Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

»Ich muss der Figur immer glauben können«


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 25.09.2018

Regisseurin Carline Brouwer über »Anastasia«


Artikelbild für den Artikel "»Ich muss der Figur immer glauben können«" aus der Ausgabe 5/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Sandra Reichel

blickpunktmusical : Stand von Anfang an fest, dass Sie als Associate Director die Regie von »Anastasia« bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Stuttgart übernehmen?

Carline Brouwer: Ja, es stand im Raum. Natürlich musste ich trotzdem nach Amerika, um das Team kennenzulernen. Ich habe zwar einiges in Deutschland gemacht, aber der Original-Regisseur Darko Tresnjak (Hartford Stage) und das Team mussten trotzdem entscheiden, ob es passt. Das war auch in meinem Alter noch aufregend und spannend. Nun bin ich aufgenommen als Teil des Teams ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von blickpunkt musical. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2018 von … kurz vorweg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
… kurz vorweg
Titelbild der Ausgabe 5/2018 von Crossover, so wie es sein soll. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Crossover, so wie es sein soll
Titelbild der Ausgabe 5/2018 von Hippie Life in Bad Hersfeld. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hippie Life in Bad Hersfeld
Titelbild der Ausgabe 5/2018 von Mogli als Mensch im Mittelpunkt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mogli als Mensch im Mittelpunkt
Titelbild der Ausgabe 5/2018 von Von Finnland, fliegendem Vieh und fiesen Vätern. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Von Finnland, fliegendem Vieh und fiesen Vätern
Titelbild der Ausgabe 5/2018 von Ein Verwirrspiel …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein Verwirrspiel …
Vorheriger Artikel
Herrschertreffen in Füssen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Gekürzte Version eines Operettenklassikers
aus dieser Ausgabe

Carline Brouwer: Ja, es stand im Raum. Natürlich musste ich trotzdem nach Amerika, um das Team kennenzulernen. Ich habe zwar einiges in Deutschland gemacht, aber der Original-Regisseur Darko Tresnjak (Hartford Stage) und das Team mussten trotzdem entscheiden, ob es passt. Das war auch in meinem Alter noch aufregend und spannend. Nun bin ich aufgenommen als Teil des Teams und verantwortlich für die europäischen Fassungen. (strahlt)

blimu: Dann inszenieren Sie auch die spanische Erstaufführung in Madrid?

CB: Ja, überall in Europa. Wo immer »Anastasia« gespielt wird.

blimu: Ist das für Sie eine Ehre?

CB: Es ist eine große Ehre und ich bin sehr froh, weil ich die Show liebe.

blimu: Was fasziniert Sie an der Geschichte?

CB: Es ist die Geschichte einer sehr starken, jungen Frau. Das finde ich immer schön als Frau, wobei es auch sehr spannende Männerrollen im Stück gibt.

Wir sehen auf ein junges Mädchen, das ihren Weg geht. Ihre ganze Familie ist ermordet worden – etwas, was es heute auch noch gibt. Im Grunde ist sie ein Flüchtling. Sie hat ihr Gedächtnis verloren, weiß nicht mehr, wo sie herkommt. Sie versucht, herauszufinden, wo ihre Wurzeln sind und wohin sie gehört. Das Stück besitzt eine Aktualität, die mich berührt.

Mir gefällt auch, wie sie ihren Weg sucht und dabei ehrlich und verletzbar in der Welt steht. Sie hat Angst, spielt aber nie ein Spiel, um etwas zu erreichen.

Anyas Weg ist spannend, aufregend und romantisch. Obwohl manches verwirrend für sie ist, sie oft einsam ist und Angst hat, geht sie diesen Weg und findet dabei zu sich selbst. Dabei hört sie bis zum Ende der Show immer auf ihr Herz. Nur weil sie ehrlich zu sich selbst ist, gelangt sie ans Ziel. Ihr geht es nicht um Geld oder Ruhm. Sie möchte nur wissen, wer sie ist und wohin sie im Leben gehört. Und das ist nicht einfach.

Ich habe Respekt vor dieser Frau.

blimu: Was ist Ihnen besonders wichtig bei Ihrer Inszenierung?

CB: Mir ist immer wichtig, dass ich ihr glaube. »Wahrhaft« ist ein Wort, das ich in der Probezeit sehr häufig benutze. Natürlich gibt es im Musical auch Glitzer und Glamour – das darf alles sein, muss es manchmal sogar – doch ich muss der Figur immer glauben können. Auch ein Darsteller in meinen Proben darf fallen und wieder aufstehen, sich selbst sehen lassen und vertrauen. Ich versuche immer, einen Raum zu kreieren, wo es sicher ist, wo sich die Darsteller ausprobieren und fallen lassen können. Sie dürfen auch mal nicht gut sein. Das ist der einzige Weg, damit der Cast entdecken kann, worum es geht. So erkenne auch ich, was spannend ist an jedem Darsteller. Es ist kein Klischee und nicht nur oberflächlich, ich möchte in die Tiefe gehen. Super-wichtig ist, dass auch das Publikum mir glaubt, den Darstellern glaubt. Dass es mitgeht auf die Reise und nicht nur schöne Kostüme sieht – und die Kostüme sind sehr schön, ebenso Bühnenbild und Ausstattung.

blimu: Eine reiche Ausstattung kann manchmal auch ablenken, wenn die Darsteller dagegen nicht bestehen.

CB: Ganz genau. Jede Show muss Herz haben. Und das ist nicht einfach, wenn man es acht Mal in der Woche spielt. Ich möchte mit den Darstellern zusammen einen Weg finden, dass es immer da ist. Das ist mein Ziel.

blimu: Was ist das Besondere an dem Stück von Stephen Flaherty, Lynn Ahrens und Terrence McNally?

CB: Ich finde es so reich, so detailliert. Bei jedem weiteren Hören der Musik finde ich immer neue Details. Das ist so gut durchdacht und alles ist miteinander verbunden. Es gibt viel Abwechslung und Tiefe in der Musik. Sie ist voller Überraschungen. Obwohl ich sie so häufig höre, wird es mir nie langweilig. Nein, ich freue mich immer wieder, wenn die Arbeit anfängt und ich ein Lied 100-mal hören darf.

blimu: Was sind für Sie die besonders starken Songs, die die Geschichte vorantreiben? Manche kommen aus dem Film, aber es gibt auch die 16 neuen Titel, die eigens für die Bühnenfassung geschrieben wurden.

CB: ›Journey to the Past‹ (im Deutschen: ›Reise durch die Zeit‹) ist natürlich ein wunderschöner und starker Song. Doch mein Geschmack verändert sich. Ich mag sehr ›Stay, I Pray You‹ über die Flüchtlinge, die aus Russland weggehen. Sie stehen auf dem Bahnhof und nehmen Abschied von ihrem Land. Sie wissen, wenn sie nach Paris reisen, können sie nie mehr zurückkommen. Der Zug fährt gleich ab und sie müssten eigentlich einsteigen, aber sie stehen da. Der Abschied von ihrem Land fällt ihnen schwer. Das ist so berührend.

Doch ich mag auch ›My Petersburg‹, weil der junge Dimitry seine Stadt hasst und liebt, aber weiß, er muss jetzt gehen. Nichts wird sich ändern, wenn er bleibt. Doch das ist seine Stadt.

Ich mag sehr viele Songs, das ist mein Problem. Es gibt keinen Favoriten, sondern zahlreiche Titel, die hängen bleiben, die »Ohrwürmer« sind.

blimu: Von wem stammt die deutsche Adaption, die wir in der Präsentation von Judith Caspari gehört haben?

CB: Sie ist von Wolfgang Adenberg. Er hat unter anderem auch »Rocky« und »Love Never Dies« ins Deutsche gebracht.

blimu: Inzwischen ist die Besetzung der drei Hauptrollen bekannt. Judith Caspari verkörpert Anya, Milan van Waardenburg spielt Dimitry und Mathias Edenborn übernimmt die Rolle von Gleb. Was bringt jeder von den Dreien für seine Rolle mit?

CB: Judith Caspari – Für mich ist sie eine starke, junge und schöne Frau mit einer himmlischen Stimme. Es umgibt sie ein großes Geheimnis, ein Mysterium und ihr Auftreten hat etwas Königliches. Gleichzeitig ist sie geerdet, natürlich, ehrlich und besitzt eine beeindruckende Präsenz.

Ich kann sie mir gut vorstellen als eine junge Frau, die darum kämpft, zu ihren Wurzeln zurückzufinden. In ihrem Überlebenskampf auf der Straße blitzt immer wieder die königliche Kinderstube auf. Judith ist ein Rohdiamant, direkt aus der Ausbildung, bereit, die Bühnen zu erobern.

Milan van Waardenburg – Der junge, erstklassige Vollblut-Darsteller. Mit all den Qualitäten, von denen wir bei einem jungen Helden träumen. Er ist einer der besten Sänger in seinem Alter, besitzt Tiefgang, Charisma, Humor, ist angriffslustig und sieht zudem noch gut aus. Milan ist voller Energie und Enthusiasmus. Er kann ein Straßenkämpfer sein, aber auch ein Prinz. Mathias Edenborn – Ich freue mich sehr darauf, wieder mit ihm zu arbeiten. Wir haben bei »Ich war noch niemals in New York« in Zürich zusammen gearbeitet und es war eine spannende Reise. Der innere Kampf des Gleb ist enorm und

Mathias ist grandios darin, all diese Schichten der Rolle zu spielen. Er ist kein klischeehafter Bösewicht, sondern jemand, bei dem man sich vorstellen kann, dass Anya sich in ihn verliebt. Er strahlt Autorität, etwas Gefährliches und Sex-Appeal aus und ist ein großartiger Darsteller und Sänger mit seinem eigenen, einzigartigen Stil.

Mathias ist ein professioneller Fußballspieler, der ein Musical-Star geworden ist … eine faszinierende Mischung, die nur überraschende Momente auf der Bühne bringen kann.

blimu: Vielen Dank, dass Sie unsere Leser ein wenig an Ihrer Liebe zum Stück »Anastasia« teilnehmen ließen. Alles Gute für die Probenzeit und die Premiere am 15. November 2018 in Stuttgart!

Judith Caspari bei der Präsentation als Anya


Foto: Sandra Reichel

Carline Brouwer

Die ausgebildete Schauspielerin verkörperte 20 Jahre lang Hauptrollen im Repertoire verschiedener Theaterensembles. Dazu gehören: Julia (Shakespeares »Romeo und Julia«), Ophelia (Shakespeares »Hamlet«), Helena (Shakespeares »Ein Sommernachtstraum«), Irina (Tschechows »Die drei Schwestern«), Nina (Tschechows »Die Möwe«), Susanne (Baumarchais' »Die Hochzeit des Figaro«), Antigone (Euripides' »Antigone «), Madame de Sade (Mishimas »Madame de Sade«) und Polly Peachum (»Die Dreigroschenoper« von Brecht/Weill).
Seit 2008 arbeitet Carline Brouwer als Musical-Regisseurin in ganz Europa. Sie inszenierte »Ich will Spaß!« (Uraufführung in Essen 2008), »Der Schuh des Manitu« (Uraufführung in Berlin 2008), »Ich war noch niemals in New York« (Wien 2010, Stuttgart 2010, Zürich 2012, Oberhausen 2012, Berlin 2015, Hamburg 2016), »Saturday Night Fever« (Niederlande 2012, Mailand 2013), »Sister Act« (Uraufführung in London 2009, Hamburg 2010, Wien 2011, Mailand 2011, Paris 2012, Stuttgart 2012, Scheveningen 2013, Oberhausen 2013, Barcelona 2015, Berlin 2016), »High School Musical« (Niederlande 2009), »All Shook Up – Love Me Tender« (Niederlande 2009), »Moeder, Ik Wil Bij De Revue« (Uraufführung in den Niederlanden 2014) und »The Bodyguard« (Niederlande 2015, Madrid 2017). »Anastasia« ist ihr erstes Musical als Associate Director: Sie ist verantwortlich für die europäischen Erstaufführungen der Show (Madrid 2018, Stuttgart 2018, Niederlande 2019).
Für ihre Arbeit in Italien, Deutschland und den Niederlanden wurde Brouwer mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.