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„Ich kann hier nicht mehr leben“


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Berliner Morgenpost - epaper ⋅ Ausgabe 322/2022 vom 24.11.2022

Cherson. Als Aljona Laptchuk auf dem Ostfriedhof in Cherson endlich am Grab ihres Mannes steht, zischt in kurzer Entfernung winselnd-kreischend ein Geschoss vorbei. Sie zuckt nur leicht. Es gibt nicht mehr viel, was sie erschrecken kann. Mit all den Verlusten, die sie in diesem Krieg erlitten hat, ist auch die Angst verloren gegangen. Sie berührt mit den Fingerspitzen den Bilderrahmen über dem Foto ihres Vitaliy, streichelt sacht über das Glas. Dann verschränkt sie ihre Arme, presst die Hände an ihre Schultern, als suche sie Halt in sich selbst, als fröstele ihr. Es ist kalt geworden im Süden der Ukraine.

Als wir Aljona Laptchuk kennenlernten, war es warm, es war Sommer. Wir trafen die 54-Jährige im Juni in einem Dorf in der Nähe von Mykolajiw. Dort hatte sie im Haus von Verwandten Unterschlupf gefunden. Es war der Tag vor der Beerdigung ihres Mannes, an der sie nicht teilnehmen konnte, weil ...

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Bildquelle: Berliner Morgenpost, Ausgabe 322/2022

Alles kaputt: Aljona Laptchuk in ihrem von Russen zerstörten Wohnzimmer in Cherson.
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... Cherson von den russischen Streitkräften besetzt war. Vitaliy war von den Besatzern zwei Monate zuvor ermordet worden, weil er den Widerstand gegen sie mitorganisiert hatte. Sein misshandelter Leichnam hatte wochenlang im Dnipro gelegen, dem Fluss, an dessen rechten Ufer Cherson liegt.

Ihr Haus, das war der ganze Stolz der Laptchuks. Zwei Stockwerke, großzügig, modern. Jetzt sieht es fürchterlich aus. Eine Rakete ist in die Ecke mit den großen Fenstern eingeschlagen. Im Wohnzimmer liegen Trümmer verteilt, eine Plastikpalme liegt staubbedeckt auf dem Boden, die echten Pflanzen sind verdorrt. In der Treppe zum zweiten Stockwerk klafft ein gewaltiges Loch. Aljona wischt über das verdreckte Sofa. Sie sagt nichts, läuft langsam umher, Glas knirscht unter ihren Schuhen. Dann dreht sie sich um und erklärt leise: „Ich versuche, mich zusammenzureißen, nicht auseinanderzufallen.“

Sie tastet sich durch die Trümmer ihres Lebens. Vieles fehlt, es waren wohl Plünderer da. Zwei Fernseher und die Mikrowelle sind verschwunden. Sie zeigt auf die Magnetsticker auf dem Kühlschrank in der Küche. Die hat sie aus Thailand mitgebracht, aus der Türkei, aus Ägypten, aus Israel. Ihr Vitaliy mochte ihre Sammelleidenschaft nicht sonderlich. Er war bei den Fallschirmjägern, Lehrer an einer Polizeiakademie, ein harter, einfacher Mann. Ihre Freude an Kitsch habe er aus Liebe zu ihr ertragen, sagt sie und versucht zu lächeln. Im Arbeitszimmer ihres Mannes liegt auf der Fensterbank ein Fotoalbum.

Vitaliy mit einer Jagdtrophäe. Vitaliy auf einem Pferd. Vitaliy mit seinen Kameraden. Bilder von den fröhlichen Abenden in ihrer Datscha am Fluss, von den beiden Söhne, die von Seite zu Seite erwachsener werden. Sie lachen viel auf diesen Bildern. Aljona weint. „Ich kann das jetzt nicht mitnehmen. Ich könnte nicht aufhören zu weinen.“ Sie versteckt das Album in einer Schublade. Natürlich, sagt sie, will sie das Haus wieder herrichten. „Aber ich kann hier nicht mehr leben.“

Eine Viertelstunde später klopft Aljona an ein Tor an der Henerala-Almazova-Straße im Zentrum von Cherson. Maryna Shurmanova öffnet. Die beiden Frauen strahlen und umarmen sich, als wollten sie sich nie wieder loslassen, Tränen fließen. Sie haben sich seit April nicht mehr gesehen. Vor Putins Krieg waren die Shurmanovs und die Laptchuks ständig zusammen, Maryna ist Aljonas beste Freundin. Noch am Abend ihrer Verhaftung am 27. März waren Vitaliy und Aljona bei den Shurmanovas. „Ach, Vitaliy“, seufzt Maryna und weint um den verlorenen Freund.

Die Russen wollten in Cherson den Rubel als Zahlungsmittel einführen

Sie braucht ein paar Minuten, ehe sie beginnt, von der Besatzung zu erzählen. Sie und ihr Mann Vlad haben ein Lebensmittelgeschäft. Die russischen Besatzer wollten die Menschen in Cherson zwingen, nur noch mit Rubel zu bezahlen, nicht mehr mit Hrywnja, der ukrainischen Währung. Maryna holt einen Zettel, der im Mai an ihrem Geschäft hing. Er sieht aus wie ein offizielles Schreiben. Falls sie in ihrem Geschäft keine Rubel akzeptierten, werde es konfisziert, steht darin. „Im schlimmsten Fall könnte das Geschäft nachts durch einen Unfall abbrennen.“ Dahinter ein Smiley.

„An den Checkpoints haben sie uns immer gefragt, ob es uns gut geht. Das waren die Momente, in denen ich sie erwürgen wollte“, sagt Maryna. Die russischen Besatzer seien ständig durch die Straßen patrouilliert, in den vergangenen Wochen häufig auf der Suche nach Deserteuren, von denen sich manche in leeren Häusern versteckt hätten. „Freunde von uns haben gesehen, wie sie einen aus einem Haus herausgezerrt und auf offener Straße direkt erschossen haben.“

Jemand hämmert gegen die Tür. Ein Polizist, schwer bewaffnet. Er stellt sich vor, sein Name ist Oleksandr, er will Marynas Pass sehen und ihr Telefon. „Wir suchen Infiltratoren“, sagt er. In der Stadt seien noch immer Russen unterwegs, die ihre Uniformen aus- und zivile Kleidung angezogen hätten. Sie seien auch auf der Suche nach denjenigen, die mit den Besatzern zusammengearbeitet hätten. Auch vor der Besatzung war Oleksandr Polizist in Cherson. Der Tag der Befreiung sei wundervoll gewesen: „Ich glaube, ich habe den Weltrekord an Umarmungen gebrochen“, lacht er. Es war ein Feiertag für die Stadt. Maryna zeigt Videos. Jubelnde Menschen auf dem Freiheitsplatz.

Die Stimmung sei auch heute noch gut, sagt Maryna, auch wenn Cherson seit zwei Wochen keinen Strom und kein fließendes Wasser mehr habe. „Wir teilen uns mit Nachbarn einen Generator“, sagt sie. Die Shurmanovas sind wohlhabend. Viele andere Einwohner von Cherson sind es nicht. Sie stehen auf dem Freiheitsplatz in Schlangen vor den Essensausgaben, sitzen in beheizten Zelten, um ihre Mobiltelefone aufzuladen. Viele wollen weg. Jeden Tag verlassen Busse voller Flüchtlinge die Stadt.

Ein Soldat sagt, die Russen wollten aus Cherson ein zweites Mariupol machen

Ganz in der Nähe des Freiheitsplatzes ist die Lutiranskaya-Straße. Hier steht die Polizeiwache, auf die Aljona und Vitaliy Laptchuk am 27. März verschleppt wurden. Ein fünfstöckiger Funktionsbau, hinter manchen Fenstern sind Sandsäcke zu sehen. Hier haben die russischen Besatzer Aljona verhört, hier haben sie ihren Mann zu Tode gequält, ist sie sich sicher. „Ich habe gehört, wie sie ihn gefoltert haben.“

Ein ukrainischer Polizist marschiert auf sie zu. „Bitte gehen Sie auf die andere Straßenseite. Dieses Gebäude könnte explodieren.“ Die Wache sei voller Sprengfallen, erklärt er, gerade sei drinnen ein Minenräumkommando bei der Arbeit. Minen und Sprengfallen sind überall. Erst vor wenigen Tagen ist ein Minenräumer in Kostromka nördlich der Stadt bei der Arbeit ums Leben gekommen.

Aljona möchte zum Ostfriedhof. Sie hätte ihrem Vitaliy Blumen mitgebracht, aber es gibt keine Blumen in Cherson. Sie legt ihm eine Packung Kekse, Zigaretten und Schokobonbons auf das Grab. Dann zischt das Geschoss von der anderen Seite des Dnipros durch den Himmel. Cherson ist befreit, Frieden herrscht hier nicht. Es gibt an diesem Tag mehrere Raketeneinschläge. Ein Soldat auf dem Freiheitsplatz sagt, die Russen wollten aus Cherson ein zweites Mariupol machen. Die Stadt am Asowschen Meer war bis zur russischen Belagerung eine bedeutende Hafenstadt. Sie ist heute nahezu komplett zerstört.

Ukraine-Podcast

Jan Jessen berichtet seit Jahren für die FUNKE Mediengruppe aus Krisengebieten. Seit Beginn des Ukraine-Krieges ist er mehrfach in das Land gereist. Im neuen Podcast „So fühlt sich Krieg an“ erzählen die Menschen, die Jan Jessen dort getroffen hat, ihre Geschichten. Und so finden Sie den Podcast: Scannen Sie den QR-Code, er führt Sie zu Spotify (Android-Handy) oder Apple Podcasts (iPhone). Neue Folgen hören Sie jeden Mittwoch ab 5 Uhr.