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Ich will dir verzeihen


plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2020 vom 07.10.2020

Vom eigenen Partner betrogen und verlassen zu werden tut unsagbar weh. Gabriella R. hat sich trotzdem entschieden, ihrem Mann zu vergeben, und einen Neustart gewagt


Artikelbild für den Artikel "Ich will dir verzeihen" aus der Ausgabe 11/2020 von plus Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 11/2020

Spirituellen Menschen fällt Verzeihen leichter, denn das ist ein Grundsatz in den meisten Religionen


Haben wir zu früh geheiratet? Wir waren jung, ja: ich gerade 21, mein Mann Ernst kaum älter. Aber wir haben uns sehr geliebt. Und wir hatten es viele Jahre gut miteinander. Unser Alter war nicht das Problem. Ein Thema aber war, dass wir keine Kinder bekommen haben. Nachdem wir uns drei Jahre lang um ein Pflegekind gekümmert hatten, beschloss ...

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... ich, eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin zu machen. So konnte ich zumindest mit Kindern arbeiten.

Aus nach 12 Jahren Ehe?

In dieser Zeit veränderte sich unsere Beziehung. Hatte Ernst ein Problem mit meiner Ausbildung oder war da noch etwas anderes? Er wirkte oft abwesend, wenig zugänglich. Dabei waren wir uns doch immer so nah! Ein paar Mal sprach ich ihn direkt darauf an: „Sag mal, gibt es jemand anderen in deinem Leben?“ Er stritt es jedes Mal ab. Bis ich eines Tages in seinem Büro eine Notiz fand. Was da genau stand, weiß ich nicht mehr, aber es war keine Nachricht an einen Kollegen. Sie war für eine andere Frau. Ernst gab sofort alles zu und zog innerhalb weniger Tage aus. Unsere Wohnung, unser Leben, zwölf Ehejahre ließ er zurück, als hätte es alles nie gegeben.

In den nächsten Wochen stand ich regelrecht unter Schock: Was sollte denn nun aus mir werden? Was wollte ich überhaupt noch hier? Meine Panik ließ langsam nach, aber die Einsamkeit blieb. Einige Monate lang suchte ich Trost bei einem Freund und Nachbarn, der auch gerade von seiner Frau verlassen worden war. Dann beendete ich die Beziehung und zog aus. Es war nicht richtig. Wir waren beide noch verheiratet und hatten unseren Partnern doch einmal versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten zueinanderzustehen. Ich war verletzt und noch immer tief getroffen, trotzdem wollte ich unserer Ehe nicht den Todesstoß versetzen. Ernst hatte mich verlassen, er sollte auch die Scheidung einreichen.

Nach und nach kam ich wieder auf die Beine, traf Freundinnen, übernahm bei der Arbeit eine Leitungsstelle. Mein Mann hatte mittlerweile eine neue Freundin. Immer wieder stand ich vor seiner Tür: „Weißt du, dass wir noch verheiratet sind?“ Immer wieder scheute er sich, eine Entscheidung zu treffen. Bis ich nach fünf Jahren aufgab und beschloss, selbst die Scheidung einzureichen. Drei Monate lang waren wir mit den Formalitäten beschäftigt, dann hatte ich alles zusammen.

„Ich will keine Scheidung“

Jetzt war es mein Mann, der plötzlich vor meiner Tür stand: „Ich will die Scheidung nicht. Gibst du mir noch eine Chance?“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin gläubig - allem Betrug zum Trotz glaubte ich, dass unsere Ehe von Gott gewollt war. Aber würde ich Ernst verzeihen können? Bestand eine Chance, dass ich ihm irgendwann wieder vertrauen könnte?

Während einer Bedenkzeit stellte ich eine Liste mit acht Bedingungen zusammen: ein Umzug, eine Paartherapie … Die Hürde sollte für Ernst hoch sein. Ich musste großen Einsatz sehen, um über einen Neustart nachdenken zu können. Ernst brachte diesen Einsatz.

Er bat wieder und wieder um Entschuldigung, auch das war wichtig. Und doch machte es die vielen Unehrlichkeiten nicht ungeschehen. So sehr ich es auch versuchte, meinem Mann konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht vertrauen.


„Ich bin gläubig, das half mir in der Krise“
Gabriella R. kämpfte um ihre Ehe - ihr Mann dann auch


Lange Gespräche helfen

Aber ich glaubte daran, dass Gott mit unserer Ehe noch einen Plan hatte. Ihm vertraute ich. Und ich wollte verzeihen. In unserer neuen Wohnung tasteten wir uns in kleinen Schritten voran. Lange Gespräche halfen mir, vieles zu verstehen und zu vergeben. Der Eheberater empfahl uns, die Dinge zu tun, an denen wir vor der Trennung Spaß hatten. „Sie waren zwölf Jahre verheiratet“, meinte er. „Darauf können Sie aufbauen!“ Es war nicht über Nacht alles gut, aber es dauerte auch keine Ewigkeit. Mittlerweile sind 16 Jahre seit unserer Nicht-Scheidung vergangen. Das empfinden wir beide als großes Geschenk.

Gabriella R. (56) ist Sozialarbeiterin und Beziehungsberaterin in der Schweiz. Über das Portal www.we-want.ch engagiert sie sich für Paare in Krisen

Verzeihen befreit

… sagt die Mannheimer Psychologin Dr. Doris Wolf (www.psychotipps.com). Im Interview erläutert sie die vier Schritte der Versöhnung

Was sind die „Klassiker“, die Paare einander zu vergeben haben?
WOLF Kränkungen und Fremdgehen. In jeder Partnerschaft gibt es Missverständnisse, aber auch ab und zu mal laute Worte, Vorwürfe und Zurückweisung. Erwartungen werden nicht erfüllt und es kommt zu Enttäuschungen.
Manche Menschen verzeihen ihrem Partner einen Seitensprung, andere kommen über eine kleine Verletzung nicht hinweg. Woran liegt das?
WOLF Ob wir verzeihen können, hängt stark von unserem Selbstwertgefühl und unserer inneren Haltung ab. Je geringer unser Selbstwertgefühl ist, desto schneller fühlen wir uns von unserem Partner angegriffen und gekränkt. Wir haben hohe Erwartungen an ihn, die er erfüllen muss, damit wir uns liebenswert fühlen. Umgekehrt gilt: Wer sich selbst liebenswert fühlt, tut sich leichter mit dem Verzeihen. Er sieht die Situation objektiver. Außerdem hat er mehr Verständnis für die Schwächen anderer.
Gibt es einen typischen Prozess des inneren Aussöhnens?
WOLF Ja, er umfasst vier Stufen. Zunächst einmal müssen wir genau beschreiben, was passiert ist. Danach prüfen wir bewusst, welche Vorund Nachteile es für uns bringt, zu verzeihen, und entscheiden, ob wir verzeihen wollen. In einem dritten Schritt betrachten wir das Ereignis aus dem Blickwinkel des anderen. Im vierten Schritt setzen wir den Entschluss, zu verzeihen, um und trainieren unsere neue innere Haltung gegenüber dem Partner.

Warum ist es wichtig, zu verzeihen?
WOLF Wenn ein anderer uns Unrecht angetan hat, fühlen wir uns verletzt, wir sind wütend, verbittert, vielleicht schämen wir uns. Der Vorfall läuft immer wieder vor unserem inneren Auge ab. Vielleicht sehen wir deshalb die Welt sogar generell als einen schlechten Ort oder haben körperliche Beschwerden. Beenden könnten wir diesen Kreislauf, indem wir dem anderen verzeihen. Dadurch fällt uns eine schwere Last von den Schultern. Wir fühlen uns befreit, unsere Energie kann wieder frei fließen und unsere Aufmerksamkeit kann sich auf die Zukunft richten.


Foto: Picture-Alliance/Hermann Wöstmann; Illustration: Getty Images/Sino images