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»Ich will nicht verbiestern«


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 03.01.2020

Lebensstile Wer seine Sünden genießt, ist auf dem besten Weg zur Selbstoptimierung, behauptet Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy.


Kürthy, 51, schreibt seit 20 Jahren biografisch geprägte Bestseller. Im Mittelpunkt der millionenfach verkauften Bücher stehen Frauen, die sich und ihren Alltag zu optimieren versuchen.

SPIEGEL: Frau Kürthy, was müssen Sie in Ihrem Leben verbessern?
Kürthy: Mehr Gelassenheit wäre schön. Aber ich stelle fest, dass ich mich auf einem guten Weg befinde – meine Zufriedenheit nimmt zu, auch wenn die Gründe, zufrieden zu sein, mit dem Älterwerden objektiv betrachtet weniger ...

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 2/2020

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SPIEGEL: Frau Kürthy, was müssen Sie in Ihrem Leben verbessern?
Kürthy: Mehr Gelassenheit wäre schön. Aber ich stelle fest, dass ich mich auf einem guten Weg befinde – meine Zufriedenheit nimmt zu, auch wenn die Gründe, zufrieden zu sein, mit dem Älterwerden objektiv betrachtet weniger werden: Es ist eine Zeit der Abschiede. Von Menschen, Träumen, dem Unterhautfettgewebe. Kräfte lassen nach, der Tod tritt ins Leben, und man fängt an, gern früh ins Bett zu gehen.
SPIEGEL: Woher rührt dann Ihre neue Zufriedenheit?
Kürthy: Ich werde erwachsen. Kurz nach meinem 50. Geburtstag ging es mir gar nicht gut, ich hatte die Zahl unterschätzt. 50, das klingt nach der Mitte des Lebens – in Wirklichkeit sind statistisch gesehen schon fast zwei Drittel des Lebens vorbei. Kein ganz angenehmer Gedanke. Man kann panisch versuchen, gegen Alter und Verschrumpelung anzuoptimieren oder eine souveräne Haltung zu entwickeln und die positiven Seiten eines voranschreitenden Lebens zu sehen. Ich will keine verbiesterte Alte werden. Aber man wird nicht automatisch weise, man muss sich zur Ordnung rufen.
SPIEGEL: Sie erziehen sich also selbst.
Kürthy: Ich bemühe mich. Der Vorteil an Lebenserfahrung ist ja, dass man schon einige kleinere und größere Katastrophen hinter sich gelassen hat und das auch weiß. Ich leide immer noch unter Lampenfieber – aber die Vergangenheit hat mich gelehrt, dass ich meine Bühnenshows in der Regel trotzdem überlebe. Wenn mir die Waage ein ungemütliches Gewicht anzeigt, weiß ich, dass ich das in absehbarer Zeit wieder verändern werde. Eine derartige Ruhe lag mir früher fern. Der Vorteil am Älterwerden ist, dass man zum Profi seines eigenen Lebens wird: in der Ehe, im Beruf, im Straßenverkehr, in der Gesundheitspflege.
SPIEGEL: Das klingt sehr abgeklärt. Hadern Sie nie mit Ihrer Unvollkommenheit?
Kürthy: Ich hadere mit einer Menge Dinge – aber nicht mit meiner Unvollkommenheit. Heute Morgen beim Zähneputzen habe ich noch darüber nachgedacht, dass es meinen Eltern gelungen ist, mich vor dem verbreiteten Hang zum Perfektionismus zu bewahren. Dass ich nie die Tollste, Beste oder Attraktivste sein wollte, hat mir einigen Kummer erspart. Ich habe realistische Ansprüche an mich und andere.
SPIEGEL: Sie kokettieren. Immerhin haben Sie einen einjährigen Selbstoptimierungsversuch unternommen, an dessen Ende Sie sichtlich schlanker und zudem erblondet auf den Fotos vieler Zeitungen zu sehen waren.
Kürthy: Kokett sein habe ich nie gelernt. Sie sprechen von einem Experiment, das ich für mein Buch »Neuland« gemacht habe. Ich habe ein Jahr lang die verschiedensten Varianten der inneren und äußeren Selbstoptimierung ausprobiert, die der unzufriedenen Frau über 40 mehr Seelenheil versprechen: Ich habe mir Botox spritzen lassen, Meditieren gelernt, ich war im Schweigekloster, bin erblondet, habe mit einer professionellen Aufräumerin mein Büro ausgemistet und Zeit in einem Hospiz verbracht. Ich habe sehr gesund gegessen und keinen Alkohol getrunken. Der Effekt war beeindruckend, alles nahm ab –Ängste, Stress, Rückenschmerzen und ich. Ich sah besser aus, aber darum geht es mir nicht mehr. Der vorrangige Grund, schlank zu sein, ist für mich heute, dass es mir dann auch besser geht. So wie viele andere Menschen bemühe ich mich Tag für Tag um Gelassenheit und gerate selbstverständlich immer wieder an Grenzen. Erst vor ein paar Tagen war es wieder so weit.
SPIEGEL: Was war da passiert?
Kürthy: Im SPIEGEL standen hämische Urteile über meinen neuen Roman, die mich auf dem falschen Fuß erwischten. Mein Mann war mit unseren Söhnen verreist, ich war erschöpft, allein und habe die Häme unnötig nah an mich herankommen lassen. Aber nicht lange, ich steigere mich nicht mehr in jedes Drama hinein, das sich mir bietet. Maßlose Emotionalität gehörte lange Zeit zu meinem Selbstbild.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Kürthy: Dramatisch, gefühlsbetont, aufgeregt, Rheinländerin, Halbungarin: Das war mein Prfil, so sah ich mich privat wie beruflich. Mit dem Älterwerden empfinde ich Menschen, die sich jedem Gefühl unreflektiert hingeben, zunehmend als unangenehm. Man sollte nicht alles glauben, was man fühlt und denkt. Ein bisschen mehr Selbstkontrolle wäre oft angebracht.
SPIEGEL: Bedeutet Selbstoptimierung dann, Gefühle zu unterdrücken?
Kürthy: Gefühle sind keine unveränderlichen Merkmale, und wir sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Es geht darum, das rechte Maß zu finden, es geht um sinnvolles Mitleid, um angemessenen Zorn; auch darum, unnötiges Selbstmitleid und biestigen Zynismus zu vermeiden. Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Verhaltensspielraum, den es zu vergrößern gilt. Das versuche ich mir selbst und meinen Kindern beizubringen. Ich werde mehr und mehr eine Freundin des Maßhaltens, der festen Strukturen, der stabilisierenden Routinen. Darin sind stille Glücksmomente verborgen, die einem in schlechten Zeiten Beistand leisten können.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Kürthy: Ich spreche von Augenblicken, die einen langfristig durchs Leben tragen können, wenn man sie in all dem Trubel denn bemerkt. Dein Kind, das neben dir einschläft, das vertraute Buch, das du schon viermal gelesen hast und das dir immer Zuflucht gewährt, die Freundin, die ihren Kummer oder ihre Freude mit dir teilt.
SPIEGEL: Sie gelten als feierfreudig. Wie passt dazu maßvolle Routine?
Kürthy: Routine ist ja nichts, was sich nicht durchbrechen ließe. Ich nehme den Kater gern in Kauf, wenn der Rausch es wert war und ich mir keine langweilige Party er träglich getrunken habe. Ich will meine Sünden genießen. Das kann ich nur, wenn sie sich in ein Gesamtbild fügen, mit dem ich mich wohlfühle und das mir entspricht. Ich bastele und feile ja jeden Tag an meinem Selbst. Dazu gehört auch, unerschrocken zurückzuschauen und manche rosige Kindheitserinnerung zu hinterfragen.
SPIEGEL: Inwiefern?
Kürthy: Was bedeutet es, einen blinden Vater zu haben, wie ich ihn hatte? Ihn bereits als Dreijährige zu führen, schon früh Verantwortung zu übernehmen? Was bedeutet es heute für mich, dass ich seit einem Vierteljahrhundert keine Mutter und keinen Vater mehr habe? Was hat mich geprägt, woher komme ich, welche Fragen würde ich meinen Eltern stellen, wenn sie mir noch antworten könnten? Vergangenes Jahr habe ich 24 Stunden in meinem Elternhaus in Aachen verbracht, die jetzigen Besitzer haben es mir einen Tag und eine Nacht lang überlassen.


»Man muss alte Glaubenssätze hinterfragen, wenn man im Leben zurechtkommen will.«


Schriftstellerin Kürthy: »Psychotour der Sonderklasse«


GEORG WENDT / PICTURE ALLIANCE / DPA

SPIEGEL: Und dann?
Kürthy: Ich habe mich auf Spurensuche begeben. Der Wandschrank, in dem ich mich früher versteckt habe, die vergilbten Lichtschalter, der Blick aus der Küche, das Gefühl von Heimat, Wärme und die Angst, das alles verlassen zu müssen und eines Tages zu verlieren. Es war eine Psychotour der Sonderklasse, mit jeder Menge Tränen, Wehmut und Inspiration.
SPIEGEL: Welche Erkenntnis haben Sie über sich gewonnen?
Kürthy: Ich bin nicht mehr die, die ich mal war. Mir wurde bewusst, in welchem Ausmaß die alten Zuschreibungen aus meiner Kindheit mein Selbstverständnis lange Zeit bestimmt haben. Es hieß von mir, ich sei ein egoistisches, verwöhntes Einzelkind. Unordentlich, unpünktlich und undiszipliniert. Daran habe ich bis ins Erwachsenenalter geglaubt. Nichts davon ist richtig. Man muss solche alten Glaubenssätze hinterfragen, wenn man im Leben zurechtkommen und weiterkommen will.
SPIEGEL: Und wie gehen Sie da vor?
Kürthy:Wenn man erwachsen wird, fängt man an, den Respektspersonen der Vergangenheit zu misstrauen und ihre Urteile zu hinterfragen, die wie in Stein gemeißelt waren. Aber es ist ein Kraftakt, sich gegen die eigene Vergangenheit zu positionieren und mächtigen Erinnerungen die Stirn zu bieten. Dabei kann man Hilfe gebrauchen, und ich leiste mir den Luxus, eine hoch qualifizierte Therapeutin zu besuchen.
SPIEGEL: Wie sieht deren Hilfe aus?
Kürthy: Einmal in der Woche begleitet sie mich durch mich selbst, wie eine Stadt - führerin, die mich auf unentdeckte Ecken, dunkle Gassen und magische Orte aufmerksam macht. Ich hatte lange Zeit die Sehnsucht nach Instantlösungen gegen Ängste und Nöte. Ich hoffte auf Tabletten gegen Klaustrophobie, Pillen gegen Unsicherheit, ein Seminar für Spontaneität und mitreißende Vorträge gegen Verzagtheit. Selbstoptimierung auf Knopfdruck. Aber die Psyche braucht zeitintensive Hege und Sorgfalt und im besten Fall das Wissen einer Fachfrau. Die Muster unserer digitalisierten Welt machen es uns nicht leichter, bei uns selbst anzukommen, das habe ich bei meinem Ausflug zu Instagram erlebt.
SPIEGEL: Was ist da passiert?
Kürthy: Ich glaubte, ich müsste für meine Leserschaft auch auf diesem Kanal präsent sein und für meine Bücher werben. Und dann las ich abends vor dem Einschlafen plötzlich nicht mehr in einem Buch, sondern kontrollierte die Zahl meiner Follower. Wie süchtig wischte ich mich durch inszenierte Fremdleben und vernachlässigte mein eigenes. Nachdem ein Freund mich darauf aufmerksam machte, dass ich gerade dabei war, meine Fähigkeit, lange Geschichten zu erzählen, selbst zu zerstören, habe ich mich von Instagram abgemeldet. Mein Mann hatte mir das zuvor bereits gesagt, aber Kritik aus der eigenen Familie verfängt ja weniger.
SPIEGEL: Fällt es Ihnen schwer, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren?
Kürthy: Nein. Ich lebe in einer privilegierten Situation, da gibt es keinen Optimierungsbedarf. Mein Mann und ich teilen uns die Familienfürsorge, und wir gehen unseren Kindern fast rund um die Uhr auf die Nerven. Mir ist bewusst, dass wir eine absolute Ausnahme leben dürfen. Die Regel ist, dass berufstätige Mütter mit dem zehrenden Grundgefühl durch den Tag hetzen, weder ihrem Arbeitgeber noch ihrer Familie noch sich selbst gerecht zu werden. Es ist eine Form von moderner Verrücktheit zu denken, man könnte gleichzeitig alles perfekt leisten. Man kann nicht alles haben. Sich das einzugestehen steigert das Selbstwertgefühl, weil Anspruch und Wirklichkeit dann weniger auseinanderklaffen.