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Ich verzeihe dir!


Frau im Leben - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 04.08.2021

„Am meisten verletzte mich sein Schweigen

Artikelbild für den Artikel "Ich verzeihe dir!" aus der Ausgabe 9/2021 von Frau im Leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Frau im Leben, Ausgabe 9/2021

Martina Hirsch- Gschrey (59) fiel aus allen Wolken, als ihr Mann die Scheidung wollte

„Zu verzeihen hat sich gelohnt

Cornelia T.* (52) brauchte 38 Jahre, um sich mit ihrem Vater endlich auszusöhnen

„Ich will den Tätern nicht vergeben

Katy Pohl (54) kämpft für Sportler, die wie sie missbraucht wurden

Es hat sie ein Leben lang beschäftigt, dieses Gefühl, als kleines Mädchen im Stich gelassen worden zu sein. Cornelia T.* war drei Jahre alt, als sich ihre Eltern trennten und der Vater aus ihrem Leben verschwand. Er hat sich nie wieder gemeldet. Nicht zu Geburtstagen, nicht an Weihnachten, auch nicht, als Cornelia die Schule beendete, ins Ausland ging und heiratete. „Oberflächlich betrachtet war das schon okay, ich kannte es nicht anders.“ Das änderte sich, als die heute 52-Jährige aus Dielheim im Rhein-Neckar-Kreis selbst Mutter wurde. Da spürte sie diese Wut in ...

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... ihrem Bauch, die immer dann hochkam, wenn sie mit jeglicher Art von Verlust konfrontiert war. „Bei jedem Konflikt bin ich irgendwann ausgeflippt, was alle meine Beziehungen torpediert hat.“

Obwohl ihr Stiefvater sie liebevoll unterstützt und aufgefangen hat, konnte Cornelia lange Zeit keine Nähe zulassen. Sie sehnte sich nach Liebe, Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Fürsorglichkeit – aber konnte genau das nicht aushalten. Diese Zerreißprobe hat Cornelias erste Ehe nicht überstanden. Als ihr Stiefvater starb und sie selbst schwer erkrankte, hatte sie das Bedürfnis, den Ursachen für ihr geringes Selbstbewusstsein und ihr allgemeines Misstrauen auf den Grund zu gehen. Sie wollte sich mit ihrem leiblichen Vater aussöhnen, versuchen, ihn zu verstehen, vielleicht sogar ihm verzeihen und diesen verletzenden Dorn ein für alle Mal aus ihrem Herzen ziehen.

Gut für den Seelenfrieden

Cornelia h nach einem langen, schmerzlichen Prozess ihren Weg gefunden

Eine große Aufgabe – und leider ein Klassiker, sagt Psychologin und Theologin Dr. Beate Weingardt aus Tübingen: „Wer von einem geliebten Menschen gekränkt oder enttäuscht wurde, trägt oft für Monate oder Jahre einen Rucksack voller Emotionen mit sich herum, bis er zu schwer und belastend wird.“ Wut und Hass stecken oft darin, aber auch Trauer und ein Gefühl von Ohnmacht, weil man die Vergangenheit nicht ändern kann.

Groll und Hass können krank machen

Die Freundin, die schlecht über uns spricht, der Ehemann, der mit anderen Frauen flirtet. Egal, was uns auf die Palme bringt: „Groll mit uns herumzutragen ist wie das Greifen nach glühender Kohle. Auch wenn wir sie nach jemandem werfen wollen, wir verbrennen uns vor allem selbst daran“, heißt es in einem Zitat von Buddha. Wissenschaftler geben ihm recht: Die Psychologen Yu- Rim Lee von der Konkuk-Universität Südkorea und Robert Enright von der Universität Wisconsin werteten Studien mit insgesamt 58 000 Freiwilligen aus. Das Ergebnis: Nachtragend zu sein ist nicht nur schrecklich anstrengend – es kann auch krank machen. Wer nicht verzeihen kann, hat ein höheres Risiko zum Beispiel für Bluthochdruck, Schmerzen oder Autoimmun-Erkrankungen.

Der Grund dafür schlummert in unseren Genen, erklärt Beate Weingardt: „Wir Menschen sind Herdentiere und von Natur aus auf Harmonie geeicht; eine intakte Gemeinschaft sicherte seit der Steinzeit unser Überleben.“ Was die Seele bewegt, bewegt auch den Körper, davon ist die Expertin überzeugt. Nicht umsonst sagen wir Sätze wie „Das nehme ich mir zu Herzen“ oder „Das steckt mir in den Knochen“. Negative Gefühle wie Wut, Verbitterung oder Ärger zu kultivieren ist ähnlich schädlich, wie mit einer Zimmerpflanze zu leben, die täglich Gift versprüht: der pure Stress!

Verzeihen dagegen ist eine Wohltat für die Seele und kann sich sogar auf der Waage bemerkbar machen. Frust-Esserinnen nahmen leichter ab, nachdem sie ihren Gefühlsballast losließen und dem Ehemann eine Kränkung verziehen, berichteten italienische Forscher. Der amerikanische Psychiater James Carson ist sogar davon überzeugt, dass Verzeihen vor chronischen körperlichen Schmerzen schützt.

Also besser nicht lange schmollen, sondern lieber so schnell wie möglich vergeben und vergessen? Klingt verlockend, ist aber kein Königsweg, sagt Psychologin Beate Weingardt, die sich auch in ihren Büchern (z. B. „Das verzeih’ ich dir [nie]!“, SCM R. Brockhaus, 12,99 Euro) mit dem Thema auseinandersetzt. Seit 30 Jahren berät sie Vergebungswillige und stellt immer wieder fest: „Verzeihen funktioniert nicht auf Knopfdruck, sondern ist ein Prozess mit vielen kleinen, individuellen Schritten. Die Entscheidung dafür muss jeder Mensch für sich und aus vollem Herzen treffen.“

Die gebürtige Holländerin Cornelia T. hat für diesen Weg 38 Jahre gebraucht – und ist dazu 600 Kilometer bis nach Utrecht gefahren. „Ich wollte meinem leiblichen Vater in die Augen sehen, wenn wir uns aussprechen.“ Als sie sich dann gegenübersaßen, zwei Fremde in einer Wohnung mit braunem Sofa, Pril-Blumen-Tapete und orangefarbener Siebzigerjahre-Küche, „war das wie eine Zeitreise in das Haus meiner Großeltern und doch irritierend fremd“, erinnert sich die 52-Jährige, die sich fest vorgenommen hatte, nicht ohne Antworten nach Hause zu gehen.

Seine Entschuldigung löste den Knoten

Warum hast du nicht um mich gekämpft?, fragte sie ihn. Warum war ich dir nicht wichtig genug? Weshalb warst du meiner Halbschwester aus deiner zweiten Ehe mehr Vater als mir? Seine Antworten, kurz, simpel und von entwaffnender Aufrichtigkeit: „Wir waren so jung damals, ich habe große Fehler gemacht, es tut mir leid.“

„Seine ehrliche Entschuldigung löste den Knoten wie von selbst. Ich konnte ihn mit anderen Augen sehen“, erzählt Cornelia. „Mir wurde klar, dass dieser Mann einfach nicht den Mut und die Stärke gehabt hatte, es besser zu machen.“ Heute ist Cornelia in zweiter Ehe glücklich verheiratet und hat eine Tochter im Teenageralter. Die ihren Großvater nicht mehr kennenlernen wird, weil er inzwischen an Demenz erkrankt ist und im Heim lebt. „Mein leiblicher Vater kann weder mein Papa noch ihr Opa sein, dafür ist zu viel passiert“, sagt Cornelia. Aber sie konnte ihrem Vater schreiben, dass sie ihren Frieden mit ihm gemacht hat. Die jahrelang schmerzende Wunde hat sich in eine Narbe verwandelt, die sie daran erinnert, „mutig zu sein und daran zu glauben, dass Verzeihen sich lohnt, vor allem für den Seelenfrieden“.

„Ich wollte mich mit meinem Vater aussöhnen, ihn verstehen, ihm vielleicht sogar verzeihen und den verletzenden Dorn aus meinem Herzen ziehen

Cornelia (52) suchte die offene Aussprache mit ihrem leiblichen Vater

In 5 Schritten zur Vergebung

Verzeihen ist ein Prozess, der Zeit braucht

„Die eigene Geschichte umzuschreiben und als neues Kapitel ins Leben zu integrieren, darum geht es beim Verzeihen“, so der Psychologe Prof. Mathias Allemand von der Universität Zürich. „Verzeihen ist auch deshalb so spannend, weil es ein absolut kontra-intuitiver Veränderungsprozess ist. Jemand tut mir etwas Schlechtes an, aber mit der Zeit reagiere ich positiv darauf.“ In seinen Studien erforscht er, was beim Verzeihen hilft – und warum es uns im Alter wichtiger wird, schwelende Konflikte zu einem guten Ende zu bringen. Tagebuch schreiben und Gespräche, auch mit Psychologen, können dabei helfen. Und eine gewisse Nachsicht: „Verzeihen beginnt mit der Erkenntnis, dass wir alle Schwächen haben“, beschrieb es der österreichische Psychiater Dr. Kurt Sindermann einmal. Statt bei sich selbst ständig nach Fehlern zu suchen, sollte man sich besser als liebenswertes „Pauschalangebot“ verstehen – mit vielen guten Eigenschaften und ein paar Anteilen, auf die man auch hätte verzichten können. Das macht versöhnlicher – sich selbst und anderen gegenüber.

Ein liebenswertes Pauschalangebot – für Martina Hirsch-Gschrey war Wolfgang immer viel mehr. „Ich war 17, als wir uns kennenlernten. Er war meine erste große Liebe“, sagt die Lohnverrechnerin über den Mann, der 20 Jahre an ihrer Seite war und sie bei allem unterstützte. Auch als sie gemeinsam von Wien ins niederösterreichische Pressbaum zogen, sie eine Auszeit vom Job plante, um Hunde zu züchten. Wolfgang renovierte das Haus, baute den Hundezwinger im Garten – und schwieg. Verschwieg, dass er selbst von einem anderen Leben träumte. Mit Penthouse in der Stadt und Reisen durch die Welt. Von Freiheit ohne Hundewelpen und Tierarztrechnungen. Bis er es nicht mehr konnte. „Nie werde ich den Tag vergessen, als Wolfgang mir knallhart eröffnete, dass er sich scheiden lassen würde.“ Ein Jahr lang hatte er darüber nachgedacht. Das verletzte Martina am meisten: „Ich konnte ihm lange nicht verzeihen, dass er mich nicht ins Vertrauen gezogen und mit mir geredet hat. Vielleicht hätten wir unsere Ehe retten können.“ Sechs Monate Spießrutenlauf folgten, in denen Wolfgang aus finanziellen Gründen noch auf der Couch im Wohnzimmer campierte und Martina bis zuletzt auf eine Versöhnung hoffte – bis es klick machte „und ich begreifen

„Ich konnte ihm lange nicht verzeihen, dass er mich nicht ins Vertrauen gezogen und mit mir geredet hat

Martina Hirsch-Gschrey (59) kränkte es, dass ihr Mann seine Träume vor ihr verheimlichte konnte, dass ich nicht Wolfgang verloren habe, sondern nur unsere Liebe“.

Heute sind Martina und Wolfgang wieder ein Dreamteam – als beste Freunde. „Er ist mein Notfall-Mann, wenn mein Auto stehen bleibt oder ich einen Hundesitter brauche“, sagt die 59-Jährige mit einem Lächeln über ihren Ex. Sein eigenes Leben sieht anders aus: schicke Wohnung, große Reisen. „Vielleicht hätte er offen über seine Wünsche reden sollen. Aber wer weiß, ob ich damals zugehört hätte“, sinniert Martina, die inzwischen ihr Leben mit einem Mann teilt, der wie sie mit Leidenschaft Hunde und Katzen züchtet.

Viele Puzzleteile ergaben endlich ein Bild Verzeihen kann ein Wendepunkt im Leben sein, ein spontaner Befreiungsschlag, der Anfang von etwas Neuem – aber auch ein Kraftakt, der fast nicht zu stemmen ist. Katy Pohl ringt jeden Tag damit, seit ihr ein Arzt 2012 bei einer Untersuchung die Augen öffnete. „Sie wurden als Teenager gedopt!“ Diese ungeheuerliche Behauptung klingt der 54-Jährigen bis heute in den Ohren: „Ich konnte wochenlang mit niemandem darüber sprechen“, erinnert sich Katy an den Schock und ihre Wut. Aber auch an das Gefühl, dass die vielen Puzzlestücke ihrer Vergangenheit endlich ein Bild ergaben. Mit Anfang 40 war sie da bereits in Frührente, nach Jahren mit Schmerzen, unzähligen Operationen und zwei Fehlgeburten.

„Dabei wollte ich einfach nur Volleyball spielen“, erzählt sie von einem Tag Ende der Siebzigerjahre. Ein Talentscout des Sportclubs Traktor Schwerin saß in der kleinen Wohnung der sechsköpfigen Familie und malte den Eltern die Karriere aus, die ihre Tochter machen würde. Sportschule und Internat – mit 13 Jahren führte Katy das Leben einer modernen Sklavin. „Wenn ich zurückdenke, fühle ich mich wie in einem bösen Traum, dem ich nicht entfliehen kann.“ Schmerzen und die Angst vor dem nächsten Training wurden zu festen Begleitern. Wie weit die Verantwortlichen für den sportlichen Erfolg ihrer Schützlinge gingen, ahnte Katy Pohl damals nicht, als das Team nach dem Training „Vitamindrinks“ trinken sollte, nach heutiger Vermutung Doping- Cocktails zur Schmerzlinderung und Leistungssteigerung. Mit 16 Jahren flog Katy aus dem Kader. Die gesundheitlichen Folgen der Sportlerlaufbahn begleiten sie bis heute.

Die Enttäuschung saß tief

Martina Hirsch-Gschrey hat ein neues Verhältnis zu ihrem Ex-Mann gefunden

1 Akzeptieren, dass es wehtut

Wer gekränkt ist, sollte trotzdem nicht der Versuchung nachgeben, die Wut im Bauch kleinzureden („halb so wild!“). Besser: sich die eigene Verletzlichkeit eingestehen, niemand muss immer stark sein. Das tut jetzt gut: Zu akzeptieren, dass ein anderer Mensch uns verletzt hat, ist der erste Schritt, das Thema anzugehen.

2 Begreifen, was passiert ist

Nach einer Kränkung bleiben wir leicht im eigenen Gefühl stecken. Die Wunden zu lecken ist erlaubt. Langfristig um das eigene Elend zu kreisen bringt aber keinen weiter. Das tut jetzt gut: Sich ehrlich fragen, was passiert ist, und die Gefühle sortieren: Hat mich der andere absichtlich verletzt – oder war er einfach ungeschickt?

3 Eine Freundin ins Boot holen

Wer zu nah dran ist, sieht nicht das ganze Bild. Vielleicht hatte der andere keine Wahl. Oder er hat einen Nerv getroffen, der die Sache größer macht, als sie ist. Das tut jetzt gut: Mit vertrauten Menschen reden, die zuhören und die richtigen Fragen stellen.

Zum Beispiel: „Warum war das eigentlich so schlimm für dich?“ „Wie könntest du das Thema hinter dir lassen?“

4 Eine Entscheidung treffen

Manche Menschen schleppen eine Kränkung über Jahre mit sich herum. „Wie eine Wunde, die immer wieder aufbricht“, erklärt Psychologin Weingardt. Das tut jetzt gut: Sich entscheiden, was man will – schmollen oder die Sache überwinden?

„Zur Versöhnung braucht es zwei, Vergeben kann man allein“, weiß Beate Weingardt.

5 Sich Zeit geben

Mit der Entscheidung, die Kränkung hinter sich zu lassen, ist noch nicht alles erledigt. Es ist normal, wenn der Groll immer wieder aufblitzt. Vergeben und vergessen sind zwei Paar Stiefel.

Das tut jetzt gut: Geduld mit den eigenen Gefühlen haben und keine Wunder erwarten. Vergeben ist ein Prozess: Vielleicht kommt die alte Vertrautheit wieder – vielleicht nicht. Bis dahin kann man nur: das Thema jeden Tag ein wenig mehr loslassen.

Kann man einen solchen Missbrauch je verzeihen? „,Zorn zu behalten heißt: Gift zu trinken und zu hoffen, dass der andere stirbt.‘ Dieses Zitat meines Psychologen hat mir sehr geholfen“, sagt Katy Pohl, die den Tätern dennoch nicht vergeben, sondern die Schuld bei ihnen lassen möchte. Für die Versöhnung mit ihrer Lebensgeschichte hat sie einen anderen Weg gefunden: „Ich will dafür sorgen, dass die Taten von damals offengelegt und aufgeklärt werden.“ Seit Jahren engagiert sie sich deshalb für die Doping-Opfer-Hilfe in Berlin. 1 200 Menschen sind auch durch die Aufklärungsarbeit des Vereins heute als Doping-Opfer anerkannt, wie Katy Pohl. Ihre seelische und körperliche Gesundheit kann ihr niemand zurückgeben, die 54-Jährige leidet noch immer an Knochenproblemen, gynäkologischen Fehlbildungen, Depressionen, Epilepsie, Multipler Sklerose und einem Tumor im Knie. Therapien und Arztbesuche bestimmen ihren Alltag.

Aber Katy Pohl will vorrangig in die Zukunft schauen. Sie steckt ihre Kraftreserven in die Pflege der Vereins-Internetseite. Außerdem unterstützt sie Sportler, die Ähnliches erlebt haben. „Mein Engagement trägt dazu bei, dass sich der systematische Missbrauch an jungen Menschen im Sport niemals mehr wiederholt. Und das gibt mir die Kraft, in Frieden weiterzuleben.“

Kristina Junker

„Ich will, dass sich der systematische Missbrauch an jungen Sportlern nie mehr wiederholt. Das gibt mir die Kraft, in Frieden weiterzuleben

Katy Pohl (54) engagiert sich für Doping-Opfer-Hilfe in Berlin

Nach vorn schauen

Das Doping hat Katy Pohl krank gemacht. Trotz seelischer und körperlicher Schmerzen gibt sie nicht auf