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„Ich war unsicher und bin es noch”


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Donna - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 03.08.2022

Interview

Frau Dörrie, Ihr neuer Film heißt „Freibad“. Haben Sie viele Kindheitserinnerungen an diesen Ort?

Kindheit? Ich gehe immer noch ins Freibad, sobald die Sonne scheint. Ich liebe es, weil es ein demokratischer Ort ist. Wo treffen sich denn heute noch Menschen aus verschiedenen Schichten? Freibad, Kino, Notaufnahme – andere Orte fallen mir nicht ein.

Für junge Menschen ist das Freibad trotzdem ein besonderer Ort, verbunden mit Prüfungen, Kränkungen, Abenteuern.

Stimmt. Als ich dort das erste Mal im Bikini aufgetaucht bin, war ich kein Mädchen mehr, sondern ein Teenager. Damals habe ich nicht kapiert, was es bedeutet, wenn der eigene Körper einem nicht ganz selbst gehört, sondern bewertet wird, von Männern wie von Frauen. Von diesem Tag an war mein Körper schambehaftet, immer hat etwas nicht gestimmt.

Zum Beispiel?

Ich war dünn wie ein Spargel und habe jeden Abend gebetet, dass mir endlich ein ...

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... Busen wächst. Irgendwann meinte ein Junge im Vorbeigehen: „Du hast aber eine ganz schöne Baby wampe.“ Danach lag ich nur noch auf dem Bauch und bekam in den Kniekehlen den Sonnenbrand meines Lebens. Früher oder später raubt einem der wertende Blick der anderen die Unschuld, und sie kommt nie zurück.

Ihr Film spielt in einem Frauenbad – es sind also lauter Frauen, die andere Frauen beurteilen.

So bin ich groß geworden. Ich hatte drei Schwestern, meine Eltern haben als Gynäkologen in einem Frauenkrankenhaus gearbeitet. Ich habe früh mitgekriegt, wie hart Frauen über andere urteilen.

Härter als Männer über Frauen?

Das Patriarchat gehört definitiv abgeschafft. Im Film gibt es aber auch den ironischen Moment, als die Bademeisterin so genervt ist von den Frauen, dass sie kündigt. Ein Mann übernimmt den Job, und fast alle Frauen, die sich darüber entrüsten, sind am Ende vor allem sauer, weil er ihnen eben nicht hinterherglotzt, sondern lieber ein Buch liest.

Im Film fällt der Satz: „Wann ist eine Frau eine Frau?“ Haben Sie eine Antwort?

Nein. Morgens beim Aufstehen denke ich nicht darüber nach, dass ich eine Frau bin. Es fällt mir erst auf, wenn ich auf ein öffentliches Klo gehe und zwischen linker und rechter Tür entscheiden muss. Wir Menschen sind nicht eindeutig, sondern fluider, widersprüchlich, alles andere wäre langweilig. Als Mensch wie als Autorin interessiert mich Vielschichtigkeit. Dogmatismus versuche ich dagegen mit Humor zu entlarven.

Wie bei der Aufnahmeprüfung an der Filmhochschule München? Sie haben mal erzählt, Sie seien dort in Hotpants erschienen, um mit „sehr langen, sehr braunen Beinen“ zu punkten.

Ich wusste, dass ich in Hotpants besser ankomme als im langen Rock. Dabei habe ich den männlichen Blick auf mich als Frau zugelassen und musste jahrelang damit klarkommen, dass es hieß, ich sei nur deswegen genommen worden. Es war eine ambivalente Situation. Ich war stark und schwach, clever und sexistisch, habe mir gegenüber Bewerberinnen, die keine langen Beine hatten, einen Vorteil verschafft.

„Älterwerden ist doof, und ich bin dagegen, aber was wäre die Alternative?“

Als Mädchen sind Sie aus dem Griechisch-Unterricht durchs Fenster abgehauen. Nach dem Abitur sind Sie in die USA, um Schauspiel und Film zu studieren. Seit Jahrzehnten behaupten Sie sich in der von Männern dominierten Filmwelt. Wie wird man so stark?

Die Bezeichnung „starke Frau“ empfinde ich als Erpressung.

Inwiefern?

Sie impliziert, dass ich stark sein muss, weil andere mich so wahrnehmen. Die Wahrheit ist: Ich habe jahrelang in einer miesen, heutzutage wohl toxisch genannten Beziehung festgesteckt, ohne es mir einzugestehen. Es war Gewalt im Spiel, darüber habe ich erst jetzt in meinem Buch „Die Heldin reist“ geschrieben. Ich bin oft unsicher und voller Zweifel. Klar lege ich mal einen glamourösen Auftritt hin oder den Sprung aus dem Fenster – das war der erste Stock, es konnte nichts passieren. Und ich hatte den Vorteil, von meinen Eltern unterstützt zu werden. Die Verweise, die ich in der Schule ständig bekam, waren unterschrieben mit „dein dich liebender Vater“. Deswegen hatte ich die Chuzpe, mutig durchs Leben zu gehen. Gleichzeitig war ich verdammt unsicher und bin es noch.

Ist es nicht eine Form von Stärke, das einzugestehen?

Na ja. Ich bin einfach überzeugt, dass der beste Weg zu gelungener Kommunikation darin besteht, Schwächen zuzugeben. Wenn jeder behauptet zu wissen, wie es geht, treibt uns das in die Isolation. Echte Begegnungen entstehen, wenn wir unsere Schwächen auf den Tisch legen.

Die Beziehung, die Sie angesprochen haben: Warum war es schwer, ihr zu entkommen?

Ach, ich hatte diese romantische Vorstellung von der großen Liebe, die ewig hält und einen von den eigenen Problemen, ja, von sich selbst erlöst. Deswegen habe ich mich da reingestürzt, obwohl ich mich als sehr freie Frau empfunden habe. Diesen Widerspruch konnte ich nicht auflösen und habe das viel zu lange erduldet. Ich bin immer wieder in Beziehungen gestolpert, die weit von meinem Ideal entfernt waren.

Woher kam dieses Muster?

Ich hatte riesige Sehnsucht nach Liebe und Zusammensein, wollte nicht allein bleiben. Die einsame Frau – das war eine Bedrohung. Vielleicht waren die Beziehungen gleichzeitig wichtig, weil ich dadurch viel gelernt habe, auch über mich. Empfehlen kann ich diesen Weg niemandem, aber wer weiß, ob ich sonst mit meinem ersten und zweiten Mann jeweils eine sehr große Liebe gefunden hätte.

Mit Ihrem zweiten Mann sind Sie seit 1999 zusammen, dazu der berufliche Erfolg. Können Sie das Älterwerden genießen?

Älterwerden ist doof, und ich bin dagegen, aber was wäre die Alternative? Wenigstens wird Reisen einfacher, man ist kein Objekt der Begierde mehr. Männer können das nicht nachvollziehen, aber jedes Mädchen wächst mit dem Blick über die Schulter auf. Jetzt fühle ich mich, als hätte ich eine Tarnkappe auf. Das ist angenehm, kann aber in Unsichtbarkeit umschlagen, unter der viele ältere Frauen leiden: Man entgeht nicht nur aufdringlichen Männern, sondern spielt auch gesellschaftlich keine Rolle mehr. Ich bin dankbar, durch meine Bücher und Filme noch etwas sichtbar zu sein.

Femmes und fatal

Oben ohne, Bikini, Burkini – im Frauenfreibad darf jede, wie sie mag, aber keine in Ruhe, denn es wird fleißig kommentiert, kritisiert und beäugt. Als komplett verhüllte Badegästinnen auftauchen und ein Mann den Job als Bademeister übernimmt, scheint der Untergang nah … Scharfsinnig und mit Witz erzählt Doris Dörrie in Freibad, wo Freiheit beginnt und Toleranz endet. Gute Frage, nicht nur im Sommer. Ab 1.9. (u. a. mit Andrea Sawatzki, Nilam Farooq)

Klingt nach einem Aber.

Was ist mit Frauen, die auf hören zu arbeiten, die in Rente gehen oder ihre Angehörigen pflegen? Frauen scheinen lebenslang zur Fürsorge verdonnert zu sein. Ihre Karrieren sollen am besten nebenher geschehen. Mir fällt erst heute mit Mitte 60 auf, dass ich fast heimlich gearbeitet habe. Die Familie hat nie mitbekommen, dass ich schreibe. Filme habe ich in den Ferien gedreht, damit meine Tochter dabei sein konnte. Alle sollten möglichst viel Fürsorge bekommen. Gut möglich, dass es gar nicht so erwartet wurde, aber ich habe es so empfunden. Wichtig war: Keiner soll darunter leiden, dass ich arbeite.

Wie war es, dann ausgerechnet in einer Welt voller dominanter Männer zu arbeiten?

Mit dem Alphamann schlechthin, dem Produzenten Bernd Eichinger, bin ich regelmäßig aneinandergeraten.

Sie sollen ihn geprügelt haben.

Er wollte mich niederbrüllen, da bin ich ausgerastet, habe auf ihn eingeschlagen. Einem Fernsehredakteur habe ich mal einen Teller Spaghetti über den Kopf gekippt.

Warum?

Eher aus Charakterschwäche, die in hilflosen Momenten zum Vorschein kam. Gewaltfrei wäre besser gewesen, aber manchmal war dieser männliche Machtanspruch so gewaltig, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste. Das war eine andere Zeit, kann man sich heute zum Glück nicht mehr vorstellen. Im Stern-Interview sagte Eichinger damals über mich: „Am liebsten würde ich ihr in die Fresse hauen.“ Er war es nicht gewohnt, dass sich ihm jemand widersetzt, erst recht keine junge Frau. Das hat ihn wahnsinnig gefuchst. Trotzdem haben wir uns nach dem Tod meines ersten Mannes zusammengerauft und waren lange und eng befreundet.

Wie gehen Sie heute mit Alphamännern um? Angenommen, einer pfeift Ihnen hinterher …

Ich pfeife zurück. Wegen so was rege ich mich nicht auf.

Manche Frauen finden Humor in so einer Situation fatal.

Ich weiß, aber ich unterscheide: Wo pfeift einer? Wo wird Gewalt ausgeübt? Ich könnte Ihnen eine Liste mit Männern geben, die mich im Bademantel ins Hotelzimmer gebeten haben. Ich bin nie mit, sondern habe sie ausgelacht.

Wie haben die Männer reagiert?

Beleidigt. Gleichzeitig weiß ich, ich hatte es einfacher als viele andere Frauen, weil ich früh erfolgreich und unabhängig war. Ich konnte es mir leisten, Nein zu sagen, und dachte lange, dass das jede kann, aber das stimmt nicht. Viele junge Frauen sind nach wie vor abhängig von solchen Männern. Zum Glück gibt es heute mehr Möglichkeiten, sich öffentlich zu wehren. Und Männern, die jetzt jammern, es sei nicht mehr möglich, allein mit einer Frau in einem Zimmer zu sitzen, sage ich: Doch, ist es, aber zu unseren Bedingungen.