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„Ich war nichtmehr kreditwürdig“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 21/2022 vom 25.05.2022

BUNDESLIGA

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 21/2022

SPORT BILD: Herr Baumgart, Sie führten Köln in Ihrer ersten Saison gleich in den Europacup und sind das Gesicht des Vereins. Ist das Ihr großer Durchbruch als Trainer?

STEFFEN BAUMGART (50): In meinem Leben habe ich schon oft gehört, was ich nicht kann – und was andere alles besser können. Das war schon während meiner Zeit als Fußballer so. Aber: Es ist nicht unbedingt ein Nachteil, wenn man unterschätzt wird (lacht). Oft heißt es: Ich könnte als Trainer nur über Emotionen kommen – nur laut sein. Wenn ich das höre, denke ich immer: Wie frech ist das eigentlich? Viele glauben, ich könnte nur laut sein. Dieses Oberflächliche in unserer Gesellschaft nervt mich manchmal. Leute von außen bewerten oft nicht deine wirkliche Arbeit, sondern geben nur das wieder, wie sie einen sehen. Klar, hier in Köln werde ich jetzt mehr gesehen. Warum? Weil wir erfolgreichen Fußball gespielt haben. ...

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In Köln sind Sie der gefeierte Heilsbringer. Wie fühlt sich das an?

Es ist mir bewusst, dass die Fallhöhe, die wir gerade eingenommen haben, sehr hoch ist. Vor allem in einer Stadt wie Köln. Darum ist uns klar: Was in diesem Jahr gut gelaufen ist, wird im nächsten Jahr nicht reichen. Es entwickelt sich alles immer weiter – deshalb wird es Dinge geben, die wir verändern müssen.

Das heißt?

Es geht nicht, dass man jede Saison neue Spieler dazuholt, ohne sich selbst zu erneuern. Vielleicht müssen meine Ansprachen anders werden, vielleicht müssen sie leiser sein. Eventuell müssen sie mal von anderen gehalten werden. Während meiner Zeit in Paderborn (von 2017 bis 2021; d. Red.) haben das schon mal Spieler wie Uwe Hünemeier übernommen. Man muss alles permanent hinterfragen.

Auch die Spielweise?

Ja. Nicht die gesamte Ausrichtung, aber Details. Darum schauen wir uns zum Beispiel gute Trainings-Übungen im Internet an, die wir noch nicht kennen, und entscheiden dann, was wir übernehmen können.

52 PUNKTE hat Baumgart mit Köln 2021/22 geholt: Platz 7. Der FC will mit dem Trainer verlängern, das Gehalt steigt von 1,2 auf rund 1,8 Mio. pro Saison

Wie lange wollen Sie den Job ausüben?

So lange wie möglich. Ich möchte irgendwann finanziell komplett abgesichert sein, das gilt auch für meine Familie. Das ist mein Ziel, das kann ich klar sagen. Als Trainer in der Bundesliga habe ich jetzt zum ersten Mal die Chance dazu.

Dabei waren Sie 15 Jahre Fußball-Profi ...

Ja, aber damals wurde bei Weitem nicht so viel Geld verdient wie heute. Nach meiner Rückkehr aus China (2002; d. Red.) habe ich mich sogar für wenige Tage arbeitslos gemeldet. Den Tiefpunkt hatte ich

nach meiner Zeit als Trainer beim 1. FC Magdeburg.

Dort arbeiteten Sie in der Saison 2009/10.

Ich sollte in Magdeburg einen neuen Vertrag bekommen. Daraus wurde nichts, ich war von jetzt auf gleich ohne Trainer-Job. Die finanziellen Reserven waren schnell aufgebraucht. Ich bin heute noch froh, dass ich damals Hans-Peter Finkbeiner kennengelernt habe. Sonst wäre das auf Dauer mit meiner Trainer-Tätigkeit nicht gut gegangen.

„Ein Freund hat mir den Fußballlehrer bezahlt, ich selbst hätte mir das nicht leisten können“

Hans-Peter Finkbeiner ist Besitzer des Modelabels Camp David. Inwieweit hat er Ihnen geholfen?

Er unterstützte mich finanziell. Er hatte mir damals den Fußballlehrer bezahlt, ich selbst hätte mir das nicht leisten können. Die Kosten lagen bei rund 20 000 Euro. Ich war damals ganz unten.

Sie hätten einen Kredit bei der Bank aufnehmen können.

Nein, das hätte ich nicht. Zum damaligen Zeitpunkt war ich nicht mehr kreditwürdig. Meine Frau hat für unsere Familie das Geld verdient. Ich hatte früher versucht, in anderen Berufen Fuß zu fassen. In der Wirtschaft zum Beispiel, es funktionierte nicht. Was ich kann, ist Fußball. Deswegen bin ich heilfroh, dass mir Hans-Peter Finkbeiner geholfen hat.

Ist er mehr als ein Freund für Sie?

Auf jeden Fall. Ich bin auch froh, dass ich ihm später alles wieder zurückgeben konnte. Wenn ich ihn nicht gehabt hätte, dann würden wir jetzt hier nicht zum Interview sitzen. Dann wäre ich am Ende vielleicht Busfahrer geworden oder Lkw-Fahrer.

Ist die Erfahrung, die Schattenseite des Lebens kennengelernt zu haben, Ihr großer Antrieb?

Zumindest will ich den Leuten beweisen, dass ich etwas kann. Ich habe meinen Jungs in der Kabine auch schon mal gesagt, dass ich jemand bin, der auch schon andere Zeiten erlebt hat. Und dass ihnen klar sein muss, dass sie das Privileg haben, Fußball-Profi zu sein. Aber es ist auch nur ein kurzes Privileg. Viel Geld zu verdienen, das ist das eine. Damit auch umgehen zu können und zu wissen, dass es morgen vorbei sein kann mit der Karriere, ist das andere.

Wie machen Sie ihren Spielern das klar?

Als Spieler muss dir bewusst sein, dass du als Fußballer für viele etwas Besonderes bist – morgen kennt dich aber keine Sau mehr. Leute, die dich heute feiern, sind morgen nicht mehr da. Das ist so, damit musst du umgehen können. Ich habe aus der Situation viel gelernt. Ganz wichtig dabei: Das alles haben wir als Familie ge- meinsam gemeistert. Meine Frau war immer für mich da, so wie ich für sie. Daraus schöpfen wir sehr viel Kraft.

Fußballer leben oft in einer Scheinwelt. Wie fanden Sie es, dass einige Bayern-Spieler nach dem vorzeitigen Titelgewinn während der Saison per Privatjet nach Ibiza fliegen?

Lass sie fahren! Meine Jungs haben auch freigehabt. Und ob sie auf Mallorca oder in Buxtehude waren, ist ihr Ding – und für mich okay.

Hertha-Trainer Felix Magath hatte die Einstellung der Bayern im Endspurt angeprangert. Hatte er nicht recht?

Vor Felix Magath habe ich großen Respekt. Dennoch muss ich mich nicht hinstellen und sagen: Er hat recht. Hertha BSC hat in den letzten zwei Jahren sehr viel Geld (von Investor Windhorst; d. Red.) ausgegeben und spielte wie wir im letzten Jahr in der Relegation – womit Felix Magath aber nichts zu tun hat. Dennoch finde ich es nicht gut, zwei Spieltage vor Schluss auf andere zu schauen, die Deutscher Meister geworden sind, anstatt auf sich selbst.

Gleichwohl war die Ibiza-Reise zu dem Saison-Zeitpunkt ungewöhnlich.

Warum? Die Bayern haben mit dem Titelgewinn etwas Außergewöhnliches geleistet, dann ist es für mich völlig legitim, wenn sie feiern – zumal das nächste Spiel ja erst Tage später stattfand. Auch ich habe zu meinen Spielern nach dem letzten Derby-Sieg gegen Gladbach gesagt: Wenn ihr fei- ern wollt, dann feiert. Wir hatten das zweite Derby in Folge gewonnen. Wer weiß, ob das in der nächsten Saison wieder der Fall sein wird.

„Ich habe den Spielern nach dem Derby-Sieg gesagt: Wenn ihr feiern wollt, dann feiert“

Die Bayern wurden zum zehnten Mal in Folge Meister. Verliert die Bundesliga aufgrund der fehlenden Spannung im Titelkampf nicht an Attraktivität?

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Bundesliga an Attraktivität verliert – außer wir reden es uns selbst ein. Die Bundesliga schaue ich viel lieber als alle anderen Ligen, sie ist für mich neben der englischen Liga das Nonplusultra. Selbst wenn hier kein Ronaldo rumspringt, haben wir viele geile Spieler.

Dennoch zieht es die Stars wie nun Erling Haaland ins Ausland zu Manchester City.

Dafür kommen Spieler wie Florian Wirtz (Bayer Leverkusen; d. Red.) nach. Oder du musst einen Justin Diehl, der bei uns im Nachwuchs spielt, weiterentwickeln. Wir haben viele sehr gute Fußballer, aber die muss man entdecken und fördern. So wie Kai Havertz, der nach Leroy Sané kam, als dieser vor einigen Jahren von Schalke 04 zu Manchester City ging.

Havertz wechselte 2020 für bis zu 100 Millionen Euro Ablöse zum FC Chelsea.

Ich finde es wichtig, dass die Jungs die Chance bekommen, ins Ausland zu gehen. Antonio Rüdiger zum Beispiel, der jetzt bei Chelsea spielt und zu Real Madrid geht. Ich bin mir sicher, dass er sich in Deutschland nie so entwickelt hätte wie im Ausland. Weil er dort viele sehr wichtige Erfahrungen machen konnte. Heute ist er einer der besten Innenverteidiger, die es gibt. Diese Entwicklungen kommen auch der Nationalmannschaft zugute.

Sie arbeiten für einen Traditions-Verein, zu denen auch Frankfurt zählt, das die Europa League gewann. Sind diese Klubs die großen Gewinner der Saison?

Tradition ist nicht gleich Erfolg. Das muss man sich erarbeiten. Ich habe das Gefühl, dass gerade diese Vereine viel gelernt haben, sich von Emotionen nicht leiten lassen – sondern mit Ruhe, Sachlichkeit und Klarheit arbeiten. Bremen ist ein gutes Beispiel: Vor einem Jahr sollte Frank Baumann (Werder-Manager; d. Red.) vom Hof gejagt werden, jetzt sind alle heilfroh, dass sie ihn haben. Wenn du bei dir bleibst, dann können solche Erfolge – wie sie jetzt die Eintracht hat – gefeiert werden. Dort ist eine kontinuierliche Entwicklung zu sehen. Ich formuliere es mal so: Sie haben ganz andere Voraussetzungen. Wenn wir wirtschaftlich einen Verlust aufweisen, dann haben wir einen Verlust. Bei den anderen Klubs wird dieser vom Gewinn des Konzerns abgezogen. Trotzdem finde ich, dass diese Vereine eine Berechtigung haben, in der Bundesliga zu sein, weil sie einen guten Job machen. Außerdem: Was ist mit Dortmund? Die Borussia ist eine Aktiengesellschaft, darüber diskutiert doch auch keiner.

Und wie sehen Sie Vereine wie RB Leipzig, den VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen mit Werken im Rücken?

„Die Bundesliga ist für mich neben der englischen Liga das Nonplusultra“

Baumgarts Trainerstationen

GERMANIA SCHÖN-EICHE Von 2008 bis 2009 war Baumgart Co-Trainer

1. FC MAGDEBURG Baumgart arbeitete hier von 2009 bis 2010 als Trainer

HANSA ROSTOCK Baumgart war dort von 2012 bis 2013 Co-Trainer

SSV KÖPENICK-OBERSPREE Baumgart war von 2014 bis 2015 beim Amateur-Verein

BERLINER AK Baumgart arbeite von 2015 bis 2016 beim Regionalligisten

SC PADERBORN Baumgart war von 2017 bis 2021 bei den Ostwestfalen

1. FC KÖLN Baumgart kam 2021 zum Traditionsverein, sein Vertrag läuft bis 2023

Sie sagten einmal, dass es in Deutschland nur drei größere Klubs als den FC gebe. Dazu zählt neben Bayern und Schalke der BVB.

Das bezog sich auf die Anzahl der Mitglieder. Aber ich sehe Dortmund nicht unbedingt größer als uns beim 1. FC Köln. Okay, sie sind in der Vergangenheit erfolgreicher gewesen. Aber das hat mit finanziellen Mitteln zu tun, die sie sich erarbeitet haben. Auch in Köln sind solche Erfolge möglich. Man muss sie sich aber erarbeiten. Als Jürgen Klopp 2008 zum BVB ging, war Dortmund Tabellen-13. und wurde drei Jahre später Deutscher Meister. Oder: Domenico Tedesco führte Schalke 2018 zur Vize-Meisterschaft. Also warum soll es nicht gehen? Man muss Visionen haben, daran glauben und dafür hart arbeiten.