIE AUF NUMMER SICHER

Augen auf – oft fällt der Pfusch nicht sofort auf


EGAL, OB ONLINE ersteigert oder direkt im Internet gekauft: Einen Klassiker sollte man sich nach Möglichkeit nie ohne vorherige Besichtigung und intensive Prüfung zulegen. Auch dann nicht, wenn die Anzeige ein Superschnäppchen in tadellosem Zustand mit perfekter Technik verspricht. „Schon kleine Schäden, kaum erkennbare Mängel oder auch falsche Technik-Komponenten an Oldtimern können große Auswirkungen auf den Wert haben”, warnt ADAC-Sprecher Oliver Runschke. Wer das Risiko trotzdem eingehen möchte, sollte sich Fotos von allen Seiten des Fahrzeugs und Detailaufnahmen schicken lassen, die kritische Stellen wie beispielsweise Schweller, den Unterboden und Radkästen zeigen. Rechtsanwalt Christian Solmecke rät zudem, genau zu prüfen, wer das Auto tatsächlich verkauft und ob der Verkäufer namentlich bekannt ist. Dann kann man im Internet nach Bewertungen suchen. Ein seriöser Händler gibt im Impressum auf seiner Homepage neben Namen und vollständiger Adresse auch Telefon-, Faxnummer und E-Mail-Adresse an. Fehlen diese Informationen, verheißt das häufig nichts Gutes. Auch wenn es zunächst die Nerven beruhigt, einen Internet-Deal mit einem Händler abgewickelt zu haben, ist Vorsicht geboten. Denn: „Kauft man online von einem gewerblichen Autohändler, so steht einem zwar theoretisch immerhin ein Widerrufsrecht zu. Doch solche Händler wissen auch, wie man Mängel kaschiert, sowohl auf einem Foto als auch am Wagen selbst”, so Solmecke. Reagiert der Händler später nicht auf Reklamationen, muss man selbst klagen. Und das ist zeitaufwendig und mit Kosten verbunden.

Schwieriger wird es, wenn man von privat gekauft hat und sich das Auto unerwartet als Schrottkarre offenbart: In diesem Fall steht einem nicht mal das 14-tägige Widerrufsrecht zu. Der Käufer trägt dann die Beweislast dafür, dass der Wagen bei der Übergabe mangelhaft war. Ohne teures Gutachten ist das schwierig. Die Rechtslage wird durch ein entscheidendes Detail zusätzlich kompliziert. „Das Widerrufsrecht bei online geschlossenen Verträgen existiert nur bei sogenannten Verbrauchsgüterkäufen”, erklärt Rechtsanwalt Solmecke. Also wenn ein Unternehmer, der im Rahmen einer gewerblichen oder beruflichen Tätigkeit handelt, an eine Privatperson eine bewegliche Sache verkauft. Problem: Gerade bei Versteigerungen sind die Grenzen zwischen privaten und gewerblichen Anbietern fließend. Tendenziell Unternehmer ist, wer viele gleichartige Dinge innerhalb kürzester Zeit verkauft.

Beim Magnet-Test durchgefallen – der kleine Italiener besteht fast nur aus Spachtelmasse


Wollen Sie im Netz auf Nummer sicher gehen, erwerben Sie Ihren Old- oder Youngtimer deshalb lieber bei einem Autohändler, der eindeutig als solcher zu erkennen ist. Ein dubioser Online-Anbieter könnte bei Streitigkeiten plötzlich als Privatperson auftreten, um sich vor dem Widerrufsrecht zu drücken. Sollten Sie sich für den Autokauf über eine Online-Plattform interessieren, die im europäischen Ausland beheimatet ist: Kontrollieren Sie in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, ob Sie sich auf zwingende Vorschriften des Rechts in Ihrem Heimatland berufen können. Dazu gehören die jeweiligen nationalen Verbraucherschutzgesetze vom AGB-Recht bis zum Recht des Verbrauchsgüterkaufs und dem Widerrufsrecht. Das stärkt Ihnen im Streitfall den Rücken.

Inzwischen hat das Auktionshaus nachgegeben und einen Verkäufer genannt, der Rückabwicklung und Schadenersatz zugesagt hat.

Seinen Humor hat Georges Kraus übrigens nie verloren. Als Regen droht, schiebt er die Schrottkarre schnell in die Garage: „Nicht, dass sie noch anfängt zu rosten!”

FAZIT

Auch wenn die Emotionen mit Ihnen durchgehen, Sie vom glänzenden Lack und jeder Menge Chrom geblendet sind: Bewahren Sie beim Oldie-Kauf einen kühlen Kopf. Auf Fotos im Internet können selbst Wracks wie automobile Schätze aussehen. Finger weg von einem vermeintlichen Klassiker, den Sie nicht selbst inspiziert haben. Und kaufen Sie lieber direkt vom Händler als im vermeintlichen „Kundenauftrag”, das stärkt Ihre Position.

Vier Augen sehen mehr

Georges Kraus (r.) zeigt unserem Autor Jochen Wieloch die Macken am Mängel-Fiat


FOTO: G.V. STERNENFELS

FOTOS: G.V. STERNENFELS (4), AUTO BILD SYNDICATION (3)