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Ich konnte meine Tochter nach der Geburt nicht lieben


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Grazia - epaper ⋅ Ausgabe 25/2022 vom 15.06.2022
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IN DEM MOMENT, ALS ICH MEINEN MANN MARKUS DAS ERSTE MAL SAH, wusste ich sofort: Mit dem will ich mal ein Kind kriegen! Eins, das seine schönen grünen Augen erben würde, seine dichten blonden Locken, sein Grübchenlachen und seine warmherzige Art. Ich habe damals nicht geahnt, dass ich an diesem Wunsch später beinahe zerbrechen würde.

Schon während der Schwangerschaft habe ich oft gedacht: Warum zum Geier hat mir das niemand vorher gesagt?! Warum haben weder meine Mutter noch meine Schwester mich gewarnt, dass das Baby in meinem Bauch sich anfühlen würde wie ein Alien, das von mir Besitz ergreift? Dass ich den Geruch von Seife so eklig finden würde, dass ich mich übergeben musste, und mich fühlen würde wie ein Teenie, dessen Hormone durchdrehen?

Ich wusste kaum, wohin mit mir – ...

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... und begann, Tagebuch zu führen. Ich merkte schnell: Es tat mir unheimlich gut, mir alles von der Seele zu schreiben und all diese unsagbaren Dinge zu Papier zu bringen – dass mich das Büchlein eines Tages noch auf ganz andere Weise retten würde, war mir zu dem Zeitpunkt nicht klar.

Kaum war unsere Tochter Sophia auf der Welt, zeigte sich: Meine Schwangerschaftsschwierigkeiten waren nichts im Vergleich zu den Problemen, die ich als junge Mutter hatte! Ab dem Tag der Geburt stand meine Welt Kopf. Und zwar nicht auf die leicht chaotische, überwältigt-glückstrunkene Art wie bei den meisten Müttern. All meine Instinkte fuhren plötzlich Achterbahn. Ich konnte überhaupt keine Verbindung zu diesem kleinen Wesen herstellen, mit dem ich als Mutter doch eigentlich auf nahezu magische Weise verbunden sein sollte. Ich fühlte mich einfach nur leer. Tag und Nacht haderte ich mit meiner neuen Rolle und machte mich permanent verrückt: Isst Sophia auch genug? Schläft sie ausreichend? Kümmere ich mich auch wirklich gut um sie? Ich kam überhaupt nicht mehr runter, bekam massive Schlafstörungen – und ging bald völlig auf dem Zahnfleisch.

Die Tage verbrachte ich total übermüdet und überfordert allein mit einem Baby, das permanent schrie – egal, wie sehr ich mich auch bemühte, es zu beruhigen. Ich zählte die Minuten, bis mein Mann endlich von der Arbeit kam. Sobald er über die Türschwelle trat, drückte ich ihm Sophia in die Hand, lief nach draußen und schrie so laut ich konnte.

Ich konnte keinem Menschen erklären, was ich fühlte

Manchmal war ich so außer mir, dass ich volle Milchpackungen nach ihm warf. Dass ich die Türen so fest zuknallte, dass der Griff abbrach. Dass ich tagelang durchheulte. Mein Zustand wurde immer schlimmer, bis ich schließlich das Bett kaum noch verließ. Ich war völlig außerstande, irgendeinem Menschen zu erklären, was ich fühlte. Ich konnte es nur aufschreiben.

Markus entging natürlich nicht, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Eines Tages, ich muss es wohl gerade doch mal unter die Dusche geschafft haben, fand er mein Tagebuch zwischen den Kissen. Er wusste, dass ich gern schrieb, und muss geahnt haben, was das für ein Buch ist.

Als ich aus dem Bad zurückkam, fand ich ihn auf dem Bett sitzend, mein Tagebuch in einigem Abstand neben sich. Er sagte vorsichtig: „Hannah? Ich hab Angst um dich. Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann. Ich glaube, du weißt es selbst nicht. Ich würde dich gern verstehen, wissen, was in dir vorgeht. Darf ich deine letzten beiden Einträge lesen?“ Eigentlich wollte ich „Auf gar keinen Fall!“ schreien. Das, was da drinstand, wagte ich ja kaum vor mir selbst einzugestehen. Doch ich ahnte instinktiv, dass es Zeit war, jemanden an mich ranzulassen. Ich nickte kaum merklich und drehte mich auf dem Absatz um, setzte mich aufs Schuhregal im Flur. Kurz darauf ließ Markus sich neben mich plumpsen. Er schaute mich lange an und sagte nur vier Worte: „Bitte lass dir helfen!“

Es dauerte noch fast einen Monat, bis ich so weit war. Dann ließ ich mich in eine psychiatrische Klinik einweisen. Dort bekam ich endlich die Unterstützung, die ich brauchte. Der Arzt im Krankenhaus schaute mich einfach nur an und wusste sofort, was mit mir los war: postpartale Depressionen. Davon hatte ich zwar schon mal gehört, aber ich hatte einfach nicht wahrhaben wollen, dass ausgerechnet ich das haben sollte. Ich bekam einen Medikamenten-Cocktail aus Antidepressiva und Beruhigungsmitteln, der innerhalb weniger Stunden wirkte. Nach ein paar Tagen konnte ich zurück nach Hause zu Markus und unserer Tochter – so viel befreiter, glücklicher und gelassener. Heute wünschte ich, ich hätte mir früher Hilfe geholt. Doch ich dachte, wenn ich zugebe, dass ich allein nicht mehr zurechtkomme, keine Bindung zu meinem Kind habe, wäre das ein Zeichen von Schwäche und Unfähigkeit.

Nach meinem Klinikaufenthalt nahm ich ein Jahr lang weiter Medikamente. Als ich mich mit Sophia endlich richtig angekommen fühlte, wollte ich unbedingt noch ein Kind. Ich wollte mich dieses Mal über mein Baby freuen können, statt daran zu verzweifeln. Doch auch nach Charlottes Geburt zeigte ich Symptome einer postpartalen Depression. Diesmal ließ ich mir sofort helfen. Die Zeit mit Charlotte wurde wunderschön, und ich bin unfassbar froh, dass ich eine zweite Chance bekommen habe. Ich bin heute so dankbar für meine kleine Familie – das ist wirklich alles, was ich je wollte. ■