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Ich war der Mann für die Feiertage“


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 13/2021 vom 26.03.2021

REPORT

Jedes Bild ein Fest: Mehr als 60 Titelbilder schuf der Maler Jörn Meyerfür HÖRZU. Mehr als jeder andere. Ein Hausbesuch


Artikelbild für den Artikel "Ich war der Mann für die Feiertage“" aus der Ausgabe 13/2021 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 13/2021

FROHES FEST

Das Gelbe vom Ei: „Osterspaziergang“, Jörn Meyers erster Titel für HÖRZU (1974)

Schnell hinaus, dann sehen Sie es noch.“ Mit diesen Worten führt Jörn Meyer festen Schrittes auf den Balkon. Vierter Stock, Neubau, oben am Hang. Darunter breitet sich das Gewirr historischer Bauten des Hamburger Treppenviertels aus. Unten glänzt matt die Elbe. Tatsächlich: Auf dem Fluss verschwindet gerade ein Containerfrachter hinter den Häusern. „Schiffe gucken ist unser Extremsport“, ...

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... witzelt Meyer und erklärt: „Meine Frau ist Kapitänstochter, deshalb sind wir vor 30 Jahren hierhergezogen.“ Malerischer kann ein Maler kaum wohnen. Doch die verkrachte Künstlerseele, dieses Klischee, sucht man hier vergeblich. Der 79-Jährige wirkt fit, hat helle, lachende Augen und eine gewinnende Art. Manchmal spaziert das Paar 13 Kilometer bis nach Buxtehude. Weit? Nicht für die Meyers. Es ist kaum zehn Jahre her, da wanderten sie auf dem Jakobsweg durch Europa, kämpften sich trotz Regen, Wind und Matsch über Gebirgspässe in der Schweiz. 3800 Kilometer. Das Paar hat Energie, ist weit gereist, fuhr lange Oldtimer. Auch die liebevoll eingerichtete Dachwohnung atmet Lebensfreude, Tatkraft und Offenheit. Große Fenster. Vasen mit Narzissen, Hortensien, Rosen. Es duftet nach frischem Apfelkuchen und Kaffee.


„Vor Aufregung zitterte meine Hand“


Der Besuch in Hamburgs Westen ist ein Blick in die Geschichte von HÖRZU. Jörn Meyer hält einen besonders schönen Rekord. Er hatte mehr Titelblätter als Thomas Gottschalk, Senta Berger und Iris Berben zusammen. Über 60 Mal malte er die Seite eins. Mehr als jeder andere Künstler. Er erinnert sich noch an den ersten Auftrag. Der damalige Chefredakteur Hans Bluhm rief persönlich an. Ob er, Meyer, sich vorstellen könne, ein Titelbild für die Osterausgabe 1974 zu malen. „Ich konnte es kaum glauben. Überall wäre mein Bild zu sehen. Das war eine ungeheure Verantwortung. Vor Aufregung zitterte meine Hand bei den ersten Pinselstrichen.“ Sein Motiv für die mehr als vier Millionen Hefte: ein übergroßes Ei inmitten verschlungener Spazierwege (siehe Seite 8). Dieser Ostertraum wurde zum Renner am Kiosk. Der Chefredakteur bedankte sich. Zwischen 1974 und 1989 gestaltete Meyer über 60 Titel. Die Redaktion gab das Thema vor, das Meyer als heitere, einprägsame Wunschwelt in Öl und Acryl bannte. Jahreszeiten, Landschaften, Freizeitvergnügen. Wenn sich die Familien zu Ostern oder Heiligabend versammelten, lag bei vielen ein Meyer auf dem Couchtisch: „Ich war der Mann für die Feiertage.“

WEISSE WELT Wer entdeckt die Tiere? Beim Weihnachtstitel 1979 suchten Leser mit


RUHIGE HAND

Liebevoller Blick auf Hamburg: In seinem Arbeitszimmer malt Jörn Meyer derzeit die Bezirke der Stadt

WUNSCHKONZERT

Musik, Natur, dörfliche Idylle: „Mit Pauken und Trompeten“ läutete 1976 die Pfingstzeit ein

WO IST DAS EI?

„Ostereier suchen“ von 1980: Die Beete stecken voller Überraschungen

KUNST IM BLICK

Maler Jörn Meyer neben einer Skulptur mit Pinsel und Palette. Dahinter erhebt sich das Treppenviertel von Blankenese

LEBENSLIEBE

Der Maler über Gattin Gardy: „Mein Engel“

MARITIM

Der „Blick auf den Hafen“ schmückte 1988 die HÖRZU

Er traf den Nerv der Zeit. Leser bewunderten seine Titel, schickten Dankesbriefe. „Kompliment an den Künstler“, lobte HÖRZU-Chefredakteur Peter Bachér 1977 in einer Notiz. Kuriose Post kam aus dem Gefängnis: „Ein Aufseher fragte, ob ich ihm das Malen beibringen könne, ihm sei langweilig.“ Meyer malt, als wäre immer Sonntag. Dabei sind die 1970er- und 1980er-Jahre nicht unbeschwert - mit Ölkrise, RAF-Terror und Arbeitslosigkeit. „Das Elend zeigen mochte ich nie“, führt Meyer aus. „Ich habe ein sonniges Gemüt, und so male ich auch - die heile Welt.“ Frohe Farben statt Alltagsgrau. Er spielt mit der Perspektive, fügt Hunderte filigrane Details zu einem harmonischen Ganzen. Blüten, Blätter, Grashalme. Seine Malerei ist Millimeterarbeit. Ungefähr 130 Stunden braucht er pro Bild.

Jörn Meyer malt aus dem Bauch heraus

Dabei hat er nie eine Kunsthochschule besucht, ist Autodidakt. Heute ist er froh darüber: „Sonst hätte man mir einen Stil aufgezwungen. Ich male aus dem Bauch heraus.“ Bereits in der Schule fiel sein Zeichentalent auf. Doch nach dem Willen des Vaters macht er „was Ordentliches“ - eine Lehre zum Reformwaren-Kaufmann. 1959 lernt er seine Gardy kennen. Die Liebe seines Lebens. Heirat 1963, drei Kinder. Sie teilen das Talent zum Gestalten, zimmern ihre erste Küche selbst. Ihr Lebensmittelgeschäft richten sie mit historischen Möbeln ein. Tags steht er im Laden, abends an der Leinwand. Sein Vorbild ist der Expressionist Emil Nolde.

Er ist Anfang 30, als er 1972 am Malwettbewerb der Zeitschrift „Stern“ teilnimmt. Er ist einer der Gewinner - unter über 10.000 Einsendungen. Galerien werden aufmerksam, Ausstellungen folgen, er schärft auf den Rat eines Kunstkenners hin den eigenen Stil, HÖRZU ruft an. Naive Kunst ist damals in Mode. Die Lokalpresse feiert den „malenden Krämer“.

Heute ist der Kaufmann im Ruhestand. Aber der Künstler greift noch immer gern zu den haarfeinen Pinseln auf dem Tisch in seinem kleinen Arbeitszimmer. Er hat einige treue Sammler und eine eigene Website. Was möchte er mit seiner Kunst bewegen? Er überlegt: „Freude schenken.“ Damit ist Jörn Meyer aktueller denn je. Und wie feiern die dreifachen Großeltern Ostern? Das entscheidet die Familie spontan, aber fest steht: „Wir machen es uns schön - und einen langen Osterspaziergang.“

KRÄMER & KÜNSTLER

Blick ins Fotoalbum: In seinem Geschäft (l.) ist er für Kunden da, zu Hause für Kinder und Kunst (1970er-Jahre)