Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 1 Min.

»Ich weiß gar nicht, wie es sich anfühlt, schmerzfrei zu sein«


Der Spiegel Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 11.12.2018

DREI BETROFFENE ERZÄHLEN VOM LEBEN MIT CHRONISCHEM SCHMERZ

Artikelbild für den Artikel "»Ich weiß gar nicht, wie es sich anfühlt, schmerzfrei zu sein«" aus der Ausgabe 6/2018 von Der Spiegel Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel Wissen, Ausgabe 6/2018

FOTOS MARINA ROSA WEIGL

Kim Hansmann ist 22 Jahre alt und leidet an Multipler Sklerose. Da man ihr die Krankheit nicht ansieht, werden ihre Schmerzen immer wieder angezweifelt.

»Kurz vor meinem neunten Geburtstag habe ich erfahren, dass ich Multiple Sklerose (MS) habe, genau wie meine Mutter. Ich bildete mir ein, das geht wieder weg. Die ersten Beschwerden – ich konnte meine rechte Hand nicht mehr öffnen – verschwanden auch wieder für fünf Jahre. Und dann, mitten in der Pubertät, kamen die Beinschmerzen. Ich weiß noch genau, wie ich an einem kalten Wintermorgen auf den Schulbus wartete. Gerade als er einfuhr, wurde ich ohnmächtig. Seit diesem Moment spüre ich einen Schmerz in beiden Beinen. Das fühlt sich an wie starker Muskelkater, nur dass er niemals weggeht. Mit 16 Jahren kamen Rückenschmerzen dazu.

Dass man mir meine Schmerzen nicht ansieht, ist Fluch und Segen zugleich. Ich bin froh, dass ich nicht ständig mitleidige Blicke bekomme, aber meine Krankheit wird dadurch auch immer wieder infrage gestellt. Viele Menschen, vor allem Ärzte, nehmen meine Beschwerden nicht ernst, weil ich noch so jung bin. Dabei beeinträchtigen mich die Schmerzen jeden Tag. Ich kann nicht lange stehen, brauche häufig Pausen beim Gehen, und wenn ich mal tanzen gehe, muss ein Stuhl in Reichweite sein. Es ist verdammt schwer, meine Freizeit zu planen. Ich musste schon Wochenendausflüge mit Freundinnen absagen, weil ich wusste, dass es für mich körperlich zu anstrengend werden wird.

Es mag makaber klingen, aber ich bin froh, dass ich die Krankheit und die Schmerzen so früh bekommen habe. Ich bin mit ihnen aufgewachsen, weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, schmerzfrei zu sein. Ich habe Angst davor, dass die Schmerzen noch stärker werden und ich meinen Job als ambulante Pflegehilfskraft nicht mehr ausüben kann. Meine Ausbildung zur Bürokauffrau musste ich bereits abbrechen, weil meine Feinmotorik nicht mitmachte. Nach 13 Jahren mit MS habe ich gelernt, dass ich niemals zu weit in die Zukunft blicken sollte. Das zieht mich nur runter. Stattdessen lebe ich von Tag zu Tag und weiß zu schätzen, was ich noch kann. Zum Sport gehen zum Beispiel. Ich habe mich vor Kurzem im Fitnessstudio angemeldet. Manchmal vergesse ich dort sogar, dass mir gerade etwas wehtut.«

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2018 von HAUSMITTEILUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HAUSMITTEILUNG
Titelbild der Ausgabe 6/2018 von »Ich hoffe immer noch auf das eine Wundermittel, das mich heilt«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Ich hoffe immer noch auf das eine Wundermittel, das mich heilt«
Titelbild der Ausgabe 6/2018 von »Manchmal werde ich richtig sauer«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Manchmal werde ich richtig sauer«
Titelbild der Ausgabe 6/2018 von Der Notfallkoffer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Notfallkoffer
Titelbild der Ausgabe 6/2018 von Bauarbeiten im Kopf. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bauarbeiten im Kopf
Titelbild der Ausgabe 6/2018 von PATIENTEN BERICHTEN: WENN DER KÖRPER ZUM FEIND WIRD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PATIENTEN BERICHTEN: WENN DER KÖRPER ZUM FEIND WIRD
Vorheriger Artikel
HAUSMITTEILUNG
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel »Ich hoffe immer noch auf das eine Wundermittel, das mich h…
aus dieser Ausgabe