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Ich hatte große LUST, mal eine verklemmte Frau zu spielen


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 52/2021 vom 26.12.2021

BIRGIT MINICHMAYR

Birgit Minichmayr sitzt auf einer Parkbank in Berlin, schaltet sich per Smartphone in unsere Videokonferenz. Zuvor hat sie ihre Kinder in eine Kita gebracht. Als es anfängt zu regnen, setzt sie sich in ihr Auto, spricht von dort aus weiter. Eine Interviewsituation, die von der Anmutung her ein bisschen zwischen Cinéma vérité und „Blair Witch Project“ pendelt. Mal was anderes. Ab 6. Januar ist die Österreicherin in ihrem neuen Film „Wanda, mein Wunder“ im Kino zu sehen. Ein Familiendrama über einen bettlägerigen 70-jährigen Schweizer, der seine polnische Pflegerin schwängert – und dadurch seine wie auch ihre Familie über alle Abgründe und Streitigkeiten hinweg zusammenbringt.

VON MARTIN SCHOLZ

WELT AM SONNTAG: Im Anschluss an dieses Interview müssen Sie weiter zu Dreharbeiten. Wie ist das für Sie im mittlerweile zweiten Corona- Jahr, welche Vorbereitungen mussten Sie ...

Artikelbild für den Artikel "Ich hatte große LUST, mal eine verklemmte Frau zu spielen" aus der Ausgabe 52/2021 von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 52/2021

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... heute Morgen treffen, wie hat sich der Umgang miteinander am Set verändert?

Das war alles im Drehbuch in genau dieser Komplexität so angelegt, diese Ambivalenz aller Figuren. Hinzu kam, dass Regisseurin Bettina Oberli ein tolles Ensemble für diese Rollen ausgesucht hatte und dass unser Zusammenspiel so gut funktionierte. Jeder und jede von uns hatte große Lust daran, an der Ambivalenz all unserer Figuren zu arbeiten, eben keine Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Bettina war es sehr wichtig, dass eben keine Eindeutigkeit vorherrscht. Ich mag diesen Film deshalb wirklich sehr. Und ich war extrem beglückt, mal so eine Frau zu spielen, die so spröde ist und nicht aus ihrer Haut rauskommt …

Eine Frau, die sich im Film selbst als „frustrierte Henne“ bezeichnet ...

(lacht) Ja, genau. Es hat mich schwer begeistert, dass man mir so was anvertraut. Ich hatte große Lust, mal so eine verklemmte, frustrierte Frau zu spielen, die sich sehr stark über Ehrgeiz, Reichtum und Erfolg definiert.

Wie war es, von Ihrer Filmmutter Marthe Keller geohrfeigt zu werden?

Ich würde sagen: Sie hat mich so gut getroffen, dass es richtig geschallert hat, dann aber doch nicht schmerzvoll war. Sie ist Vollprofi. Es war ein großes Vergnügen, mit so einer Grande Dame wie Marthe Keller zu arbeiten, die zudem wahnsinnig witzig ist, immer einen Schalk im Nacken hat. Marthe Keller hat immer einen guten Spruch auf den Lippen gehabt. Dass ich mir neben ihr oft ein bisschen wie ein Waldschrat vorkam, hatte mit ihrer tollen Aura zu tun, dieser mondänen Schönheit, die sie immer noch ausstrahlt. Und: Ihr macht niemand ein X für ein U vor. Sie ist eine coole Socke. Frech auch, ja. Schön frech.

Die Schweizerin Marthe Keller hat mit Dustin Hoffman, Al Pacino und Marlon Brando in Hollywood gedreht, in Zeiten, als noch niemand von #MeToo sprach. Gab es Momente, in denen Sie sich mal mit Regisseurin Bettina Oberli, der Kamerafrau Judith Kaufmann und Marthe Keller zusammengesetzt – und darüber gesprochen haben, was sich in Sachen Gleichberechtigung in den letzten 30, 40 Jahren in Ihrer Branche verändert hat, weiter verändern muss?

Gespräche konkret zu diesem Thema gab es zwar nicht. Das waren eher so kleine Momente, in denen Marthe Keller auf unsere Arbeitsatmosphäre bezogen meinte, es sei so gut, dass Frauen heute mehr wertgeschätzt würden, dass vieles, was sie erlebt habe, nicht mehr vorkomme. Es gibt zu diesem Thema ja diesen tollen Dokumentarfilm, „Be Pretty, Shut Up“, in den 70er- Jahren gedreht. Darin wurden 25 Schauspielerinnen interviewt, darunter Jane Fonda und Maria Schneider. Man fragte sie unter anderem, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie als Junge auf die Welt gekommen wären. Die meisten sagten, sie würden nicht noch mal Schauspielerin werden. Sie schilderten, wie sie von Männern einfach nicht ernst genommen wurden. Ich glaube, das hat sich massiv geändert. Und genau das hat Marthe Keller wohl gemeint, dass wir mehr und mehr einen Durchbruch erreicht haben. Dass Frauen heute mehr auf Augenhöhe wahrgenommen werden, dass heute auch mehr Geschichten über Frauen erzählt werden. Gott sei Dank.

Reden wir ein bisschen über die Wirkmacht Ihrer Stimme als Theater- und Filmschauspielerin. Über deren Sogkraft wurde schon viel Schwärmerisches geschrieben. Vor Kurzem haben Sie Ihre Stimme erstmals auf einem Album zum Einsatz gebracht, auf „As An Unperfect Actor“ singen Sie Shakespeare-Sonette zu Jazzklängen. Müssen Sie sich eigentlich erst warm oder heiser singen, um diese herrliche Aufgerautheit zu erreichen?

Ehrlich gesagt, habe ich diesmal Gesangsunterricht genommen. Weil ich wusste, dass wir mit der Band nur drei Tage für die Aufnahmen hatten. Da wäre nicht genug Zeit gewesen, um mit ihr alles von Grund auf erst mal einzuüben. Jazz zu singen, das war für mich ein ganz neues Gebiet. Ich kannte eine Jazzsängerin, die mit mir vor den Aufnahmen die Songs einstudiert hat. Ich habe jetzt aber nicht vorher rumgeschrien, damit sich meine Stimme aufraut. Es passiert dann irgendwie so während des Spiels. Ich habe die Arbeit an diesem Album mit dem Pianisten Bernd Lhotzky und den Musikern von Quadro Nuevo wirklich sehr genossen. Die Aufnahmen fanden während des Lockdowns statt, diese Livemusik hat mich zu der Zeit extrem beflügelt.

Wie kamen Sie darauf, Shakespeare zu verjazzen?

Ich kam ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde zu diesem Album. Mit Bernd Lhotzky, der die Songs komponiert hat, arbeite ich an einem Abendprogramm über die amerikanische Schriftstellerin Dorothy Parker, im Zentrum stehen ihre New Yorker Geschichten. Wir spielen zwischen den Geschichten zu zweit am Piano Jazz aus den 30er-Jahren. Als Improvisation zwischen den Texten. Mir kam dann die Idee, dass man Jazz und gesungene Texte doch auch mal zusammenführen könnten. Das haben wir mit dem Cole- Porter-Song „One of Those Things“ probiert. Bernd meinte danach, wir müssten mehr in diese Richtung gehen. Dann fielen ihm die Sonette von Shakespeare ein. Ich dachte erst, das wird eh nichts – bis Bernd mir dann im November vergangenen Jahres tatsächlich Noten zu den ersten Songs schickte. Und da kam ich dann erst mal ins Schwitzen.

Der Titel des Albums ist ein Originalzitat von Shakespeare – Sie selbst sind auf dem Cover in Shakespeare-Aufmachung mit aufgemaltem Schnurrbart zu sehen, Sie haben den „actor“ also nicht in eine „actress“ umgewandelt …

Nein, ich habe das Shakespeare-Zitat nicht gegendert (lacht).

Ist das Ihr augenzwinkernder Kommentar zu den oft wilden Debatten, ob und, wenn ja, was man denn in der Sprache alles gendern sollte?

Sagen wir so: Das ist mein spielerischer, humorvoller Umgang damit. Das Spiel mit den Rollen, auch mit Geschlechterrollen, ist bei Shakespeare ja bereits in seinen Stücken eingeschrieben. Sie thematisieren sehr häufig die Komik starrer Geschlechterrollen. Frauen geben sich in ihnen als Männer aus und Männer als Frauen.

Birgit Minichmayr Schauspielerin und Sängerin

Ihr Durchbruch als Filmschauspielerin gelang ihr 2009 auf der Berlinale, für ihre Rolle in „Alle anderen“ bekam sie den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Birgit Minichmayr, am 3. April 1977 im österreichischen Pasching geboren, wurde in Wien am Max-Reinhardt- Seminar zur Schauspielerin ausgebildet. Sie spielte in Filmen wie „Das Parfum“ von Tom Tykwer, „Kirschblüten“ von Doris Dörrie oder „Das weiße Band“ von Michael Haneke. Sie hatte Engagements an der Berliner Volksbühne, am Wiener Burgtheater sowie am Münchner Residenztheater. Ab 6. Januar ist ihr Film „Wanda, mein Wunder“ im Kino zu sehen.